Das glücklichste Volk auf der Welt

Heute jährt sich der Tag, an dem die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger aufgehoben wurden, zum zwanzigsten Mal. Die und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten eingeleitet. Sicher erinnern Sie sich noch an jene zunächst recht langweilige Pressekonferenz, die live im DDR-Fernsehen übertragen und später unzählige male wiederholt wurde. In ihr erwähnte Politbüromitglied Günter Schabowski in einem Nebensatz, seine Regierung habe beschlossen, „eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Regelung denn in Kraft trete, antwortete Schabowski ziemlich verdattert: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Das ließen sich die Ostdeutschen nicht zweimal sagen: Das Ergebnis war die größte Völkerwanderung Richtung Westen in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. Dabei waren die Grenzübergänge nicht einmal geöffnet. Lange Schlangen bildeten sich, und die Beamten dort wussten nicht, was sie tun sollten. Zunächst durften Bürger nur passieren, nachdem sie ihren Ausweis zeigten. Der wurde sofort entwertet, um eine Rückkehr unmöglich zu machen. Doch bald war der Ansturm so groß, dass keine Kontrollen mehr durchgeführt werden konnten.

Schließlich kapitulierten die Grenzer: Um 23 Uhr 14 öffnete sich als erster der Schlagbaum an der Bornholmer Straße in Berlin. Weitere Übergänge folgten diesem Beispiel, und die ganze lange Nacht lang waren die Ostdeutschen im Westen unterwegs. Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper stellte am nächsten Tag fest: „Gestern nacht war das deutsche Volk das glücklichste auf der Welt.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Kommentar schreiben: