Ich komme aus Karl-Marx-Stadt
Fragte man einen Bürger aus der Mitte Deutschlands in der Mitte des 20. Jahrhunderts, wo er denn herkäme, antwortete er: aus Karl-Marx-Stadt. Am 10. Mai 1953 erhielt die südsächsische Metropole Chemnitz, rechtzeitig zum 135. Geburtstag des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus (siehe dazu unseren Newsletter vom 14. März 2008 – „Richtige Analyse - falscher Schluss?“), diesen neuen Namen.
Bei der Umbenennung ging es natürlich nur nach dem Willen der in der Deutschen Demokratischen Republik regierenden Einheitspartei, die sich mit dem Adjektiv ’sozialistisch’ schmückte. Folgende Begründung führten die Herren von der SED für den verordneten Namenswechsel an: „Die Hauptaufgabe im Karl-Marx-Jahr besteht darin, dem deutschen Volke die Augen zu öffnen über die welthistorische Bedeutung dieses größten Sohnes der deutschen Nation und die werktätigen Massen im Geiste des unversöhnlichen Kampfes für die sozialistische Gesellschaftsordnung zu erziehen.“ Dran glauben musste die mit damals knapp 400 000 Einwohnern viertgrößte Stadt der DDR. Die Bürger wurden nicht gefragt.
Erst am 23. April 1990, heute vor zwanzig Jahren, durften sie zur Urne schreiten. Das Ergebnis der späten Volksabstimmung war recht eindeutig: Drei von vier Wahlberechtigten wollten den alten Namen wiederhaben. Offiziell seit dem 1. Juni 1990 heißt Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz.
Autor von Small-Talk-Themen.de


