Archiv für Mai, 2008

Vor Genuss abstechen

Donnerstag, 15. Mai 2008

„Spargeln und Menschen haben ein gemeinsames Schicksal: Sobald einer den Kopf hochreckt, wird er abgestochen.“ Dieses Zitat stammt von Eugen Gerstenmaier, der anderthalb Jahrzehnte, von 1954 bis 1969, Bundestagspräsident war. Nach dem CDU-Politiker ist der Lange Eugen benannt: Das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus mit seiner charakteristischen Silhouette am Rhein ziert heute noch viele Bonn-Postkarten.

Doch heute, Sie ahnen es vielleicht schon, geht es in unserem Newsletter nicht um Politiker, sondern um das königliche Gemüse, das essbare Elfenbein oder die Frühlingsluft in Stangen: So werden die von Feinschmeckern begehrten, gelben oder grünen Stangen ebenfalls genannt. Der Grund, warum das edle Gemüse so teuer ist, liegt im aufwändigen Anbau. „Spargel wird auch heute noch überwiegend von Hand und unter Kreuzschmerzen geerntet“, ist auf www.spargelseiten.de zu lesen: „Viel Geduld ist zudem nötig, bis der Spargel im dritten Jahr nach der Pflanzung die erste volle Ernte liefert.“

Bereits vor 2500 Jahren bauten die alten Griechen Spargel an; und der römische Kaiser Diokletian sah sich im Jahr 304 gezwungen, die Preise für die häufig nachgefragten Stangen per Dekret zu deckeln. Bleibt noch die Frage, weshalb der Spargel abgestochen wird.

Die Stangen sollten geschnitten werden, bevor sich die Deckblätter der Köpfe lockern – danach schmeckt er nicht mehr so gut. Damit beim Ernten keine der dicht stehenden benachbarten Pflanzen verletzt wird, werden die Spargel mit einem gebogenen Messer vorsichtig und platzsparend entfernt – oder gestochen. Die Spargelernte beginnt je nach Witterung in der zweiten Aprilhälfte, dauert jedoch nie länger als bis zum 24. Juni: Nach der Sonnenwende wird der Pflanze Erholung gegönnt, damit sie auch im Folgejahr wieder geerntet werden kann.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Staatsgründung, die einen Krieg auslöste

Mittwoch, 14. Mai 2008

Der 14. Mai 1948 ist der Geburtstag Israels. Die arabischen Nachbarn würdigten dieses Datum, indem sie dem neu gegründeten Staat sogleich den Krieg erklärten und ihn am nächsten Tag mit ihren Armeen angriffen. Genutzt hat ihnen das wenig; auch die weiteren militärischen Auseinandersetzungen – den Sechstagekrieg 1967 und den Jom-Kippur-Krieg 1973 – konnte Israel für sich entscheiden.

Doch war damit der Nahostkonflikt nicht gelöst: zu entgegengesetzt sind die Ansprüche, zu verworren die Lage, zu unnachgiebig die Haltungen der Beteiligten. Am ehesten werden Sie die komplizierte heutige Situation verstehen, wenn Sie auf die Internetseite www.uri-avnery.de gehen.

Der 1923 im westfälischen Beckum geborene Friedensaktivist hat schon alles Mögliche unternommen, um eine Annäherung der Israelis und Palästinenser herbeizuführen. Vielleicht kennen Sie ihn – er war des öfteren zu Gast in der ARD-Sonntagstalkshow Sabine Christiansen. Mittlerweile haben die Aktivitäten des fast 85-Jährigen etwas nachgelassen, und sein Fazit zum Unabhängigkeitsjubiläum klingt reichlich pessimistisch:

„In 60 Jahren ist es uns nicht gelungen – tatsächlich haben wir es nicht einmal versucht – den Knoten aufzulösen, um eine andere Realität zu schaffen. Und so geht der Krieg weiter.“

Der 60. Geburtstag Israels ist dennoch ein bemerkenswertes Datum in Anerkennung der großen Aufbauleistung des jüdischen Volkes, das durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs fast vernichtet worden wäre. Ein Grund zum Feiern, meint Uri Avnery, ist er nicht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Prager Frühling - mehr als nur Musik

Dienstag, 13. Mai 2008

Am Pfingstwochenende ist der Prager Frühling eingeläutet worden. Die seit 1946 existierende Veranstaltungsreihe hat sich mittlerweile zu einem der größten europäischen Musikfestivals gemausert. Zur Eröffnung im Jugendstilbau des Prager Gemeindehauses wurde standesgemäß Bedrich Smetanas symphonischer Zyklus Mein Vaterland – sicherlich kennen Sie daraus die Passage Die Moldau – aufgeführt.

