Archiv für 2012

Vorurteile im Small Talk: Frau und Technik

Mittwoch, 16. Mai 2012

Vorurteile haben wir alle. Aber darüber lässt sich reden. Auch im Small Talk. Eine vorgefasste Meinung fand Albert Einstein schwieriger zu zertrümmern als ein Atom. „Ein Urteil“, pflichtete dem Physiker die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach bei, „lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil.“

Ein klassisches Vorurteil, dass Frau von Ebner-Eschenbach - sie starb 1916 - bestimmt schon kannte, betraf das Begriffspaar Frau und Technik. Angeblich stünden sich hier 2 Welten gegenüber. Ähnliches wurde später über Frauen und Computer gesagt. Wenigstens das hat unsere Schriftstellerin nicht mehr miterleben müssen.

Leider auch nicht die Untersuchung des Computerherstellers Hewlett-Packard, die ein komplett anderes Bild ergab. Demnach gaben 39 % der Männer an, die Arbeitsabläufe im Büro seien komplizierter geworden. Und das ausgerechnet seit der Einführung der Computertechnologie! Bei den Frauen sah es ein wenig anders aus. Nur 27 % teilten die Meinung der Männer.

Zurück zu Albert Einstein und seinem Ärger mit den vorgefassten Meinungen. Als der spätere Nobelpreisträger seine grundlegende Arbeit zur speziellen Relativitätstheorie veröffentlichte, wurde er nach seiner Einschätzung der Reaktion in der Öffentlichkeit gefragt: „Das ist einfach vorherzusagen“, antwortete Einstein.

„Werde ich Recht behalten, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, die Franzosen, ich sei Europäer und die Amerikaner, ich sei Weltbürger. Werde ich nicht Recht behalten, werden die Amerikaner sagen, ich sei Europäer, die Franzosen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei ein Jude.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ein unglückliches Finale

Dienstag, 15. Mai 2012

Am Samstag greift endlich wieder einmal ein deutscher Fußballklub nach der Champions League-Krone. Zuletzt holten die Münchner Bayern die höchste europäische Vereinstrophäe ins Land des DFB: anno 2001, in einem langweiligen Spiel, das am Ende wenigstens noch eine spannende Zugabe bot, als Bayerntorwart Oliver Kahn im Elfmeterschießen mit 3 parierten Schüssen zum Helden wurde.

Denkwürdiger war da schon das Finale im Jahr darauf. Wieder mutierte ein Torwart zum Helden, doch aus deutscher Sicht leider der falsche. Im Hampden Park zu Glasgow standen sich heute vor 10 Jahren der haushohe Favorit Real Madrid und Bayer Leverkusen gegenüber. Die Werkself vom Rhein hatte außer einem 1993 gegen die Amateure von Hertha BSC Berlin mühsam errungenen DFB-Pokalsieg bis dato noch nie einen Titel gewonnen, aber auf dem Weg ins Endspiel Größen wie Juventus Turin und die britischen Clubs FC Arsenal, FC Liverpool und Manchester United aus dem Wettbewerb befördert.

Zur Halbzeit führte Real 2:1 durch Tore von Raúl und Zidane, wobei Leverkusens letzter Mann Jörg Butt am Zustandekommen des ersten Gegentreffers nicht schuldlos war. Die zweite Hälfte sah ein permanentes Anrennen der Leverkusener. Selten spielte eine deutsche Mannschaft mit derart ansehnlichen Kombinationen auf, noch dazu äußerst druckvoll.

Zu allem Überfluss hatte sich der madrilenische Keeper Cesar verletzt und musste durch den 21-jährigen, in der Champions League noch unerfahrenen Iker Casillas ersetzt werden. Der hielt tadellos und machte in der Schlussphase drei Leverkusener Großchancen durch sensationelle Paraden zunichte. Nach 90 plus sieben Minuten - so lange wurde nachgespielt - stand das Halbzeit- als Endergebnis fest.

