Archiv für Oktober, 2008

Keine Schande, aber dennoch kaum zu ertragen

Freitag, 17. Oktober 2008

„Bloß eine Klasse der Gesellschaft denkt mehr über das Geld nach als der Reiche“, fand der irische Spötter Oscar Wilde mit ungewöhnlichem Ernst, „und das ist der Arme. Der Arme kann sonst nichts denken. Und dies ist das Elend der Armen.“ Der heutige Tag ist ihnen gewidmet, denn die UNO hat den 17. Oktober weltweit zur Beseitigung der Armut ausgerufen.

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, wusste schon der Welt erster Kapitalismuskritiker Karl Marx, und wenn das Portemonnaie leer ist, ist es auch mit der in den westlichen Industrieländern so gepriesenen Freiheit nicht weit her. Nach den Standards der Weltbank gilt als arm, wer weniger als einen US-Dollar pro Tag zum Ausgeben zur Verfügung hat. Davon kann man sich selbst in billigen Ländern wenig leisten, zudem schlägt sich ein derart niedriges Einkommen in der Lebenserwartung nieder:

Sie beträgt bei Armen gerade einmal 55 Jahre im Durchschnitt; in süd- und ostafrikanischen Staaten wie Swasiland sind es sogar nur 34! Mittellose haben kaum Zugang zu Bildung, daher auch keine gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten und erst recht keine Lobby. Armut ist, da selten aus freien Stücken gewählt und ebenso selten selbst verschuldet, keine Schande. Das ist bereits das einzig Positive, was sich über sie sagen lässt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Jenseits zweier Buchdeckel

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Auf der Buchmesse, das ließ unsere vorgestrige Ausgabe („Von der improvisierten Bücherschau zum Medienereignis“) bereits durchblicken, geht es längst nicht mehr nur um Bücher. Doch existiert aller Schwarzmalerei der Puristen zum Trotz immer noch eine Welt jenseits der digitalen.

Eine solche erwartet den Besucher etwa in Halle 3.0 am Stand H 385: Dort stellt der Moses-Verlag aus, der mit dem Slogan „Eine Idee mehr“ wirbt. Diese hat nicht unbedingt zwischen zwei Buchdeckeln Platz. Ein Schwerpunkt des Sortiments ist das Rätsel, und hier vor allem der ebenfalls aus Japan stammende Nachfolger des beliebten Sudoku: KenKen heißt der neue Gehirnjogging-Trend, der nicht nur den Kleinen spielerisch die Grundrechenarten näher bringt. Auch ihre Eltern können so manche Defizite aus längst verdrängten Mathestunden aufarbeiten.

Weitere Non-Book-Produkte des Verlags sind Ex-Libris und Lesezeichen, literarische Streichholzschachteln oder Lichtstäbe für Bettlektüre und Reise – und jede Menge Wissen für die Hosentasche in Form handlicher Pocketquiz (Ich lasse das mal so stehen, die korrekte Mehrzahl könnte ich vier Reihen weiter an Stand C 167 erfragen, wo der Duden-Verlag ausstellt) . Die Themen reichen von Allgemeinwissen über Märchen bis zu den Klassikern der Weltliteratur. Auch die Benimmregeln wurden in einem Knigge-Quiz verarbeitet. Fehlt noch der Small Talk …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Kritik an unserer Überflussgesellschaft

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Es gibt zwei Arten von Wirtschaftsgurus, sagt ein Experte, der heute 100 Jahre alt geworden wäre: diejenigen, die nichts wissen, und die, die noch nicht einmal wissen, dass sie nichts wissen. Sich selbst schloss John Kenneth Galbraith von dieser Klassifizierung selbstverständlich aus.

Den Durchbruch erzielte der Harvard-Professor mit seinem 1958 erschienenen Werk „The Affluent Society“. Darin kritisiert er die kapitalistische Überflussgesellschaft, die nicht mehr nach dem Bedarf der Bevölkerung produziert: Zunächst werde eine Ware hergestellt und anschließend eine künstliche Nachfrage geschaffen – durch weitreichende Werbung und aufwendiges Marketing. Und warum das alles? „Nur um die Sucht nach noch eleganteren Autos, nach noch mehr exotischen Leckereien, nach noch mehr erotisch betonter Kleidung, nach noch raffinierterem Amüsement zu befriedigen.“ Sagt Galbraith.

