Woher führt der kürzeste Weg von den USA nach Kanada? Dieser Frage ging der Franzose François Gravelet nach. Und fand für sich die Antwort: über den Niagarafluss. Dummerweise versperren Felsen den Weg durchs Flussbett, und zu allem Übel stürzt das Wasser auf seiner Strecke vom Ontario- zum Eriesee mehr als fünfzig Meter in die Tiefe. Es bedurfte also eines Hilfsmittels, dachte sich unser Mann.
Heute vor 150 Jahren spannte er ein Seil über die Niagarafälle und spazierte anschließend von der amerikanischen Seite hinüber aufs kanadische Ufer. Zwanzig Minuten benötigte Gravelet für die 1100 Fuß oder 335 Meter lange Strecke – unter anderem, weil er sich auf halber Distanz zu einem kurzen Nickerchen hinlegte, mit der Balancierstange auf seinem Bauch. Das Kunststück hatte dem Franzosen kaum jemand zugetraut, weshalb hohe Wetten auf seinen Absturz abgeschlossen wurden. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die an dem Stahlseil zerrten, weil sie um ihren Einsatz fürchteten. Noch sieben Mal wiederholte Gravelet sein Kunststück.
Einmal schob er eine Schubkarre vor sich her, darin saß sein Manager. Wieder hielt er auf halber Strecke; diesmal jedoch nicht, um zu schlafen. Ganz Franzose, briet er sich ein Omelette, das er unter den staunenden Blicken der Zuschauer vom Seil herabhängend genüsslich verzehrte.
Ob er dem in der Schubkarre ausharrenden Kollegen etwas abgegeben hat, ist nicht bekannt. Franzosen sollen zuweilen eigenbrötlerisch sein.
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Über Karl-Markus Gauß haben wir an dieser Stelle bereits einmal berichtet (siehe unseren Newsletter vom 12. Dezember 2007 „Wo Sie heute zwei alte Bekannte treffen können“). Bekannt wurde den Autor mit einem Buch über Minderheiten in Europa. Es heißt Die sterbenden Europäer und handelt von Albanern in Süditalien, jüdischen Sepharden in Sarajevo, Sorben in Ostbrandenburg und Ostsachsen und Deutschen in der südslowenischen Gottschee (slowenisch: Kočevje).
Dieses Jahr hat Gauß einen neuen Titel herausgebracht: Die fröhlichen Untergeher von Roana. Einziges Manko des ansonsten aufschlussreichen Werks ist der Untertitel. „Unterwegs zu den Assyrern, Zimbern und Karaimen“ sagt auf den ersten Blick nur Altertumsforschern, Teutonenkennern und Tatarenfreunden etwas. Dahinter stehen, wie bei Gauß nicht anders zu vermuten, Minderheiten, die im Exil leben: Assyrische Einwanderer trifft man, nachdem diese Christen in ihrer ursprünglichen Heimat von Türken und Kurden bedrängt und verfolgt wurden, im südschwedischen Örebro an. Zimbern wiederum haben sich mit dem Abebben der Völkerwanderung in Bergdörfern im Trentino niedergelassen. Die Karaimen schließlich, ein Volk überwiegend jüdischen Bekenntnisses mit tatarischen Wurzeln, siedeln in Litauen.
Das alles liest sich dank des filigranen Ausdrucksvermögens des Autors, der bei seiner Recherche ungewöhnliche Wege beschritten und bewusst auf Komfort verzichtet hat, recht flüssig und kurzweilig – und empfiehlt sich als vorbereitende Lektüre für den Urlaub oder auch als Entschädigung für Daheimgebliebene. Erschienen ist Gauß’ Buch im Zsolnay Verlag, Wien, und kostet 17 Euro 90.
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Der Volksmund verbindet mit dem morgigen Datum eine alte Wetterregel: Fällt auf Siebenschläfer Regen ein, soll’s für sieben Wochen sein (siehe dazu auch unseren Newsletter vom 27. Juni 2006 „Oben grau, unten weiß – und sorgt nur für Verwirrung“). Sehr verlässlich sind solche Bauernregeln (siehe dazu die Ausgabe vom 11. Mai dieses Jahres „Warten auf Sophie“), darin sind sich unsere studierten Wetterfrösche ausnahmsweise einmal einig, nicht.
