Vor dem Gesetz sind alle gleich. Vor dem Gesetz, schreibt Franz Kafka in seinem Roman Der Prozess, steht aber auch ein Türhüter. Und an dem kommt kaum einer je vorbei. Als Kafka seinen Roman 1914 schrieb, nahm er in seiner Heimatstadt Prag vor allem eine drückende Enge wahr – verbunden mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Wie hätte er sich wohl im heutigen München gefühlt? Ihre Kosmopolität verbindet die Stadt aufs angenehmste mit einem Bekenntnis zu ihren bayerischen Wurzeln:
Wer dort wohnt oder auf Besuch weilt, genießt Weltoffenheit und Freizügigkeit – bis er vor der Tür des P1 steht. Dort wartet ein Türhüter. Die Politik des Hauses lässt sich auf eine diskriminierende Formel reduzieren: Rein kommt nur, wer reich, schön oder berühmt ist. Oder alles zusammen. Darüber, dass die Ausschlusskriterien eingehalten werden, wacht der Türsteher. Durch ein simples Heben oder Senken des Daumens kann er Egos schmeicheln, Stolz verletzen, Selbstvertrauen demontieren. Ein Gedanke drängt sich auf: Was für ein Arschloch! Doch so einfach ist es nicht.
Einfach sind eher die Leute gestrickt, die Einlass begehren: der pöbelnde Fußballprofi, der polternde Baulöwe, der prollige C-Promi, die eines gemeinsam haben: Sie wollen aller Welt zeigen, wie wichtig sie sind. So werden viel mehr Männer als Frauen abgewiesen, und der Grund ist beiliebe nicht immer der, dass letztere besser aussehen. Dem vermeintlich schwächeren Geschlecht ist es weit weniger wichtig, wichtig zu sein. Den männlichen Antipoden reicht kein starkes Ego. Es muss auch ständig bestätigt werden. Das zu tun ist ein Türsteher nicht immer bereit, schreibt Damir Fister in seinem Buch „Members only“.
Fister arbeitete ein Jahrzehnt lang an der Pforte des P1. Er war so, wie seine Vorgesetzten es wünschten: unnahbar bis zur Arroganz, abweisend bis zur Ehrverletzung. Aber er hatte auch Charakter: die Visitenkarte eines Großkonzern-Managers zu zerreißen und „Heul doch, du Wurst“ zu sagen, dazu gehört sich schon was – inklusive der Hinnahme einer anschließenden dreiwöchigen Suspendierung. Nach Lektüre seiner Bekenntnisse erscheint Frister nicht im schlechtesten Licht, und sein Credo sogar recht sympathisch: „Wer freundlich war, humorvoll oder flirten konnte, hatte immer eine Chance hineinzudürfen.“
Morgen ist Weiberfastnacht, da sollten Sie ebenfalls freundlich und humorvoll sein – auch wenn unser Newsletter wegen des rheinischen Feiertags (das gleiche gilt für den Rosenmontag) nicht erscheint.
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In letzter Zeit werde ich manchmal darauf angesprochen, ob ich mit Jürgen Höller (kennen Sie bestimmt: der Motivationskünstler, der ganze Hallen füllt) verwandt bin. Um es vorwegzunehmen: Ich bin es nicht. Aber ich wäre es gerne. Dann würde Onkel Jürgen von den vielen Millionen, die er verdient, vielleicht etwas an mich abgegeben. Doch ich bin auch so zufrieden. Jürgen Höller hat ja nicht nur gute Zeiten hinter sich:
So musste er wegen Steuerhinterziehung 18 lange Monate in der Justizvollzugsanstalt Würzburg verbringen. Was ich gut finde: Jürgen Höller beschönigt nichts, steht zu seinen Fehlern und lebt gut mit seiner Vergangenheit. Warum auch nicht? Als echter Motivationskünstler konnte er selbst dem harten Alltag hinter schwedischen Gardinen Positives abgewinnen – zum Beispiel die Kunst, sich auch mal in Demut zu üben.
Eine solche Demutsübung bestand für Jürgen Höller darin – freiwillig, wohlgemerkt! – das Klo mit einer Zahnbürste zu putzen. Spektakulärer wäre es gewesen, er hätte sich die Zähne mit einer Klobürste geputzt.