Ein Leverkusener Spieler wurde in jenem Jahr zusätzlich Vizepokalsieger, Vizemeister und Vizeweltmeister. Den ersten nennenswerten Titel - im 1998er Meisterjahr seines früheren Vereins 1. FC Kaiserslautern war er meist nur Ersatzspieler - errang Michael Ballack erst, nachdem er zum FC Bayern gewechselt war. Seine große Karriere nahm ein trauriges Ende, passenderweise in Leverkusen. Doch einer der unglücklichen Helden von Glasgow darf in 4 Tagen am Finale teilnehmen: Jörg Butt sitzt in der Münchner Arena zumindest auf der Bank - als Ersatztorwart der Bayern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Bitte nicht das Wetter von gestern!

Montag, 14. Mai 2012

Das Wetter von gestern hat sich noch nie als Thema für die Zeitungsseiten geeignet. Das war auch im 17. Jahrhundert nicht anders. Immerhin gab es damals schon Zeitungen, etwa den Aviso, die wohl älteste Wochenzeitung in deutscher Sprache, die nachweislich seit 1609 in Wolfenbüttel erschien.

Die Konkurrenz war überschaubar. Im fernen Straßburg gab es noch die Relation: Aller Fürnemmen vnd gedenckwürdigen Historien. Wer weiß, welche ollen Kamellen vor allem in letzterer wiedergekäut wurden. Aktueller, zumindest dem Namen nach, gab sich ein englisches Wochenblatt: A collection for improvement of husbandry and trade, was auf Deutsch in etwa heißt: Sammlung für Verbesserungen in Landwirtschaft und Handel.

Die Macher des fortschrittlichen Periodikums hatten eine gute Idee. Sie veröffentlichten heute vor 320 Jahren den ersten Wetterbericht. Der war für Bauern auf der wetterwendischen Insel stets besonders wichtig. Leider hatte der Verleger noch keinen Exklusivvertrag mit einem Wetterfrosch abgeschlossen, was angesichts der notorischen Unzuverlässigkeit britischer Witterungsvorhersagen (siehe unseren Newsletter vom 4. März 2010: Wetterfrösche in der Krise) ein durchaus entschuldbares Versäumnis war.

Den Wetterbericht der Vorwoche zu bringen hätte, siehe oben, schon anno 1692 einen Verstoß gegen die Prinzipien des Qualitätsjournalismus bedeutet. Also verfielen die Herren Redakteure auf eine britisch-pragmatische Lösung: Man behalf sich mit dem Wetterbericht von vor einem Jahr. Anhand der wesentlichen Daten - Regenmenge, Sonnenscheindauer, Windstärke, Luftdruck - hatten die Bauern eine grobe Orientierung, was sie in der nächsten Woche erwarten würde. Oder auch nicht. Zumindest konnten sie sich darüber austauschen und hatten im Wetter des Vorjahres gleich mal ein Small Talk-Thema, das sie über die aktuellen Witterungsverhältnisse hin zum erhofften oder befürchteten Wetter des folgenden Tages ausbauen konnten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Eine Kugel statt vieler Worte

Freitag, 11. Mai 2012

Was hat ein Schiffbruch im arktischen Norden Russlands mit dem Tod eines britischen Premierministers zu tun? Blicken wir ein wenig zurück: Im Jahr 1803 sank das russische Schiff Soyuz im Weißen Meer. Damals war die Nordseeroute von den Niederlanden und Großbritannien um Norwegen herum der gegenüber der Ostsee bevorzugte Handelsweg.

Dafür sorgte eine wärmende, vom Golf von Mexiko bis in die Häfen Murmansk und Archangelsk reichende Meeresströmung, die selbst bei winterlichen Witterungsverhältnissen eine weitgehend eisfreie Passage gewährleistete. Gefahren gab’s immer noch reichlich, etwa die Herbststürme, die Atlantik, Nordsee und Weißes Meer zuverlässig heimsuchten.

