Archiv für 2013

Böhmens größter Herrscher

Freitag, 29. November 2013

Auf dem Hundertkronenschein unserer tschechischen Nachbarn ist ein deutscher Kaiser abgebildet: Karl IV., 1316 zur Welt gekommen, wurde allerdings erst 1355 von Papst Innozenz VI. in Rom gekrönt. Zuvor war er in Bonn mit tatkräftiger Unterstützung von Innozenz’ Vorgänger Clemens VI. und den geistlichen Kurfürsten zum deutschen und in seiner Geburtsstadt Prag zum böhmischen König gewählt worden.

Karl profitierte dabei vom Kirchenbann seines Rivalen Ludwig IV., genannt der Bayer. Während seiner langen Regentschaft - er starb heute vor 635 Jahren - mauserte sich Prag zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Kriege musste Karl kaum führen. Seine Macht sicherte neben dem Segen des Kirchenoberhauptes - für damalige Zeiten im Machtkampf zwischen Geistlichkeit und Weltlichkeit alles andere als selbstverständlich - vor allem eine umsichtige Heiratspolitik: 3 Todesfällen der Ehefrauen Blanca Margarete von Valois, Anna von der Pfalz und Anna von Schweidnitz folgten 4 Hochzeiten, die letzte mit Elisabeth von Pommern, einer Enkelin des polnischen Königs.

Seine Brüder und Söhne setzte Karl gewinnbringend auf benachbarte Throne: Bruder Johann machte er zum Markgrafen von Mähren, Halbbruder Wenzel bekam das Fürstentum Luxemburg, Sohn Johann durfte sich bald Graf von Görlitz nennen. Die Töchter vermählte der Heiratskünstler mit hoffnungsvollen Habsburgerprinzen. Auf den vermutlich größten aller böhmischen Herrscher geht auch die älteste deutsche Hochschule zurück: Die Karlsuniversität wurde 1348 in Prag gegründet.

Ebenso verdankt Böhmens Metropole ihrem Monarchen den Bau der Neustadt. Deren zügige Erweiterung machte Prag nach Köln und vor Nürnberg zur nach Einwohnern zweistärksten Stadt des Deutschen Reiches. Ein weiteres Andenken an den König und Kaiser ist das weltberühmte Bauwerk über die Moldau, das Altstadt und Kleinseite verbindet. Der Grundstein der Karlsbrücke wurde 1357 gelegt, ihren heutigen Name erhielt sie freilich erst 1870.

Auch die Burg Karlstein in der Nähe der böhmischen Hauptstadt ließ der umtriebige Landesvater errichten, als Aufbewahrungsort von Reichskrone und Reichsschatz. Seine unumschränkte Herrschaft beschrieb Karl IV. treffend in seiner Autobiographie, für einen Monarchen des 14. Jahrhunderts ein seltenes Zeugnis: „ … bisher hatten die Barone größtenteils wie Tyrannen regiert und nicht, wie es sich ziemte, den König geachtet.“ Nach seinem Tod sollte der traditionell aufsässige böhmische Adel zu dieser Politik zurückkehren.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die letzten Tage von Erdely

Donnerstag, 28. November 2013

Der Erste Weltkrieg brachte dem Habsburgerreich den Ruin. Rückblicke und Würdigungen, die im Jubiläumsjahr 1914 wieder Konjunktur haben werden, beschränken sich in der Regel auf den kaiserlichen Teil der Monarchie (siehe auch unsere Ausgabe vom 18. November 2013: Der Große Krieg).

Das Königreich Ungarn dagegen, das im Friedensvertrag von Trianon zwei Drittel seines Staatsgebiets verlor (siehe unseren Newsletter vom 4. Juni 2010: Ungarn minus zwei Drittel), wird von der Historikerzunft gern übersehen. Wie schön, wenn wenigstens die Literatur einen Ausgleich schafft. Dem in Wien ansässigen Paul Zsolnay Verlag verdankt eine hoffentlich zahlreiche Leserschaft, die Siebenbürger Geschichte wieder ausgegraben zu haben. Jetzt ist der zweite Teil, Verlorene Schätze, erschienen, dessen Lektüre keine Kenntnis des ersten voraussetzt. In aussagekräftigen Bildern lässt der Roman eine längst vergessene Welt wieder aufleben.

