Archiv für März, 2008

Affe oder Apostel?

Donnerstag, 13. März 2008

„Eine seltsamere Ware gibt es schwerlich in der Welt“, befand der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg: „von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen, und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“

Dabei schrieb Lichtenberg selbst Bücher – sogar solche, die mit seinem Fachbereich nichts zu tun hatten. Noch heute, mehr als 200 Jahre nach dem Tod des Verfassers, werden seine gesammelten geistreichen Sprüche, die Aphorismen, gerne gekauft. Offenbar traute Lichtenberg den Lesern von Büchern am wenigsten zu. Das lässt nicht nur seine eingangs zitierte Bemerkung vermuten.

„Ein Buch ist ein Spiegel“, fand der Spötter ein anderes Mal, „wenn ein Affe hineinguckt, so kann kein Apostel heraussehen.“ Affe oder Apostel – vom Geschmack der Leser hängen die Autoren nun mal ab. Und vom Geschick der Verlage, diese richtig zu bewerben und in den Buchhandlungen zu platzieren. Darum vor allem geht es auf der Leipzig Buchmesse, die heute beginnt und bis zum Sonntag dauert.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Karriere trotz Drogen

Mittwoch, 12. März 2008

Geboren in Boston, aufgewachsen auf der idyllischen Ferieninsel Martha’s Vineyard vor der amerikanischen Ostküste, geschult an Klavier, Geige, Cello und Gitarre schien nichts auf die spätere Drogenkarriere hinzudeuten.

Die begann mit siebzehn, nachdem er die renommierte Privatschule verließ, die sein Vater Isaac – ein renommierter Medizinprofessor – für ihn ausgesucht hatte. Karriere machte James Taylor trotzdem. Allerdings bedufte es dazu erst des Herointodes einer Freundin, den er in seinem Lied Fire and Rain gemeinsam mit der eigenen Sucht verarbeitete.

Der nachdenkliche, von Taylors überragender Stimme getragene Song wurde ein Welterfolg; das dazugehörige Album ging zwei Millionen Mal über die Ladentheke. Weitere Hits kamen hinzu: You’ve got a Friend etwa, oder Carolina on my Mind.

Schlagzeilen machte er anschließend nur noch durch seine Heirat 1972 mit der Sängerin Carly Simon – auch ihr war mit You’re so vain ein Welthit gelungen – und die Scheidung elf Jahre später. Im Jahr 2000 erhielt er mit der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame einen späten Ritterschlag. Heute feiert James Taylor, vermutlich in aller Stille, seinen 60. Geburtstag.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Was der Mensch am liebsten liest

Dienstag, 11. März 2008

Treue Leser unseres Newsletters kennen sicher noch Jürgen Udolph: Über Deutschlands einzigen Professor für Namensforschung – er lehrt an der Universität Leipzig – berichteten wir in unseren Ausgaben „Die WM – Ein Fall für Professor Udolph!“ vom 12. Juni und „Professor Udolph, bitte melden!“ vom 13. März 2006.

Unterstellen wir einmal, dass Professor Udolph nicht nur gerne über andere forscht, sondern auch mehr über seinen eigenen Namen in Erfahrung bringen möchte. Dazu könnte er die Internet-Seite www.verwandt.de/karten besuchen und dort „Udolph“ eingeben. Als Ergebnis würde erscheinen, dass es hierzulande 20 Telefonbucheinträge zum Namen Udolph gibt. Aus dieser Zahl ließen sich für Deutschland 53 Träger dieses Nachnamens hochrechnen. Sie verteilen sich auf 16 Kreise und Städte.

Zwar nicht viele, aber die meisten Anschlüsse sind in Osnabrück verzeichnet: exakt drei. Ob Jürgen Udolph im Leipziger Telefonbuch steht und somit unter die Zählung gefallen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß jedoch, dass sich des Professors Beschäftigung steigender Beliebtheit erfreut. Dies liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass der Mensch am liebsten seinen eigenen Namen und alles, was damit zusammenhängt, liest.

Sollte es Ihnen auch so gehen, tippen Sie einfach den Ihren auf der erwähnten Namen- und Stammbaumerforschungswebsite ein!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

‘Ich habe fertig’

Montag, 10. März 2008

„Fußball ist immer ding, dang, dong.“ Was das wohl heißen mag? Vielleicht, dass Fußball ein ziemlich unberechenbares Spiel ist, welches viel Raum für Chaos lässt – und deswegen das Ergebnis nur schwer vorherzusagen ist. Das Zitat stammt jedenfalls von einem Trainer, der mehr als 20-mal Meister geworden ist.