Für einen umsichtigen Reeder war es daher geraten, seinen Kahn zu versichern. Umgekehrt durfte eine Versicherungsagentur wie Lloyd’s so viele Abschlüsse verzeichnen, dass auch mal ein Verlust ersetzt werden konnte. Stutzig aber wurden sie in der Londoner Zentrale, als im Fall der Soyuz der Schadensmeldung ein anonymes Schreiben folgte.

Darin wurde dezent angedeutet, beim Untergang des stolzen Schiffes sei ein wenig nachgeholfen worden. Bald danach hielt, Soloman Van Brienen, der Eigner, eine Absage aus London in Händen und nach einem Verräter in den eigenen Reihen Ausschau. In John Bellingham glaubte er fündig geworden zu sein. Der Makler von Schiffsladungen war in den letzten Jahren zwischen den Seehäfen Liverpool und Archangelsk gependelt und hatte auch in beiden Städten gewohnt. Außerdem gehörte ihm ein Teil der Fracht, die auf der letzten Fahrt der Soyuz transportiert wurde.

Van Brienen behauptete, Bellingham schulde ihm mehrere tausend Rubel, und zeigte den Briten beim Gouverneur der Region an. Obwohl Bellingham unverzüglich den Botschafter seines Landes einschaltete, landete er in einem rattenverseuchten Zellenloch in Archangelsk und musste sich die nächsten beiden Jahre von Brot und Wasser ernähren.

Als er endlich freikam, durfte er Russland immer noch nicht verlassen, da sein Reisepass eingezogen worden war. Bellingham kehrte erst 1809 nach England zurück. Dort hatte inzwischen die Regierung gewechselt. Spencer Perceval hieß der neue Premierminister. Er musste sich mit einem nach der Weltherrschaft greifenden Napoleon Bonaparte, einer vehement Wahlrechtsreformen einfordernden Opposition, einem allmählich in den Wahnsinn abdriftenden König Georg III. und rebellischen, aus Protest gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen Maschinen zerstörenden Luddites auseinandersetzen.

Blieb also wenig Zeit für die Eingaben eines Herrn Bellingham, der seine Entschädigungsansprüche für die lange Haft inzwischen nicht mehr an die russische, sondern an die britische Regierung adressierte. Auch das Vorsprechen bei einflussreichen Lobbyisten brachte dem Rechtsuchenden außer lauen Sympathiebekundungen nichts ein.

Schließlich verfiel ein immer verbitterterer Bellingham auf die Idee, beim Regierungschef persönlich zu intervenieren. Zur Untermauerung seiner Argumente packte er eine geladene Pistole ein. Bellingham passte Perceval in der Lobby des Parlaments ab, wo er inzwischen ein häufig gesehener Gast war. Statt viele Worte zu machen drückte der Verzweifelte einfach ab. Die Kugel traf Percival mitten ins Herz.

Bei der Gerichtsverhandlung im Londoner Old Bailey gab der Mörder zu, es wäre gerechter gewesen, den britischen Botschafter, der ihm in Russland Hilfe versagt hatte, zu erschießen. Doch bereuen wollte der seiner Meinung nach zu kurz Gekommene seine Tat nicht. Es war das bislang einzige Mal in der langen britischen Geschichte, dass ein Premierminister einem Attentat zum Opfer fiel. Dies geschah heute vor 200 Jahren. Eine Woche später endete auch Bellinghams Leben, unterm Galgen des Gefängnisses von Newgate.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das etwas andere EU-Mitglied

Donnerstag, 10. Mai 2012

Der 10. Mai ist in Deutschland der Tag des Buches. Höchste Zeit, noch mal eins zu lesen. Zum Beispiel über ein EU-Land, das etwas aus dem Rahmen fällt. Ungarn wird von der nationalkonservativen Fidesz mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament regiert.

Für Ministerpräsident Viktor Orbán die Gelegenheit, all das nachzuholen, was Ungarn seiner Meinung nach in den letzten 90 Jahren versäumt hat.