Schauplätze sind noble Landsitze, opulente Bälle, aufregende Jagden im ungarisch Erdely, deutsch Siebenbürgen genannten heutigen Nordrumänien sowie in Oberungarn, das längst zur Slowakei gehört. Nicht fehlen darf die Hauptstadt Budapest mit ihrem prächtigen Parlamentsgebäude. Hier bestimmt nicht das Plenum die Politik, sondern die verschwiegenen Ecken auf den zahlreichen Fluren, in denen die Intrigen gesponnen werden. Es ist die Zeit vor dem Untergang, als der später in Sarajevo ermordete Kronprinz Erzherzog Franz Ferdinand noch die Strippen der k.u.k. Außenpolitik zieht - alles andere als zum Wohl Ungarns. Inmitten der Ränke versucht der siebenbürgische Graf Bálint Abády, ein unabhängiger Abgeordneter, sich nicht für schmutzige Kampagnen vereinnahmen zu lassen und der armen Landbevölkerung seiner Heimat durch Einführung des Genossenschaftswesens zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Privat jagt er der großen Liebe in Gestalt von Gräfin Adrienne hinterher. Sein bester Freund László Gyeröffy, eigentlich ein begnadeter Musiker, verfällt zuerst dem Kartenspiel und dann dem Alkohol. Beide sind das Spiegelbild einer liberalen, aber nicht demokratischen Gesellschaft, deren durchaus gebildete Elite ihre Talente verschwendet und zugrunde geht.

Letzteres wenigstens geschieht überaus stilvoll in einer melancholischen Ästhetik. Der Autor Miklós Bánffy zeichnet ein authentisches Bild dieser letzten Tage des ungarischen Empires. Das rein der äußeren Fassade geschuldete Handeln der Protagonisten sorgt für das Lesevergnügen, die leisen Untertöne im Roman bringen die Einsicht, dass ein dekadentes System, in dessen tragender Schicht wirklich niemand je einen Handschlag gearbeitet hat, dem Untergang geweiht ist.

Auch das Schicksal des Autors endete tragisch: Zu Lebzeiten war Bánffy ein gefeierter Romancier und wurde in den Rang eines Leo Tolstoi oder Thomas Mann erhoben. Nach seinem Tod 1950, von Ungarns Kommunisten als Klassenfeind geächtet, geriet Bánffy in Vergessenheit. Dieser Prozess könnte nun rückgängig gemacht werden. Der dritte Teil der Trilogie wird zumindest vom Autor dieser Zeilen mit Vorfreude und Spannung erwartet. (Miklós Bánffy, Die Schrift in Flammen. Erster Teil der Siebenbürger Geschichte. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. ISBN 978-3-552-05559-9. Miklós Bánffy, Verlorene Schätze. Zweiter Teil der Siebenbürger Geschichte. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013. ISBN 978-3-552-05596-4)

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Dezember im Small Talk

Mittwoch, 27. November 2013

Der Dezember ist der Monat mit den meisten Regentagen in Deutschland. Und doch scheint er der erträglichste aller Wintermonate. Oder ist Ihr Small Talk-Partner anderer Meinung? Immerhin kann im Dezember sogar der Niederschlag schön sein. Häufig fällt er in Form kleiner weißer Kristalle.

Der Dezember soll auch der kürzeste Monat des Jahres sein. Jedenfalls aus Arbeitgebersicht: Für die selbsternannten Träger der deutschen Wirtschaft zerfällt der letzte Monat im Jahr in 3 Phasen. Die erste währt volle 3 Wochen bis zum Ende der ersten Mondphase. Für sinkende Arbeitsmoral sorgen Nikolaus und diverse Betriebsfeiern. Vielleicht auch noch ein Adventskegeln oder ähnliche Zeitvertreib: Sie sollen die Gemeinschaft der Werktätigen stärken. Tun sie vielleicht auch, doch bremsen sie in Manageraugen leider ebenfalls den Eifer. Oder, wie es so schön auf Neudeutsch heißt, den work output. Fragen Sie Ihr Small Talk-Gegenüber, was er dem Dezember abgewinnen kann: Die festlich-fröhliche Arbeitnehmerperspektive? Oder das Leistungsdefizit, wie es die Gegenseite bemängelt?