Der Prager Frühling hat in unserem Nachbarland auch eine politische Bedeutung: 40 Jahre ist es her, dass mit der Wahl des Reformers Alexander Dubcek zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei eine Phase liberaler Reformen einsetzte: eine „sozialistische Marktwirtschaft“ sollte die bisherige Planwirtschaft ablösen, die Pressezensur wurde aufgehoben, das Streikrecht eingeführt und eine Amnestie für inhaftierte Andersdenkende verkündet.

Der politische Prager Frühling endete am 21. August mit dem Einmarsch sowjetischer Panzer in der tschechoslowakischen Hauptstadt: Die UdSSR und andere Staaten des Warschauer Paktes – nur Nicolae Ceausescus Rumänien hatte die Invasion abgelehnt – fürchteten damals eine Abwanderung des Bundesgenossen ins westliche kapitalistische Lager.

Alexander Dubcek wurde in der Folge seiner Ämter enthoben, geblieben ist die Erinnerung an seinen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 durfte er, den Zerfall der Tschechoslowakei am 1. Januar 1993 musste er nicht mehr miterleben. Zwei Monate zuvor war der Slowake Alexander Dubcek an den Folgen eines Autounfalls gestorben.

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Morgen ist Tag des Buches

Freitag, 9. Mai 2008

Die UNESCO hat zwar den 23. April zum Internationalen Tag des Buches erklärt (siehe auch unsere Newsletter „ Die Angst vor der Entscheidung“ vom 23. April 2008 und „Verbrennt mich!“ vom 10. Mai 2006): Sie will damit das Lesen als Instrument zur Verbreitung von Wissen fördern.

In Deutschland wird der Tag des Buches jedoch auch am 10. Mai begangen. Anlass ist die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten an diesem Tag vor 75 Jahren. Damals wollten die Diktatoren die Mündigkeit des Volkes verhindern. Heute gibt es in einem Europa, in dem jeder Zugang zu Schulen hat, immer noch viele Analphabeten. Auch ihnen widmet sich der Tag des Buches, um sie an Wissen und Bildung teilhaben zu lassen.

Weltweit sind über 800 Millionen Erwachsene Analphabeten. In Deutschland gibt es 0,6 Prozent totale Analphabeten. Hinzu kommt, dass jeder Zwanzigste „funktionaler“ Analphabet ist. Anders ausgedrückt: Über 4 Millionen Erwachsene hierzulande können kaum lesen und schreiben. Bei den Kindern und Jugendlichen sieht es leider nicht viel besser aus:

„Wenn bei der Schulstudie Pisa nicht nur das Leseverständnis, sondern auch die Schreibfähigkeit getestet worden wäre“, sagt Marion Döbert vom Fachverband Alphabetisierung, „hätten wir sicherlich noch schlechter abgeschnitten.“

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Der Berg ruft

Donnerstag, 8. Mai 2008

„Der Berg ruft!“, heißt es jedes Jahr zur Pfingstzeit in Mittelfranken: Dann klettern die Bewohner der Universitätsstadt Erlangen auf einen Hügel, um sich dort bei ihrer Bergkirchweih zu vergnügen. Seit 253 Jahren gibt es dieses Volksfest, das heute beginnt und bis zum 19. Mai dauert. Die Einheimischen haben Ihren Berg und das Fest sogar noch lieber als die Universität, die ja auch nicht wenig das Image der Stadt verbessert und Geld in ihre Kassen spült.

