Der erste Prager Fenstersturz
Treue Leser dieses Newsletters wissen, dass es in der Geschichte der tschechischen Hauptstadt drei Fensterstürze gab (siehe dazu unsere Ausgabe vom 24. Oktober 2006 „Was wissen Sie über unsere Nachbarn?“). Das erste dieser seltsamen Ereignisse fand heute vor 590 Jahren statt.
Damals begehrten die Anhänger des Reformators Jan Hus – er war 1415 auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt worden – gegen die katholische Kirche und deren Schutzherrn, den böhmischen König Wenzel, auf. „Ein wahrer Christ ist arm“, kritisierte der hussitische Prediger Jan Zelivsky und stachelte seine Anhänger zum Sturm auf das neustädtische Prager Rathaus an, um von den Stadträten die Freilassung inhaftierter Glaubensgenossen zu erpressen. Die Aktion artete aus, sieben Ratsherren wurde aus den oberen Stockwerken gestoßen und landeten auf dem Pflaster oder in den Spießen der unten wartenden Menge. Daraus entwickelte sich eine Revolte, denn an Ort und Stelle wurden sogleich neue Ratsherren gewählt und auch sofort eingesetzt.
Der erste Prager Fenstersturz verzeichnete noch ein weiteres Opfer: Als König Wenzel vor versammelter Beratermannschaft von dem Aufruhr erfuhr und jemand aus der Runde einwarf, aufgrund seiner rücksichtslosen Politik gegenüber den Hussiten hätte er mit einer solchen Reaktion rechnen müssen, stürzte sich der Monarch mit gezücktem Dolch auf den vorlauten Beamten. Zwar konnten die Umstehenden das Schlimmste gerade noch verhindern, doch erlitt der Rasende, während er von kräftigen Händen gehalten wurde, einen Schlaganfall, der ihn halbseitig gelähmt zurückließ. Zwei Wochen später erlitt Wenzel eine weitere Attacke. Sie raffte Böhmens obersten Tobsüchtigen endgültig dahin.
Autor von Small-Talk-Themen.de


