Archiv für Juni, 2010

Nur im Film der Dummbauer

Mittwoch, 16. Juni 2010

Stan und Ollie haben Durst, aber mal wieder viel zu wenig Geld. Sie beschließen, sich eine Limonade zu teilen. Ollie nimmt das Glas, zögert einen Augenblick und hält es seinem Kumpel hin: „Trink deine Hälfte!“ Stan nimmt das Glas, zögert ebenfalls einen Augenblick – und leert es in einem Zug. „Warum hast du das gemacht?“, entfährt es dem empörten Ollie. „Ich konnte doch nichts dafür“, erwidert der Angesprochene mit weinerlicher Miene. „So, du konntest nichts dafür?“, kommt die bohrende Nachfrage, „warum konntest du denn nichts dafür?“ Darauf Stan entwaffnend: „Meine Hälfte war die untere!“

So liefen die meisten Sketche des Komikerduos Laurel und Hardy ab: Die dickere Hälfte, obwohl marginal intelligenter, zog stets den Kürzeren. Laurel gab zuverlässig den Part des Dummbauern, der durch Zufall die dickeren Kartoffeln zufallen. Im wirklichen Leben war Laurel der intellektuellere der Beiden: Ihm fiel hinter den Kulissen die Rolle des künstlerischen Kopfs zu, er schrieb die Dialoge und führte häufig auch Regie. Laurel war kein Amerikaner, sondern Brite. Sein richtiger Name lautete Arthur Stanley Jefferson.

Heute vor 120 Jahren wurde er in Ulverston, einem Nest in Englands nördlichster Grafschaft Cumbria, geboren. Mit 20 verschlug es ihn als Mitglied einer Komödiantentruppe um Charlie Chaplin in die USA. 1921 erschien Laurel erstmals gemeinsam mit Hardy auf der Leinwand, in dem Film The Lucky Dog. Seit 1926 arbeiteten die Beiden ständig zusammen. Stan Laurel starb 1965 im kalifornischen Santa Monica.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein kleines Dorf mit großem Namen

Dienstag, 15. Juni 2010

Sicher ist es Ihnen schon einmal negativ aufgefallen, dass man nach Flügen von Großbritannien nach Deutschland seinen Pass vorzeigen muss und einer Warenkontrolle unterliegt. Letztere findet glücklicherweise nicht routinemäßig statt, kann aber jederzeit von einem schlechtgelaunten Zollbeamten angeordnet werden. Bei Flügen aus Island fällt die Personen- und Warenkontrolle, außer in dringenden Verdachtsfällen, ganz aus – obwohl Großbritannien Mitglied der EU ist und Island nicht.

Das liegt an einem Vertrag, der heute vor 25 Jahren in einem Luxemburger Städtchen unterzeichnet wurde (siehe unseren Newsletter vom 20. Dezember 2007 „Ein Moselstädtchen schreibt Geschichte“). Die Briten sind dem Abkommen ihm nie beigetreten, wohl aber Island, das neben Norwegen und der Schweiz – die Eidgenossen unterzeichneten 2008 als bislang 25. und letztes Mitgliedsland – zu den Schengen-Staaten zählt, die nicht der Europäischen Union angehören. Mit seinen 1600 Einwohnern zählt Schengen nicht gerade zu den größten Orten in Europa, wohl aber zu den bekanntesten.

Dennoch wird häufig mit erstaunlicher Unkenntnis darüber berichtet. Der Schreiber dieser Zeilen beispielsweise verortete das Moselstädtchen einmal in Frankreich. Damit lag er geografisch immer noch näher als ein ehemaliger französischer Präsident: François Mitterand stufte Schengen als „charmantes Dörfchen in den Niederlanden“ ein.

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Zum ersten Mal in London

Montag, 14. Juni 2010

Heute geht es wie schon in der letzten Woche um London. Diesmal aus der Sicht eines Touristen, der, aus der kommunistischen Tschechoslowakei kommend, zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt eine westliche Hauptstadt erlebt. Die folgenden Eindrücke stammen aus dem sehr lesenswerten autobiografischen Roman Blendende Jahre für Hunde von Michal Viewegh, der in dem Buch das jungfräuliche Londonerlebnis seines Vaters beschreibt:

„Das öffentliche Telefon funktionierte. Als sein englischer Kollege eines Nachmittags an der Kensington Road die Hand hob, blieb das Taxi sofort stehen. Die Polizisten lächelten. Die Fahrer von Luxuslimousinen gewährten ihm am Fußgängerüberweg den Vortritt. Die Toiletten dufteten. Der Kugelschreiber auf dem Postamt, der bisher von niemandem gestohlen wurde, lief nicht aus. Die Dinge, auf denen er stand, saß, schrieb und lag, strahlten vor Sauberkeit und waren nicht wacklig. Der Verkäufer in dem Geschäft mit Hundeartikeln, den er nach einem Floh- und Zeckenhalsband fragte, lachte ihn nicht aus; er bot ihm vier verschiedene Sorten an. Das Essen in den Restaurants war weder kalt noch trocken. Die Kellner waren ungeheuer zuvorkommend. Die besondere Befriedigung, die er empfand, wenn ihm der Hotelboy das Gepäck trug, war keine Eitelkeit: Es war die Freude eines Patienten über eine erfolgreich heilende Wunde.“

Was in dem Roman aus dem Jahr 1992 noch fehlte: eine Fußgängerbrücke, die, sobald man sie betrat, zu schwanken begann.