Sehr zwiespältig ist den Erlangern ein ehemaliger Rektor ihrer Hochschule in Erinnerung geblieben: Hatte es Professor Gotthard Jasper doch tatsächlich gewagt, die traditionellen Bergferien abzuschaffen, die es bis dahin nur in Erlangen und Nürnberg gegeben hatte. Nur der so genannte Bergdienstag nach dem Pfingstmontag ist heute noch frei für Studenten und Professoren. An den anderen Tagen muss halt blau gemacht werden.

„Der Berg ruft!“ hieß es heute vor 30 Jahren nicht mehr für Reinhold Messner: Zu diesem Zeitpunkt hatte der Südtiroler Bergsteiger bereits den Mount Everest erklommen – als erster Mensch ohne Sauerstoffgerät. Ein Sauerstoffgerät ist auch nicht vonnöten, wenn der Erlanger Berg ruft. Falls Sie in Franken wohnen, gehen Sie doch mal hin! Falls nicht, empfehle ich den virtuellen Besuch – natürlich auf der Internet-Seite www.der-berg-ruft.de.

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Eine Rechnung, die nicht aufging

Mittwoch, 7. Mai 2008

„Ihr Unternehmen, meine Damen und Herren, ergreift aus einer Position der Stärke die Chance, seine Aktivitäten mit denen eines führenden Automobilherstellers zusammenzuführen. Die DaimlerChrysler AG wird der drittgrößte und der global am besten positionierte Automobilhersteller der Welt sein“:

Mit diesen Worten versuchte der Vorstandsvorsitzende des in Stuttgart-Untertürkheim ansässigen Konzerns, Jürgen Schrempp, seinen Aktionären die Fusion der Marke mit dem guten Stern und des US-Fahrzeugriesen Chrysler schmackhaft zu machen.

Neun Jahre und zahlreiche enttäuschende Bilanzen, Aktienkurstürze und betriebsbedingte Entlassungen später überlegten es sich die Untertürkheimer unter dem neuen Boss Dieter Zetzsche anders und stießen ihre Chrysler-Anteile wieder ab. Sie wurden vom US-Finanzinvestor mit dem programmatischen Namen Cerberus – in der griechischen Mythologie bewacht er das Tor zur Hölle – aufgekauft.

Wie formulierte es so schön der Vorstandsvorsitzende der ebenfalls in Stuttgart ansässigen Konkurrenz von Porsche? „Eine Fusion“, so Wendelin Wiedeking, „ist der Zusammenschluss von zwei Unternehmen zum Abbau von Verlusten, die sie alleine nie gehabt hätten“. Mittlerweile macht die Daimler AG wieder kräftige Gewinne und schüttet für das erste chryslerlose Jahr eine Dividende von fast zwei Milliarden Euro an seine nun nicht mehr leidgeplagten Aktionäre aus.

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Ein Roter fährt schwarz

Dienstag, 6. Mai 2008

Vor 250 Jahren wurde der Revolutionär Maximilien Robespierre geboren, vor 65 Jahren Andreas Baader, der Gründer der Baader-Meinhof-Bande, aus der später die RAF hervorging. Ein französischer Radikaler, der mit Hilfe der Guillotine regierte, und ein deutscher Terrorist – keine dankbaren Figuren für einen Small Talk, selbst wenn ein markantes Kalenderjubiläum dazu einlädt. Da greifen wir doch lieber auf einen etwas unrunderen Geburtstag eines unverdächtigen Zeitgenossen zurück:

Heute wird Tony Blair 55. Doch ganz so weiß ist – vom Politischen einmal abgesehen, wovon sein Nachfolger und Labour-Parteigenosse Gordon Brown ein Lied singen kann – die Weste von Großbritanniens seit einem Jahr privatisierendem Ex-Premierminister nicht mehr. Kürzlich wurde er in einem Expresszug zum Flughafen London-Heathrow ohne gültigen Fahrschein erwischt.

Der arme Tony hatte leider kein Bargeld dabei, um sich vor Fahrtantritt ein Ticket ziehen zu können. Normalerweise zieht das eine saftige Geldbuße nach sich, doch der Kontrolleur verzichtete auf eine Strafe. Auch das Angebot von Blairs Leibwächtern, für das Ticket aufzukommen, schlug er aus. Blair durfte gratis fahren.