In der zweiten Dezember-Monatsphase kommt’s für das Management noch dicker. Nach dem stimmungsmäßigen Vorlauf folgen die eigentlichen Festtage im handlichen Dreierpack. Nur wenn einer oder, noch besser, zwei von diesen auf ein Wochenende fallen, ist die Unternehmerseele wieder halbwegs versöhnt. Anders sieht es der Werktätige: Wird ihm doch wieder ein Feiertag geklaut! Noch schlimmer: Fällt der erste Weihnachtstag auf ein Wochenende, verhält es sich mit Neujahr nicht anders. Im Small Talk sind solche Konstellationen für Sie ideal, um das Thema zu wechseln. Steuern Sie auf ein erfreuliches Sujet zu: Die Urlaubsplanung für das kommende Jahr!

Doch ganz so weit ist es noch nicht. Zunächst will die letzte Dezemberwoche noch hinter sich gebracht werden. Sie dient aus Arbeitgebersicht der Nachbereitung des abgelaufenen Jahres. Passieren tut nicht mehr viel. Wer eine Woche im Büro abhängen will, arbeitet vom 27. bis 31. Dezember. In der Zeit lässt sich der Büroschlaf nachholen, der einem in hektischen Zeiten versagt geblieben ist. Aus Arbeitgebersicht, wohlgemerkt!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Erst der Sacco, dann ein Grüner Knollenblätterpilz

Dienstag, 26. November 2013

Für seine Familie ein Segen, als Papst eine Katastrophe: So lässt sich die Ära Clemens’ VII. zusammenfassen. Mit bürgerlichem Namen hieß er Giulio de’ Medici und wurde heute vor 490 Jahren zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.

Theologisch bestimmte der Streit mit Luther, machtpolitisch die Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich seine Amtszeit. Zunächst versuchte er im Streit zwischen König Franz I. und Kaiser Karl V. zu vermitteln, schlug sich dann auf Karls Seite, um sich nach Franzens Gefangennahme nach der Schlacht von Pavia 1525 wieder des Franzosenherrschers anzunehmen.

Die im Jahr darauf unter Clemens’ Ägide gegründete Liga von Cognac war ein gegen Habsburg gerichtetes Bündnis, dem sich auch seine Heimatstadt Florenz, die Republik Venedig und das Herzogtum Mailand anschlossen. Dumm für den Papst, dass Karls in Oberitalien stehendes Heer statt gegen Frankreich zu ziehen plötzlich auf die Idee verfiel, Mittelitalien einen Besuch abzustatten.

Hauptgrund waren neben Clemens’ Lutherhass, der den deutschen Landsknechten sauer aufstieß, ausstehende Soldzahlungen, welche die Soldaten durch einen Überfall auf Rom zu kompensieren dachten. Ohne großen Widerstand zog das Söldnerheer am 6. Mai 1527 in der Heiligen Stadt ein. Roms Einwohner flohen in Scharen. Der Papst schloss sich in der Engelsburg ein, während die Stadt geplündert wurde.

Die Beute während des Sacco di Roma wurde auf rund 10 Millionen Golddukaten geschätzt. Hinzu kam das Lösegeld, das Clemens zahlen musste, da niemand aus der Liga von Cognac ihm zu Hilfe eilen wollte. Letztere ging auch bald ihres Adjektivs verlustig. Papst Clemens versöhnte sich mit Kaiser Karl V. und schloss mit ihm am 29. Juni 1529 in Barcelona offiziell Frieden.

Da Clemens aus dem Hause Medici stammte, sah auch das von jenem beherrschte Florenz keinen weiteren Anlass für Animositäten gegen Habsburg, Stadt und Familie sollte dies gut bekommen. Sogar die Streithähne Karl und Franz von Frankreich einigten sich. Zwar mochten sie sich immer noch nicht an einen Tisch setzen, doch führten Karls Tante Margarethe und Luise von Savoyen, Franzens Mutter, die Verhandlungen für die beiden Dickschädel.

Sie erreichten, was Clemens nie gelungen war: Als Damenfriede von Cambrai ging die Übereinkunft in die Geschichte ein. Die Macht des Papstes war nachhaltig beschädigt. Was machte es da noch aus, dass Clemens am 25. September 1534 durch heimliche Verabreichung eines Grünen Knollenblätterpilzes endgültig aus dem Weg geräumt wurde?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das Wunder von Wembley

Montag, 25. November 2013

It’s our game, es ist unser Spiel, sagen die Engländer, wenn es um Fußball geht. Zugegeben, Abstriche mussten sie immer mal machen, etwa wenn man, wie 1950 nach Brasilien, zu einer Weltmeisterschaft reiste und es dort eine Niederlage gegen die USA setzte, damals noch ein Fußballentwicklungsland.

