Faule Äpfel
„Man sollt’ den Tag nicht vor dem Abend loben“, lässt Friedrich Schiller in Wallensteins Tod den Kommandanten von Eger, Gordon, zum Titelhelden sagen. Schiller wäre heute 250 Jahre alt geworden, was für diesen Newsletter ein Grund ist, sich einmal näher mit dem Arbeitsalltag des Dichters zu befassen. Einen ersten Einblick hatten wir Ihnen bereits einmal gegeben (siehe dazu unsere Ausgabe vom 2. Dezember 2008 „Faule Äpfel und tote Hühner“).
Darin hieß es, Schiller konnte nur schreiben, wenn er den Geruch von verfaulten Äpfeln in der Nase hatte. Das wissen wir von Goethe, der Schiller einmal besuchte, als dieser gerade nicht zu Hause war. Goethe wartete in dessen Arbeitszimmer und „bemerkte, dass aus einer Schieblade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete, fand ich zu meinem Erstaunen, dass sie voller fauler Äpfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wieder hergestellt fühlte. Indes war seine Frau wieder eingetreten, die mir sagte, dass die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schiller wohl tue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne.“ Letzteres tat Schiller meistens nachts, da er zum Schreiben absolute Ruhe brauchte und ihm die besten Einfälle zuverlässig nach Mitternacht kamen. In seinen ersten Schaffensjahren half er der Kreativität mit einer Flasche Wein nach.
Seit dem Wallenstein hatte er jedoch so viel Routine bei der Arbeit entwickelt, dass er keiner Stimuli mehr bedurfte – abgesehen vom vielen Tabak und den ungezählten Tassen Kaffee, mit denen er sich wach hielt. Und natürlich den Äpfeln! Das alles, verbunden mit der ständigen Nachtarbeit, trug dazu bei, dass Schiller nur 45 Jahre alt wurde. Wenn Sie mehr über Schillers Leben wissen möchte, empfehle ich Ihnen Gero von Wilperts Buch Schiller. Die 101 wichtigsten Fragen.
Autor von Small-Talk-Themen.de


