Archiv für 2012

Gefrorene Birkenzweige

Freitag, 21. Dezember 2012

Heute hält der Winter offiziell Einzug. Mit Anbruch der kalten Jahreszeit haben hierzulande Wellnesstempel und Saunaoasen Konjunktur. In Finnland schwören sie ganzjährig auf den Schwitzgang, nicht nur im Dezember und Januar bei Monatsdurchschnittstemperaturen von -9°C beziehungsweise -12°C.

Im dünn besiedelten Land am Polarkreis kommen auf 5 Millionen Einwohner 2 Millionen Saunen. Dampfbäder kennt man auch in anderen Kulturen, und das bereits seit der Antike; etwa in der Türkei oder in Griechenland oder auch in Indien. Die Finnen haben aber eine wahre Wissenschaft daraus gemacht. Nicht von ungefähr ist sauna das einzige finnische Wort, das Einzug in andere Sprachen gehalten hat.

Vor 900 Jahren wurde das feuchtheiße Freizeitvergnügen erstmals schriftlich erwähnt - von einem Russen: „Nackte Saunabader hieben mit Baumzweigen auf sich ein und gießen sich zum Schluss kaltes Wasser über den Kopf. Ohne Zwang peinigen sie sich selbst und verschaffen sich auf diese Weise statt Sauberkeit schmerzen.“

Vermutlich hatte der Mönch Nestor seinen Saunagang vorzeitig abgebrochen. Sonst hätte er mitbekommen, dass die Einheimischen zwischendurch oder hinterher zur Erfrischung in einen See springen oder sich winters in jungfräulichem Schnee reinwälzen. Ist weder das eine noch das andere in der Nähe, tut’s auch eine Dusche oder ein Waschzuber.

Ein Detail hatte Nestor freilich sehr gut beobachtet. Nicht allzu heftiges Schlagen mit Birkenzweigen soll während des Saunagangs die Durchblutung fördern. Damit das Reisig nicht nur während der kurzen nordischen Sommer zur Verfügung steht, frieren die Finnen die Zweige ein. Man kann sie sogar bündelweise tiefgefroren kaufen. Nicht nur in Supermärkten: Jede Tankstelle bietet diesen Service an.

Sie ahnen es: Wer die finnische Volksseele ergründen will, fängt am besten in der Sauna an. Oder er besorgt sich Rasso Knallers ebenso kenntnisreiches wie amüsant geschriebenes Buch über die merkwürdige Nation im Hohen Norden. Erschienen ist Finnland: Ein Länderporträt im Christoph Links Verlag (ISBN 978-3-86153-646-8). Der Autor hat viele Jahre in Finnland gelebt und als Rundfunkjournalist dort gearbeitet.

Viel wichtiger: Er hat unzählige Saunagänge zusammen mit Finnen hinter sich. Bei knapp 100 °C, weiß Knoller aus Erfahrung, wird auch der schweigsamste Finne gesprächig. Und erzählt dann, wie es wirklich zugeht in seinem Land. Zumindest in der einen Hälfte, denn das Saunieren in Finnland ist Männerdomäne. Die Frauen tun es auch, aber getrennt vom anderen Geschlecht.

Die größte Ehre, die einem Ausländer in Finnland zuteil werden kann, ist eine private Einladung in die Sauna. Sie gilt als verlässlicher Freundschaftsbeweis. Bei Knoller erfolgte die erste nach anderthalb Jahren im Land. Fast schon ein Speeddating, legt man die sprichwörtliche Zurückhaltung des Gastgebervolks zugrunde.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wie lange darf man an den Weihnachtsmann glauben?

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Weißer Bart und langes weißes Haar, rot-weißer Mantel, rote oder schwarze Hose, dunkle Stiefel, rot-weiße Mütze auf dem Kopf, auf dem Rücken einen Jutesack, in der Hand das Goldene Buch: So kommt uns in der Adventszeit der Weihnachtsmann daher.