Ob Britanniens Bürger dieses Vorkommnis als Präzedenzfall werten und in Berufung auf das Gleichbehandlungsrecht in U-Bahnen und Expresszügen künftig nur noch schwarz fahren werden?

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Es ist sieben Minuten vor Zwölf

Montag, 5. Mai 2008

Es ist fünf Minuten vor Zwölf: So beginnen die üblichen Panikmeldungen, die uns warnen, dass eine Katastrophe unmittelbar bevorsteht, wenn wir nicht sofort handeln. Damit verbunden ist ein moralischer Vorwurf, dass wir längst hätten handeln sollen. Etwas gnädiger geht es bei einer Veranstaltung zu, die sich hierzulande wachsender Beliebtheit erfreut:

Beim Speed-Dating haben die Teilnehmer immerhin sieben Minuten zur Verfügung. In dieser Zeit müssen sie einen Mann oder eine Frau erobern. Moralische Vorwürfe, man hätte sich in der Vergangenheit mehr bemühen sollen, werden ebenfalls nicht erhoben. Nach der kurzen Kennenlern-Phase bekommen die Eroberungslustigen einen Zettel. Was mit diesem geschieht, lässt der in Berlin lebende Brite Roger Boyes in seinem Deutschlandbuch My dear Krauts eine Organisatorin erläutern:

„Anschließend kreuzen Sie die entsprechenden Kästchen an. Ja bedeutet, Sie wollen, dass ich Ihre E-Mail-Adresse weitergebe. Nein bedeutet, Sie wollen diese Frau nicht wiedersehen, und Freundschaft bedeutet, Sie sind bereit, eine freundschaftliche Beziehung ohne Sex einzugehen.“

Das Ganze entwickelt sich nicht, wie Boyes heimlich gehofft hatte, zu einer „Art postmodernen virtuellen Harem.“ Zwar fließt reichlich Schweiß, doch ist der eher dem Stress geschuldet:

„Obwohl die anderen sich nicht so schwer taten wie ich“, erkennt der Autor, „waren sie fix und fertig von der Anstrengung, sieben konzentrierte Minuten lang attraktiv sein zu müssen.“ Boyes resümiert: „Sieben Minuten können verdammt lang sein.“ Gleichwohl besitzt Speed-Dating einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber sämtlichen Schreckensszenarien: Deren fünf Minuten sind verdammt kurz!

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Was der Krieg aus Menschen macht

Freitag, 2. Mai 2008

Im Prado zu Madrid hängt ein Bild, das eine Erschießung darstellt. Gemalt wurde es vom Spanier Francisco Goya, und es trägt den Titel El Tres de Mayo. Die Erschießung fand tatsächlich statt: in der spanischen Hauptstadt, am 3. Mai vor 200 Jahren.

Tags zuvor hatte sich die Bevölkerung Madrids gegen die napoleonische Besatzung erhoben. Das half leider nichts. Die Franzosen sollten noch bis 1814 bleiben und die Iberische Halbinsel mit Krieg überziehen. Da die Einheimischen der benachbarten Großmacht keine militärisch gleichwertige Armee entgegenstellen konnten, mussten kleinere Guerilla-Aktionen herhalten.

Die verfehlten ihre Wirkung nicht, doch antworteten die Besatzer mit drakonischen Maßnahmen wie der Exekution der Madrider Aufständischen. Das wiederum ließ Goya nicht ruhen: Unermüdlich befasste er sich mit den Desastres de la Guerra, den Schrecken des Krieges, und machte daraus eine Serie von insgesamt 82 Bildern und Zeichnungen.

Ganz bewusst hielt der Künstler die von beiden Seiten begangenen Grausamkeiten fest und zeigte so eindrucksvoll, was der Krieg aus Menschen machen kann. Zu Lebzeiten wurden Goyas Grafiken nicht veröffentlicht; zu „unpatriotisch“ wäre das gewesen. Der Nachwelt dienen sie jedoch als Anklage gegen den Krieg und die Gewalt – und gerade wegen ihrer Unparteilichkeit als Plädoyer für die Humanität.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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