Die französischste Art, ein Omelette zu verzehren
Dienstag, 30. Juni 2009Woher führt der kürzeste Weg von den USA nach Kanada? Dieser Frage ging der Franzose François Gravelet nach. Und fand für sich die Antwort: über den Niagarafluss. Dummerweise versperren Felsen den Weg durchs Flussbett, und zu allem Übel stürzt das Wasser auf seiner Strecke vom Ontario- zum Eriesee mehr als fünfzig Meter in die Tiefe. Es bedurfte also eines Hilfsmittels, dachte sich unser Mann.
Heute vor 150 Jahren spannte er ein Seil über die Niagarafälle und spazierte anschließend von der amerikanischen Seite hinüber aufs kanadische Ufer. Zwanzig Minuten benötigte Gravelet für die 1100 Fuß oder 335 Meter lange Strecke – unter anderem, weil er sich auf halber Distanz zu einem kurzen Nickerchen hinlegte, mit der Balancierstange auf seinem Bauch. Das Kunststück hatte dem Franzosen kaum jemand zugetraut, weshalb hohe Wetten auf seinen Absturz abgeschlossen wurden. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die an dem Stahlseil zerrten, weil sie um ihren Einsatz fürchteten. Noch sieben Mal wiederholte Gravelet sein Kunststück.
Einmal schob er eine Schubkarre vor sich her, darin saß sein Manager. Wieder hielt er auf halber Strecke; diesmal jedoch nicht, um zu schlafen. Ganz Franzose, briet er sich ein Omelette, das er unter den staunenden Blicken der Zuschauer vom Seil herabhängend genüsslich verzehrte.
Ob er dem in der Schubkarre ausharrenden Kollegen etwas abgegeben hat, ist nicht bekannt. Franzosen sollen zuweilen eigenbrötlerisch sein.
Autor von Small-Talk-Themen.de


