Eine bequeme Eigenschaft
„Jahrhundertelang haben Könige, Priester, Feudalherren, Industrielle und Eltern darauf bestanden, dass Gehorsam eine Tugend und Ungehorsam ein Laster sei“: Das schreibt der US-Psychologe Erich Fromm, in seiner Abhandlung über den Ungehorsam.
Und fügt erklärend hinzu: „Der Grund ist einfach: Bisher hat während des größten Teils der Geschichte eine Minderheit über die Mehrheit geherrscht.“ Gehorsam ist in Fromms Augen eine systemerhaltende Eigenschaft. Die Unterwerfung unter einen fremden Willen bedeutet die Preisgabe der eigenen Unabhängigkeit. Sie bedeutet aber auch eine gewisse materielle Sicherheit und ein weitgehend stressfreies Leben. Schließlich wird man von seinem Beschützer versorgt. Dagegen läuft, wer Autoritäten in Frage stellt, mancherlei Gefahr:
etwa die Gefahr, sich plötzlich auf sich selbst zu verlassen, seinem Verstand zu folgen oder seinem Gewissen zu gehorchen. Ungehorsam ist, kurz gefasst, etwas für Unbequeme. Umgekehrt gilt für Fromm der Schluss, dass Gehorsam vor allem der Bequemlichkeit geschuldet ist.
Heute vor 110 Jahren kam Erich Fromm in Frankfurt am Main zur Welt. Nach Hitlers Machtergreifung emigrierte er in die USA, lebte eine Zeitlang in Mexiko und siedelte im Alter in die Schweiz über, ins sonnige Tessin. Dort starb er am 18. März 1980.
Autor von Small-Talk-Themen.de


