Der lange Weg zur Bühne

„Als ich um zehn Uhr auf die Uhr schaute, war es erst halb neun“: So beschreibt der Theaterkritiker Alfred Kerr ein Unbehagen, das seine Zunft – wie auch die Riege der Zuschauer – regelmäßig bei Vorstellungen heimsucht. Morgen ist der Welttag des Theaters. Zu diesem Anlass möchten wir die Schauspieler-Zuschauer-Beziehung einmal aus ungewohntem Aspekt beleuchten: dem Blickwinkel derer, die auf der Bühne stehen.

Eine interessante Begegnung der merkwürdigen Art beschrieb der Schauspieler Axel Milberg – der auch Nichttheatergehern bekannt sein dürfte, als psychopathischer Kieler Tatort-Kommissar Klaus Borowski – der Süddeutschen Zeitung: „Auf dem Weg zur Theatervorstellung habe ich als Autofahrer mal jemanden, der mich zuvor beim Spurwechsel geschnitten hatte, an der Ampel laut und mit eindeutigen Gesten beschimpft. Diese Blechkiste um einen herum sorgWelttag, Theater, Alfred, Kerr, Axel, Milberg, Geschichte, Auto, Ampel, Süddeutsche, Zeitungt ja für eine totale Depersonalisierung. Man ist nur noch Steinzeitmensch. Nun, dieses Ehepaar von der Ampel sah ich drei Stunden später wieder. Ich stand auf der Bühne der Kammerspiele und sah die beiden in der ersten Reihe Mitte sitzen. Sie klatschten, wie mir schien, etwas verhalten. Und ich verbeugte mich, wie mir schien, etwas tiefer.“

Möge es auch morgen wieder zu tiefen Verbeugungen auf der Bühne kommen! Hoffentlich sind sie den Leistungen auf der Bühnen und nicht denjenigen auf dem Weg dorthin geschuldet.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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