Die Folgen einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung pflegte der kritische Ökonom recht nachvollziehbar auszumalen: „Die Familie, die ihr lila-kirschrotes, automatisch geschaltetes, automatisch gebremstes, mit raffinierter Luftheizung und Luftkühlung ausgestattetes Auto aus der Garage holt, um einen Ausflug zu machen, fährt durch Orte mit schlecht gepflasterten und ungereinigten Straßen, verfallenen Häusern, scheußlichen Reklameschildern … und genießt am Ufer eines verdreckten Flusses die köstlichen Konserven aus der transportablen Kühlbox.“

Galbraith, der wahre Guru, lebte lange genug, um seine düsteren Prognosen in Erfüllung gehen zu sehen. Er starb am 29. April 2006. An Anerkennung hat es ihm nicht gefehlt: Fast 50 Ehrendoktortitel wurden ihm angetragen, und die höchste US-Auszeichnung, die Presidential Medal of Freedom, bekam er als einziger Amerikaner zweimal verliehen: von Harry Truman und Bill Clinton. Nur das mit der bedürfnisgesteuerten Produktion müssen die westlichen Industriestaaten noch üben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Von der improvisierten Bücherschau zum Medienereignis

Dienstag, 14. Oktober 2008

Morgen öffnet die Messe in Frankfurt ihre Pforten. Es ist das 60. Jubiläum des größten Medienereignisses um die Welt zwischen zwei Buchdeckeln. Noch immer waren in der Mainmetropole nicht sämtliche Trümmer beseitigt, die ihr der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, als sich im Herbst 1949 die Deutschen ihres alten Ehrentitels als Volk des Buches entsannen.

Schließlich hatte keine 30 Kilometer flussabwärts Johannes Gutenberg den Buchdruck erfunden und die alte Messestadt Frankfurt sich in der Folgezeit rasch zum Bücherumschlagplatz Nummer eins in Europa entwickelte. Bei der ersten Nachkriegsbuchmesse lautete das Motto noch „Mut zur Improvisation“: Ausstellungsort war die Paulskirche, nicht nur Lesern dieses Newsletters als Bühne des ersten frei gewählten deutschen Parlaments bekannt (siehe unsere Ausgabe „Der Geburtstag der Demokratie in Deutschland“vom 18. März).

Zur Schau gestellt wurden die Bücher damals noch auf schräg gestellten Schaltafeln, wie sie sonst auf dem Bau verwendet werden. Immerhin präsentierten sich 200 deutsche Verlage, und 14 000 Besucher kamen. Inzwischen kommen 20-mal so viele – darunter auch der Autor der Zeilen, die Sie gerade lesen – um sich die Neuheiten der rund 7000 Aussteller anzuschauen.

Und längst ist nicht mehr alles, was dort gezeigt wird, zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Die Skepsis gegenüber einem einstigen Schreckgespenst, berichtet die messeeigene Webseite, „weicht immer mehr wirtschaftlichen Interessen, das Phänomen Digitalisierung wird zunehmend als Chance begriffen. Auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werden die neuesten Entwicklungen wieder einen Schwerpunkt ausmachen.“

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Wenn einer die Arbeit von vieren macht

Montag, 13. Oktober 2008

Heute vor 60 Jahren stellte der Bergmann Adolf Hennecke einen etwas merkwürdigen Rekord auf: Er (über)erfüllte die durchschnittliche Tagesnorm um 387 Prozent. Nun war diese Aktion gut vorbereitet: Hennecke durfte an jenem 13. Oktober 1948 an einer Stelle abbauen, an der sich die Kohle besonders leicht schürfen ließ. Auch hatte er vorher mehr als ausreichend gefrühstückt, sodass während der Schicht keine weitere Nahrungsaufnahme notwendig war.

Und warum das alles? In der sowjetischen Zone – die DDR gab es erst ein Jahr später – plante man, ganz nach dem Muster des Besatzerlandes, Aktivisten vom Schlage Henneckes als Vorbilder aufzubauen, um die Arbeitsmoral der übrigen Werktätigen zu heben. Anfangs war Hennecke alles andere als einverstanden: Er wollte nicht als Kollegenschwein dastehen und einen Grund liefern, dass in Zukunft die Arbeitsnormen einfach heraufgesetzt wurden. Und das auch noch bei gleichem Lohn!

