Krimis drehen sich meist um Kommissare oder Privatdetektive, die Verbrecher dingfest machen und der guten Sache zu ihrem Recht verhelfen. Verkauft sich die Geschichte gut, kann der Autor oder die Autorin eine Serie daraus machen. Nur wenige Krimis schildern die Sache aus der Sicht des Übeltäters. Das kommt beim Publikum erstens nicht so gut an, zweitens ist die Idee mit den Fortsetzungen problematisch – zumal die meisten Leser möchten, dass der Kriminelle seine gerechte Strafe erhält.
Eine Ausnahme von diesem Muster erlaubte sich Patricia Highsmith. Die US-Schriftstellerin erfand eine Figur, die auf den ersten Blick abstoßend wirkt: Tom Ripley begeht einen Mord aus niedrigen Beweggründen. Um dessen Vermögen an sich zu reißen, bringt er den Erben einer Reederdynastie um. Vorher hat er das Vertrauen des Gleichaltrigen erschlichen. Der Mord wird nie aufgeklärt. Um weitere Ermittlungen zu verhindern, tötet Ripley ein zweites Mal. Wieder kommt er ungeschoren davon. Die Geschichte, spannend geschrieben, nicht ohne Mitgefühl für den Protagonisten erzählt, findet Akzeptanz auf dem Buchmarkt.
Patricia Highsmith lässt dem 1955 veröffentlichten Talented Mr. Ripley vier Fortsetzungen folgen, die letzte 1991. In jeder wird weiter gemordet; allerdings macht der Anti-Held eine positive Veränderung durch. Er denkt nicht immer nur an sich selbst, interessiert sich, manchmal sogar uneigennützig, für andere Menschen und setzt sich auch für diese ein. Natürlich ist er weiterhin ein Verbrecher, doch von den kriminellen Akten – er begeht sie hauptsächlich zur Verdeckung der vergangenen Straftaten – abgesehen ähnelt er mehr und mehr einem Musterbürger.
Das Sonderbare an den Ripley-Romanen ist, dass der Leser eine gewisse Sympathie für den Bösewicht entwickelt. Das Ende hat die Autorin offen gelassen, doch ist Ripley auch am Schluss von Folge fünf immer noch ein freier Mann. Patricia Highsmith starb heute vor fünfzehn Jahren. Eine sechste Ripley-Geschichte hat sie nicht mehr geschrieben.
Autor von Small-Talk-Themen.de