Doch hatte man nicht die beste Elf dorthin geschickt. Die lief stets auf, wenn es auf dem heiligen Rasen von Wembley die Ehre des Mutterlands dieses Sports zu verteidigen ab. Im Londoner Nordwesten hatte man zwar schon mal gegen Nationalteams aus Schottland, Wales oder von der irischen Schwesterinsel verloren, aber noch nie gegen eine Vertretung vom Kontinent.

Bis zum 25. November 1953: Da hieß der Gegner Ungarn. Die Mannschaft von jenseits des Eisernen Vorhangs kam mit der Empfehlung einer ein Jahr zuvor bei den Spielen von Helsinki gewonnenen Goldmedaille. Doch wurden Olympische Turniere, an denen damals ausschließlich Amateure teilnehmen durften, in der Fußballwelt allgemein und in Großbritannien schon gar nicht ernst genommen. In Englands Team, das vor 60 Jahren auflief, waren gestandene Profis wie Dribbelkünstler Stanley Matthews - der einzige Fußballer, der noch in seiner aktiven Zeit von der Queen geadelt wurde - und Billy Wright - er erreichte als erster Kicker weltweit die Zahl von 100 Länderspielen - die großen Stars.

Ungarn hatte Ferenc Puskas und Nándor Hidegkuti. Nach den 90 Minuten von Wembley kannte sie in England jedes Kind. Puskas hatte 2, Hidegkuti 3 Tore geschossen. England hatte nie den Hauch einer Chance, zu starr war sein System, zu beweglich die flinken Ungarn, deren Stürmer mit unorthodoxen Positionswechseln die gegnerische Abwehr ein ums andere mal durcheinanderwirbelte.

Am Ende hieß es 3:6. 100 000 Augenzeugen im Stadion verbreiteten die Kunde von einem neuen Wunderteam über die Insel, 200 von ihnen, allesamt ausländische Berichterstatter, schwärmten ihren Lesern gar von einem Jahrhundertspiel vor. Die Rückkehr der Magyaren geriet zum Triumphzug. Der Schnellzug, der sie nach Hause brachte, musste hinter dem Grenzort Hegyeshalom an jeder noch so kleinen Station halten. In der Hauptstadt waren es schließlich mehrere Hunderttausend, die den Helden von Wembley einen unvergesslichen Empfang bereiteten.

Wie ging es weiter mit dem Wunderteam? Mit den Engländern hatte man ein Rückspiel in Budapest vereinbart Die Revanche am 23. Mai 1954 verlief noch eindeutiger als die erste Begegnung. Ungarn siegte 7:1! Und war Favorit für die einen Monat später beginnende Weltmeisterschaft in der Schweiz. Bis zum Endspiel gab es für die Ungarn nur Siege. Dann kam wieder ein Jahrhundertspiel - diesmal für die deutsche Elf, mit dem Wunder von Bern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der einzige Literaturnobelpreis an einen jiddischen Schriftsteller

Donnerstag, 21. November 2013

1978 geht der Literaturnobelpreis in die USA. Der Preisträger, Isaac Bashevis Singer, ist heute vor 111 Jahren, am 21. November 1902, in Polen geboren. Wie viele seiner Landsleute wanderte er in den 1930er Jahren in die Vereinigten Staaten aus.

Seine Welt ist die randständige Gemeinschaft der Ostjuden in Galizien und Warschau, die er in Romanen wie Das Landgut, Das Erbe oder Die Familie Moschkat wieder auferstehen lässt; eine Welt, die über Jahrhunderte bis zum Zweiten Weltkrieg existiert hat und aufgrund des deutschen Vernichtungswerks danach für immer ausgelöscht ist. Der zweite Teil von Singers Werk spielt im Exil, in den Vereinigten Staaten, wo die Emigranten New York zu der Stadt gemacht haben, die auf dem gesamten Erdball die meisten jüdischen Einwohner aufweist.

