Archiv für Februar, 2009

Das Buch, das die Welt veränderte

Mittwoch, 11. Februar 2009

Hat Gott die Tiere – so, wie es in der Bibel steht – eins nach dem anderen erschaffen? Diese Frage rührt an Grundfesten der Religion und ist damit streng genommen kein Small Talk-Thema. Wir können das Tabu jedoch leicht umgehen, indem wir unser Sujet in der Biologie ansiedeln. Die Eingangsfrage hatte sich ein berühmter Forscher gestellt, dessen Geburtstag sich morgen zum 200. Mal jährt. Natürlich plagten Charles Darwin Zweifel, als er vor anderthalb Jahrhunderten sein Werk Über die Entstehung der Arten veröffentlichte.

Den größten äußerte er in einem Brief an seinen Kollegen Joseph Hooker: „Inzwischen bin ich (ganz im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Meinung) beinahe überzeugt davon, dass die Arten nicht (es ist, als gestehe man einen Mord) unveränderlich sind.“ Ein Mord! Ist das nicht das größte vorstellbare Verbrechen? Was aber, wenn dieser Mord an einem Wesen geschieht, welches nur in unserer Vorstellung existiert? Das aber nicht nur die Lehre der Kirche, sondern alle bis dato existierenden Gesellschaften entscheidend geprägt hat? Dann geschieht das Unvorstellbare: eine Revolution! Genau die hat Darwin mit seinem Werk in Gang gesetzt, als er es nach zwei Jahrzehnten voller Bedenken schließlich doch noch veröffentlichte. Die Anerkennung seitens der Wissenschaft für eine Lehre, die das Konzept Gott durch das Konzept Natur ersetzt, ist nicht ausgeblieben.

Das ganze Jahr 2009 wurde weltweit zum Darwin-Jahr ausgerufen worden. Nur die Anhänger des biblischen Schöpfungsgedankens können sich bis heute nicht mit Darwins Evolutionstheorie anfreunden, laut der sich die Arten in einem langen Prozess aus sich selbst heraus entwickelt haben. Die Kreationisten dafür komplett zu verurteilen ist weder Sache dieses Newsletters noch der Darwin’schen Zunft: Zweifeln – das würde jeder Wissenschaftler sofort unterschreiben – ist schließlich erlaubt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Apostrophitis bei uns, Apostrophobie bei den Briten

Dienstag, 10. Februar 2009

Immer wieder werden im Deutschen merkwürdige Apostrophe gesetzt wie „Petra’s Katzenparadies“ oder „Meyer’s Würstchenbude“. Abgeschaut haben wir uns diese Marotte aus dem Englischen. Die Inselbewohner greifen noch häufiger zum Auslassungszeichen als wir. Sie müssen auch, denn ihre Grammatik schreibt ihnen den Gebrauch des Genitiv-Apostrophs zwingend vor: etwa für „Peter’s Chip Shop“ oder bei Ihren Vettern jenseits des großen Teichs im „McDonald’s Restaurant“.

Im Deutschen darf der Apostroph nur gesetzt werden, wenn ein Buchstabe ausgelassen wird und beispielsweise die oben erwähnte Fastfood-Kette ihre Besucher zum längeren Verweilen einlädt: „Bleib’ doch noch ein bisschen.“ Oder wenn im Genitiv ein Doppel-s droht wie in „Klaus’ Bistro“.

Jetzt berichtet die Süddeutsche Zeitung aus England, dass der Apostroph dort auf dem Rückzug ist. So will der Stadtrat von Birmingham seinen Schildermachern statt des korrekten St. Paul’s Square ein apostrophloses St. Pauls Square gestatten. Mal sehen, welche Stilblüten die neue britische Bequemlichkeit – oder handelt es sich bereits um eine ausgewachsene Apostrophobie? – noch treiben wird.

Die Apostrophitis hierzulande hat laut Berichten der Grammatikwächter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel und der Satirezeitschrift Titanic bereits bei manch schräger Schilderreklame Pate gestanden: „Sonntag’s Brötchen“ etwa, „Spielzeug von Damal’s“ oder gar „Matje’s und Seelach’s“.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wer wird das 28. EU-Mitglied?