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Wer aus der Leserschaft, der außerhalb Kölns wohnt und den Geißbockverein nur mit der Käsezunft in Zusammenhang bringt, kann sich an Heinz Flohe erinnern? Dabei gehörte der Kölner Mittelfeldmotor einst zu den ganz großen Spielern in Deutschland. Als Flohe noch Regie führte, fuhr der 1. FC Köln seinen bislang letzten Meistertitel ein. Das war vor 30 Jahren; und ich hoffe sehr, dass es nicht weitere drei Jahrzehnte dauern wird, bis es wieder soweit ist.
Flohe spielte 39 Mal für Deutschland, nahm an sieben WM-Begegnungen teil und gehörte auch der Nationalmannschaft an, die 1974 im eigenen Land Weltmeister wurde. Sein wohl bestes Spiel im DFB-Dress machte Flohe im Halbfinale der Europameisterschaft 1976, obwohl er erst nach der Pause eingewechselt wurde. Gastgeber Jugoslawien führte zu dem Zeitpunkt bereits 2:0. Flohe gelang der Anschlusstreffer, sein ebenfalls eingewechselter Vereinskamerad Dieter Müller steuerte weitere drei Tore zum 4:2-Sieg nach Verlängerung bei.
Sämtliche Tore durch Kölner Spieler in einem Länderspiel – auch auf diese Wiederholung werden wir vermutlich mindestens drei Jahrzehnte warten müssen. Was macht Heinz Flohe eigentlich heute? Er feiert seinen 60. Geburtstag! Unseren Newsletter wird er wohl nicht lesen. Vermutlich schaut er sich gerade das Training seines Heimatvereins TSC Euskirchen an. Der kickt in Staffel 3 der Bezirksliga Mittelrhein und belegt dort einen guten dritten Platz.
Sogar der Aufstieg ist noch drin. Dafür, dass es im Rennen um den Platz an der Sonne spannend bleibt, wird der Trainer des TSC schon sorgen. Er heißt Nino Flohe und ist ein Sohn von Heinz.
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Es ist nicht schön für einen Prinzen, unendlich lange auf die Thronfolge zu warten. Geradezu tragisch ist es, wenn man, als es endlich so weit ist, unheilbar erkrankt. Das passierte Friedrich III. Drei Jahrzehnte lang hatte sein Vater Wilhelm I. zunächst in Preußen und später als deutscher Kaiser regiert. Friedrichs Herrschaft dagegen sollte nur 99 Tage währen. So ging das Jahr 1888 als Dreikaiserjahr in die deutsche Geschichte ein:
Auf Friedrich, der an Kehlkopfkrebs starb, folgte dessen Sohn Wilhelm II. Er führte Preußen und das deutsche Kaiserreich in den Ruin. Von Friedrichs Regentschaft bleibt nicht viel in Erinnerung. Einer der Höhepunkte seines Lebens hatte 30 Jahre vor der Thronbesteigung stattgefunden: Heute vor 150 Jahren heiratete er die aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha stammende englische Prinzessin Victoria, eine Tochter der gleichnamigen britischen Königin. Auch deren Mutter hat einen Rekord inne: 64 Jahre lang herrschte sie auf der Insel, so lange wie kein Monarch vor ihr.
Wollte Königin Elisabeth diese Bestleistung überbieten, müsste sie bis 2016 weiterregieren. Das würde Prinz Charles vermutlich nicht gefallen. Doch zurück zu Friedrich: Bei seiner Hochzeit mit Victoria wurde ein Marsch gespielt aus Felix Mendelssohn Bartholdys Oper Ein Sommernachtstraum. Das kam so gut an, dass dieses Stück als Hochzeitsmarsch zu einer beliebten Tradition avancierte. So lebt doch etwas Gutes und Schönes fort, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem unglücklichen Friedrich steht.
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… und in Bonn wohnen, wüsste ich einen netten Zeitvertreib: Im dortigen „Südbahnhof“ (Adresse: Ermekeilstraße 32, Bonn-Südstadt) steigt um 20 Uhr 30 eine Veranstaltung der besonderen Art: Tiere wehren sich ist ein Kabarettprogramm, an dem auch der Autor der Zeilen, die Sie gerade lesen, beteiligt ist. Auf dem Plakat werben die Veranstalter mit einem Zweizeiler:
„Manchmal wünsch ich mir, das Blatt, das wendet sich und Tiere wehren sich. Stell dir vor, die Nahrungskette ändert sich und Tiere fressen dich.“
Ein Elch soll auch im Programm sein. Wie sie den wohl auf die Bühne kriegen? Vielleicht wird er ja auch vorm Haus überfahren. Auf die Leser dieses Newsletters wartet übrigens eine schöne Überraschung: Erscheinen sie in Begleitung ihrer Eltern, haben sie freien Eintritt. Doch Vorsicht: Wer seine Kinder in Vorspiegelung falscher Tatsachen überredet, den Newsletter-Leser zu mimen, wird mit einer Strafe nicht unter zehn Euro belegt!.
