„Mir kann eigentlich nichts passieren“, versicherte Egon Erwin Kisch seinem Schriftstellerkollegen Friedrich Torberg: „Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Tscheche. Ich bin ein Jud. Ich bin aus gutem Hause. Ich bin Kommunist. Ich bin Corpsbursch. Etwas davon hilft mir immer.“ Gar nichts schien ihm mehr zu helfen, als die von Kisch geplante und begonnene Australienreise unter einem denkbar ungünstigen Stern stand. Doch der Reihe nach:
Als in Berlin in der Nacht zum 28. Februar der Reichstag brannte, wurde Kisch von den Nationalsozialisten als einer der üblichen Verdächtigen verhaftet. Diesmal half ihm, dass der gebürtige Prager tschechoslowakischer Staatsbürger war. Die Nazis schoben ihn ab. Seitdem trieb es Kisch fast über den gesamten Erdball, um vor der Gefahr des deutschen Faschismus zu warnen. So gelangte er bis auf den fünften Kontinent. Leider verweigerte ihm die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hitlerfreundliche australische Regierung die Einreiseerlaubnis. Davon ließ sich der überzeugte Antifaschist allerdings nicht abschrecken.
Als das Schiff mit dem abgewiesenen Kisch an Bord wieder ablegen wollte, sprang dieser kurzerhand an Land. Bei seinem riskanten Manöver brach sich Kisch beide Beine. Als seine Freunde von diesem Missgeschick erfuhren, erwirkten sie vor einem australischen Gericht eine einstweilige Verfügung. Kisch durfte auftreten. Obwohl es mit seinem Englisch nicht zum Besten bestellt war, hielt er seine Rede in der Sprache des Gastlandes. Bereits mit seinem ersten Satz gewann er die Herzen auch derjenigen Australier, die ihn zuvor mit Skepsis betrachtet hatten.
Kisch begann mit den Worten: „My English is broken, my legs are broken, but my spirit is unbroken“ – mein Englisch ist gebrochen, meine Beine sind gebrochen, aber mein Kampfgeist ist ungebrochen. Egon Erwin Kisch, der Ungebrochene, starb heute vor 60 Jahren in seiner Heimatstadt Prag.
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Vor 111 Jahren wurde Sepp Herberger geboren. Bis heute hat der frühere Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Kultstatus: zum einen wegen der sensationell gewonnenen Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, zum anderen wegen seiner Sprüche. Die sind herrlich lakonisch und in ihrer logischen Konsequenz kaum zu überbieten. Einige Kostproben:
„Das Spiel dauert 90 Minuten“,
„Fußball ist ein einfaches Spiel“,
„Der Ball ist rund“.
Manche dieser scheinbar ehernen Wahrheiten sind inzwischen von der Realität eingeholt worden. So führte bei der letzten Europameisterschaft in Portugal England gegen Frankreich nach 90 Minuten mit 1:0. Es wurden aber drei Minuten nachgespielt, und am Ende hieß es durch je einen Freistoß und einen Elfmeter von Zinedine Zidane 2:1 für die Franzosen.
Auch Bayern München lag im Champions League-Finale anno 1999 nach 90 Minuten mit 1:0 gegen Manchester United in Front. Nachdem 94 Minuten inklusive Nachspielzeit gespielt waren, hatten die Engländer mit 2:1 das Spiel und damit auch die begehrte Trophäe gewonnen.
Dass Herbergers Lieblingssport alles andere als eine einfache Sache ist, hat der französische Philosoph Jean-Paul Sartre eindrucksvoll widerlegt: „Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Nur dass der Ball rund ist, hat bislang niemand bestritten. Warum auch? Sonst wäre er ja, wie Herbergers ungarischer Kollege Gyula Lorant feststellte, ein Würfel.
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Heute ist der Internationale Tag des Theaters. In unserer Ausgabe vor genau einem Jahr (siehe unseren Newsletter „Beiße nie die Hand, die dich füttert!“ vom 27. März 2007) widmeten wir uns aus diesem Anlass den Bühnenprofis. Heute stehen die Amateure im Mittelpunkt: genauer gesagt die Laienschauspieler, die allabendlich an einer merkwürdigen Inszenierung in Ingolstadt teilnehmen.