Montag, 9. Februar 2009

„Die Erweiterung“, schreibt der in der EU für diesen Prozess zuständige Kommissar Olli Rehn auf seiner Webseite, „geht derzeit nicht mit dem Tempo eines Hochgeschwindigkeitszugs, sondern eher mit dem eines Nahverkehrszugs voran.“ Kein Wunder, wurden 2004 doch gleich zehn neue Mitglieder im Paket aufgenommen, zu denen sich 3 Jahre später Bulgarien und Rumänien gesellten.

Nun soll erst mal eine Pause eintreten, auf deren baldiges Ende Kroatien und Mazedonien sowie der ewige Kandidat Türkei hoffen. Doch selbst wenn die Verhandlungen mit dem hoffnungsvollsten Mitglied des Trios, Kroatien, bis Ende 2009 entscheidend vorankommen würden, dürften bis zur endgültigen Aufnahme noch Jahre vergehen. In dieser Situation des Auf-der-Stelle-Tretens trifft es sich gut, dass Kommissar Rehn plötzlich einen Kandidaten aus dem Hut zaubert, den bislang noch niemand auf der Rechnung hatte: Island, durch die Finanzkrise gebeutelt, hat massive Probleme mit Wirtschaft und Währung. Beides könnte eine rasche Aufnahme in EU und Eurozone abmildern. So befleißigt sich der findige Finne plötzlich zu versichern, dass das kleine Inselreich schon immer gute Beziehungen zur EU hatte: seit Jahrzehnten Mitglied der Nato, seit kurzem auch der Schengen-Zone und seit einer gefühlten Ewigkeit Hort der Demokratie.

Da fällt es nicht ins Gewicht, dass Island jeglichem Werben seitens der EU bislang stets eisern standgehalten hatte – ganz einfach, weil das Land eine Mitgliedschaft finanziell nicht nötig hatte und mit seiner bisweilen rücksichtslos unabhängigen Politik wirtschaftlich besser fuhr. Aber das hat sich jetzt geändert. Noch dürfen Wetten darauf abgeschlossen werden, welcher Staat als nächster der EU beitritt. Aber nicht mehr lange.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Bilder, die lügen

Freitag, 6. Februar 2009

Im Liechtensteinischen Landesmuseum gibt es zurzeit eine Ausstellung „Bilder, die lügen“. Gezeigt werden Briefkästen mit Firmenschildern und Banken mit Geheimnissen. Doch Spaß beiseite. Schließlich hat es sich dieser Newsletter zur Aufgabe gemacht, nur noch positive Nachrichten über das kleine Fürstentum zu verbreiten. Gottseidank bietet sich ein aktueller Anlass – eben jene eingangs erwähnte Ausstellung. Die kann ich Ihnen guten Gewissens empfehlen.

Einige Bilder stammen aus den ersten Tagen des Golfkriegs von 1991. Darin schwimmen todgeweihte Seevögel hilflos in einer schmierig-schleimigen Ölbrühe. Saddam Hussein, so die Botschaft der damaligen US-Militärpropaganda, habe das Öl absichtlich in den Golf geleitet. Stimmt aber nicht! In Wirklichkeit sind es Fotos einer Ölpest, die ein ziviles Tankerunglück ganz woanders verursacht hat. Original und Fälschung werden bei einer anderen Fotoserie gegenübergestellt.

Ein Bild zeigt den (treuen Lesern unseres Newsletters bekannten) tschechoslowakischen Reformer Alexander Dubček (siehe unsere Newsletter „Prager Frühling – Mehr als nur Musik“ und „Überwintern mit Bier“)zusammen mit anderen Spitzenpolitikern in der Zeit des Prager Frühlings 1968. Auf einer anderen, scheinbar identischen Aufnahme – angeblich das Original – ist Dubček, der später in Ungnade gefallen war, wegretuschiert; nur die Kollegen sind noch da. Doch halt! Eine verräterische Fußspitze von Dubček ist geblieben – an einem Ort, wo sie den Gesetzten der Anatomie zufolge nie und nimmer hingehört. Dem Betrachter stellt sich die Frage: Zufall oder Absicht des Zensors?