Sie stellen daher neue Bauernregeln auf, die auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen beruhen. Entsprechend sollte der Volksmund reagieren und sich möglichst bald einen Reim auf den 8. Juli machen; denn an diesem Tag entscheidet es sich, wie der Sommer werden wird. Diese These vertritt Gerhard Müller-Westermeier vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. „Ist es um den 8. Juli herum regnerisch“, so der Meteorologe, „herrscht auch im Hochsommer von Mitte Juli bis Mitte August meist Regenwetter.“ Umgekehrt signalisiert eine stabile Hochdrucklage über Deutschland zwischen dem 6. und 11. Juli einen regenarmen Hochsommer.
Und jetzt dein Einsatz, lieber Volksmund: „Ist’s am Achten kühl und nass, macht der Juli keinen Spaß. Scheint an diesem Tag die Sonn’, ham wir bis August davon.“ Na ja, wenigstens das Versmaß stimmt halbwegs. Vielleicht hilft aber eine andere Überlegung: Als der Volksmund sich das Wetter auf den Siebenschläfer reimte, galt der Julianische Kalender. Mit Einführung des neuen Kalenders, 1582 durch Papst Gregor, verschob sich alles um zehn Tage nach hinten. Auch der Siebenschläfer: Rechnet man zum 27. Juni zehn Tage hinzu, kommt man auf ein Datum, dass beinahe mit der wissenschaftlichen Wetterregel übereinstimmt.
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Gestern ging es um die Göttin des Glücks, heute wollen wir uns der weltlicheren Form dieses Zustandes widmen. Mit anderen Worten: Wo auf unserem Kontinent sind die Menschen am zufriedensten? Diese Frage stellte die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen rund 30.000 privaten Haushalten vom Nordkap bis zur südlichsten Mittelmeerinsel Malta, von Portugals Westküste bis zum Ostrand der Türkei.
Zur Beantwortung mussten die Befragten ihr persönliches Wohlbefinden auf einer Skala von 1 für wenig bis 10 für sehr glücklich einordnen. Mit dem Wetter hat der Grad der Zufriedenheit vermutlich wenig zu tun, denn die vorwiegend sonnigen Länder wie Bulgarien (5,8), Mazedonien (6,3), die Türkei (6,6) und Portugal (6,9) rangierten am Ende der Tabelle. Spitzenreiter waren die skandinavischen Staaten Dänemark und Finnland (je 8,3), gefolgt von ihren Nachbarn Schweden (8,2) und Norwegen (8,1). Deutschland rangierte mit einem Wert von 7,5 im unteren Mittelfeld.
Den Hauptgrund für die Zufriedenheit sahen die Forscher in der finanziellen Situation: Es bedarf nicht unbedingt materiellen Reichtums (siehe dazu auch unseren Newsletter vom 4. Januar 2007 „Das letzte Hemd“), aber doch einer gewissen Abgesichertheit zum Glücklichsein. In den skandinavischen Ländern kommt hinzu, dass sich Lohnempfänger aller Gehaltsstufen relativ gerecht behandelt fühlen. Soziale Ausgewogenheit auf hohem Niveau könnte demzufolge die Glücksformel für ein Land und seine Bewohner lauten.
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Heute ist das Fest der Fortuna. Der Göttin waren in der römischen Antike zahlreiche Tempel geweiht. In der Sprache der alten Römer bedeutet fortuna nicht nur ‚Glück‘, sondern ebenfalls ‚Vorherbestimmung‘.