Zugegeben, es gibt ihn nicht nur einmal. Doch damit er möglichst authentisch wirkt, bekommt die Person, die in seinen Kleidern steckt, ein ganzes Regelwerk an die Hand. „Der Weihnachtsmann“, heißt es in dem von allen Angehörigen seiner Zunft streng zu befolgenden Ehrenkodex, „strahlt Güte und Harmonie aus. Der Weihnachtsmann ist großzügig und freundlich zu allen. Der Weihnachtsmann ist geduldig und ruhig, denn er hat Zeit für jeden. Der Weihnachtsmann kennt Gedichte, Geschichten und Weihnachtslieder. Der Weihnachtsmann schafft eine schöne und frohe Stimmung. Der Weihnachtsmann flucht nie. Der Weihnachtsmann isst, trinkt und telefoniert nicht im Kostüm und im Beisein von Personen. Der Weihnachtsmann raucht nicht im Kostüm.“

Das alles reicht freilich noch lange nicht aus, um eine wirklich überzeugende Symbolfigur der festlichen Zeit vor der Wiederkehr der Geburt des Herrn abzugeben. Die oberste Regel lautet nämlich: Der Weihnachtsmann mag prinzipiell alle Kinder von 0 bis 100 und älter.

Verinnerlicht hat sie Jörg Lorenzen (siehe auch unsere Ausgabe vom 5. Dezember 2011: Nikolaus oder Weihnachtsmann?), der als Kieler Weihnachtsmann treuen Lesern dieses Newsletters ein Begriff ist. Er besucht auch schon mal eine Klientel, die dem Alter, in dem man noch an den Weihnachtsmann glaubt, längst entwachsen ist.

Angerufen hatte ihn die Mutter eines 28-Jährigen, der - inzwischen längst erfolgreicher Bankmanager - ein Jugendversäumnis nachholen und den frommen Mann erleben wollte. Für alle Beteiligten war es dem Vernehmen nach eine Riesengaudi. Doch gewöhnlich bleibt auch der Kieler Weihnachtsmann den Kleinkindern vorbehalten.

Die Magie in jenem Lebensabschnitt hält Lorenzen für sehr wichtig und findet, „dass auch rational denkende Eltern Kindern nicht ihre eigene Nüchternheit aufdrängen sollten.“ Einen vom Vater angefragten Besuch bei Kindern im Teenageralter lehnte er aus pädagogischen Gründen ab: „Mit acht, neun Jahren muss der Weihnachtsmann-Glaube langsam erledigt sein.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Small Talk in der Vorweihnachtszeit

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Der Small Talk in diesen Wochen muss sich nicht immer um Begriffe drehen, die mit „Weihnachts-„ beginnen. Statt Weihnachtsmann, Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern oder Weihnachtsgeschenken darf es ruhig auch mal - der Christstollen sein.

Fragen Sie im Small Tal zunächst Ihr Gegenüber. Der dürfte Ihnen bestätigen: Meist wird die gepuderte Süßspeise in Verbindung mit der sächsischen Hauptstadt genannt. Die hat ihr Rezept via Schutzverband Dresdner Stollen patentrechtlich eingetragen. Doch besitzt die Elbemetropole keineswegs ein Monopol auf die Herstellung. Zudem ist die geschützte Dresdner Mixtur nur wenig älter als hundert Jahre.

Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde der Christstollen anno 1330. Damals war er weniger Leckerei denn Grundnahrungsmittel. Der Verzehr des fettarmen Backwerks war selbst strenggläubigen Katholiken, die in der Adventszeit wie in den Wochen vor Ostern zu fasten hatten, erlaubt. Die ungewöhnliche Nachsicht hing mit der Beschaffenheit des brotähnlichen Lebensmittels zusammen. Zutaten waren Wasser, Hafermehl und „Rübsenöl“, also Rapsöl. Auch die äußere Form dürfte das Wohlwollen römischer Kirchenoberer hervorgerufen haben: Der mit weißem Puderzucker überzogene Laib versinnbildlichte das in Windeln gewickelte Jesuskind.