Der Friedensvertrag von Trianon am 4. Juni 1920, mit dem Ungarn noch härter als Österreich für seine Mitschuld am Ersten Weltkrieg bestraft wurde (siehe unseren Newsletter vom 4. Juni 2010: Ungarn minus zwei Drittel), sorgte für ein nationales Trauma, das bis in die Gegenwart hinein nachwirkt. Vor allem vergangener Größe nachtrauernde Magyaren sehen sich gegenüber den Nachbarn Slowakei, Rumänien und Serbien - die sich knapp zwei Drittel des vor 1914 zu Ungarn gehörenden Territoriums einverleibten - benachteiligt und von der EU bevormundet.

Kein Wunder, dass sich viele Bürger auch 22 Jahre nach der Überwindung des Kommunismus als Wendeverlierer sehen. Befeuert werden sie durch den Umstand, dass mehr als die Hälfte der ungarischen Privatwirtschaft sich in Händen ausländischer Investoren befindet.

Für letztere, schreibt Reinhold Vetter, Autor einer soeben erschienenen Länderkunde über Ungarn, „ist es nicht einfach, die magyarische Seele zu verstehen. Im Denken der Ungarn korrespondieren Freiheitsliebe, Stolz, Hochmut, Euphorie und brillanter Intellekt mit Unterwürfigkeit, Pessimismus, Melancholie, Naivität und einem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber anderen Nationen.“ Dieses Missverständnis hat bereits einige Konflikte mit der EU heraufbeschworen; vor allem während des halben Jahres, in dem Ungarn die Ratspräsidentschaft innehatte.

Doch nicht alles, womit die Regierung des Landes schlecht gemacht wird, ist auch schlecht. Zwar hat das Land massive Probleme mit der ethnischen Minderheit der Roma, die in Ungarn besonders stark vertreten ist. Doch hat bislang keine Regierung in Europa ähnlich viele Gesetze zustande gebracht, die mittels positiver Diskriminierung eine Integration der Randgruppen fördern sollen, etwa durch Quotenregelungen für Arbeits- und Studienplätze oder mittels Stipendien.

Mit Viktória Mohácsi und Lívia Járóka hat Ungarn, auch da ist es anderen EU-Staaten voraus, immerhin 2 Abgeordnete ins Europäische Parlament entsandt. Andererseits sind die Roma immer wieder Opfer gewalttätiger und auch mörderischer Überfälle von Rechtsextremen, gegen die Politik, Justiz und Polizei zu wenig unternehmen.

Allen, die auf Ungarn jenseits von Plattenseetourismus und Pusztaromantik neugierig geworden sind und sich vielleicht den 3,1 Millionen Deutschen anschließen möchten, die alljährlich dorthin reisen, sei die Lektüre von Reinhold Vetters Ungarn: Ein Länderporträt dringend empfohlen - oder, um es mit magyarischem Pathos auszudrücken: wärmstens ans Herz gelegt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Machen Sie den Beruf zum Thema!

Mittwoch, 9. Mai 2012

Gute Small Talk Themen haben einen Bezug zum Alltag. Berufe etwa. Damit haben wir jeden Tag zu tun. Der Anfang eines Gesprächs über Berufe ist nicht schwer. Sie fragen Ihr Gegenüber, was er macht. Anschließend erzählen Sie, wo und wie Sie tätig sind.

Anschließend können Sie das Thema ausweiten - von der persönlichen auf eine allgemeine Ebene. Nachdem Sie Ihrem Gesprächspartner versichert haben, er übe einen interessanten Beruf aus, und Sie anschließend die Wichtigkeit Ihrer eigenen Tätigkeit etwas heruntergespielt haben, kommen Sie auf den gesellschaftlichen Stellenwert der verschiedenen Berufe zu sprechen.