Alles andere als eindeutig war auch die Begrifflichkeit im antiken Griechenland: Dort hatte das Wort krísis zwei Entsprechungen: Zum einen war damit ein Gerichtsurteil gemeint, die zweite Bedeutung stand für den Wendepunkt einer Krankheit, nachdem das Schlimmste überwunden schien. Wie im alten Europa ist auch im Chinesischen das Schicksal nicht eindeutig belegt: Das Begriffspaar wei ji steht für ‚Krise‘; im einzelnen bedeuten die beiden Wörter ‚Gefahr‘ und ‚Gelegenheit‘. Die weisen chinesischen Philosophen zogen daraus den einfachen Schluss, es komme beim Menschen halt darauf an, was er aus seinem Schicksal macht.
Ähnlich sah es ein deutscher Philosoph: „Was die Leute gemeiniglich als Schicksal nennen, sind meistens nur ihre eigenen dummen Streiche.“ Bezogen auf unsere aktuelle Wirtschaftskrise hat Arthur Schopenhauer da so Unrecht nicht.
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Das Großherzogtum Luxemburg ist einer der wenigen Staaten, die ihren Nationalfeiertag aus rein klimatischen Überlegungen gewählt haben. Es ist der 23. Juni, und auf diese Festlegung wird wohl auch das Geburtsdatum zukünftiger Herrscher keinen Einfluss mehr haben.
Ursprünglich war der höchste weltliche Feiertag des Landes identisch mit dem Wiegenfest des jeweiligen Throninhabers. Im Fall der drittletzten Regentin, der Großherzogin Charlotte, bedeutete dies der 23. Januar. Während Charlottes 45-jähriger Herrschaft muss es einige lausig kalte Winter gegeben haben.
Jedenfalls kamen die Luxemburger auf die Idee, ihr höchstes Staatsfest in einen vom Wetter her angenehmeren Monat zu verlegen. Nur den 23. Tag hielten sie bei. So gilt seit 1963, was sich in der luxemburgischen Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia wie folgt liest: „De Lëtzebuerger Nationalfeierdag gëtt fir d’éischt am Summer gefeiert, amplaz am Wanter.“
Aus dem ‚fürs erste’ sind mittlerweile 46 Jahre geworden; daher ist zu vermuten, dass dieses Provisorium weiter Bestand haben wird.
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Es gab ein einziges Fußballspiel zwischen den Nationalmannschaften der BRD und der DDR. Heute vor 35 Jahren fand es in Hamburg statt, als letzte Begegnung in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft 1974. Die westdeutsche Elf, bereits fürs Viertelfinale qualifiziert, war haushoher Favorit, der Gegner für die Bundesligastars ein nahezu unbekannter.
„Warum wir heute gewinnen“, hatte die Bild-Zeitung am Morgen des Spieltags noch in gewohnter Überheblichkeit getitelt. Am wenigsten despektierlich äußerte sich Bundestrainer Helmut Schön über die DDR-Mannschaft: „Es wimmelt in ihr zwar nicht von Persönlichkeiten, aber sie ist ein gut besetztes, geschlossenes Team, mit Einsatzwillen und Elan.“ Er hätte es besser wissen sollen: Sechs Wochen zuvor hatte der FC Magdeburg im Finale des Europapokals der Pokalsieger den AC Mailand sensationell mit 2:0 geschlagen. In den Reihen des Siegerteams stand auch der Spieler, der nach jenem Abend in Hamburg sagen sollte: „Es war mein elftes Länderspieltor, und ich kann mich nicht erinnern, jemals ein schöneres, wertvolleres erzielt zu haben.“
Tatsächlich hatte Jürgen Sparwasser in der 77. Minute einen perfekten Konter abgeschlossen und so das Aufeinandertreffen entschieden. Mit dieser genialen Aktion hatte sich der DDR-Stürmer in der gesamten Fußballwelt einen Namen gemacht. Für die deutsche Elf bedeutete diese Niederlage aber keinen Nachteil: In der Folge rafften sich die Kicker zu besseren Leistungen auf. Sie gewannen ihre restlichen vier Spiele und wurden Weltmeister.
Für einen westdeutschen Star bedeutete die Niederlage gegen die DDR allerdings das WM-Ende: Der in der 70. Minute eingewechselte Günter Netzer durfte kein weiteres Spiel bestreiten.
