Der Papst der Kritiker

Marcel Reich-Ranicki, in Polen geboren, kam als Neunjähriger nach Berlin. Das Abitur durfte er noch am Fichte-Gymnasium machen, seine Einschreibung an der Berliner Universität wurde abgelehnt. Reich-Ranicki war Jude.

Im Oktober 1938 wurde er morgens früh um sieben verhaftet. Außer seiner Aktentasche, erzählte Reich-Ranicki später mit dem ihm eigenen trockenen Humor, konnte er noch Honoré de Balzacs Roman Die Frau von 30 Jahren mitnehmen. Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, war er bereits im Ghetto von Warschau interniert. Den Krieg überlebte Reich-Ranicki durch zwei couragierte Aktionen. Die Flucht aus dem Ghetto ging auf seine eigene Kappe: Er bestach einen Wachtposten. Die endgültige Rettung verdankte er einem polnischen Ehepaar, das ihn und seine Frau Teofila über 16 Monate hinweg versteckte.

1958 kehrte Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, nachdem ihn die Behörden im kommunistischen Polen wiederholt schikaniert und auch mit einem zeitweiligen Veröffentlichungsverbot belegt hatten. Der Rest ist bekannt: Reich-Ranicki wurde zu dem Literaturkritiker schlechthin in der Bundesrepublik.

Heute feiert er seinen 90. Geburtstag. Über seinen Berufsstand meinte Reich-Ranicki einmal: „Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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