Archiv für November, 2009

Dulden heißt beleidigen

Montag, 16. November 2009

Vor Jahren besuchte ein Reporter den aus Ghana stammenden Bundesligaprofi Anthony Yeboah. Der Fußballer hatte gerade in der Nähe von Frankfurt, wo er bei der Eintracht kickte, ein neues Domizil bezogen. Erstaunt stellte der Pressevertreter fest, Yeboah wohne ja wie ein deutscher Musterbürger. Warum auch nicht? Schließlich wird hierzulande von Neuankömmlingen erwartet, dass sie sich den Landessitten anpassen. Yeboah jedenfalls fühlte sich leicht auf den Schlips getreten und antwortete seinem Besucher: „Soll ich etwa ein Lagerfeuer im Wohnzimmer machen?“

Heute ist der internationale Tag der Toleranz. Vielleicht ist das eine Gelegenheit für uns alle, bezüglich des Umgangs mit anders Aussehenden, Denkenden und Lebenden einmal in uns zu gehen. „Dulden heißt beleidigen“, sagte einmal Johann Wolfgang von Goethe und meinte damit, Toleranz sei nur der erste Schritt, um auf andere zuzugehen. Um wirklich eine Beziehung aufzubauen, müsse man sein Gegenüber auch akzeptieren.

Wie schwierig dies mitunter sein kann, demonstrierte Albert Einstein mit der von ihm erwarteten Reaktion auf seine Relativitätstheorie: „Werde ich Recht behalten, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, die Franzosen, ich sei Europäer und die Amerikaner, ich sei Weltbürger. Werde ich nicht Recht behalten, werden die Amerikaner sagen, ich sei Europäer, die Franzosen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei ein Jude.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum Sie Freitag den 13. doch sehr ernst nehmen sollten

Freitag, 13. November 2009

Unserem Newsletter, den Sie vielleicht schon seit einiger Zeit lesen, wird eine gewisse pädagogische Tendenz nachgesagt. Tatsächlich bilden wir uns etwas darauf ein, die Allgemeinbildung unserer Leser zu verbessern. Da ist der Schritt zur seelischen Fürsorge nicht weit. „Freitag der 13.“, titelten wir in der Ausgabe vom 13. Januar 2006, „ist kein Unglückstag“. Als Beleg zitierten wir den Heidelberger Soziologen Edgar Wunder. Der kam nach der Analyse von 26 Freitagen, die von 1985 bis 1999 auf einen 13. fielen, zu einem beruhigenden Schluss: Im statistischen Mittel ist die Unfallzahl an einem Freitag den 13. geringer als etwa an einem Freitag den 20.

Neuere Untersuchungen lassen an dieser These zweifeln. Wussten Sie, dass Freitag der 13. der Tag mit den meisten Krankmeldungen ist? An einem Datum wie heute bleiben dreimal mehr Arbeitnehmer zu Hause als an jedem anderen Freitag. Rechnet man diese Fehlzeiten ein – und geht davon aus, dass die meisten Strecken an den Arbeitsplatz und zurück mit dem Auto absolviert werden, kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis: Die Unfallhäufigkeit ist an einem Freitag den 13. mindestens doppelt so hoch wie an anderen Freitagen.

Die erste Unvorsichtigkeit haben Sie heute vermutlich schon begangen, denn ich nehme an, dass Sie sich diesen Newsletter ins Büro schicken lassen. Seien Sie wenigstens auf dem Weg nach Hause beziehungsweise ins Wochenende besonders vorsichtig!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Graf, ein Fürst und ein entwürdigendes Geschäft