Schließlich hatte Hennecke an diesem Tag für vier gearbeitet. Doch alles Sträuben half nichts: Der Held der Arbeit wurde schließlich bis ins Zentralkomitee der SED hochgejubelt. Totgearbeitet hat er sich übrigens nicht, allerdings konnte er seine Rente nicht lange genießen: Der gebürtige Westfale und überzeugte Kommunist Adolf Hennecke starb 1975 in Ostberlin. 69 Jahre alt war er geworden.

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Was Ihr Chef nicht wissen muss …

Freitag, 10. Oktober 2008

Heute möchte ich ein wenig Werbung in eigener Sache betreiben. Ich habe nämlich ein Buch geschrieben. Es heißt „Was Ihr Chef nicht wissen muss …“; und wäre auf dem quietschgrünen Cover noch ein wenig mehr Platz gewesen, hätten noch die beiden Wörtchen „… aber Sie!“ hinzugefügt werden können – denn je mehr Arbeit einer Führungskraft von seiner rechten Hand abgenommen wird, desto besser kann sie sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Oder, wie es der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ausgedrückt hat: „Eine gute Sekretärin ist der beste Schutz gegen die Managerkrankheit.“

Das Lexikon für den Büroalltag – so der Untertitel – bietet schnelle Hilfe bei allen Fragen rund um das Sekretariat: Von Ablage bis Zeitdiebe sind darin die wichtigsten Begriffe alphabetisch geordnet, übersichtlich präsentiert und verständlich erklärt. Wertvolle Tipps und Informationen unterstützen Berufsanfängerinnen, aber auch gestandene Sekretärinnen und Assistentinnen bei der Bewältigung ihres Büroalltags. Und sie liefern den einen oder anderen, vielleicht entscheidenden Anstoß, um auf der Karriereleiter voranzukommen.

Vielleicht wäre das Buch etwas für Sie oder jemanden aus Ihrer Familie beziehungsweise Ihrem Bekanntenkreis? Für alle Fälle nenne ich Ihnen die Bestelldaten: Ralf Höller, Was Ihr Chef nicht wissen muss. Das Lexikon für den Büroalltag. Orell Füssli Verlag, Zürich 2008. 192 Seiten, 20,50 Euro. ISBN: 978-3-280-05303-4.

Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten www.loquis.de und www.ofv.ch (in der Katalog-Schnellsuche ‘Höller’ eingeben).

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Keine Tränen bei der Beerdigung

Donnerstag, 9. Oktober 2008

„Ich will, dass man lacht, ich will, dass man tanzt, ich will, dass alle sich wie verrückt amüsieren, ich will, dass man lacht, ich will, dass man tanzt, wenn es so weit ist und man mich ins dunkle Loch legt.“ So unsentimental besang Jacques Brel sein eigenes Sterben in dem Chanson Le moribond (Der Todgeweihte). US-Sonnyboy Terry Jacks machte daraus eine total verkitschte Version – und landete mit Seasons in the Sun 1974 einen Welthit.

Dass es auch eine Nummer anspruchsvoller geht, bewies Brel mit seinen Liebesliedern, die oft einen ironischen Touch hatten. Er konnte auch bösartig sein, etwa wenn er sich in Les Flamands über seine nordbelgischen Landsleute lustig machte. Denn Brel war, obwohl er heute noch als einer der größten französischen Chansonniers verehrt wird, Belgier. Und er war kein Flame, sondern Wallone.

Seine Erfolge feierte der 1929 Geborene ausschließlich in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. An deren Ende zog er sich, müde geworden, von der Bühne und aus den Plattenstudios zurück. 1977 gelang ihm ein grandioses Comeback, doch auch das war nur von kurzer Dauer. Zu diesem Zeitpunkt war der Kettenraucher bereits unheilbar an Lungenkrebs erkrankt. Jacques Brel starb heute vor 30 Jahren. Ob auf seiner Beerdigung getanzt wurde? Sie fand an einem sehr beschaulichen Ort statt: auf der malerischen Insel Hiva Oa in Französisch-Polynesien.

