Weder in Kassel noch in Kirchhundem

„Meine Maxime ist: Die Karriere steht den Talenten offen, ohne Rücksicht auf Herkunft oder Vermögen.“ Das sagte Napoléon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, als seine Macht noch nicht so weit fortgeschrittener war. Im Herbst seiner Karriere dachte er anders. Da hatte er bereits große Teile Europas erobert und zur Sicherung seiner Macht viele kleine Königreiche und Fürstentümer geschaffen. Die wurden nicht von Fähigen, sondern von Hörigen regiert. Solche Leute findet man am leichtesten in der eigenen Verwandschaft.

Ein Beispiel war das Königreich Westphalen mit der Hauptstadt Kassel: In dem aus dem Herzogtum Braunschweig, Kurhessen und den ehemals Hannoverschen Besitztümern zusammengeklaubten Konstrukt mit dem hochtrabenden Namen herrschte ab 1807 Jerôme Bonaparte, der jüngste Bruder des Kaisers. Nach der Leipziger Völkerschlacht 6 Jahre später war der Spuk vorbei und Jerôme wieder in der alten Heimat. In Westfalen war statt gehobener Kultur und französischem savoir-vivre wieder provinzielle Bodenständigkeit angesagt, und beim Betreten eines Restaurants musste der Melkschemel nicht mehr abgeschnallt werden. Jerôme Bonaparte wurde von den westfälischen Dickschädeln keine Träne nachgeweint.

Heute vor 150 Jahren starb der Ex-König in Paris. Ein Denkmal haben sie ihm weder im kurhessischen Kassel noch im sauerländischen Kirchhundem errichtet.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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