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Wer wird Weltmeister?

Freitag, 11. Juni 2010

In der Zeit vom 11. Juni bis zum 11. Juli gibt es auch im Smalltalk eine entscheidende Frage. Dieser Newsletter wird sie beantworten – und Ihnen sagen, welche Mannschaft Südafrika in genau einem Monat als Fußballweltmeister verlässt. Der Kreis der Favoriten ist ungefähr so dynamisch wie ein Fünfjahresplan zur Sowjetzeit: In schöner Regelmäßigkeit tauchen die Namen Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande und Spanien auf. Absichtlich wurde hier die alphabetische Reihenfolge gewählt, um nicht vorschnell eine Tendenz erkennen zu lassen.

Beginnen wir mit Nummer drei und der Erörterung der Frage, warum Deutschland nicht Weltmeister wird: Jogi Löws Elf fehlt es an spielerischer Substanz. Wie oft hat die DFB-Elf in den letzten 10 Jahren (seit August 2000, dem 4:1-Sieg über Spanien) eine der obigen Mannschaften geschlagen? Nicht häufiger, als in derselben Zeit eine Kuh zum Mond geflogen ist. Der Sieg gegen Argentinien im WM-Viertelfinale 2006 kam erst nach einem Elfmeterschießen zustande und zählt offiziell als Unentschieden.

Den am häufigsten als Topteam genannten Brasilianern fehlt es an einem wirklich überragenden Spieler wie auch an der konstanten Klasse sämtlicher Mannschaftsteile: Mal patzt die Abwehr, ein anderes Mal treffen die Stürmer das Tor nicht. Italien und Frankreich bestritten das letzte WM-Finale. Beide Mannschaften sind jedoch überaltert beziehungsweise haben ihren Zenit überschritten. Bei den letzten Vorbereitungsspielen, in der Qualifikation für Südafrika und bei der jüngsten Europameisterschaft zeigten beide Ensembles äußerst dürftige Leistungen.

Zwei andere Favoriten vom selben Kontinent, Spanien und die Niederlande, sind zwar schon Europameister geworden, aber noch nie Weltmeister. Das bleibt auch so. Je länger ein Turnier dauert, desto mehr bauen diese Mannschaften ab. Sie sind wohl zu wenig routiniert, um die – auch nervlich hohe Belastung – bis zum Ende durchzuhalten. Eine Endspielteilnahe ist vielleicht drin, mehr aber nicht.

Wer wird also Weltmeister? Richtig, Argentinien! Die Weißblauen haben die besten Einzelspieler und den schlechtesten Trainer. Der kann ihnen eh nichts mehr beibringen, weshalb Diego Maradona nur als Dompteur funktionieren muss. Und noch einen Vorteil hat die mangelnde Berufsqualifikation des ehemaligen Weltklassespielers: Die Argentinier sind die Bürde des absoluten Favoriten erst einmal los und können unbeschwert auflaufen.

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Ein Jahrtausendwerk, das ins Wackeln geriet

Donnerstag, 10. Juni 2010

London ist nicht gerade eine Stadt, die für ihre Zurückhaltung bekannt ist. Zur Jahrtausendwende leistete sich die britische Metropole am 10. Juni 2000 ein imposantes Wahrzeichen, mit dem die Stadtväter noch mehr Öffentlichkeitswirkung als ohnehin schon erzielen wollten. Der Plan gelang, wenn auch anders als ursprünglich gedacht.

Die in aller Bescheidenheit Millenium Bridge getaufte Themsetraverse war bereits drei Tage nach ihrer Eröffnung wieder in den Schlagzeilen. Diesmal musste die schicke Fußgängerbrücke wieder geschlossen werden, und der Fluss konnte in dieser Gegend wie gehabt nur auf den auch für Autos zugelassenen Nachbarkonstrukten Blackfriars Bridge und Southwark Bridge überquert werden. Der Grund für die Schließung waren allzu regelmäßige Schwingungen. Die hatten die durch das Großstadtleben mit all seinen Vorschriften gleichgetakteten Fußgänger beim Beschreiten verursacht. Dadurch war das Jahrhundertbauwerk nicht nur ins Schwanken, sondern auch zu einem neuen Spitznamen gekommen: the wobbly bridge, die wacklige Brücke. Vielleicht hätte man sich bei Experten aus einem ebenfalls gleichgetakteten Milieu erkundigen sollen. Dem Militär sind die Fährnisse des kollektiven Brückenquerens wohlbekannt: Offiziere lassen ihre Soldaten bei einem solchen Gang absichtlich den Rhythmus brechen, um gleichmäßige Schwingungen zu verhindern.