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Das Schweigen eines Dummkopfes

Mittwoch, 8. Oktober 2008

„Es gibt nicht Schöneres“, sagte der Wiener Kabarettist und Schauspieler Helmut Qualtinger, „als dem Schweigen eines Dummkopfes zu lauschen.“ Als Künstler durfte sich Qualtinger, der heute übrigens 80 Jahre alt geworden wäre, eine solche Meinung erlauben – beim Small Talk hätte er wohl keine Chance gehabt.

Bei der lockeren Konversation hat man nur dann Erfolg, wenn man auch mit schwierigen Gesprächspartnern umgehen kann. Dazu zählt beispielsweise die Kunst, einen Schweiger aus der Reserve zu locken. Ein Rat diesbezüglich, den Small Talker seit Jahrhunderten befolgen, lautet: Reden Sie einfach übers Wetter!

Beginnen Sie am besten mit einem Zitat des US-Komikers Woody Allen: „Am zuverlässigsten unterscheiden sich die vielen Fernsehprogramme immer noch durch den Wetterbericht.“

Fragen Sie anschließend Ihren zurückhaltenden Gesprächspartner, welche Vorhersage er denn zuletzt gehört habe – und über welches Medium. Schon kommt ein Gespräch in Gang!

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Keine lahme Ente

Dienstag, 7. Oktober 2008

Das Volksauto der frühen Bundesrepublik war der VW Käfer, das der DDR der Trabant. Auch die Franzosen entwickelten ein preiswertes, unverwüstliches Modell nicht nur für Jedermann: Linke Studenten und emanzipierte Frauen fuhren gerne das Fabrikat der Firma Citroën und verpassten dem entenähnlichen Gefährt das Image eines Nonkonformisten-Autos.

Kraft und Geschwindigkeit waren nicht die vordersten Kriterien beim Kauf eines 2 CV: 375 Kubikzentimeter und neun Pferdestärken sorgten für ein Maximaltempo von 70 Stundenkilometern. Die Abkürzung 2 CV steht für deux cheveaux vapeur, auf Deutsch: zwei Dampfpferde. So hieß in Frankreich die Hubraum- und Motorstärke-Einheit, nach der die Kfz-Steuer bemessen wurde.

Heute vor 60 Jahren wurde der 2 CV auf dem Pariser Autosalon vorgestellt. Pierre Boulanger, der Citroën-Direktor, der die „Ente“ in Auftrag gab, hatte seine Techniker angewiesen: „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 Stundenkilometer schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometern verbraucht.“

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Moderne Windmühlen

Montag, 6. Oktober 2008

Sie war die größte ihrer Art weltweit, doch nur vier Jahre lang in Betrieb – und selbst in dieser kurzen Zeitspanne stand sie die meiste Zeit still. Die Rede ist von der Großen Windanlage, kurz Growian genannt. Sie wurde heute vor 25 Jahren in Betrieb genommen. Der Riesenpropeller mit seinen damals nur zwei Rotorblättern, jeweils mit 100 Metern Durchmesser, ragte aus der flachen Dithmarscher Landschaft in Deutschlands Hohem Norden heraus.

Drei Megawatt sollte das Ungetüm erzeugen (zum Vergleich: ein Atomkraftwerk bringt es auf die 300- bis 400-fache Menge) – wenn es denn funktioniert hätte. Immer wieder sorgten technische Pannen und Risse in den Rotorblättern für Zwangspausen. So kam Growian in vier Jahren auf ganze 420 Betriebsstunden. Dann wurde die Anlage stillgelegt und demontiert.

Trotz des wirtschaftlichen Misserfolgs – Bau und Unterhalt kosteten das Bundesforschungsministerium 54 Millionen Euro – wurde Growian zum Vater der alternativen Stromerzeugung.

Heute produzieren die knapp 20 000 deutschen Windenergieanlagen jährlich rund 22 000 Megawatt Strom. Somit werden 5 Prozent des hierzulande verbrauchten Stroms aus Windenergie gewonnen, 2020 sollen es 25 Prozent sein. Weltweiter Spitzenreiter ist übrigens Dänemark mit einem viermal so hohen relativen Windkraftanteil wie Deutschland.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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