Ein Programm, das nie richtig gelesen wurde

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“: Mit diesem Satz stellte Martin Luther die bis dahin geltende Ordnung in Frage. Zumindest die religiöse. „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“: Mit diesem Satz im selben Pamphlet (Von der Freiheit eines Christenmenschen) relativierte der Wittenberger Theologieprofessor, dass es ihm keineswegs um die politische Ordnung ging.

Wie die freien Bürger in den Städten sollten sich die adligen Grundherren lediglich von der römischen Kirche lösen und für ihre Leibeigenen gleich mitentscheiden. Vermutlich hatte Luther die Eigendynamik seiner kurzen Abhandlung über die christenmenschliche Freiheit überschätzt. Zu provokant waren allein die Überschrift und die Eingangsthese; schon damals wurden programmatische Schriften offenbar nie richtig zu Ende gelesen. Noch im Veröffentlichungsjahr 1520 erfuhr das Thesenpapier als Flugschrift weitere Verbreitung, und das nicht nur in Wittenberg. So wurden allein in Straßburg und in Augsburg jeweils fünf Neuauflagen gedruckt. Von der Freiheit eines Christenmenschen avancierte trotz des ausdrücklich nichtpolitischen Inhalts zur Rechtfertigungsschrift für den Aufstand der Bauern.

Ein halbes Jahrzehnt dauerte es, bis endlich die um ihre Macht besorgten katholischen Fürsten in der Nordhälfte Deutschlands reagierten: Sie vereinigten sich am 19. Juli 1525 im Dessauer Bund als Gegenbewegung zur Reformation. Das war höchste Zeit, denn in der Südhälfte des Deutschen Reichs tobte seit dem Frühlingsbeginn der Bauernkrieg. Er sollte die süddeutschen Fürsten, deren Interessen der Schwäbische Bund erst sehr spät militärisch vertrat, noch eine Weile in Angst und Schrecken versetzen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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