Voreilig abgerissen?

Am 9. November 1918 wurde in Berlin die erste deutsche Republik ausgerufen (siehe unseren Newsletter vom 9. November 2007 „Als Deutschland Republik wurde“) – und das gleich zweimal. Zunächst durch Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann (SPD): Der wollte der roten Konkurrenz von der KPD zuvorkommen und öffnete einfach ein Fenster des Reichstags, um die gute Nachricht zu verkünden.

Da konnte Karl Liebknecht nicht ganz mithelfen: Der hatte mit dem Berliner Stadtschloss – dort hatte bis 1918 die Herrscherfamilie der Hohenzollern, die den preußischen König und seit 1871 den deutschen Kaiser stellte, residiert – ein stilvolleres Ambiente gewählt. Leider kam Liebknecht um eine Stunde zu spät, um die Führungsrolle seiner Partei in der deutschen Revolution wirksam zu untermauern. Das Berliner Schloss konnte nichts dafür. Oder doch? Als die Kommunisten dann tatsächlich die Macht in Deutschland übernahmen, wenn auch nur in der Osthälfte, übten sie eine späte Rache:

Heute vor 60 Jahren sprengten sie das Schloss einfach in die Luft. An seine Stelle setzen sie, nachdem das Gelände lange brachlag, ein modernes Gebäude: Der Palast der Republik wurde 1976 als neue Abgeordnetenkammer der Deutschen demokratischen Republik eingeweiht. Er hielt länger als die DDR, aber auch nicht ewig: Unmittelbar nach der Wiedervereinigung wegen Asbestbelastung geschlossen, wurde er bis zum Dezember 2008 komplett abgerissen. Jetzt wird über einen Neubau des Berliner Stadtschlosses nachgedacht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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