Hinter dem Theaterstück in der zweitgrößten Stadt Oberbayerns steckt das seit Januar bestehende Rauchverbot im Freistaat. Dieses kann – eine solche Ausnahme lässt das Gesetz ausdrücklich zu – bei künstlerischen Darbietungen umgangen werden. Daher spielen der Wirt Robert Manz und die Gäste seiner Kneipe Treff allabendlich die Zeit vor dem strengen bayerischen Rauchverbot nach.
Die eine Hälfte der Beisl-Besucher frönt dem sündigen Laster, die andere mimt tolerante Zeitgenossen, die sich vom blauen Dunst in keinster Weise belästigt fühlen. Harmonisch bis euphorisch geht’s zu im Treff: harmonisch, weil keiner meckert, und euphorisch, weil man der Regierung – die nur in Wahlkampfzeiten ihre Bürger als mündig lobt, sie sonst jedoch gerne gängelt – ein Schnippchen geschlagen zu haben glaubt.
Nun, die letzte Entscheidung über die Legalität dieses Theaterspiels ist noch nicht gefallen. Wird sie wohl auch nicht so schnell – Landtagswahlen sind erst Ende September.
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Heute abend trifft die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Basel auf ihren Lieblingsgegner, die Schweiz. Gegen keine andere Mannschaft hat sie so oft gewonnen. Dabei begann die sportliche Beziehung keineswegs verheißungsvoll:
Vor hundert Jahren, am 5. April 1908, trafen sich die Kicker beider Verbände ebenfalls in Basel. Es war das erste offizielle Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft und ging gleich mit 3:5 verloren. Auch die Achtelfinalbegegnung bei der WM 1938 in Frankreich brachte aus deutscher Sicht eine Pleite: Nach einem 1:1 und dem darauf folgenden 2:4 im Wiederholungsspiel war der Mitfavorit schon in der ersten Runde ausgeschieden. Seitdem ging es für die DFB-Elf bergauf – vor allem gegen die Schweiz:
Insgesamt 35 Mal gewann man gegen die Eidgenossen, bei nur acht Niederlagen und sechs Remis. „Die Schweiz ist ein ideales Filmdrehland“, meinte der britische Regisseur Alfred Hitchcock einmal in gespielter Unschuld: „Seen braucht es, um Leute darin zu ertränken, und Alpen, damit man sie in die Schluchten stürzen kann.“
Sollten die Deutschen heute abend wieder die Oberhand behalten, könnte DFB-Trainer Joachim Löw hinzufügen „… und Kicker, die anderen Mannschaften das Gefühl geben, eine wirklich große Fußballnation zu sein.“
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Können Sie sich noch an Nenas Hit 99 Luftballons erinnern? Heute vor 25 Jahren eroberte er Platz 1 in Deutschlands Hitparade – um nur eine Woche danach schon wieder verdrängt zu werden. Dennoch ist die Scheibe hierzulande die erfolgreichste der Sängerin. Und nicht nur das: Nenas pazifistisch angehauchter Song eroberte die Spitze der Popmusik-Charts in nicht weniger als 14 Ländern:
Neben ihrem Heimatland waren das Australien – auf der größten Insel des fünften Kontinents wurde die Top-Position fünf Wochen lang gehalten – Großbritannien, Japan, Kanada, Kolumbien, Mexiko, Neuseeland, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden und die Schweiz. In den USA erreichte 99 Red Balloons – so der Titel der englischsprachigen Version – Hitparaden-Rang 2. Damit war die fast vier Minuten lange Single das erfolgreichste ursprünglich deutschsprachige Lied und wurde hinterher nur noch durch Rock me Amadeus des österreichischen Sängers Falco übertroffen.
Von Nenas Erfolgsschlager existieren zahlreiche Coverversionen. Die schrägste gab Familienoberhaupt Homer in einer Folge der Comicserie The Simpsons zum Besten, als er das Lied sogar auf Deutsch intonierte. Falls Sie sich diese Interpretation einmal anhören möchten: Besorgen Sie sich die Folge The Heartbroke Kid. Sie wurde am 1. Mai 2005 im US-Fernsehen ausgestrahlt.
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Lange nichts mehr vom Elch gehört, finden Sie nicht auch? Leider habe ich auch heute nichts Neues über das Tier des Jahres 2007 zu vermelden – sondern nur über sein Feindbild: den Jägermeister. Der Begriff wurde 1934 in Deutschland für Jagdaufsichtsbeamte eingeführt und rasch von einem der Obernazis adaptiert: Hermann Göring nannte sich in Anspielung an seine größte Leidenschaft fortan „Reichsjägermeister“.
