Das letzte heidnische Volk Europas

Die Litauer, fand gegen Ende des 11. Jahrhunderts der Chronist Adam von Bremen, seien sehr gute Menschen, von denen viel Lobenswertes gesagt werden könnte – wenn sie nur Christen wären. Das mit dem Christentum war für die baltischen Heiden so eine Sache. Christen waren beispielsweise die Schwertbrüder unter dem Rigaer Bischof Albert. Der hatte es auf ihr Land und die Seelen der Besitzer abgesehen. Wer die Kriegszüge überlebte und in Gefangenschaft geriet, hatte bei Albert die Wahl: einen Kopf kürzer oder Kopf unter Wasser.

Die Litauer entschieden sich in der Regel für letzteres: Die Taufe ließ sich später wieder abwaschen. So blieben die Westbalten das letzte heidnische Volk Europas. Im Jahr 1236 konnten die lästigen Schwertritter dann endlich besiegt werden. Doch von Süden stieß bald die Nachfolgeorganisation, der Deutsche Orden, gegen das Land vor. Um den hartnäckigen Nachstellungen zu entgehen, verbündete sich der Litauerherrscher Vytautas mit einem anderen christlichen Volk, den Polen. Dafür musste er sich zur christlichen Religion bekennen, mit einer Taufe, die sich nicht mehr abwaschen ließ. Die Kompromisstaktik hatte Erfolg: Gemeinsam konnten Polen und Litauer ein Heer aufstellen, das den Ordensrittern ebenbürtig war.

Heute vor 600 Jahren kam es zur richtungsweisenden Schlacht von Tannenberg (polnisch: Grunwald; litauisch: Žalgiris). An deren Ende war der Deutsche Orden nicht mehr das, was er früher einmal war: eine Großmacht im Nahen Osten Europas. Diese Stellung sollte im 15. und 16. Jahrhundert das Doppelkönigreich Polen-Litauen einnehmen – bis die Schweden übernahmen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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