Anders als das Aussehen ist der Geschmack über die Jahrhunderte nicht derselbe geblieben. Das traditionell verwendete Öl, oft ranzig oder verunreinigt, sorgte für schlechte künstlerische B-Noten. Daher fragten die Bäcker 1647 ihren obersten Hirten in Rom schriftlich um Erlaubnis, zur Stollenherstellung Butter verwenden zu dürfen. Innozenz X. mochte ihnen die fromme Bitte nicht abschlagen. So viel päpstliche Milde war das Signal zu weiteren Verfeinerungen des Rezepts. Mit der Zeit kamen, je nach Produktionsgegend, in Rum eingeweichte Rosinen, Mandeln, Zitronat und geriebene Zitronenschale hinzu.

So wurde aus einer Fastenspeise ein Festgebäck. Und ein Thema für Ihren vorweihnachtlichen Small Talk!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das italienische Wolfsburg

Dienstag, 18. Dezember 2012

Am 1. Juli 1938 schenkte der Führer seinem Volk eine Stadt. So drückte es die NS-Propaganda aus. Bis zum Mai 1945 hieß sie offiziell Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben. Dann wurde sie in Wolfsburg umbenannt. Fallersleben hieß das Dorf, das sich ursprünglich an der Stelle befand und sich seit 1929 Stadt nennen durfte.

Hinter dem Kraft-durch-Freude-, kurz: KdF-Wagen verbarg sich der VW-Käfer, mit dem die Nationalsozialisten ein für Jedermann erschwingliches Vehikel auf den Markt bringen wollten: den Volkswagen. Der wurde 1945 übrigens nicht umbenannt. In Wolfsburg sollten die Arbeiter wohnen, die den VW zusammenhämmerten, -schweißten und -schraubten. Das tun sie bis heute.

Auch Italiens Führer schenkte seinen Untertanen eine Stadt, wenn auch keine so tolle. Littoria hieß sie ursprünglich, nach dem fascio littorio, dem Henkerbeil, in der römischen Antike Symbol unumschränkter Macht, das die Faschisten als ihr Wahrzeichen adaptiert hatten. Aus Littoria wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das unverfängliche Latina.

Benito Mussolini hatte die Stadt am Reißbrett entwerfen lassen. Bis dahin gab es in dem Gebiet südöstlich von Rom nur Sümpfe, die mühselig trockengelegt werden mussten. Heute vor 80 Jahren war es dann so weit: Der Duce zeigte sich seinen Bewunderern und weihte vom Balkon des ebenfalls neu errichteten Rathauses die Stadt ein - als Zeichen der technologischen Überlegenheit des Faschismus, der aus jedem Sumpf eine Stadt stampfen konnte.

1921 lebten nur rund 1.100 Menschen in den wenigen Dörfern am Tyrrhenischen Meer, ein Jahr nach der Gründung waren es knapp 20.000. Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf 120.000 angewachsen.

Zum Vergleich: Wolfsburg hat 3.000 mehr. Auf ein ähnlich bedeutendes und erfolgreiches Unternehmen wie die Volkswagen AG kann Latina nicht verweisen, dafür aber über 3 seebadtaugliche Meeresstrände. Und 2 Atomkraftwerke, die zum Glück außerhalb der Stadt liegen und zudem nicht in Betrieb sind.

Was einen weiteren Werbeträger betrifft, hinkt Latina Wolfsburg weit hinterher. Die ortsansässige Fußballmannschaft kickt in der dritthöchsten italienischen Klasse zwar auf Profiniveau. Doch spielt der VfL seit 1997 ununterbrochen in der 1. Bundesliga und wurde 2009 sogar Deutscher Meister.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Was macht eigentlich Harold Holt?

Montag, 17. Dezember 2012

Von Harold Holt (siehe unseren Newsletter vom 17. Dezember 2007: Melden Sie Harold Holt, wenn er selbst es nicht tut!) gibt es leider wenig Neues zu berichten. Seit seinem rätselhaften Verschwinden auf den Tag genau vor 45 Jahren ist der ehemalige Regierungschef Australiens nicht wieder aufgetaucht.