Ein Jahr später kam ein Likör namens Jägermeister auf den Markt, der aus 56 Kräutern gemixt und im niedersächsischen Wolfenbüttel hergestellt wurde. Göring soll ihm gerne zugesprochen haben. Das Getränk war auch nach dem Fall der Nationalsozialisten in der Bundesrepublik beliebt. Weitere Popularität erhielt es vor 35 Jahren: Erstmals liefen am 24. März 1973 die Bundesliga-Fußballer im nicht weit von Wolfenbüttel entfernten Braunschweig mit dem Jägermeister-Emblem auf der Brust auf.
Das störte nicht nur Alkohol-Abstinenzler, sondern auch die Herren vom Deutschen Fußball-Bund, denen die mit 90 000 Mark (46 000 Euro) vergütete Werbung sauer aufstieß. Blütenrein blieben die Jerseys der Braunschweiger Eintracht auch nach dem Verbot nicht: Schlau integrierten sie den Hirschkopf vom Firmenlogo in das Wappen ihres Vereins.
Der Schnapsmarke kam der Streit zugute, und Fabrikant Günter Mast freute sich über die Publicity. Bald gab der DFB seinen Widerstand auf, und andere Bundesligaclubs folgten mit Reklame auf den Leibchen ihrer Spieler: Der Hamburger SV warb für ein rotes Gesöff namens Campari, die Frankfurter Eintracht für den Elektrorasierer Remington.
Heute gibt es keine Fußballmannschaft in Deutschlands höchster Spielklasse, die ohne Trikotwerbung auskommt. Auskommen ganz ohne Newsletter müssen Sie leider über die Osterfeiertage. Die nächste Ausgabe erscheint am 25. März.
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In manchen Kalendern und auf nicht wenigen Internetseiten ist zu lesen, dass übermorgen der Frühling beginnt. Die schlechte Nachricht: Das stimmt nicht. Die gute: Er beginnt schon morgen. In aller Herrgottsfrühe, um 6 Uhr 48 mitteleuropäischer Zeit, wird es so weit sein.
Nacht und Tag sind an diesem Datum exakt gleich lang. Von nun an verschiebt sich dieses Verhältnis zugunsten des Tages – bis wir am 22. September um 17 Uhr 44 wieder eine Tag- und Nachtgleiche haben.
Schuld daran, dass in diesem Jahr am 20. und nicht am 21. März der Frühling beginnt, ist jedoch die durch vier teilbare Jahreszahl: Das eingeschobene Schaltjahr 2008 (siehe dazu auch unseren Newsletter „Ein Datum, das es nicht einmal alle vier Jahre gibt“ vom 29. Februar) hat den Frühlingsanfang um 24 Stunden nach vorne verlegt.
Meckern Sie jetzt bitte nicht, dass die heutige Ausgabe so kurz geraten ist. Immerhin musste ich dieses Jahr einen Newsletter mehr schreiben!
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Der 18. März 1848 ist der Geburtstag der Demokratie in Deutschland, steht auf der Internetseite www.maerzrevolution.de geschrieben. Als ein Symbol für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, so die Betreiber der Website, sollte man ihn zum Gedenk- und Feiertag erklären:
„Am 18. März 1848 kapitulierte das Militär des preußischen Königs vor den Kämpfern für Freiheit und Demokratie. Die Märzrevolution war Teil einer europaweiten Bewegung gegen Fürstenwillkür und Absolutismus. Diese Epoche ist als Völkerfrühling bekannt.“
Leider dauerte der Frühling nicht lange an – weder im Deutschen Reich noch in anderen europäischen Ländern. Am Ende siegte die Reaktion, was nur teilweise an den repressiven Maßnahmen lag, mit denen sich die Obrigkeit gegen den drohenden Autoritätsverlust zur Wehr setzte.
Nicht wenige wog die Tatsache, dass die meisten revolutionäre zu unentschlossen waren, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Zwar trat genau zwei Monate später in der Frankfurter Paulskirche das erste frei gewählte deutsche Parlament zusammen. Doch anstatt über eine neue Verfassung zu beraten, warfen sich die fast ausschließlich bürgerlichen Abgeordneten gegenseitig entweder übertriebene Radikalität oder mangelnden Reformwillen vor.
