Der berühmteste unvollendete Satz der deutschen Geschichte

„Wir sind zu Ihnen gekommen“, verriet der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher seinen Zuhörern, „um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise …“ Weiter kam er nicht, der Rest ging im ohrenbetäubenden Jubel unter. Der kam von rund 4000 DDR-Bürgern, die an jenem 30. September 1989 auf dem Gelände des Palais Lobkowicz – bis heute Sitz der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Prag – Zuflucht gefunden hatten. Genschers Botschaft aus der Botschaft läutete das Ende der DDR ein.

Was zunächst als Präzedenzfall gedacht war – die Ausreise wurde aus humanitären und sanitären Gründen gestattet, weil die hygienischen Zustände wegen des Menschenandrangs im und vor dem Palais Lobkowicz unhaltbar waren – wuchs zur Methode aus. Immer mehr DDR-Bürger kehrten über den Umweg der bundesdeutschen Botschaften in den Nachbarländern Tschechoslowakei und Polen ihrer Heimat den Rücken. Am 3. November schließlich gestattete die Regierung in Ostberlin offiziell die Ausreise über Prag: Wollte jemand aus der DDR in die Hauptstadt eines der beiden Nachbarländer reisen, benötigte er künftig kein Visum mehr; der Personalausweis reichte aus.

Heute erinnert im Garten des Prager Palais ein in Bronze gegossener Trabant, montiert auf vier Stelzen in Gestalt menschlicher Beine, an die Ereignisse vor zwei Jahrzehnten. Auf dem halbrunden Balkon, von dem aus Genscher sich an die Flüchtlinge wandte, ist eine Tafel mit dem eingangs zitierten Text angebracht. Die drei nicht ausgesprochenen Wort sind dort angefügt: „… möglich geworden ist.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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