Das Los des Lyrikers

Kleine Denksportaufgabe: Nennen Sie einen griechischen Dichter von Weltrang. Einen neuzeitlichen bitte, der nicht Nikos Kazantzakis (siehe unseren Newsletter vom 18. Februar 2008 „Der Kopfmensch und der Lebemann“) heißt. Lord Byron (siehe die Ausgabe vom 22. Januar 2010 „Leider nicht der erhoffte Tod“), das möchte ich Ihnen gleich sagen, zählt nicht; der war allenfalls Wahlgrieche.

Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen und werfe jetzt einfach einen Namen auf den Bildschirm, auf den Sie starren: Odysseas Elytis. Kennen Sie nicht? Da geht es Ihnen wie vielen Literaturexperten. Immerhin gewann der Lyriker den Literaturnobelpreis. Das war 1979, was seinem viel berühmteren Landsmann Kazantzakis – beide stammen aus Heraklion, dem Hauptort der Insel Kreta – nie vergönnt war. Kazantzakis schrieb einen berühmten Roman, Alexis Sorbas, der auch verfilmt wurde. Elytis schrieb Lyrik, seine Gedichte lassen sich nicht so gut verfilmen und fast noch schlechter übersetzen.

Ein Schicksal übrigens, das viele hellenische Musiker teilen: Sie produzieren ausschließlich für den einheimischen Markt; ihre Musik gelangt im Ausland seltenst in die Läden und wird nur in griechischen Restaurants gespielt. Eine Ausnahme ist Mikos Theodorakis. Der war zuerst auch Lyriker, dann wechselte er das Fach – nicht zu seinem finanziellen Schaden. Seiner Popularität außerhalb der Heimat hat’s auch gutgetan.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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