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. März zu sehen. Weitere Informationen gibt’s im Internet unter www.landesmuseum.li.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wer essen will, muss nicht arbeiten

Donnerstag, 5. Februar 2009

Wer essen will, soll auch arbeiten. Diesen Schluss lässt Götz Werner nicht gelten. Der Wirtschaftsprofessor an der Universität Karlsruhe und Gründer der Drogeriekette dm setzt sich für das Gegenteil ein: Nur wer anständig zu essen hat, kann auch anständig arbeiten, lautet seine Überzeugung: „Wenn der Bürger ein Einkommen bekommt, um frei von den dringlichsten Existenzsorgen zu sein, ist er frei, etwas Sinnvolles zu tun.“

Werner ist dagegen, dieses Grundeinkommen zur Existenzsicherung an irgendwelche Bedingungen zu knüpfen: „Was jeder aus seinem Leben jenseits der Grundversorgung macht, liegt dann vor allem in der eigenen Verantwortung.“ Damit finanzieren wir alle jene, die nicht arbeiten wollen, halten ihm seine Gegner vor. Na und?, kontert Werner, so viel sind das doch gar nicht.

Und da hat der Professor Recht: Eine Untersuchung der damaligen Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg Ende des letzten Jahrzehnts brachte zutage, dass zwanzig Prozent der Arbeitslosen tatsächlich unwillig sind, eine Beschäftigung welcher Art auch immer aufzunehmen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Vier von fünf Erwerbslosen wollen arbeiten. Sie wollen nur – davon ist wohl nicht nur Werner überzeugt – keine sinnlose oder lediglich mit einem Euro zusätzlich alimentierte Beschäftigung aufnehmen.

Arbeit soll laut Werner nicht dem Gelderwerb dienen, sondern den persönlichen Fähigkeiten entsprechen und der Gemeinschaft – sei es der Volkswirtschaft oder dem sozialen Bereich – dienen. Und wer finanziert das Ganze?, würde die nächste Frage lauten. Der Steuerzahler, meint Werner. Dafür spart der Staat die Ausgaben für die teure Arbeitsvermittlung, für Beschaffungsmaßnahmen und für die Kontrolle von Hartz IV-Leistungsempfängern. Auch würden die Kosten für Sozialausgaben auf lange Sicht drastisch reduziert, weil sich immer mehr Bürger im sozialen Bereich engagierten, sobald ihr Grundeinkommen gesichert wäre.

Götz Werner wird heute 65. Wenn Sie seine Idee des bedingungslosen Grundeinkommen weiterverfolgen und diskutieren möchten, empfehle ich Ihnen die Webseite www.unternimm-die-zukunft.de.

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Verlegertochter wird Terroristin

Mittwoch, 4. Februar 2009

„Patty Hearst“ lautet die Überschrift zum Eingangskapitel von Sven Regeners aktuellem Bestseller Der kleine Bruder. Als der Protagonist den Namen auf der langen Autotour von Bremen nach Berlin irgendwann einmal erwähnt, assistiert sein Beifahrer Wolli: „Symbionese Liberation Army. Keine Ahnung, was die eigentlich wirklich wollten, da hat nun echt keiner durchgeblickt.&ldquo

Patty Hearst selber wohl auch nicht. Heute vor 35 Jahren wurde die Tochter eines der reichsten US-Verleger aus ihrer eigenen Wohnung heraus verschleppt. Das Lösegeld von sieben Millionen Dollar weigerten sich die selbsternannten Anwälte von Amerikas Benachteiligten jedoch in Empfang zu nehmen. Von dem Betrag sollten vielmehr Lebensmittel gekauft und in den Armenvierteln von San Francisco verteilt werden. So verkündete es jedenfalls die Entführte höchstpersönlich – über die von ihrem Vater kontrollierten Medien. Patty nannte sich von nun ab Tania und mischte bei den Aktionen der radikalen Gruppe kräftig mit. Ein Videoüberwachungsfilm zeigt sie mit Maschinenpistole im Anschlag bei einem Banküberfall. Doch das moderne Märchen ging rasch zu Ende: Die meisten Mitglieder der Symbionese Liberation Army starben bei Feuergefechten mit der Polizei, an denen bis zu 500 Beamte beteiligt waren. Das Entführungsopfer überlebte.