Regelmäßig lässt das Magazin Reader’s Digest das Ansehen diverser Berufe in Deutschland untersuchen. Machen Sie es spannend im Small Talk und lassen Ihr Gegenüber raten, welches die am meisten und am wenigsten Vertrauen erweckende Berufe sind.

Hat er richtig getippt? Auf dem letzten Platz landeten - keine Überraschung - die Politiker: Nur jeder Zehnte würde einem Angehörigen dieser Berufsgruppe vertrauen. Spitzenreitern waren die Feuerwehrleute: 95 % der Befragten vertraut ihnen uneingeschränkt. Es folgten Piloten und Krankenschwestern mit je 92 %. Ärzte scheinen weniger vertrauenswürdig als ihre Helferinnen, kommen aber immerhin auf 84 %. Helfer in Uniformen, also Polizisten, kamen auf 80 % und genossen damit mehr Kredit als Richter (60 %).

Am schlechtesten schnitten Autoverkäufer (11 %) und Finanzberater (15 %) ab. Und die Journalisten (siehe den Small Talk-Tipp von letzter Woche: Bitte nicht die Zeitung von gestern!)? Früher belegten Sie zuverlässig die hintersten Plätze. Immerhin kamen sie jetzt auf einen Vertrauenswert von 26 %.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das späte Glück des alten Schweden oder Wie lebe ich von Lyrik?

Dienstag, 8. Mai 2012

„Die Deutsche “, schreibt Jörg Sundermeier, Leiter des in Berlin ansässigen Verbrecher-Verlags, „ wollen Literatur am liebsten als Unterhaltung konsumieren. Texte, die mehr bedeuten als die Summe ihrer Buchstaben, sind ihnen suspekt.“

Ich hatte mich schon gewundert, warum der Newsletter, den Sie gerade konsumieren, auf nicht mehr als schlappe Fünftausend Abonnenten kommt. Dabei ist er umsonst zu haben, und intellektuelle Messlatten werden - ganz gleich, in welcher Höhe angebracht - konsequent gerissen. Einzig auf die Variation der Satzzeichen und die rasante Abfolge von Kommata, Doppelpunkten, Semikolons und Gedankenstrichen bildet sich der Verfasser etwas ein. Vielleicht hätte er Geometriker werden sollen.

Keine schlechte Idee übrigens, als neue Variante der Lyrik die Geometrik einzuführen, die allein aus Satzzeichen besteht - strategisch derart über eine Seite verteilt, dass schöne Muster entstehen: Quadrate beim Anfänger, im Fortgeschrittenenstadion ein Dreieck und als Krönung ein Tannenbaum oder sogar ein Osterhase.

Vielleicht würde eine solche innovative Form bei Lyrikbänden, deren Magnetfunktion sich leider nicht auf die Taschen potentieller Käufer erstreckt, sondern allein auf die Regale der Buchhandlungen, an denen sie wie Blei haften, für größere Geschenkkompatibilität sorgen - und zu besseren Absätzen verhelfen.

Letzteres leistet noch nicht einmal ein Literatur-Nobelpreis. Wer hat ihn im letzten Jahr noch mal gewonnen? Ach ja, ein über 80-jähriger Schwede, hm, wie hieß der noch mal? Fragen Sie Ihren Buchhändler! Und fragen sie ihn auch, wie viele Exemplare von Tomas Tranströmers letztem Gedichtband über seine Ladentheke gewandert sind.

Wundern Sie sich anschließend bitte nicht, dass nicht jede Ihrer Fragen beantwortet werden kann. Besser für des alten Schweden wenn auch nicht Renommee, so doch Portemonnaie wäre, wenn ein ebenfalls über 80-jähriger Landsmann (siehe unseren Newsletter vom 30. März 2006: Möbel kaufen + Geld sparen + Basteltrieb frönen = ?) sämtliche Rechte an seinen Gedichten aufkaufen und sie an die Schränke und Regale pinnen würde, die er in seinem unmöglichen Möbelhaus verkauft. Dann wäre mal jemand von Lyrik satt geworden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wackerer Schwabe, Banater Version