Singer erhält den Nobelpreis für sein Lebenswerk, das, findet die Jury, „hellsichtig und illusionslos, ebenso verständnisinnig wie unsentimental erbarmungsvoll“ ist. Und im Original in einer Sprache geschrieben, die immer weniger Menschen sprechen: „Für mich ist Jiddisch eng mit denen verbunden, die es gesprochen haben“, bekennt Singer in seiner Dankesrede. „Es gibt einen stillen Humor im Jiddischen und eine Dankbarkeit für jeden Tag des Lebens, jeden Krumen Erfolg, jede Begegnung der Liebe. Figürlich gesprochen ist das Jiddische die weise und demütige Sprache von uns allen, das Idiom einer verängstigten und hoffnungsvollen Menschheit.“

Eine Kostprobe von Singer gefällig, wenn auch in deutscher Übersetzung? In Die Familie Moschkat kommt es wie so häufig zu einer Begegnung zweier Welten. Der chassidische Jude Mosche Gabriel erhält in Polen Besuch von seiner in die USA ausgewanderten Tochter Lotti: „In Amerika sprichst du wohl … wie nennt ihr das … Englisch?“ – „Ich spreche aber auch Jiddisch.“ – „Wie ich höre, bist du da drüben ein gelehrtes Mädchen geworden. Gehst du auf die Universität?“ – „Ja, Papa. Ich bin jetzt im zweiten Studienjahr.“ – „Und was studierst du? Willst du Ärztin werden?“ – „Nein, Papa. Ich studiere Naturwissenschaft.“ – „Was meinst du damit? Elektrizität?“ – „Ein bisschen von allem.“ – „Erinnerst du dich wenigstens noch daran, dass du eine jüdische Tochter bist?“ – „Keine Sorge, Papa. Die Antisemiten sorgen schon dafür, dass man das nicht vergisst.“

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Small Talk über Erfolgsgeheimnisse

Mittwoch, 20. November 2013

Suchen Sie nach einem Erfolg versprechenden Small Talk-Thema? Sie haben es schon gefunden! Richtig, es ist der Erfolg selber. Verblüffen Sie Ihren Gesprächspartner mit den Erfolgsgeheimnissen berühmter Künstler und cleverer Unternehmer:

Der größte italienische Maler aller Zeiten ist … Leonardo da Vinci? Oder doch Michelangelo Buonarroti? Letzterer erklärte seinen Erfolg ganz bescheiden: „Wenn meine Bewunderer wüssten, wie hart ich für mein Genie gearbeitet habe, wären die nicht mehr so erstaunt.“ Leonardo da Vinci pflichtete dem Malerkollegen bei: „Geniale Menschen beginnen große Werke, fleißige Menschen vollenden sie.“

Der Erfinder Thomas Alva Edison führte sein Genie auf 2 Bestandteile zurück: „Ein Prozent ist Inspiraton, 99 Prozent sind Transpiration.“ Überhaupt wird harte Arbeit von den meisten Prominenten als gar nicht so geheimes Rezept ihres Erfolgs angeführt. So definierte der Schauspieler Gustav Knuth Erfolg als „eine Chance, verpackt in harte Arbeit.“

John de Mol ist der Erfinder der Fernsehshow Big Brother. Sein Erfolgsgeheimnis lautet: „Leidenschaft ist der Schlüssel zum Erfolg!“ Aha, denkt Ihr Small Talk-Gegenüber, das scheint ja mal was Neues zu sein. Weit gefehlt! John de Mol meint schlicht und ergreifend „die Leidenschaft, Opfer zu bringen und hart an sich zu arbeiten.“ Damit wäre der Niederländer auch in seinem Nachbarland nicht allein: Der belgische Baron, Unternehmer und Investor Albert Frère führte seinen Reichtum keineswegs auf seine privilegierte Herkunft zurück. Er verknüpfte den Erfolg „mit drei Worten: Arbeit, Arbeit, Arbeit.“

Dass Erfolg auch anders geht, zeigte Shepherd Mead. Der US-Autor war zwar nicht ganz so reich wie Frère. Mit seinem Bestseller Wie man Erfolg hat, ohne sich besonders anzustrengen kam er aber doch zu einem siebenstelligen Vermögen. Meade beantwortete die Erfolgsfrage mit einem Augenzwinkern: „Wie ich Millionär wurde? Hab’ von 6 Uhr morgens bis Mitternacht an meinem Pult gesessen, werktags, sonntags, feiertags, nie Urlaub gemacht, nie krank gefeiert, zweieinhalb Jahrzehnte lang geschuftet, geschuftet - und vorgestern hat mir der entfernte Onkel einer entfernten Tante die Million hinterlassen.“