Bis heute gehalten haben sich die Witze, die man über ihn macht. Und eine in seinem Heimatland down under berühmte Redensart: He did a Harold Holt bedeutet so viel wie „Er hat sich aus dem Staub gemacht.“

Immerhin ist er seinen Landsleuten in Erinnerung geblieben. So hat man beispielsweise das Harold Holt Swim Centre der zweitgrößten Metropole des Landes nach dem verschollenen Politiker benannt. Jedes Mal, wenn ein Gast im Melbourner Bad sagt: „Ich geh’ dann mal schwimmen“, fühlen sich die übrigen Besucher an die letzten Worte des Ex-Premiers erinnert - und sind erleichtert, nachdem der vorübergehend im Wasser verschwundene nach einiger Zeit wieder wohlbehalten am Beckenrand aufgetaucht ist.

Australiens engste militärische Verbündete, die Vereinigten Staaten, hatten 1971 eines ihrer Kriegsschiffe USS Harold Holt getauft. Was mit dem Kahn wohl passiert ist? Richtig, er ging unter! Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Nach 21 Jahren unfallfreiem Dienst in der US-Navy durfte die Fregatte in Ruhestand gehen.

Wiederum ein Jahrzehnt später wurde sie kurz reaktiviert, nur um am Manöver Sinkex 2002 teilzunehmen. Hinter dem unscheinbaren Namen verbirgt sich eine militärische Übung, bei der die Marine die Wirkung ihrer neuesten Waffen testet. Als Zielscheibe müssen ausrangierte Schiffe herhalten.

Der arme Harold Holt! Erst war er Gegenstand pietätloser Bemerkungen, und dann wurde er nach allen Regeln der Kunst im Meer versenkt! Spätestens hier hätte er protestieren müssen. Da er es nicht tat, können Sie davon ausgehen, dass Harold Holt wirklich nicht wieder auftaucht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Göttinger Sieben

Freitag, 14. Dezember 2012

Den ersten Fehler beging August von Kotzebue mit der Veröffentlichung einer studentenfeindlichen Schmähschrift. In seinem Literarischen Wochenblatt verhöhnte der erzkonservative Preußen- und Russenfreund die damals noch liberale Deutsche Burschenschaft.

Das nahm ihm eines ihrer Mitglieder krumm. Carl Ludwig Sand meldete sich in Kotzebues Mannheimer Wohnung an, um dem Reaktionär ordentlich die Meinung zu geigen. Weiter ging der Argwohn des Gastgebers nicht, und das war der nächste Fehler.

Tatsächlich hatte Sand, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, den Mord am verhassten Widersacher bereits ins Detail geplant. Kaum hatte Kotzebue dem Gast geöffnet und ihn hereingebeten, zückte Sand einen Dolch und stach mehrmals zu. Das Opfer war sofort tot, der Delinquent 2 Monate später: Am 20. Mai wurde Sand in Mannheim unter großer öffentlicher Anteilnahme hingerichtet.

Nicht nur Schaulustige, auch zahlreiche Liberale waren in die kurpfälzische Metropole gepilgert. Sie scharten sich, nach der Enthauptung um das abgetrennte obere Körperteil, schnitten Locken aus Sands Haarpracht und tauchten sie in das frische Blut.

Ganz anders reagierte die Obrigkeit: Auf den Karlsbader Konferenzen wurde die Zensur verschärft, eine Überwachung der Universitäten beschlossen und das Versammlungsrecht rigoros eingeschränkt. Die Beschlüsse blieben bis 1848 in Kraft und trugen zur Verschlechterung des politischen Klimas in Deutschland bei.

Heinrich Heine karikiert sie in seinem Gedicht Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen: „Vertrauet Eurem Magistrat,/Der fromm und liebend schützt den Staat/Durch huldreich hochwohlweises Walten;/Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“

Protest regte sich nicht nur aus Frankreich, wohin Heine sich ins Exil geflüchtet hatte. Das Hambacher Fest (siehe unseren Newsletter vom 30. Mai 2007:Die Wiege der deutschen Demokratie) setzte 1832 ein erstes Signal gegen die politische Unterdrückung.

Ein weiteres folgte 5 Jahre später: 7 Göttinger Professoren protestierten gegen die Aufhebung der Verfassung des Königreichs Hannover durch Ernst August II. Sie beriefen sich auf den Eid, den sie bei ihrem Amtsantritt schwören mussten. Der schrieb ihnen vor, jederzeit und gegen jeden für die Verteidigung der Verfassung einzutreten - auch gegen das Staatsoberhaupt. Die der Zensur längst überdrüssige Presse verbreitete die Beschwerdeschrift rasch in ganz Deutschland.