Nach ihrer Verhaftung wurde Patty Hearst von einem Gericht in San Francisco zu 35 Jahren Haft wegen aktiver Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – auf deren Konto der Tod mehrere Polizisten ging – verurteilt. War die Verlegertochter, wie sie später angab, wirklich das Opfer einer Gehirnwäsche geworden? Und hatte sie erst an jenem Überfall teilgenommen, nachdem sie unter Drogen gesetzt worden war? Das glaubte ihr nach einiger Zeit ein Richter und setzte das Strafmaß auf sieben Jahre herab. Noch mehr von ihrer Unschuld überzeugt war Präsident Carter, der sie begnadigte. Vollständig rehabilitiert wurde Patty Hearst im Jahr 2001 durch Präsident Clinton. Von ihrer Haft hatte sie ohnehin nur 21 Monate verbüßt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Naturnah und bewohnerfreundlich

Montag, 2. Februar 2009

„Betonfabrikant in Finnland – ein Traumberuf!“ So beschreibt Reiseautor Claus Haar in seiner Gebrauchsanweisung für Finnland (erschienen im Piper Verlag) die gängige Architektur im nördlichsten EU-Land: „Generationen wuchsen mit den Betonquadern der Wohnblocks, geraden Linien, Flachdächern, Fensterbändern in allgegenwärtigem unschuldig-freundlichem Weiß auf.„

Der Wohlfühlfaktor im Wohngebiet scheint von außen betrachtet nur vom regelmäßig erneuerten Anstrich abzuhängen. Die Voraussetzung für solche Schlichtheit des Ambiente schufen Finnlands in der ganzen Welt hoch geschätzte Exporte der Moderne: die Architekten. Der wohl herausragendste Vertreter ihrer Zunft wurde heute vor 111„Jahren geboren. Von Alvar Aalto entworfene Gebäude können Sie in Bagdad (das Kunstmuseum) und Bremen (Wohnhochhaus in der Neuen Vahr), in Castrop-Rauxel (Stadtzentrum) und Cambridge(Massachusetts (Baker House), in Wien (Konzerthaus Vogelweidplatz) und Wolfsburg (Kulturhaus und Heilig-Geist-Kirche) bewundern. Der vom Bauhaus- und Werkbund-Stil beeinflusste Künstler war ein großer Anhänger organischer Anfertigungen und passte seine Gebäude gerne der umgebenden Landschaft an: Die Nähe zur Natur sollte auch mitten in der Stadt errichteten Anlagen anzusehen sein. Die Bewohnerfreundlichkeit setzte sich in der Innenarchitektur fort.

So kommt der eingangs zitierte Claus Haar zu dem Schluss: 120 Quadratmeter finnisches Reihenhaus sind einfach mehr als 120 Quadratmeter deutsches.” Alvar Aalto starb 1976 in Helsinki. Sein beeindruckendes Schaffen lebt in seinen Bauten weiter – und im Alvar Aalto-Museum im zentralfinnischen Jyväskylä.

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Der große Tag der Feuchtgebiete

Montag, 2. Februar 2009

Hierzulande haben Feuchtgebiete schon seit längerem Konjunktur. Das liegt aber weniger an einem klimatischen als an einem literarischen Phänomen: Charlotte Roche ist mir ihrem hygienekritischen Abgesang auf die Intimrasur seit Monaten in Deutschlands Bestsellerlisten, und ihre Lesungen sind stets ausverkauft.

Die ursprünglichen Feuchtgebiete haben mit Kommerz wenig zu tun: Sie üben eine segensreiche Wirkung aufs Weltklima aus. Feuchtgebiete binden und speichern Kohlendioxid und sorgen somit für eine Reduzierung des gefürchteten Treibhauseffekts. Daher ist die Erhaltung von Sümpfen, Mooren, Schilfkulturen, Flussauen und Wiesengründen der UNESCO besondere Anstrengungen wert, die alljährlich im Welttag der Feuchtgebiete gipfeln. Sorgen macht den UN-Experten die Bedrohung der wasserreichen Ökoreservate durch menschliche Nutzung: Wenn diese sich schon nicht komplett unterbinden lässt, sollte sie wenigstens nachhaltig sein und ein Nachwachsen der natürlichen Ressourcen ermöglichen.

Wünschen wir den Hütern des Welterbes, dass die natürlichen Feuchtgebiete wenigstens am heutigen Gedenktag stärker als die literarischen Ergüsse ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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