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Heute treffen sich, in 1560 Meter Höhe, die Topmanager der Welt. Im Graubündner Kurort Davos wollen über 2000 Firmenchefs, Politiker und Wissenschaftler fünf Tage lang die klare Bergluft nutzen: um ökonomische Krisen zu bewältigen, konjunkturelle Talfahrten zu stoppen, wirtschaftliche Probleme zu lösen und die schlimmsten Auswirkungen der Globalisierung einzudämmen.
In Davos springen die Konzernbosse schon mal über ihren Schatten und laden Globalisierungskritiker wie Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz oder die indische Schriftstellerin und Sozialistin Arundhati Roy aufs Podium. Lieber gesehen sind jedoch staatstragendere Gäste: Dieses Mal kommt Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair. In früheren Jahren verliehen Bill Clinton und Angela Merkel dem Treffen in den Schweizer Bergen zusätzlichen Glanz.
Dieses Jahr findet es zum 38. Mal statt. Ins Leben gerufen wurde die illustre Veranstaltung vom im Deutschland geborenen Professor Klaus Schwab, Lehrstuhlinhaber an der Universität Genf. Bei aller zur Schau gestellten Transparenz will die Kritik am Weltwirtschaftsforum nicht verstummen: In Davos werde von den Mächtigen der Welt über die Geschicke unseres Erdballs entschieden, ohne dass die Bürger – wie in einer Demokratie üblich – Einblick in oder gar Einfluss auf die Prozesse und Entscheidungen hätten.
In den Jahren 2001 bis 2007 fand jeweils eine Gegenveranstaltung zum Graubündner Gipfel statt: das Weltsozialforum. Dieses Jahr verzichten die Globalisierungskritiker auf ein alternatives Großereignis – das jüngste stieg letztes Jahr in Nairobi – und setzen auf mehrere regionale Zusammenkünfte.
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Können Sie sich noch an unseren Newsletter vor genau einem Jahr erinnern? Am 22. Januar 2007 berichteten wir über ein schnauzbärtiges Männlein mit weißer Schirmmütze, grüner Jacke und brauner Hose. Das können Sie bei E-Bay käuflich erwerben. Wenn Sie Glück haben, ergattern Sie den Playmobil-Artikel 4609 für einen Euro fünfzig. Das war mal anders:
Auf derselben Plattform wurde im Jahr 2004 ein identisches Produkt versteigert. Doch waren es weder Aussehen noch Ausstattung, die den Preis in die Höhe trieben. Erst die Produktbeschreibung machte den kleinen Polizisten zum Star. Danach handelte es sich bei der traurigen Figur um einen unscheinbaren Beamten, wie er überall zu finden ist: Der Plastikschutzmann werde die meiste Zeit im Regen stehen gelassen, sei aber vielseitig verwendbar, extrem belastbar und äußerst genügsam. Man könne ihn sogar beschimpfen. Oder einfach nur herumschieben.
Tausenden Besuchern der E-Bay-Webseite – es handelte sich vermutlich überwiegend um vernachlässigte Polizeibeamte – ging das Herz auf. Mehr als 200 antworteten in E-Mails, dass sie sich ähnlich fühlten wie der kleine Mann. Am Ende fand der Playmobil-Polizist einen neuen Besitzer – für 550 Euro.
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„Manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!“, dichtete der österreichische Lyriker Ernst Jandl in seiner typischen Kleinschreibweise. Dieser Newsletter verwendet zwar großzügigerweise auch Versalien, vor Verwechslungen ist er nicht gefeit. Und es sind durchaus die feinen Unterschiede – mit leider gar nicht so kleiner Wirkung – die dem Verfasser Probleme bereiten.
