Die Post passt an

„Ich habe einen jungen Mann gekannt, der sich durch das Laster, alle Briefe zu beantworten, ruiniert hat.“ Dieser Ausspruch stammt von Oscar Wilde, der sich selber auf ganz andere Arten ruiniert hat (siehe unseren Newsletter vom 30. November 2010: Ein Land, das es vielleicht bald nicht mehr gibt).

Ab dem 1. Januar 2015 käme des irischen Schriftstellers damals junger Bekannter, würde er denn noch leben, dem Bankrott ein weiteres Stück näher. Dann wird der Preis für einen Standardbrief Inland von 60 Cent auf 62 Cent „angepasst“, so die Deutsche Post in ihrem manipulativen Sprachduktus, der nicht nur ein wenig an den Roman 1984 (siehe auch unsere Ausgabe vom 12. Juni 2014: Eine unendliche Geschichte) erinnert.

Sein Autor George Orwell hatte darin ein sehr wirksames Propagandamittel vorgestellt: das so genannte Neusprech als Beschönigung hässlicher Dinge durch nette Vokabeln. Im imaginären Imperium Orwells, dem totalitären Staat von 1984, hieß beispielsweise das Kriegsministerium „Ministerium der Liebe“, und der minderwertige Brösel-Tabak bekam das schmeichelhafte Etikett „Victory-Zigaretten“ verpasst.

Inzwischen ist dieser Sprachgebrauch, 66 Jahre nach Erscheinen des Romans, auch in unserer Gesellschaft fest verankert. So wurden Müllabfuhren zu Umweltdiensten, wandelten sich Arbeitsämter zur Bundesagentur für Arbeit, firmierten Entlassungen unter Reduzierung der Personalkosten, las sich Verteuerung als neue Preisgestaltung, mutierte die Propaganda zu Public Relations, abgekürzt PR, gerierten sich Krankenkassen als Gesundheitskassen, wurden Kriegstote als Kollateralschäden registriert und traten militärische Besatzungsmächte als Koalition der Willigen in Erscheinung.

Schöne neue Welt, könnte man eine weitere düstere Zukunftsvision bemühen – diesmal nicht von George Orwell, sondern von seinem britischen Landsmann und Schriftstellerkollegen Aldous Huxley. Da wir gerade beim Zitieren sind und den Bogen zum Anfang dieses Newsletters schlagen möchten: „Nimm einem Menschen den Briefkasten“, fand der Wiener Autor, Literatur- und Theaterkritiker Alfred Polgar (der auch einen guten Postkritiker abgegeben hätte), „und du nimmst ihm die halbe Welt.“

Die Post hat seit der Wende nicht nur jeden zweiten Briefkasten abgebaut. Sie erhöht mit Wirkung vom 1. Januar das Porto sowohl für Postkarten als auch für Standardbriefe ins Ausland von 75 auf 80 Cent. Pardon, die Post erhöht natürlich nicht. Sie passt an.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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