Donnerstag, 12. November 2009

Luxemburg ist ein kleines Land, in dem sogar der Adel verarmt. Jedenfalls war das früher so, bevor Stahlwerke Konjunktur hatten und es die EU gab. Da musste ein aus diesem Herzogtum stammender Graf einen entwürdigenden Deal schließen: Für eine stattliche Summe führte René, so sein Rufname, eine Frau namens Angèle an den Altar, die durch diese Hochzeit in den Adelsstand erhoben wurde. Nach drei Monaten sollten sich die Beiden dann scheiden lassen. Davon profitierte wiederum ein russischer Adliger: Fürst Basils Land war groß, er selber reich und eine Heirat mit einer Bürgerlichen ausgeschlossen.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kam es, wie es manchmal so kommt, wenn die Liebe sich einen Weg abseits aller pekuniären Überlegungen bahnt. René und Angèle kamen zusammen, Basil behielt das Geld. Bis der Vater ihm befahl, eine andere Adlige zu ehelichen und – blaues Blut verbindet – sich gegenüber René nicht so kleinlich und nachtragend zu zeigen. Das Geld hätte Basil eh nichts genutzt: Bald wurden, nach Weltkrieg und Revolution, die Karten in Russland neu gemischt.

Und das Liebespaar? Genoss sein Glück, zumindest in Franz Lehárs Operette Der Graf von Luxemburg. Sie wurde heute vor 100–Jahren in Wien uraufgeführt, mit großem Erfolg.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Elfter Elfter, elf Uhr elf

Mittwoch, 11. November 2009

„11 ist die Sünde, 11 überschreitet die 10 Gebote.“ Sagt der Astrologe Seni zu seinem Arbeitgeber, dem Feldherrn Wallenstein – in Friedrich Schillers gleichnamigem Drama. Schiller war Schwabe und als solcher dem Karneval beziehungsweise der alemannischen Form des Frohsinns, der Fasnet, gewiss nicht abgeneigt.

Mit der Symbolik der 11 liefert unser gestriges Geburtstagskind dem närrischen Treiben jedenfalls eine schöne Rechtfertigung, welche jedes Jahr am Elften im Elften gerne wieder aufgegriffen wird. Dann beginnt, natürlich pünktlich um 11 Uhr 11, der Karneval.

Ein aus Düsseldorf stammender rheinischer Kollege Schillers gab später seinen dichterischen Senf dazu: „Süß ist’s“, meinte Heinrich Heine, „zur rechten Zeit den Narr’n zu spielen.“ Fehlt noch ein Zitat von Goethe, nicht wahr? Auch der in einer hessischen Metropole unweit der närrischen Hochburg Mainz Geborene machte sich Gedanken zur jecken Zeit: „Wenn keine Narren auf der Welt wären“, meinte Goethe, „was wäre dann die Welt?“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Faule Äpfel

Dienstag, 10. November 2009

„Man sollt’ den Tag nicht vor dem Abend loben“, lässt Friedrich Schiller in Wallensteins Tod den Kommandanten von Eger, Gordon, zum Titelhelden sagen. Schiller wäre heute 250 Jahre alt geworden, was für diesen Newsletter ein Grund ist, sich einmal näher mit dem Arbeitsalltag des Dichters zu befassen. Einen ersten Einblick hatten wir Ihnen bereits einmal gegeben (siehe dazu unsere Ausgabe vom 2. Dezember 2008 „Faule Äpfel und tote Hühner“).

Darin hieß es, Schiller konnte nur schreiben, wenn er den Geruch von verfaulten Äpfeln in der Nase hatte. Das wissen wir von Goethe, der Schiller einmal besuchte, als dieser gerade nicht zu Hause war. Goethe wartete in dessen Arbeitszimmer und „bemerkte, dass aus einer Schieblade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete, fand ich zu meinem Erstaunen, dass sie voller fauler Äpfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wieder hergestellt fühlte. Indes war seine Frau wieder eingetreten, die mir sagte, dass die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schiller wohl tue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne.“ Letzteres tat Schiller meistens nachts, da er zum Schreiben absolute Ruhe brauchte und ihm die besten Einfälle zuverlässig nach Mitternacht kamen. In seinen ersten Schaffensjahren half er der Kreativität mit einer Flasche Wein nach.