Montag, 7. Mai 2012

Die Banater Schwaben sind eigentlich keine Schwaben. Sie kommen aus Franken, Altbayern, Oberösterreich, dem Salzburger Land, dem Elsass, Lothringen, der Rheinpfalz und Baden. Zugegeben, ein paar Schwaben fanden sich auch darunter, denn alle diese Regionen gehörten zur Habsburgermonarchie oder waren von ihr abhängig. Am Hof in Wien durfte man über die Untertanen frei verfügen und sie in entlegene Gebiete des Riesenreichs verschicken; je nachdem, wo sie gerade gebraucht wurden.

Etwa im heutigen Südungarn in der Gegend um Szeged: Dorthin zogen Banater Schwaben, ebenso in die serbische Bačka, ins kroatische Slawonien und ins nordwestrumänische Sathmarer Land, jeweils entlang der ungarischen Grenze. Früher brauchte man sich um geopolitischen Details nicht zu kümmern, da hieß das Land Österreich und die Monarchen Maria Theresia oder Joseph.

In den vergangenen Türkenkriegen wurden gerade diese Grenzlandstriche - die Türken waren Ende des 17. Jahrhunderts bis an den Rand Wiens vorgedrungen - entvölkert und verwüstet. Die Siedler richteten alles wieder auf. Vielleicht nannte man sie ja auch wegen ihrer regen Häuslebauertätigkeit Schwaben.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Frieden von Trianon 1920 (siehe unseren Newsletter vom 4. Juni 2010: Ungarn minus zwei Drittel) zerfiel das ehemals zusammenhängende Gebiet in 4 zu inzwischen selbständigen Staaten gehörende Teile. Heute vor 26 Jahren schrieb ein Rumäne, der eigentlich kein Rumäne ist, sondern Banater Schwabe - er stammt aus dem Sathmarer Land - Geschichte.

Er war kein Häuslebauer, sondern hütete das Gehäuse des ersten und bislang einzigen Teams aus dem ehemaligen Ostblock, das den Europapokal der Landesmeister gewann. Auch im Nachfolgewettbewerb, der Champions League, konnte kein Team aus dieser Region einen solchen Erfolg wiederholen.

Helmuth Duckadam stand am 7. Mai 1986 im Kasten von Steaua Bukarest und hielt ihn sauber, obwohl der haushohe Favorit und Gastgeber FC Barcelona dagegen anrannte, zunächst 90, in der Verlängerung noch mal 30 Minuten lang. Im anschließenden Elfmeterschießen trafen alle Katalanen zwar das Tor, aber nicht hinein: Duckadam hielt sämtliche Strafstöße gegen ihn - ein Kunststück, das ihn in einem solch hochrangigen Finale ebenfalls noch niemand nachmachten konnte. Heute ist der wackere Banater Schwabe Präsident des Vereins, dem er seine Sternstunde bescherte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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24 Dollar, gut angelegt

Freitag, 4. Mai 2012

Am 4. Mai 1626 spielte sich auf einer Sandbank im Hudson River, dort, wo der Fluss in den Atlantik mündet, eine denkwürdige Szene ab. Peter Minuit, ein aus Wesel stammender Holländer, kaufte dem Stamm der Lenape eben jene Sandbank ab - für 60 Gulden oder, umgerechnet, 24 Dollar.

Aus dem Kernstück Manna-hata (siehe unseren Newsletter vom 11. September 2009 ) entwickelte sich die Kolonie Nieuw Amsterdam, die später in New York umbenannt wurde.

