Die andere Geschichte Lateinamerikas
„Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“: Diese Erkenntnis machte Georg Christoph Lichtenberg Ende des 18. Jahrhunderts. Das Zitat hätte aber auch von Eduardo Galeano stammen können. Der erblickte 2 Jahrhunderte später als der Göttinger Professor das Licht der Welt, am 3. September 1940 im uruguayischen Montevideo.
Galeano wurde durch ein Buch mit einem Schlag berühmt. Es trägt den Titel Las vienas abiertas de America Latina, zu deutsch Die offenen Adern Lateinamerikas, wurde kurz nach seinem Erscheinen 1971 in acht weitere Sprachen übersetzt und ist auch in Deutschland, obwohl es dort anfangs wie Blei in den Regalen lag, inzwischen eine Viertelmillion Mal über die Ladentheke gewandert. Bis heute hat es nichts von seiner Bedeutung verloren: Beim letztjährigen Amerikagipfel schenkte Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez seinem US-Kollegen Barack Obama ein Exemplar.
Bis heute hat sich, leider, auch wenig an der Problematik geändert. „Die Unterentwicklung in Lateinamerika“, heißt es im Vorwort, „ist die Folge der Entwicklung anderer, die sie weiterhin fördert.“ Mit den anderen meinte Galeano nicht nur die USA, sondern auch die einheimischen Eliten, die über Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte nur die Interessen ihrer Schicht vertraten und der breiten Bevölkerung den Zugang zu Bildung, zu selbstbestimmter Arbeit, zu einer ordentlichen gesundheitlichen Versorgung und zu einem Leben in angemessener Würde verwehrt haben.
Mit den fortschrittlichen Ansätzen der Regierungen Luis Ignacio da Silvas in Brasilien, der Kirchners in Argentinien, Evo Morales’ in Bolivien, Rafael Correas in Ecuador, Fernando Lugos in Paraguay, Hugo Chavez’ in Venezuela und bis vor kurzem Michelle Bachelets in Chile und Tabaré Vazquez’ in seinem eigenen Land dürfte Galeano aber den einen oder anderen Hoffnungsschimmer verbunden haben.
Autor von Small-Talk-Themen.de