Die Paulskirchenversammlung verkam zur Quasselbude. Vergeblich warnte der Dichter Ferdinand Freiligrath vor einem Verebben des revolutionären Schwungs: „Oh, steht gerüstet! Seid bereit! Oh, schaffet, dass die Erde, darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde! Dass fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen: Sie waren frei: doch wieder jetzt – und ewig! – sind sie Sklaven!“ Freiligrath hatte die Entwicklung ganz richtig eingeschätzt. Immerhin: Ein Anfang war gemacht.
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Heute ist der Tag, an dem der heilige Patrick angeblich geboren und auch gestorben ist. Der Geschichte des irischen Heiligen hatten wir bereits heute vor zwei Jahren eine Newsletter-Ausgabe (Was hat es mit dem St. Patrick’s Day auf sich?) gewidmet. In der aktuellen wollen wir uns mit den Festivitäten anlässlich des 17. März befassen.
Gefeiert wird der St. Patrick’s Day auf der Kleeblatt-Insel und überall dort, wo sich irische Auswanderer niedergelassen haben. Die größten Paraden, bei denen das traditionelle Grün der Iren dominiert, werden in Dublin, Manchester, NewYork, Chicago und New Orleans abgehalten. Dabei fand die erste ihrer Art keineswegs in der alten Heimat, sondern in der neuen Welt statt: in Boston, wo sich auch heute noch jedes Jahr ein riesiger grüner Lindwurm durch die Straßen schlängelt.
Sogar in Deutschland gibt es eine Parade: Sie zieht sich durch Bayerns Hauptstadt, beginnt an der Münchner Freiheit und endet am Odeonsplatz. Dieses Jahr findet sie zum 13. Mal statt, und mittlerweile hat sie sich zur größten auf dem europäischen Kontinent entwickelt.
Auch in den Irish Pubs, die sich längst überall auf der Welt breitgemacht haben, wird heute alles in grüne Farben getaucht sein – mancherorts sogar das Guinness. Böse Zungen behaupten, der Geschmack des ursprünglich braunen Gesöffs ließe sich eh’ nicht mehr verschlechtern.
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In das Poesiealbum seiner Tochter Jenny trug er als seine Lieblingstugend „Einfachheit“ ein. Leider war diese ihm, zumindest was seine schriftliche Ausdrucksweise betrifft, nicht immer gegeben. Der erste Band seines Hauptwerks erschien 16 Jahre später als geplant. Das ist wohl auch ein Grund, warum das Buch mit dem blauen Einband meist bis auf das Eingangskapitel ungelesen in den Regalen selbst seiner Anhänger verstaubt.
Der Autor schrieb im Jahr 1851 erleichtert an seinen besten Freund: „Ich bin so weit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin.“ Nichtsdestotrotz war ihm mit dem Kapital – es sollten noch zwei Folgebände erscheinen – der ganz große Wurf gelungen, der ihm einen Platz im Olymp der größten Ökonomen aller Zeiten einbringen sollte. Selbst seine größten Kritiker räumen ein, dass die gesellschaftliche Analyse auch anderthalb Jahrhunderte nach Erscheinen des Werks so falsch nicht ist. Nur was „Mohr“ – so nannte ihn sein Kumpel Friedrich Engels wegen seiner ungewöhnlich dunklen Gesichtsfarbe – daraus folgerte, fand keineswegs ungeteilte Aufnahme.
Immerhin hat das Buch wie kein zweites die Weltgeschichte beeinflusst und die Grundlage für das oft ausprobierte und vermutlich nicht weniger häufig gescheiterte System des Kommunismus gelegt. Dennoch sollte man das Kapital nicht ohne weiteres auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Die darin geschilderten vier Hauptformen der Entfremdung – die des Arbeiters von seiner Arbeit, vom Produkt seiner Arbeit, von den Produktionsbedingungen und von seinen Arbeitskollegen – bergen auch heute noch den Zündstoff für Arbeitskämpfe und sind mitverantwortlich für soziales Elend.
„Das Kapital“, sagte der Autor, „ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit.“ Heute vor 125 Jahren sagte Karl Marx der Welt, die er verändern wollte, adieu.
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