Milliarden sollte man beispielsweise nicht mit Millionen verwechseln, wie zuletzt in der Ausgabe vom 16. Januar geschehen: In Australien werden jährlich nicht vier Millionen Plastiktüten verbraucht – das hieße doch, dass nur jeder fünfte Australier jährlich eine einzige verschleißt, wie unser Leser Gert Sandmann völlig zu Recht moniert.
Selbstverständlich muss es vier Milliarden Plastiktüten heißen. Ganz im Jandl’schen Sinne – freilich nicht in dem der werten Leserschaft – ist es, wenn man statt rechts und links Süd und Nord verwechselt. Das geschah in der Ausgabe vom Tag zuvor, am 15. Januar. Dort hieß es: „Selbst die Arktis ist in der Luftlinie von Bonn aus näher als Neuseeland.“ Das ist wenig überraschend und hätte des unterstreichenden Wörtchens „selbst“ nicht bedurft.
Als überraschend darf allenfalls die Tatsache bezeichnet werden, dass die Antarktis Bonn näher ist als Neuseeland. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: In der Ausgabe vom 17. Januar konnten – sogar ohne Hilfe des Korrektors – sämtliche Konzentrationsschwächen überwunden und der Tiervergleich mit Teilen der Leserschaft durch ordnungsgemäße Kleinschreibung des „sie“ vermieden werden.
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Es gab eine Zeit, da war der Spiegel laut Eigenwerbung auf Seite drei „Europas größtes, Deutschland einziges Nachrichtenmagazin“. Das änderte sich schlagartig am 18. Januar 1993. Heute vor 15 Jahren erschien erstmals der Focus. Mit aggressiver Werbung und Sprüchen, die seinem Nachnamen alle Ehre machten („Fakten, Fakten, Fakten – und immer an den Leser denken“), versuchte Verleger und Chefredakteur Helmut Markwort dem großen Vorbild den Rang streitig zu machen.
Vergeblich. Heute ist der Spiegel mit wöchentlich 1,1 Millionen verkauften Exemplaren immer noch Branchenprimus; der Focus erreicht nicht einmal drei Viertel dieser Auflage. Das Verhältnis spiegelt sich übrigens auch in diesem Newsletter wider: Vom etablierten Nachrichtenmagazin ist häufig die Rede, der Focus wurde bislang noch nie erwähnt. Ein Detail, das Markwort bei seinem inzwischen verstorbenen Antipoden Rudolf Augstein abgeschaut hat, ist die Wahlempfehlung vor jeder Bundestagswahl.
Wie der ehemalige Spiegel-Chef ist Markwort FDP-Mitglied und rät seiner Leserschaft zum Kreuzchen an der entsprechenden Stelle. Doch während Augstein stets einer sozialliberalen Koalition das Wort redete, ist die vom Focus bevorzugte politische Farbenkombination schwarz-gelb.
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Die gute Nachricht vorweg: Heute erhalten alle Schweine besonders gutes Futter. Und die schlechte? Ab morgen wird ihnen wieder der übliche Fraß vorgeworfen. Der 17. Januar ist der Tag des heiligen Antonius, des Schutzpatrons der Haustiere. Sollten irgendwelche Rindviecher diesen Newsletter lesen, muss ich sie (Gruß an den Korrektor: bitte sorgfältig darauf achten, dass ich „sie“ klein geschrieben habe!) leider enttäuschen:
Ihr großer Tag kommt erst am 16. September, dem Tag des heiligen Cornelius. Der ist nämlich der Schutzpatron allen Hornviechs. Ich schweife ab: Eigentlich ist der heutige Beitrag dem heiligen Antonius gewidmet. Er wurde um das Jahr 251 als Sohn reicher Bauern in Zentralägypten geboren. Laut Matthäusevangelium hörte er in einer Kirche das Bibelwort: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast, und gib´s den Armen; so wirst du einen Schatz im Himmel haben!“
Antonius verkaufte, was er hatte, und gab´s den Armen. Logisch, dass er nach dieser Aktion einen sehr asketischen Lebenswandel in einer nicht standesgemäßen Behausung führte. In der Folgezeit entwickelte er sich zum gerne herangezogenen Vorbild für christliches Verhalten. Am Ende war Antonius so gefestigt, dass er allen Versuchungen widerstand. Zu jenen zählte auch der Genuss von Fleisch, weshalb der Vegetarier zu einem Tierschützer der ersten Stunde avancierte.
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