Ungarn minus zwei Drittel

Deutschland hat seine Schmach von Versailles, die es durch einen erneuten Krieg zwanzig Jahre später zu korrigieren galt. Ungarn erlebte sein Trianon. Während Deutschland als Hauptschuldiger des Ersten Weltkriegs vierzehn Prozent seiner vorherigen Fläche an Frankreich, Belgien, Dänemark, Polen und Litauen verlor, musste Ungarn knapp zwei Drittel seines vor 1914 bestehenden Staatsgebiets an die Nachbarn Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien abtreten.

Sogar Österreich, an dessen Seite die Magyaren in den Krieg gegangen waren, durfte etwas von deren Territorium abzwacken, nämlich die Hälfte des Burgenlandes. Diesen Verlust haben die Ungarn nie verwunden. Handelte es sich doch mit Oberungarn und dem Erdely (den größten Teilen der Slowakei und des heute rumänischen Transsylvanien) um die magyarischen Kernlande. Hier, und nicht etwa in der Puszta, entwickelte sich die ungarische Kultur und spielten sich die bis dato wichtigsten Ereignisse der ungarischen Geschichte ab.

Der Schriftsteller György Dalos drückt es so aus: „Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Alsókubin (Dolní Kubin, heute Slowakei), während mein Vater in Lugos (Lugoj, heute Rumnien) geboren wurde. Zwischen den beiden Städten liegen ungefähr tausend Kilometer Entfernung und inzwischen zwei Staatsgrenzen, die jahrzehntelang schwer und manchmal überhaupt nicht passierbar waren.“

Wenigstens das hat sich in Zeiten der EU geändert – ein wenn auch schwacher Trost für die Ungarn, heute, exakt neunzig Jahre nach dem Friedensvertrag von Trianon.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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