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Die Firma Apple aus San Francisco bringt heute die dritte Generation des so genannten iPhone in den Handel. Die neuen Mobiltelefone verfügen über eine Videokamera, eine Autofokus-Funktion für Fotoaufnahmen und einen Kompass. Überrascht Sie das?
Vielleicht fällt Ihr Erstaunen geringer aus, wenn Sie lesen, dass bereits im Jahr 1926 Mobilfunk erfolgreich eingesetzt wurde: Die Reichsbahn installierte diese Technik auf einer ihrer Hauptstrecken, von Hamburg nach Berlin. Keine zwei Jahrzehnte vergingen, als schon das erste tragbare Handgerät fürs mobile Telefonieren zur Verwendung kam.
Sehr handlich war es im Vergleich zum neuen iPhone nicht gerade. Das Ungetüm wog stattliche 18 Kilo und hätte wohl nur in einen Rucksack gepasst. Bei einem Anruf hätte der Träger zudem recht fix sein müssen, denn die Akkus der ersten Mobiltelefongeneration reichten gerade mal für eine Sprechzeit von 2 Minuten und 30 Sekunden.
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Die Welt der Inseln scheint Ihnen ja ganz gut zu gefallen; jedenfalls gab es keine negative Leserpost. Kein Grund also, das Thema zu wechseln. Noch weiter nördlich als die beiden Eilande, um die es in den letzten Ausgaben ging, liegt die größte Insel der Welt. Doch hat Grönland den Nachteil, dass es um den Polarkreis herum empfindlich kalt ist, weshalb zwischen der Hauptstadt Nuuk im Süden und dem an die USA verpachteten Luftwaffenstützpunkt Thule im Hohen Norden weniger als 60 000 Menschen leben.
Ganz anders ist die Situation auf Java: Die bevölkerungsreichste Insel der Welt verzeichnet knapp 130 Millionen Einwohner auf 132 000 Quadratkilometern – das ist gerade einmal ein Sechzehntel der Fläche Grönlands.
Java ist ein Teil Indonesiens, eines Staates, der sich aus 17 480 Inseln zusammensetzt. Doch während die Bevölkerung kräftig wächst – jedes Jahr kommen zu den aktuell 233 Millionen 1,4 Prozent hinzu – reduziert sich die Landfläche.
So gingen in den letzten Jahren wegen der Erderwärmung und des gestiegenen Meeresspiegels 24 Eilande verloren. In den nächsten beiden Jahrzehnten, befürchten die Klimaforscher, werden 2000 weitere indonesische Inseln für immer von der Oberfläche verschwinden.
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Das Thema unseres heutigen Newsletters ist mit dem von gestern fast identisch; doch geht es nicht um Irland, sondern um Island. Die 1000 Kilometer weiter nördlich gelegene Insel ist um ein Drittel größer, verfügt aber mit 300 000 Einwohnern gerade mal über ein Dreizehntel der irischen Bevölkerung.
Bis vor kurzem war Island eine Insel der Seligen: Es gab kaum ein Land in Europa mit einem größeren Pro-Kopf-Einkommen. Entsprechend hoch waren die Preise, entsprechend niedrig die Bereitschaft der Insulaner, der Europäischen Union beizutreten. Das alles hat sich radikal geändert. Schuld ist die Banken- und Wirtschaftskrise, die unweigerlich zu einem Staatsbankrott geführt hätte, wäre der Internationale Währungsfonds nicht im allerletzten Moment mit einer Milliardensumme eingesprungen.
Jetzt hat Island die weltweit höchste Pro-Kopf-Verschuldung, und ein EU-Beitritt ist nur aus dem einzigen Grund kein Thema, weil die Gemeinschaft einen derart angeschlagenen Kandidaten lieber nicht aufnehmen möchte. Keine schönen äußeren Umstände, unter denen das kleine Volk im Nordatlantik heute den 65. Geburtstag seiner Unabhängigkeit feiert, denn bis zum 17. Juni 1944 gehörte die Insel zu Dänemark.
Fürs erste wird man in Island froh sein, so kurz vor Erreichen des Rentenalters nicht überraschend das Zeitliche gesegnet zu haben.
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