Ein Lübecker Exportschlager, nicht aus Marzipan
Engelskirchen ist nicht nur als Geburtsort des Verfassers dieses Newsletters bekannt (anbei viele Grüße an Fritz Lingemann, den einzigen Leser in der alten Heimat), sondern auch als Hort des Weihnachtspostamts (siehe unsere Ausgabe vom 25. November 2008 „Das Weihnachtspostamt in Engelskirchen“). Engelskirchen heißt auf Russisch Ustjug: Jedenfalls liegt in dem hübschen Städtchen unweit von Nowgorod das russische Weihnachtspostamt. Nach Ustjug können die Kinder aus Smolensk bis Wladiwostok schreiben, und sie erhalten garantiert eine Antwort von Väterchen Frost, der russischen Version des Weihnachtsmanns.
Ustjug hat aber noch mit einer weiteren Besonderheit aufzuwarten: Die kommt aus Lübeck, ist nicht aus Marzipan und hörte einmal auf den Namen Jacob Potharst. Hinter dem für russische Zungen nur schwer auszusprechenden Exportschlager steht eine Kaufmannsfamilie. Der Einfachheit halber nannte sich ihr Spross – gegen Ende des 13. Jahrhunderts hatte er sich im Hansekontor von Nowgorod niedergelassen, um Geschäfte zu machen – Prokop. Die Geschäfte liefen gut, der Wohlstand wuchs. Bald wurde es Prokop jedoch zu langweilig. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung trat er zum orthodoxen Bekenntnis über. Seine bewegliche Habe verschenkte der Geläuterte, und im bequemen Kaufmannsquartier mochte er auch nicht länger wohnen. Prokop zog umher, lebte von dem, was seine Zeitgenossen wegwarfen und schloss alle in seine Gebete ein. Auf diese Weise soll er Ustjug vor großem Unheil bewahrt haben.
Die Orthodoxen danken es ihm bis heute und gedenken seiner als Heiliger Prokop von Ustjug immer am 8. Juli.
Autor von Small-Talk-Themen.de


