Himmlischen und irdischen Göttern überlegen
Heute vor 50 Jahren starb der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus. Begraben ist er im Provence-Städtchen Lourmarin. Das findet Nicolas Sarkozy ein wenig schofelig: Frankreichs Staatspräsident will den großen Geist dort aufbewahrt sehen, wo die meisten berühmten Franzosen ruhen: im Pantheon. Gegen eine Überführung der sterblichen Überreste in die Hauptstadt wiederum wehrt sich die Familie.
Im Moment sieht es so aus, als könne Camus dort bleiben, wo er ist: in der malerischen Landschaft des Luberon, auf einem Dorffriedhof, wo sein kleines Grab eines unter vielen ist. Auf den Wunsch des mächtigsten Mannes Frankreichs hätte der rebellische Camus vermutlich wenig gegeben. Die Helden in seinen Werken lehnen Autoritäten ab, so etwa der Protagonist in Der Fremde. Als der als Mörder verurteilte Meursault in seiner Todeszelle Besuch von einem Priester erhält, bricht er in einem grandiosen Monolog mit allen Gesetzen der Kirche – späterer Einzug in den Himmel ausgeschlossen.
Auch der Held des Mythos von Sisyphos hat längst mit jeder göttlichen Ordnung gebrochen; aus der antiken Tragödie schuf Camus ein modernes Gleichnis. Darin kommt der Held zu der Erkenntnis, wie sinnlos die Strafe ist: einen Felsen mühevoll einen Berg hinaufzurollen, welcher dann kurz vor dem Gipfel mit lautem Getöse wieder in die Tiefe rauscht und die Plackerei von vorn beginnen läst. Sisyphos’ Sternstunde ist der Weg bergab: Dort belastet ihn der Stein nicht, er kann nachdenken und im Stillen über die dummen Götter lachen, denen er sich überlegen fühlt. Am Ende hat sich die Fron des ewigen Steinenstemmens für ihn gelohnt.
In der Stille von Lourmarin wird Camus’ Geist weiter über den Göttern schweben, auch über den irdischen.
Autor von Small-Talk-Themen.de


