Mord schafft Tradition
Wenn zwei Brüder sich streiten und der eine den anderen umbringt, hat dies mitunter schwerwiegende Folgen, Nicht immer sind sie negativ. So geschehen im Falle von Václav und Boleslav: Nachdem Böhmen sich vom Großmährischen Reich abgespalten hatte und lange bevor es Königreich wurde, kam es in der noblen Familie der Přemysliden zum Streit um die Herzogswürde. Václav gewann. Die Niederlage schien ihm Boleslav zu verübeln, jedenfalls bis zum 28. September 935, dem Tag, an dem er seinen Bruder erschlug.
Im Hohen Mittelalter folgten auf solche dynastischen Zwistigkeiten in der Regel langwierige und vor allem blutige kriegerische Auseinandersetzungen. Nicht so bei unseren böhmischen Nachbarn. Hier schaltete sich die gerade erst im Entstehen begriffene christliche Kirche ein und machte Václav zum Märtyrer. Rasch wurden dem Ermordeten einige wundertätige Fähigkeiten angedichtet, und Böhmen hatte seinen ersten Heiligen. Wenzel, wie er auf Deutsch heißt, avancierte zu einem Vorzeigeprominenten der christlich-abendländischen Kulturgemeinschaft. Boleslav kümmerte sich derweil um weltliche Dinge, vor allem um die Belange der Familie, und sorgte dafür, dass aus dem wilden Böhmen ein braves Mitglied der europäischen Völkergemeinschaft werden konnte. 160 Jahre nach dem Mord an Václav wurde Vratislav vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zum böhmischen König gekrönt. Wie Boleslav und Václav entstammte auch er dem Geschlecht der Přemysliden.
Am heutigen Staatsfeiertag gedenkt Tschechien wie jedes Jahr des Todes seines Nationalheiligen, dem sie auf dem größten Platz ihrer Hauptstadt ein Reiterdenkmal gesetzt haben. Dieses Mal hält sogar der Papst eine Messe – in Stará Boleslav, Václavs Sterbeort.
Autor von Small-Talk-Themen.de