Vielleicht hätten man auf der Millenium Bridge entsprechende Schilder aufstellen sollen mit Hinweisen wie: „Bitte hüpfen Sie alle zwanzig Schritte einmal kräftig auf und ab“, oder „Wechseln Sie ab der Brückenmitte in den Rhythmus der Echternacher Springprozession.“
Die Stadtverwaltung wählte die teurere Version: Sie entschloss sich zur Reparatur, die bis zum Frühjahr 2002 dauerte. Seitdem wackelt die Brücke nicht mehr, wenn Londoner Passanten drübergehen. Einen letzten Härtetest hatte man zuvor mit einer Kompanie untrainierter Rekruten gemacht.

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Ein Gedicht nur aus Konsonanten

Mittwoch, 9. Juni 2010

schtzngrmm schtzngrmm t-t-t-t t-t-t-t grrmmmmm t-t-t-t s-c-h tzngrmm tzngrmm tzngrmm grrmmmmm schtzn schtzn t-t-t-t t-t-t-t schtzngrmm schtzngrmm tssssssssssssssssssss grrt grrrrrt grrrrrrrrrrt scht scht t-t-t-t-t-t-t-t-t-t scht tzngrmm tzngrmm t-t-t-t-t-t-t-t-t-t scht scht scht scht scht grrrrrrrrrrrrrrrrrrrr t-tt: Was sich so liest wie das unfreiwillige Produkt einer sich in Auflösung befindlichen Schreibmaschine ist in Wirklichkeit ein Gedicht von Ernst Jandl.

Einen Sinn ergibt das Wortgestammel erst, wenn Sie es sich laut vorlesen. Mit onomatopoetischen Versen wie den eingangs zitierten wurde der österreichische Lyriker berühmt: Treffender könnte man das Hörerlebnis in einem Schützengraben kaum beschreiben. Dabei machte es sich Ernst Jandl mit seinem Gedicht wahrlich nicht einfach; in schtzngrmm verzichtet er gänzlich auf Vokale. Vielleicht ist es diese Beschränkung, die den erstklassigen Dichter von einem Lautmaler zweiter Güte unterschied. Natürlich war Jandl auf Lesungen angewiesen, um seine Kunst unter die Leute zu bringen. Eine Kostprobe – darunter auch das vom Autor selbst vorgetragene schtzngrmm – finden Sie im Internet unter www.ernstjandl.com.

Live können Sie den Künstler leider nicht mehr erleben: Ernst Jandl starb heute vor 10 Jahren, nicht ganz 75-jährig, in seiner Geburtsstadt Wien.

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Wer verbindet Zwickau, Leipzig, Düsseldorf und Bonn?

Dienstag, 8. Juni 2010

Es ist des Lernens kein Ende, sagte einmal der heute vor 200 Jahren im sächsischen Zwickau geborene Robert Schumann. Der Musiker wusste, wovon er sprach: Als eine Fingerlähmung die Beweglichkeit seiner Hände beeinträchtigte, musste er seine Karriere als Klaviervirtuose aufgeben. Immerhin blieb ihm noch das Komponieren. Für das Flügelspiel in der Familie war seitdem Frau Clara zuständig, ebenfalls eine begnadete Pianistin.

Schumann hatte sie während seines Studiums in Leipzig kennengelernt. Der verhinderte Tastenartist schuf nunmehr bedeutende Kammermusikwerke und Liederzyklen. Auch die Mitte des 19 Jahrhunderts entstandene Oper Genoveva entstammt seiner Feder. Zu diesem Zeitpunkt stand es mit Schumanns Gesundheit nicht mehr zum Besten: Tobsuchtanfälle wechselten mit apathischen Schüben, zur Schlaflosigkeit gesellten sich Wahnvorstellungen - möglicherweise alles Folgen einer Syphilis. 1854 ließ sich der Künstler, mittlerweile zum Musikdirektor der rheinischen Metropole Düsseldorf aufgestiegen, in eine flussaufwärts gelegene Heilanstalt einweisen.

In Endenich, heute ein Stadtteil Bonns, starb Robert Schumann am 29. Juli 1856. Seinen 200. Geburtstag feiern die Orte seines Wirkens mit zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten. Mehr dazu finden Sie auf der Internetseite www.schumannjahr2010.de.