Seit dem Wallenstein hatte er jedoch so viel Routine bei der Arbeit entwickelt, dass er keiner Stimuli mehr bedurfte – abgesehen vom vielen Tabak und den ungezählten Tassen Kaffee, mit denen er sich wach hielt. Und natürlich den Äpfeln! Das alles, verbunden mit der ständigen Nachtarbeit, trug dazu bei, dass Schiller nur 45 Jahre alt wurde. Wenn Sie mehr über Schillers Leben wissen möchte, empfehle ich Ihnen Gero von Wilperts Buch Schiller. Die 101 wichtigsten Fragen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das glücklichste Volk auf der Welt

Montag, 9. November 2009

Heute jährt sich der Tag, an dem die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger aufgehoben wurden, zum zwanzigsten Mal. Die und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten eingeleitet. Sicher erinnern Sie sich noch an jene zunächst recht langweilige Pressekonferenz, die live im DDR-Fernsehen übertragen und später unzählige male wiederholt wurde. In ihr erwähnte Politbüromitglied Günter Schabowski in einem Nebensatz, seine Regierung habe beschlossen, „eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Regelung denn in Kraft trete, antwortete Schabowski ziemlich verdattert: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Das ließen sich die Ostdeutschen nicht zweimal sagen: Das Ergebnis war die größte Völkerwanderung Richtung Westen in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. Dabei waren die Grenzübergänge nicht einmal geöffnet. Lange Schlangen bildeten sich, und die Beamten dort wussten nicht, was sie tun sollten. Zunächst durften Bürger nur passieren, nachdem sie ihren Ausweis zeigten. Der wurde sofort entwertet, um eine Rückkehr unmöglich zu machen. Doch bald war der Ansturm so groß, dass keine Kontrollen mehr durchgeführt werden konnten.

Schließlich kapitulierten die Grenzer: Um 23 Uhr 14 öffnete sich als erster der Schlagbaum an der Bornholmer Straße in Berlin. Weitere Übergänge folgten diesem Beispiel, und die ganze lange Nacht lang waren die Ostdeutschen im Westen unterwegs. Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper stellte am nächsten Tag fest: „Gestern nacht war das deutsche Volk das glücklichste auf der Welt.“

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Die Kunst, ein Kartenhaus zu bauen

Freitag, 6. November 2009

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer, vor 10 Jahren wurde sie an anderer Stelle wiederaufgebaut: aus Karten. Na ja, nicht ganz: Was am 6. November 1999 im Casino am Potsdamer Platz aus 91.800 Spielkarten entstand, war keine Mauer, sondern ein komplettes Gebäude. 131 Stockwerke wies es auf und kam auf eine Höhe von 7,71 Meter. Das brachte seinem Konstrukteur, dem US-Amerikaner Bryan Berg, einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

Ein Video von Bergs Weltbestleistung können Sie sich auf Youtube anschauen: www.youtube.com. Bergs Homepage finden Sie unter www.cardstacker.com; leider ist sie nur auf Englisch. Doch die Abbildungen sprechen für sich: Berg schichtet nicht nur Karten zu profanen Häusern übereinander, sondern schafft wahre Kunstwerke.

Wollen Sie es auch probieren? Dann klicken Sie auf die FAQ-Leiste: Dort finden Sie wertvolle Tipps, wie Sie ein Kartenhaus bauen, das nichts so leicht zusammenfällt.

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Ein Jahr Obama

Donnerstag, 5. November 2009

Heute vor einem Jahr, in den frühen Morgenstunden, als die meisten Stimmen ausgezählt waren, war es Gewissheit: Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten ihren ersten schwarzen Präsidenten (siehe auch unseren Newsletter vom 4. November 2008 „Ein schwarzer Kennedy?“). „Was darf Europa von einem Präsidenten Obama erwarten?“, fragte der Washingtoner Korrespondent des Berliner Tagesspiegel, Christoph von Marschall in seinem Buch Der schwarze Kennedy. Das Werk erschien übrigens ein Jahr bevor in den USA gewählt wurde.