Ein zu geringer Preis? Der Wirtschaftsexperte Tim Kern, Kolumnist der Washington Times, hat sich den Betrag einmal genauer angeschaut. 24 Dollar, zu jenem Zeitpunkt angelegt, hätten sich bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 6 % zu aktuell rund 133 Milliarden Dollar angehäuft. Das aber nur, wenn das Geld nicht besteuert worden wäre. Hätte man zudem von Beginn an eine Einkommensteuer von 35 % und alle 20 Jahre eine Grundsteuer in gleicher Höhe erhoben, wären nur schlappe anderthalb Millionen Dollar übriggeblieben. Solche Zahlenspiele sind Makulatur. Kern hat sie nur herangezogen, um die Auswirkungen von Zinsen und Besteuerung auf Einkommen und Vermögen zu demonstrieren.

Makulatur waren auch die 24 Dollar für die Indianer. Oder besser: Glasperlen. Die befanden sich in dem Warenpaket, zusammen mit ein paar Stoffen und anderem bunten Zeug, denn Minuit hatte dem Indianerhäuptling keine 6 Zehnguldenscheine in bar überreicht. Für die Ureinwohner hatte der Tausch ohnehin nur symbolische Bedeutung. Sie kannten keinen Privatbesitz, das Land gehörte in ihren Augen allen.

Natürlich werden sie ganz schön blöd aus der Wäsche geschaut haben, als sie plötzlich nicht mehr auf ihre Sandbank durften und von den Siedlern vertröstet wurden: „Nein, im Moment ist es nicht so günstig …“ Vielleicht wurden sie auch mit sanfter Gewalt zur Umkehr genötigt. Gewalt, gar nicht sanft, war 1664 im Spiel, als den Holländern Manhattan wieder genommen wurde. Für ihren Handstreich hatten die Briten einfach ein paar Kriegsschiffe an Amerikas Ostküste geschickt. Die neuen Herren bekamen ihre Kolonie für lau. Sie machten daraus die größte Handelsmetropole der Welt. Überflüssig zu sagen, dass für Indianer darin kein Platz mehr war.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Opfer des eigenen Gesetzes

Donnerstag, 3. Mai 2012

Heute ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. In Europa war Dänemark das erste Land, das eine solche für Zeitungen und ihre Leser gleichermaßen angenehme Maßnahme beschlossen hatte. Zwar gab es auch im Nachbarland Schweden bereits eine weitestgehend freie Presse; aber ein Gesetz, das diese offiziell erlaubte, hatten nur die Dänen.

Maßgeblich daran beteiligt war ein Deutscher. Johann Friedrich Struensee, studierter Mediziner und Armendoktor im holsteinischen, damals zu Dänemark gehörenden Altona, war an den Kopenhagener Hof gekommen, um den jungen, psychisch kranken Dänenkönig Christian VII. zu betreuen.

Das Abhängigkeitsverhältnis nutzte Struensee - als Aufklärer von den Ideen des Philosophen Baruch Spinoza beeinflusst, der die Natur mit Gott gleichsetzte - schamlos aus: zu Gunsten des dänischen Volkes, dem er, inzwischen in den Rang eines Premierministers berufen, aus der Leibeigenschaft helfen und eine freie Presse gönnen wollte.

Das entsprechende Gesetz kam am 14. September 1770 zustande. Leider nur per Kabinettserlass, denn Struensee pflegte den bislang mitregierenden Kronrat geflissentlich zu ignorieren.

Rund 1800 solcher Dekrete sind in seiner zweijährigen Regierungszeit dokumentiert. Unbeliebt machte sich Dänemarks starker Mann zudem mit seiner Weigerung, die Landessprache zu lernen.

Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich ein weiterer Beweis seiner Männlichkeit. Aus einer Affäre mit der Königin Mathilde spross ein Kind, dessen Erzeuger, ginge man nur nach der äußeren Erscheinung, unmöglich Christian heißen konnte. Sondern Struensee - was natürlich auch dessen Gegnern am dänischen Hof nicht verborgen blieb. Schließlich landete der Emporkömmling auf dem Schafott.

Ironie der Geschichte: Ohne die inzwischen etablierte Pressefreiheit hätten die dänischen Zeitungen wohl den Mantel des Schweigens über Struensees Affäre mit der Königin decken müssen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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