Einmal triumphierte Giovanni Trapattoni auch mit Bayern München. Freilich sind nationale Titel bei Deutschlands Abonnementsieger das Mindeste, was von einem Trainer erwartet wird. Als sich heute vor zehn Jahren nach einer 0:1-Niederlage gegen Schalke 04 abzeichnete, dass dieses Minimalziel verfehlt würde, platzte Trapattoni der Kragen. Er hielt eine Pressekonferenz, die er mit diesen Worten einleitete: „Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler vergessen ihren Profi was sie sind.“ Es folgte eine sprachlich nicht immer korrekte, dafür umso furiosere Rede, in der etliche Bayern-Akteure – „die waren“, nach Auffassung ihres sportlichen Leiters, „schwach wie eine Flasche leer“ – ihr Fett wegbekamen. Zum Beispiel der Spieler … „Struuunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiele, ist immer verletzt. Was erlauben Strunz?!“ Trapattoni beendete seine Tirade mit den seither häufig zitierten Worten: „Ich habe fertig.“

Das Ganze können Sie übrigens im Internet nachlesen unter http://www.kasper-online.de/. Und was macht Trapattoni heute? Noch ist er Trainer bei Red Bull Salzburg. Nachdem er das Team letztes Jahr zur österreichischen Meisterschaft führte, läuft es dieses Jahr nicht so rund. Außerdem sind die Mozartstädter bereits das zweite Mal hintereinander in der Qualifikation zur Champions League gescheitert. Höchste Zeit also für den Italiener, sich einen neuen Job zu suchen. Den hat er bereits gefunden: Ab diesem Sommer trainiert er die Nationalmannschaft Irlands.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Nie mehr warmer Getreidebrei!

Freitag, 7. März 2008

Kennen Sie ein Nahrungsmittel, das aus gekochtem, anschließend breitgewalztem und danach getrocknetem Mais besteht? Genießbar ist es bereits in der Urform – fragen Sie Ihr Kaninchen, Ihr Meerschweinchen oder Ihre Hausratte! Wir Menschen mögen es auch, am liebsten frühmorgens in der Kombination mit Milch oder Joghurt. Die Rede ist von Cornflakes, die heute vor 111 Jahren erfunden wurden.

Aus dem ersten industriell hergestellten Frühstücks-Getreide wurde eine Erfolgsgeschichte. Doch wer erfand die Cornflakes? Und warum? Der amerikanische Arzt John Harvey Kellogg war davon überzeugt, dass unzureichendes Kauen neben Zahnschäden auch Verstopfung verursacht. Daher gab er den Patienten in seinem Sanatorium bissfeste Flocken aus getrocknetem Getreide; zunächst aus Weizen, später aus Mais. Die ersten Tester waren begeistert – vermutlich auch deswegen, weil die bisherige Alternative zu dieser Art Frühstück warmer Getreidebrei war:

Der von der britischen Insel stammende Porridge durfte auch auf Frühstückstischen der ehemaligen Kolonie nicht fehlen. Nach ihrer Entlassung aus dem Sanatorium fragten die Ex-Insassen ihren Betreiber, ob er ihnen die knusprigen Flocken nicht nachsenden könne. So entwickelte sich ein kleines Versandunternehmen, das zum heutigen Weltkonzern Kellogg Company emporwuchs.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Räumliche + zeitliche Distanz = weniger Brisanz

Donnerstag, 6. März 2008

Politik gehört eigentlich nicht in den Small Talk, aber diese Woche drängen sich Themen mit solchem Hintergrund geradezu auf. Sie können sie dennoch in die leichte Konversation einbringen, da sie aufgrund räumlicher oder zeitlicher Distanz viel an Brisanz verloren haben.

Als heute vor 25 Jahren die Grünen erstmals in den Bundestag eingezogen waren, sahen nicht wenige Wähler der etablierten Parteien das Ende der Demokratie eingeläutet. Längst sind die Bürgerschrecks von damals salonfähig geworden, und ihr parlamentarischer Geschäftsführer der ersten Stunde bekleidete sieben Jahre lang das Amt des Außenministers. Die Mitverantwortung eines Kriegseinsatzes der NATO brachte ihm den Respekt ehemaliger Gegner ein, ohne dass ihm seine Partei die Gefolgschaft aufkündigte.

Überhaupt hängen die Grünen pazifistischen und ökologischen Traditionen weit weniger radikal an als in den Anfangsjahren ihrer parlamentarischen Präsenz. Einige brandmarken es als Ausverkauf politischer Ideale, andere sehen es als Ausdruck politischer Reife, dass die Partei mit der Sonnenblume als Emblem inzwischen sogar für die CDU ein attraktiver Bündnispartner geworden ist, den zuletzt etwa Hamburgs schwarzer Bürgermeister Ole von Beust heftig umwarb.