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Small Talk über Südafrika

Montag, 7. Juni 2010

Nicht alles muss sich während der WM – sie beginnt am Freitag – um Fußball drehen. Ein schönes Gesprächsthema ist das Gastgeberland dennoch. Reden Sie im Small Talk über Südafrika. Das Land hat weiß Gott nicht nur Fußball zu bieten.

Die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2007 beispielsweise kommt aus Südafrika, ist aber Britin und heißt Doris Lessing. Bereits 1962 hatte die Autorin einen Welterfolg gelandet: Das goldene Notizbuch lautete der Titel Ihres berühmtesten Romans. Auch Christiaan Barnard wurde weltweit gefeiert. Dabei hatte der Mann vom Kap nur etwas vollbracht, was bis dahin allenfalls im Kollegen- und Wissenschaftlerkreis Anerkennung fand: Er hatte einen Patienten erfolgreich behandelt. Freilich war es ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin: Barnard hatte 1967 erstmals einem Menschen ein fremdes Herz eingesetzt.

Politik ist nicht wirklich ein Smalltalk-Thema, Nelson Mandela aber wohl. Nach Aufhebung der Rassentrennung wurde er der erste schwarze Staatspräsident Südafrikas. Unter dem Apartheidsregime verbrachte Nelson Mandela 27 Jahre auf der Sträflingsinsel Robben Island. Heute zählt er zu den am meisten geachteten Politikern auf diesem Globus: Er ermöglichte, was niemand für möglich hielt: den friedlichen Übergang vom Unrechtsregime zur heutigen Demokratie in Südafrika. Mögen andere seinem Beispiel folgen.

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Ungarn minus zwei Drittel

Freitag, 4. Juni 2010

Deutschland hat seine Schmach von Versailles, die es durch einen erneuten Krieg zwanzig Jahre später zu korrigieren galt. Ungarn erlebte sein Trianon. Während Deutschland als Hauptschuldiger des Ersten Weltkriegs vierzehn Prozent seiner vorherigen Fläche an Frankreich, Belgien, Dänemark, Polen und Litauen verlor, musste Ungarn knapp zwei Drittel seines vor 1914 bestehenden Staatsgebiets an die Nachbarn Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien abtreten.

Sogar Österreich, an dessen Seite die Magyaren in den Krieg gegangen waren, durfte etwas von deren Territorium abzwacken, nämlich die Hälfte des Burgenlandes. Diesen Verlust haben die Ungarn nie verwunden. Handelte es sich doch mit Oberungarn und dem Erdely (den größten Teilen der Slowakei und des heute rumänischen Transsylvanien) um die magyarischen Kernlande. Hier, und nicht etwa in der Puszta, entwickelte sich die ungarische Kultur und spielten sich die bis dato wichtigsten Ereignisse der ungarischen Geschichte ab.

Der Schriftsteller György Dalos drückt es so aus: „Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Alsókubin (Dolní Kubin, heute Slowakei), während mein Vater in Lugos (Lugoj, heute Rumnien) geboren wurde. Zwischen den beiden Städten liegen ungefähr tausend Kilometer Entfernung und inzwischen zwei Staatsgrenzen, die jahrzehntelang schwer und manchmal überhaupt nicht passierbar waren.“

Wenigstens das hat sich in Zeiten der EU geändert – ein wenn auch schwacher Trost für die Ungarn, heute, exakt neunzig Jahre nach dem Friedensvertrag von Trianon.

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Der Papst der Kritiker

Mittwoch, 2. Juni 2010

Marcel Reich-Ranicki, in Polen geboren, kam als Neunjähriger nach Berlin. Das Abitur durfte er noch am Fichte-Gymnasium machen, seine Einschreibung an der Berliner Universität wurde abgelehnt. Reich-Ranicki war Jude.

Im Oktober 1938 wurde er morgens früh um sieben verhaftet. Außer seiner Aktentasche, erzählte Reich-Ranicki später mit dem ihm eigenen trockenen Humor, konnte er noch Honoré de Balzacs Roman Die Frau von 30 Jahren mitnehmen. Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, war er bereits im Ghetto von Warschau interniert. Den Krieg überlebte Reich-Ranicki durch zwei couragierte Aktionen. Die Flucht aus dem Ghetto ging auf seine eigene Kappe: Er bestach einen Wachtposten. Die endgültige Rettung verdankte er einem polnischen Ehepaar, das ihn und seine Frau Teofila über 16 Monate hinweg versteckte.

1958 kehrte Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, nachdem ihn die Behörden im kommunistischen Polen wiederholt schikaniert und auch mit einem zeitweiligen Veröffentlichungsverbot belegt hatten. Der Rest ist bekannt: Reich-Ranicki wurde zu dem Literaturkritiker schlechthin in der Bundesrepublik.

Heute feiert er seinen 90. Geburtstag. Über seinen Berufsstand meinte Reich-Ranicki einmal: „Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus.“

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