„Neben den Anstrengungen der Werbewirtschaft“, meinte der US-Krimiautor Raymond Chandler, „ist Schach die größte Verschwendung menschlicher Intelligenz.“ Der Satz stimmt so nicht mehr: Inzwischen verschwenden auch Computer ihre Intelligenz an diesen Sport (siehe unseren Newsletter vom 11. Mai 2007 „Mensch gegen Maschine“).
Bevor die Elektronenhirne die Macht im Schach übernahmen – heute vor vierzehn Jahren besiegte mit Deep Blue erstmals in einer Partie ein Computer einen amtierenden Weltmeister (obwohl Kasparow die Serie noch mit 4:2 für sich entscheiden konnte) – nahmen Russen die Rolle der Schachmaschine ein: Von 1948 bis 2007 stellten sie ununterbrochen die Weltmeister – mit Ausnahme der Jahre 1972 bis 1975, als das Spiel dem Amerikaner Bobby Fischer die Krone aufsetzte.
Von Fischer stammt übrigens der Ausspruch: „Schach ist ein geistiges Catch-as-catch-can, bei dem sich nur der Brutale durchsetzen kann.“ Zu Sowjetzeiten besaßen die Russen den Ruf, besonders brutal zu sein. Davor hatten ihn die Deutschen. Kein Wunder, dass von 1894 bis 1921 der Schachweltmeister einer der ihren war, in Person des studierten Mathematikers Emanuel Lasker. Länger als diese 27 Jahre hat sich niemand an der Spitze des gehobenen Brettsports gehalten, auch weil Lasker heute vor 100 Jahren erst mit einem Sieg in der allerletzten Partie seinen Titel gegen den österreichischen Herausforderer Karl Schlechter verteidigen konnte.
Um einen alten Ka(r)lauer zu bemühen: Karl war nicht schlechter, doch das 5:5-Remis reichte dem Titelträger. Wenigstens stammt der aktuelle Schachweltmeister aus einer Nation, der seit Mahatma Gandhis Zeiten eher ein Hang zum Pazifismus nachgesagt wird: Der Inder Viswanathan Anand eroberte vor drei Jahren den Schachthron.
Autor von Small-Talk-Themen.de