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Ein Bad in Hitlers Wanne

Dienstag, 19. November 2013

Ihr berühmtestes Bild stammt nicht von ihr selbst. Sondern von ihrem Kollegen, dem Time Life-Fotografen David E. Scherman: Der lichtete Lee Miller in der Badewanne sitzend ab, die verdreckten Armeestiefel auf der davor liegenden Matte abgestellt und die Uniform auf einem Hocker daneben platziert. Es war nicht irgendeine Badewanne. Der keineswegs besonders edle, mit gewöhnlichen Kacheln verkleidete Zuber zählte zum Inventar einer Wohnung in Münchens Prinzregentenstraße 16. Die gehörte Adolf Hitler.

Es war der 30. April 1945, der Tag, an dem der Führer Selbstmord beging. Lee Miller befand sich zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr in Europa, hatte als Fotografin den Vormarsch der Alliierten nach deren Landung in der Normandie dokumentiert und war mit der US-Armee über Paris und das Elsass in die Hauptstadt der braunen Bewegung gekommen. Vorher hatte sie Dachau und über einen Umweg auch Buchenwald einen Besuch abgestattet und war zu dem Schluss gekommen: „Deutschland ist ein schönes Land - mit Dörfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen - und wird von Schizophrenen bewohnt.“

Letztere lebten beispielsweise in Weimar, der Stadt der deutschen Klassik, wo Goethe und Schiller wirkten und wo sich keine 4 Kilometer entfernt auf einem Hügel das Konzentrationslager Buchenwald erhob. Lee Miller drückte auf den Auslöser, als brave deutsche Bürgerinnen und Bürger von den einmarschierten Amerikanern gezwungen wurden, sich den Ort des Elends anzuschauen, von dem sie zuvor angeblich weder etwas gehört noch gesehen und schon gar nichts gewusst hatten.

Nicht weniger beeindruckend als ihre Aufnahmen sind Lee Millers Berichte, die umgehend in einer Modezeitschrift(!) veröffentlicht wurden. Nur wenige Seiten trennten damals in der Vogue die Skelette der Verhungerten in deutschen KZs von leckeren Kochrezepten und perfekt gestylten Models.

Wie Klaus Bittermann, Herausgeber der bei Tiamat erschienenen deutschen Ausgabe von Lee Millers Krieg. Mit den Alliierten in Europa. Reportagen und Fotos (ISBN 978-3-89320-178-5), in seinem Nachwort zutreffend schreibt, ist Lee Millers Reportagensammlung ein durchaus subjektives und parteiisches, aber auch ein sehr authentisches Werk.

Bilder und Texte dokumentieren lebhaft und eindringlich, aber zum Glück nie belehrend, den Alltag in einer der schwärzesten Stunden Deutschlands, mit Einwohnern, deren Groll viel mehr dem verlorenen Krieg als dem durch das von den Nationalsozialisten angerichtete Unheil geschuldet schien.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Große Krieg

Montag, 18. November 2013

The Great War nennen die Briten den Ersten Weltkrieg. Der Große Krieg nennt ihn auch der Historiker Hans Magenschab. Seinem kürzlich erschienenen Buch über das Ereignis hat er diesen Titel verpasst, „weil“, wie er schreibt, „der Zweite Weltkrieg tatsächlich nicht ohne den Ersten gedacht werden kann.“

Weiter heißt es in der Begründung: „Ohne Schüsse von Sarajevo wäre wohl 4 Jahre später keine schmachvolle Niederlage Deutschlands und Österreichs erfolgt, keine Machtergreifung des Österreichers Adolf Hitler in der Weimarer Republik und kein grauenvolles Verbrechen wie der Holocaust. Ergo wohl auch keine Faschismen, Bürgerkriege, Schlachten zur See und Invasionen zwischen Nordpol und Südpazifik - und auch keine Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki als Auftakt zum Kalten Krieg.“

Magenschab zitiert den US-Kollegen George F. Kennan, indem er von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ spricht. Für die neben Deutschland als Hauptschuldige ausgemachten Nationen Österreich und Ungarn traf genau dies zu. Auf den Pariser Friedenskonferenzen wurde den für die beiden Adjektive verantwortlichen Ländern der k.u.k. Monarchie die heutigen, aus ihrer Sicht sehr engen Grenzen gezogen.

