Münchens literarisches Vermächtnis

„An jenem Mainachmittag, da der Lehrer plötzlich zur Türe hereinkam, auf mich und meine Schwester Anna zuging und uns sagte, wir dürften heimgehen, weil unser Vater sehr krank sei, empfand ich gar nichts. Auf der Straße redeten wir wenig und machten ernste Gesichter. Im Grunde waren wir froh, dass wir den langweiligen Rechenunterricht hinter uns hatten.“

So beginnt Oskar Maria Grafs Lebensbeichte in Romanform, Wir sind Gefangene. Eine Stunde später ist der Vater tot. Der Ich-Autor braucht lange, um zu begreifen, dass nichts mehr so sein wird, wie es früher einmal war. Er leidet fortan unter dem tyrannischen älteren Bruder, der die Vaterrolle ausfüllt. Befreien kann er sich erst, als er nach München ausbüxt, wo er zunächst als Bäcker arbeitet und später in den Ersten Weltkrieg ziehen muss.

Das alles erzählt Graf mit einigem Witz und noch viel mehr Tempo. Atemlos stolpert der Protagonist von einer misslichen Lage in die andere, kommt mal zu einem bisschen Geld und verprasst es sofort wieder, sucht Halt in politischem Engagement und wechselnden Liebschaften. Doch er wird nur herumgeschleudert in jenem Strudel, den der Zusammenbruch des bayerischen Königreichs und das Chaos der Revolution und der Münchner Räterepublik erzeugen.

Er ahnt, dass er nur dann zur Besinnung kommen wird, wenn er seine Erlebnisse niederschreibt. Das macht Graf Jahre später tatsächlich – und landet einen ersten literarischen Erfolg. Weitere schließen sich an, doch heute ist der Schriftsteller (über ihn war schon in unseren Newslettern „Verbrennt mich!“ vom 10. Mai 2006, Ein Bayer in New York vom 28. Juni 2007, Ein Mensch, der fast immer übersehen wurde vom 24. Oktober 2007 zu lesen) ein wenig in Vergessenheit geraten.

Dass dies nicht so bleiben muss, dafür sorgt jetzt die Süddeutsche Zeitung: Sie hat Wir sind Gefangene in ihre neue Buchreihe mit Autoren, die München zum Thema ihrer Bücher gemacht haben, aufgenommen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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