Für noch mehr Aufsehen sorgte die Reaktion des Monarchen: Heute vor 175 Jahren entließ Ernst August sämtliche Unterzeichner der Note aus ihren Ämtern. Bald kannte man sie als Göttinger Sieben überall in Europa. Es waren der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, der Rechtshistoriker Wilhelm Eduard Albrecht, der Theologe und Orientalist Heinrich von Ewald, der Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus, der Physiker Wilhelm Weber und die Germanisten, Volkskundler sowie Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm. Ihr gemeinsamer Protest, wohlwollend aufgenommen von einer nach Reformen dürstenden Öffentlichkeit, gab der liberalen Bewegung Auftrieb, die in die bürgerliche Revolution von 1848 mündete.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Gott schütze Schweden!

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Gloria.tv ist eine Art Kanzel im Internet. Eine katholische, wohlgemerkt. Ziel des Portals ist laut Eigenaussage die Wahrung, Förderung und Ausbreitung der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens.

Anders als in der Kirche, wo nur einer predigt, darf auf Gloria.tv das Publikum mitreden und jeder Gläubige Botschaften per Video ins Netz stellen. Was sich demokratisch liest und anhört und ursprünglich auch den Segen der Deutschen Bischofskonferenz hatte, ist seit einiger Zeit auf Kritik gestoßen.

Der Gründer der Webseite, der Graubünder Pfarrer Don Reto Nay, erlaubte unlängst dem ultrarechten, antisemitischen und homosexuellenfeindlichen Portal kreuz.net, Texte von ihm zu veröffentlichen. Bislang warten Bischofskonferenz, katholische Würdenträger und Politiker vergebens auf eine distanzierende Stellungnahme Don Retos.

Auf seinem Portal, das muss allerdings noch mal betont werden, finden sich keine diskriminierenden Äußerungen gegenüber Andersgläubigen oder Minderheiten. Im Großen und Ganzen geht es recht gesittet zu, auch wenn sich Katholiken manchmal über die islamische Konkurrenz oder auch über christliche Rivalen ereifern.

Ein Tag, der solcherlei Kritik hervorruft, ist das heutige Luciafest; „eine rein theatralische Darbietung“, wie es in einem Posting heißt, beziehungsweise „protestantische Leere“. Lucia sei eine protestantische Erfindung, assistiert ein weiterer Nutzer, die mit der Heiligen Luzia aus Syrakus nichts zu schaffen habe: „Ich finde es ein Graus, dass ‘diese’ Luzia mittlerweile in unsere katholischen Kirchen gekommen ist. Anstatt dass die Gläubigen die Märtyrerin verehren, die in unseren Kirchen nicht gerade selten steht, dekorieren sie ein hübsches Mädel mit Kranz und Kerzen und haben somit einen ‘Luther-Brauch’ in die eigene Kirche geholt.“

Ganz falsch ist das Urteil, die schwedische Lucia sei eine Erfindung, auch wieder nicht. Den entscheidenden Impuls für den Brauch, wie er sich heute in Schweden, Dänemark und auch einigen norddeutschen Bundesländern gestaltet, gab die Zeitung Stockholms Dagblad, als sie 1927 eine Luciakönigin wählen ließ (siehe auch unseren Newsletter vom 13. Dezember 2007: Ein Schöner Brauch aus Schweden).

Ob diese Tatsache jedoch rechtfertigt, den Brauch in Bausch und Bogen zu verdammen, wird selbst auf Gloria.tv infrage gestellt. Das Luciafest sei ”ein sehr schöner vorweihnachtlicher Brauch in Schweden“, antwortet eine Nutzerin den Kritikern: „Drum möge die heilige Lucia eine große Fürsprecherin der Schweden sein! Gott schütze dieses Land.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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12.12.12

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das heutige Small Talk-Thema gibt das Datum vor: 12.12.12. Wie schon der 11.11.11 ist es den Heiratswilligen vorbehalten. Hochzeiten an Schnapszahlendaten sind heiß begehrt, entsprechend groß ist der Andrang und lang die Voranmeldezeit bei den Standesämtern. Doch nicht überall.