Deutschland kam mit dem Verlust einiger Gebiete im Osten vergleichsweise glimpflich weg. Diese Einbuße machte lange nicht, wie etwa im Fall Ungarns, gute zwei Drittel des früheren Staatsgebiets aus (siehe auch unseren Newsletter vom 4. Juni 2010: Ungarn minus zwei Drittel). Die österreichischen Gebietsabtretungen nach dem Friedensschluss von Saint Germain kamen nicht nur Italien zugute. Über die Umwege Tschechoslowakei und Jugoslawien profitierten vor allem deren ehemalige Teil- und heute souveränen Republiken.

Was Magenschabs Buch über bislang erschienene Werke mit gleicher Thematik heraushebt, ist die Auswahl der Bilder. Die sind, anders als bei zahlreichen Dokumenten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, weder gestellt noch nachträglich retuschiert. Sie stellt der Autor in Kontrast zu offiziellen Regierungsplakaten; Karikaturen der Propagandaabteilungen der Kriegsministerien oder Werbeplakaten der Armeeführungen, deren „Naivität und Dummdreistigkeit“ die Urheber entlarven.

Literarische Zeugnisse von Teilnehmern oder Beobachtern am Kriegsgeschehen, ebenfalls im Buch veröffentlicht, spiegeln ein komplett anderes Bild wider. Nach der Lektüre von Magenschabs Werk darf man gespannt sein, was das kommende Jahr noch an aufregender Literatur über den Großen Krieg und seine Auswirkungen bringen wird. (Hans Magenschab, Der Große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914 - 1918. Tyrolia Verlag, Innsbruck und Wien 2013 ISBN 978-3-7022-3299-3)

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Deutschlands erste Tempo-30-Zone

Donnerstag, 14. November 2013

Jeder Fahrzeuglenker hat die Geschwindigkeit seines Gefährts so einzurichten, dass es rechtzeitig zum Stillstand kommt: So heißt es in der Straßenverkehrsordnung. Wenn Autofahrer tatsächlich so verantwortungsvoll wären, bräuchte es keine Geschwindigkeitsbegrenzungen. Tatsächlich kam die junge Bundesrepublik, zumindest während der zweiten Regierung Adenauer, ohne Tempolimit aus. Kurz vor der dritten BRD-Bundestagswahl wurde es wegen der stetig steigenden Unfallzahl doch eingeführt.

Ab dem 1. September 1957 war in Städten eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern vorgeschrieben. Selbst diese Einschränkung reichte offenbar nicht aus; vor allem nicht, als jeder zweite Bundesdeutsche Besitzer eines Automobils war. Diese Verkehrsdichte wurde 1983 erreicht.

In Sachen Verbesserung der Verkehrssicherheit wurde heute vor 30 Jahren eine Stadt in Norddeutschland aktiv. Flächendeckend in der Innenstadt richtete der Buxtehuder Baurat Otto Wicht eine Tempo-30-Zone ein. Als verstärkende Maßnahme schaffte er Vorfahrtstraßen ab; überall im Zentrum galt wieder die alte Rechts-vor-Links-Regel. Wer sich hinterm Steuer und auf dem Gaspedal immer noch renitent gab, wurde endgültig durch eine Stafette die allzu flotte Durchfahrt begrenzender Blumenkübel ausgebremst.

182 in Buxtehude aufgestellte Exemplare brachten Wicht von genervten Autofahrern den Spitznamen „Kübel-Otto“ ein. Später verfiel man in Buxtehude auf elegantere Lösungen wie die aus der Formel 1 bekannten, die Fahrspur einengenden Schikanen oder auch auf optisch ansprechende Blumeninseln. Die gemachten Erfahrungen gaben Wicht Recht.

Bei Tempo 50 enden, wie der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in einer Untersuchung herausfand, acht von zehn Unfällen mit Fußgängern tödlich. Bei Tempo 30 sterben weniger als 3 von 10 Angefahrenen. Gerade in Städten lässt sich Verkehrsunfällen und deren Folgen am ehesten gegensteuern. Innerhalb von Ortschaften ereignen sich laut Statistischem Bundesamt doppelt so viele Unfälle wie außerhalb der Stadtgrenzen. Bei Unfällen mit Kindern lag das Verhältnis sogar bei 28:1!

Apropos Kinder: Autofahrer, die ein Tempolimit als eine amtlich verfügte Potenzminderung betrachten, sollten in dieser Hinsicht vielleicht das Statussymbol wechseln.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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