Ein Jahrtausendwerk, das ins Wackeln geriet
London ist nicht gerade eine Stadt, die für ihre Zurückhaltung bekannt ist. Zur Jahrtausendwende leistete sich die britische Metropole am 10. Juni 2000 ein imposantes Wahrzeichen, mit dem die Stadtväter noch mehr Öffentlichkeitswirkung als ohnehin schon erzielen wollten. Der Plan gelang, wenn auch anders als ursprünglich gedacht.
Die in aller Bescheidenheit Millenium Bridge getaufte Themsetraverse war bereits drei Tage nach ihrer Eröffnung wieder in den Schlagzeilen. Diesmal musste die schicke Fußgängerbrücke wieder geschlossen werden, und der Fluss konnte in dieser Gegend wie gehabt nur auf den auch für Autos zugelassenen Nachbarkonstrukten Blackfriars Bridge und Southwark Bridge überquert werden. Der Grund für die Schließung waren allzu regelmäßige Schwingungen. Die hatten die durch das Großstadtleben mit all seinen Vorschriften gleichgetakteten Fußgänger beim Beschreiten verursacht. Dadurch war das Jahrhundertbauwerk nicht nur ins Schwanken, sondern auch zu einem neuen Spitznamen gekommen: the wobbly bridge, die wacklige Brücke. Vielleicht hätte man sich bei Experten aus einem ebenfalls gleichgetakteten Milieu erkundigen sollen. Dem Militär sind die Fährnisse des kollektiven Brückenquerens wohlbekannt: Offiziere lassen ihre Soldaten bei einem solchen Gang absichtlich den Rhythmus brechen, um gleichmäßige Schwingungen zu verhindern.
Vielleicht hätten man auf der Millenium Bridge entsprechende Schilder aufstellen sollen mit Hinweisen wie: „Bitte hüpfen Sie alle zwanzig Schritte einmal kräftig auf und ab“, oder „Wechseln Sie ab der Brückenmitte in den Rhythmus der Echternacher Springprozession.“
Die Stadtverwaltung wählte die teurere Version: Sie entschloss sich zur Reparatur, die bis zum Frühjahr 2002 dauerte. Seitdem wackelt die Brücke nicht mehr, wenn Londoner Passanten drübergehen. Einen letzten Härtetest hatte man zuvor mit einer Kompanie untrainierter Rekruten gemacht.
Autor von Small-Talk-Themen.de