Das Standesamt Hannover etwa vermeldet, von einem übermäßigen Ansturm könne bisher keine Rede sein: „Der Dezember, noch dazu an einem Mittwoch, ist dafür offenbar nicht attraktiv genug“, so der Sprecher der Stadtverwaltung, Udo Möller. Der beliebteste Monat bei Heiratswilligen in Hannover ist übrigens nicht der Mai, sondern der September. Das ist ja auch die Zeit, in der auf deutschen Feldern die Ernte eingefahren wird.

Mit dem Schnapszahlendatum 11.11.11 wird der 12.12.12 kaum mithalten können. Das prognostiziert das Internetportal www.ehe.de. Zum Vergleich ziehen die Hochzeitsexperten den nordrhein-westfälischen Kreis Mettmann heran. Dort gaben sich am ominösen Datum letztes Jahr fast 2.500 Trauende das Jawort - ein Wert, der heute mit Sicherheit nicht erreicht werden wird.

Das Rekordjahr für Eheschließungen muss im einstelligen Schnapszahlenbereich gesucht werden: In Mettmann gingen am 8.8.8 knapp 3.600, am 9.9.9 - die Beliebtheit des Septembers als Monat wird ihren Teil dazu beigetragen haben - sogar 4.000 Heiratswillige den Bund fürs Leben ein. Oder für die nächsten Jahre; eingedenk der betrüblichen Tatsache, dass in Deutschland mehr als jede dritte Ehe geschieden wird.

Fragen Sie im Small Talk, an welchem Tag Ihr Gesprächspartner geheiratet hat. Ob er sich an dieses - einmalige? - Datum noch erinnern kann? Vielleicht ist die Erinnerung an die Scheidung ja frischer! Letztere muss jedoch im Small Talk tabu bleiben Schließlich soll sich die lockere Konversation in erster Linie um positive Dinge drehen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Zivilisation ohne Herz, Herz ohne Zivilisation

Dienstag, 11. Dezember 2012

„Müder Mensch Europas schaut traurig in den goldenen Abend, der noch trauriger ist als seine Seele. Karst. Die Zivilisation ist ohne Herz. Das Herz ist ohne Zivilisation. Erschöpfter Kampf. Evakuierung der Seelen. Der Abend brennt wie Feuer. Tod Europas! Herr Professor, verstehen Sie das Leben?“

Dieses Gedicht hat Srečko Kosovel geschrieben. Er stammte aus Tomaj, einem Dorf im dünn besiedelten slowenischen Karst, zu Fuß 2 Stunden von Triest entfernt. Hier, im Herzen Europas und mitten in der Einöde, tobte die neben Verdun verlustreichste Auseinandersetzung des Ersten Weltkriegs. 12 Schlachten in 3 Jahren kosteten über eine Million Soldaten das Leben.

Kosovel wurde aus der Kampfzone, an deren Rand sein Dorf lag, evakuiert und durfte den Rest seiner Schulzeit im ungefährdeten Ljubljana verbringen. Während des anschließenden Studiums entdeckte er seine Leidenschaft für die Lyrik. 2 Gedichtbände entstanden, dann setzte eine Hirnhautentzündung seinem Leben ein Ende. Kosovel war nur 22 Jahre alt geworden.

Heute wird er wie Wladimir Majakowski oder Kurt Schwitters, die beide auch malten, zu den führenden Vertretern des literarischen Konstruktivismus gezählt - einer Stilrichtung, welche die Welt ganz bewusst aus einem subjektiven Empfinden heraus zu interpretieren versucht.

Hört sich kompliziert an, klingt aber in der aufs Wesentliche reduzierten Sprache Kosovels überraschend einfach und verständlich. Dafür, dass sein Name bei uns auch mehr als ein dreiviertel Jahrhundert nach seinem frühzeitigen Tod nicht in Vergessenheit gerät, sorgt sein Übersetzer. Ludwig Hartinger hat nicht nur des Dichters Worte ins Deutsche übertragen. Er ist ihm nachgegangen, auf unzähligen Wanderungen, auf den Höhen des Karsts, hinunter nach Triest und herüber zu den Tropfsteinhöhlen von Škocjan, und natürlich nach Ljubljana, wo er den Spuren des Schülers und Studenten Kosovel gefolgt ist.