„Werden sie eine Rolle als kreative und unkonventionelle Neulinge spielen?“, fragte damals das Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Oder werden sie als Politclowns ins Abseits geraten?“ Weder noch, möchte man heute antworten: Sie sind zum politischen Establishment geworden. Was die Protagonisten von 1983 dazu wohl gesagt hätten?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Der Erfinder der Tobin-Steuer

Mittwoch, 5. März 2008

Vier von fünf Devisengeschäften bestehen aus dem Hin- und Herverschieben von Kapital meist innerhalb eines Tages. Leute, die damit ihr Geld verdienen, bezeichnen dieses lukrative Geschäft als Investitionen und Rückinvestitionen; andere sehen darin reine Spekulationsgeschäfte. Das tat auch der Mann, der heute 90 Jahre alt geworden wäre: James Tobin, Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisgewinner des Jahres 1981, forderte eine Gewinnsteuer von einem Prozent auf alle derartigen Transaktionen. Daraus entwickelte sich eine weltweite Bewegung:

„Die Globalisierung des Finanzkapitals“, stellte der in Spanien geborene Kulturhistoriker Ignacio Ramonet in einem Beitrag für die französische Monatszeitung Le Monde diplomatique fest, „hat einen separaten, übernationalen Staat errichtet, mit einem eigenen Verwaltungsapparat, eigenen Einflussgebieten und eigener Politik.“ Sein Artikel endete mit dem Aufruf, die von Tobin angeregte Steuer auf alle Finanzgeschäfte zu erheben und dieses Geld sozialen Zwecken zuzuführen. Ein Echo von 5000 Leserbriefen und die Gründung von attac waren die Folge.

Das Bündnis der Globalisierungskritiker steht für Ramonets Forderung: „association pour une taxation des transactions financières pour l`aide aux citoyens“, also für eine Besteuerung aller Devisengeschäfte zugunsten hilfsbedürftiger Bürger. Gegen Letzteres hätte James Tobin vermutlich nichts einzuwenden gehabt, doch fühlte er sich als Namensgeber missbraucht:

Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erklärte Tobin, er sei ein Anhänger des Freihandels und befürworte zudem den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und die Welthandelsorganisation, also die Institutionen, die attac gerne reformiert, wenn nicht sogar abgeschafft hätte. Das Interview fand im September 2001 statt, ein halbes Jahr vor Tobins Tod.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Junior Super Tuesday

Dienstag, 4. März 2008

Der Super Tuesday vor einem Monat (siehe unseren Beitrag Super Tuesday vom 5. Februar), als in nicht weniger als 22 US-Bundesstaaten Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur stattfanden, hatte für das Lager der Demokraten erwartungsgemäß noch keine Entscheidung gebracht. Das kann sich heute ändern: In den bevölkerungsreichen Staaten von Ohio und Texas wird zwischen Barack Obama und Hillary Clinton abgestimmt, wer für die Partei mit dem Esel als Wappentier ins Rennen ums Weiße Haus gehen darf.

Rein rechnerisch wird keine Vorentscheidung fallen. Doch die Wählerschaft beider Staaten ist Hillary-Klientel: die Industriearbeiter in Ohios Metropolen Cleveland, Cincinnati und Shreveport ebenso wie die zahlreichen spanischstämmigen Einwanderer in der Heimat des aktuellen Amtsinhabers George Bush, die bis zum Jahr 1845 noch zu Mexiko gehört hatte.

Verliert Obama nicht allzu deutlich, wird er seinen knappen Vorsprung im Gesamtergebnis aller Vorwahlen verteidigen können. Verliert Clinton in beiden Staaten, wird sie ihre Felle langsam, aber sicher davonschwimmen sehen – und vielleicht zugunsten ihres Widersachers auf eine weitere Kandidatur verzichten. Es wird also spannend werden am heutigen Dienstag, den die Politikinteressierten unter den Amerikanern Junior Super Tuesday getauft haben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Russland hat einen neuen Präsidenten

Montag, 3. März 2008

Gestern war die Präsidentenwahl in Russland, gewonnen hat der Mann mit dem Bären im Namen: Dmitrij Medwedew. Glauben Sie jetzt bitte nicht, dass ich den Urnengang abgewartet hätte, bis ich den Artikel schrieb. Das Ergebnis stand ja schon lange vorher fest. Medwedew, fand die Illustrierte Stern, sei der Kuschelkandidat für den Kreml: Es spiele kaum eine Rolle, wer im größten Land der Erde Ministerpräsident und wer Präsident sei. Es ist anzunehmen, dass sich der nach wie vor starke Mann, Wladimir Putin, mit seinem medwed, seinem Bären, verstehen wird.

Das taten die Beiden bereits Anfang der Neunziger Jahre, als sie gemeinsam in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg saßen. Zuletzt bekleidete Medwedew sowohl ein Regierungsamt – er war für die Infrastruktur des Riesenreichs zuständig – als auch den Vorsitz im Aufsichtsrat des größten Energiekonzerns Gazprom: reichlich naiv, wer nichts Böses dabei denkt.

Wladimir Putin wechselt vom Amt des Staats- in das des Regierungsoberhauptes, was nicht nur sprachlich ein kleiner Schritt ist. Ändern wird sich in Russland wenig. „Wenn Politiker wirklich so gut wären, wären sie nicht Politiker geworden“, schrieb einmal der „Zeit“-Kolumnist Harry Rowohlt, „dann wären sie in die freie Wirtschaft gegangen und hätten sich welche gekauft.“ (siehe unsere Newsletter-Ausgabe vom 21. Oktober 2005). In Russland dürfen auch Politiker kaufen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern