Wortführer des amerikanischen Geistes

Morgen werden die Nobelpreise vergeben. Eklats auf der Feier sind nicht zu befürchten, etwa wenn der Franzose Patrick Modiano die Auszeichnung in der Sparte Literatur entgegennimmt. Er wird schon nicht aus den Werken eines anderen lesen und behaupten, jener habe die Ehrung verdient, nicht er.

So geschah es tatsächlich anno 1930, als Sinclair Lewis, der erste US-Literaturnobelpreisträger überhaupt, aus Schau heimwärts, Engel vortrug. Der Roman stammt von einem damals – und heute leider auch wieder – recht wenig bekannten Autor (siehe unseren Newsletter vom 30. September 2011: Amerika neu entdeckt). Thomas Wolfe starb bereits mit 37 Jahren, an Tuberkulose. Vorher schrieb er 4 großartige Bücher.

Dem oben erwähnten folgten Von Zeit und Fluss sowie, posthum aus den Manuskripten veröffentlicht, Geweb und Fels und Es führt kein Weg zurück (siehe unsere Ausgabe vom 2. Oktober 2012: Im achten Jahr darf’s auch mal ein sperriges Thema sein). Das letzte zu Lebzeiten Wolfes erschienene Werk liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Das Verdienst gebührt dem in Zürich ansässigen Verlag Manesse.

Dass überhaupt ein Werk von Wolfe erschienen ist, ist dessen Lektor Maxwell Perkins zu verdanken. Ursprünglich hatte der Autor ein kaum strukturiertes Manuskript von 4000 Druckseiten (!) abgeliefert. Daraus machte Perkins die ersten beiden Romane. Und Wolfe? „In einem Brief“, diese Information verdanken wir einem ungewöhnlich kenntnisreichen und erhellenden Nachwort von Michael Köhlmeier in der Manesse-Ausgabe, „machte ihm der Autor heftige Vorwürfe, weil er so selbstherrlich und rücksichtslos sein Werk zusammengekürzt habe.“

Der Umstand, dass diese Mitteilung 28 eng beschriebene Seite umfasste, verrät einiges über Wolfes Detailversessenheit. Letztere wiederum kommt seinen Romanen zugute. Von Zeit und Fluss ist nicht einfach zu lesen. Dass der Leser sich ganz auf die Lektüre konzentrieren und diese nach einer Zeit der Gewöhnung an Wolfes Rhythmus und Wortgewalt zum Vergnügen wird, ist auch 40 Seiten hilfreicher Kommentare geschuldet.

Irma Wehrli sei Dank hierfür. Von Zeit und Fluss beginnt mit einer 700 Meilen und über 100 Seiten langen Eisenbahnfahrt, die den Protagonisten – Wolfes bereits aus Schau heimwärts, Engel bekanntes alter ego Eugene Gant – von Altamont in North Carolina nach New York reisen und den Leser tief in das Amerika der 1920er Jahre eintauchen lässt.

Als „Wortführer des amerikanischen Geistes“ hatte Sinclair Lewis Wolfe in seiner Stockholmer Rede bezeichnet und den Autor allen Anwesenden wärmstens ans Herz gelegt, „als Unterpfand für Amerikas eigentliches Wesen und für Amerikas Zukunft.“ Um beides besser zu verstehen, lohnt der bisweilen etwas beschwerliche Umweg via Wolfes zweitem Roman.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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