Mittlerweile lebt Hartinger selber zeitweise in Tomaj und ist im slowenischen Karst verwachsen. Davon zeugt auch seine eigene Lyrik, abgefasst in Slowenisch und Deutsch, ebenfalls in sehr reduzierter Sprache.

„Dem Wandelnden“, heißt es in einem Gedicht, „wächst Blatt um Blatt, Unruhe um Unruhe.“ Morgen feiert Ludwig Hartinger seinen 60. Geburtstag, und wir wünschen ihm noch viele Wanderungen im Geiste Kosovels.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die ersten Nobelpreise

Montag, 10. Dezember 2012

„Ich wurde von dem Bedürfnis angetrieben, mein Leben einem wichtigen und ehrbaren Ziel zu verschreiben.“ Solch hehre Absichten treiben viele Menschen an. Was dabei am Ende herauskommt, steht auf einem anderen Blatt.

Den Worten Taten folgen ließ Emil von Behring und gab den eingangs zitierten Satz als Grund an, „warum ich mich gleich zu Anfang dafür entschied, die Krankheiten zu studieren, die Menschen beeinträchtigen und die noch nicht mit anderen Medikamenten behandelt werden konnten.“

Die Krankheit, die der Mediziner studierte, war die Diphtherie. An keiner anderen Seuche gingen so viele Kinder zugrunde, keine andere Infektion verlief mit solch tödlicher Konsequenz bei Heranwachsenden.

Was die Verbreitung von Seuchen betrifft, war Behring bereits in seiner Zeit als Militärarzt sensibilisiert: Soldaten, die Kugeln und Schrapnellen entkamen, fingen sich Bakterien und Viren ein. Ihre Körper entwickelten aber auch Gegengifte gegen solche Krankheiten. Diese ließen sich in Laboren isolieren – etwa in dem des Robert-Koch-Instituts, wo Behring seit 1889 forschte und gemeinsam mit dem japanischen Kollegen Kitasato Shibasaburo ein solches Antitoxin entwickelte. Zu diesem Zweck stellten die Beiden Versuche mit diphtherieinfizierten Schafen an und aus dem Blut der erkrankten Tiere ein Serum her. Dieses erprobten sie 2 Jahre später an kleinen Kindern, die an derselben Krankheit litten.

Tatsächlich hatte das Forscherduo ein Mittel entdeckt, das als Gegengift verabreicht werden konnte. Behring fand später noch einen Wirkstoff, der in einer vorbeugenden Schutzimpfung verabreicht werden konnte. Shibasaburo war bereits 1892 in seine Heimat Japan zurückgekehrt, um dort den Erregern der Pest und der Ruhr auf den Grund zu gehen.

Heute vor 111 Jahren erhielt Behring für seine Verdienste den Nobelpreis für Medizin. Es war das erste Mal, dass diese Auszeichnung vergeben wurde. Weitere Nobelpreisträger waren der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen in Anerkennung der Entdeckung und diagnostischen Verwendung der nach ihm benannten Strahlen, der niederländische Chemiker Jacobus van’t Hoff für das Erkennen der Gesetze der chemischen Dynamik und des osmotischen Drucks in verdünnten Lösungen sowie, in der Sektion Frieden, Henri Dunant.

Den Schweizer hatten wie Behring militärische Erfahrungen zu seiner Tat bewegt: Nach der blutigen Schlacht von Solferino beschloss Dunant die Gründung des Internationalen Roten Kreuzes.

Den Debütpreis für Literatur heimste der Franzose Sully Prudhomme ein. Kritiker des Nobelkomitees sahen dessen Gedichte als zu intellektuell-abstrakt und einer nichtssagenden Kunst um der Kunst willen verhaftet an. Sie hätten die Auszeichnung lieber bei Leo Tolstoi gesehen. Ein weiterer Pazifist als Preisträger war den Juroren wohl einer zu viel.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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