Was hat ein Schiffbruch im arktischen Norden Russlands mit dem Tod eines britischen Premierministers zu tun? Blicken wir ein wenig zurück: Im Jahr 1803 sank das russische Schiff Soyuz im Weißen Meer. Damals war die Nordseeroute von den Niederlanden und Großbritannien um Norwegen herum der gegenüber der Ostsee bevorzugte Handelsweg.
Dafür sorgte eine wärmende, vom Golf von Mexiko bis in die Häfen Murmansk und Archangelsk reichende Meeresströmung, die selbst bei winterlichen Witterungsverhältnissen eine weitgehend eisfreie Passage gewährleistete. Gefahren gab’s immer noch reichlich, etwa die Herbststürme, die Atlantik, Nordsee und Weißes Meer zuverlässig heimsuchten.
Für einen umsichtigen Reeder war es daher geraten, seinen Kahn zu versichern. Umgekehrt durfte eine Versicherungsagentur wie Lloyd’s so viele Abschlüsse verzeichnen, dass auch mal ein Verlust ersetzt werden konnte. Stutzig aber wurden sie in der Londoner Zentrale, als im Fall der Soyuz der Schadensmeldung ein anonymes Schreiben folgte.
Darin wurde dezent angedeutet, beim Untergang des stolzen Schiffes sei ein wenig nachgeholfen worden. Bald danach hielt, Soloman Van Brienen, der Eigner, eine Absage aus London in Händen und nach einem Verräter in den eigenen Reihen Ausschau. In John Bellingham glaubte er fündig geworden zu sein. Der Makler von Schiffsladungen war in den letzten Jahren zwischen den Seehäfen Liverpool und Archangelsk gependelt und hatte auch in beiden Städten gewohnt. Außerdem gehörte ihm ein Teil der Fracht, die auf der letzten Fahrt der Soyuz transportiert wurde.
Van Brienen behauptete, Bellingham schulde ihm mehrere tausend Rubel, und zeigte den Briten beim Gouverneur der Region an. Obwohl Bellingham unverzüglich den Botschafter seines Landes einschaltete, landete er in einem rattenverseuchten Zellenloch in Archangelsk und musste sich die nächsten beiden Jahre von Brot und Wasser ernähren.
Als er endlich freikam, durfte er Russland immer noch nicht verlassen, da sein Reisepass eingezogen worden war. Bellingham kehrte erst 1809 nach England zurück. Dort hatte inzwischen die Regierung gewechselt. Spencer Perceval hieß der neue Premierminister. Er musste sich mit einem nach der Weltherrschaft greifenden Napoleon Bonaparte, einer vehement Wahlrechtsreformen einfordernden Opposition, einem allmählich in den Wahnsinn abdriftenden König Georg III. und rebellischen, aus Protest gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen Maschinen zerstörenden Luddites auseinandersetzen.
Blieb also wenig Zeit für die Eingaben eines Herrn Bellingham, der seine Entschädigungsansprüche für die lange Haft inzwischen nicht mehr an die russische, sondern an die britische Regierung adressierte. Auch das Vorsprechen bei einflussreichen Lobbyisten brachte dem Rechtsuchenden außer lauen Sympathiebekundungen nichts ein.
Schließlich verfiel ein immer verbitterterer Bellingham auf die Idee, beim Regierungschef persönlich zu intervenieren. Zur Untermauerung seiner Argumente packte er eine geladene Pistole ein. Bellingham passte Perceval in der Lobby des Parlaments ab, wo er inzwischen ein häufig gesehener Gast war. Statt viele Worte zu machen drückte der Verzweifelte einfach ab. Die Kugel traf Percival mitten ins Herz.
Bei der Gerichtsverhandlung im Londoner Old Bailey gab der Mörder zu, es wäre gerechter gewesen, den britischen Botschafter, der ihm in Russland Hilfe versagt hatte, zu erschießen. Doch bereuen wollte der seiner Meinung nach zu kurz Gekommene seine Tat nicht. Es war das bislang einzige Mal in der langen britischen Geschichte, dass ein Premierminister einem Attentat zum Opfer fiel. Dies geschah heute vor 200 Jahren. Eine Woche später endete auch Bellinghams Leben, unterm Galgen des Gefängnisses von Newgate.
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