Die Antwort lässt er einen Kolumnisten der New York Times geben. Bis dahin stand Thomas Friedman nicht gerade in dem Ruf, Parteigänger der Demokraten zu sein. Über Obama schrieb er: „Wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein amerikanischer Politiker oder Präsident als Vorbild in der übrigen Welt galt? Das ist eine ganze Weile her. Es ist vielleicht das stärkste Argument, warum er Präsident werden sollte: Er hat das Potenzial, die kaputte Beziehung zwischen den USA und der übrigen Welt zu reparieren.“

Lässt sich Obamas erstes Regierungsjahr außenpolitisch an diesem Anspruch messen? Für eine solche Herkulesaufgabe braucht es gewiss mehr Zeit. Was die Innenpolitik betrifft, sollten die US-Amerikaner ähnlich viel Geduld aufbringen: 232 Jahre ihrer Geschichte mussten vergehen, ehe ein Schwarzer ins höchste Amt aufstieg.

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Die größte Demo in der DDR

Mittwoch, 4. November 2009

Heute vor 20 Jahren versammelten sich eine dreiviertel Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz. Es war die größte Demonstration in der Geschichte der DDR – und die letzte unter dem alten Regime. 5 Tage später fiel die Mauer. Die Hauptforderung der Demonstranten war damit erfüllt. Unter ihnen befanden sich prominente Schriftsteller wie Christa Wolf, Stefan Heym und Christoph Hein, aber auch vorher ins Zwielicht geratene SED-Größen: Markus Wolf etwa, der frühere Spionagechef, oder der Ostberliner Parteisekretär Günter Schabowski.

Der wurde noch ausgepfiffen, was ihm bei seinem nächsten Auftritt nicht mehr passierte: Da verkündete er die frohe Botschaft, dass ab sofort für alle DDR-Bürger Reisefreiheit herrsche. Es war eine friedliche Demonstration mit durchaus witzigen Elementen. So wurde auf Transparenten „Alle macht dem Volke – nicht der SED“ gefordert oder auch, in alter Rechtschreibung, ein „Reisepaß für jedermann, den Laufpaß für die SED“ gewünscht. Für die sonst allgegenwärtigen, an jenem 4. November 1989 aber offenbar daheimgebliebenen Spitzel gab es ebenfsalls einen guten Ratschlag: „Rechtssicherheit spart Staatssicherheit“. Was im Rückblick überraschend erscheinen mag, damals aber offenbar kein Thema war: Niemand verlangte, sei es auf Transparenten oder in Sprechchören, nach der deutschen Einheit.

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Kein Beschützer der Tiere

Dienstag, 3. November 2009

Heute ist nicht nur Weltmännertag. Heute ist auch der Tag einer besonders männlichen Spezies Mann. Für Sie steht der heilige Hubertus, der Schutzpatron der Jäger, Reiter und Schützen. Hubertus war zu Beginn des achten Jahrhunderts Bischof von Lüttich. Die von ihm praktizierte christliche Nächstenliebe erstreckte sich freilich nicht auf vierbeinige und gefiederte Wesen. Die schoss er lieber ab, als Sport. Als es wieder einmal zu einem sportlichen Aufeinandertreffen zwischen Mensch und Tier kam, erschien dem heiligen Mann ausgerechnet inmitten des Hirschgeweihs, auf das er scharf war, ein goldenes Kreuz, welches ihn zur Buße gemahnte.

Ob Hubertus anschließend den Träger des Geweihs verschonte, entzieht sich der Kenntnis dieser Newsletterredaktion. Einen Hinweis auf das Verhalten des Bischofs könnte aber der Umstand liefern, dass am heutigen Gedenktag nicht zur Schonung der Hirsche aufgerufen, sondern zur Jagd auf dieselben geblasen wird. Dazu passt eine vor Jahren im nördlichen Nachbarland Belgiens veröffentlichte Dissertation. Sie endete mit dem Satz: „Die Jagd wird erst dann zum Sport werden, wenn die Tiere die Möglichkeit bekommen, zurückzuschießen.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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