Archiv für Kategorie ‘Allgemein’:

Verfall, Trübsinn, Untergang

Freitag, 3. Februar 2012

Seine Gedichte trugen Titel wie Verfall, Melancholie, Trübsinn, Untergang oder Die Verfluchten. In ihnen wird „blasser Kinder Todesreigen“ aufgeführt, verbreitet sich „des Todes ernste Düsternis“, das „Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, „über unsere Gräber beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ und spiegelt sich der Poet im Wasser als krummer Schreiber, „umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt.“

Alles schwere Kost und nichts für einen fröhlichen Small Talk am 3. Februar, dem 125. Geburtstag des Dichters. Der in Salzburg zur Welt Gekommene gilt als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, und wenn ihm der im selben Bundesland geborene Kollege Josef Leitgeb konzediert, dass „kaum einer in Österreich je schönere Verse schrieb“, offenbart dies nicht nur Wertschätzung, sondern auch den sehr speziellen Sinn für Ausgelassenheit und Vergnügtheit, der unserem Nachbarvolk innewohnt.

Wer so denkt und fühlt, kann sich nur schwer auf die alltäglichen Dinge konzentrieren. Kein Wunder, dass der Schüler ohne Abitur vom Salzburger Stadtgymnasium abging. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre, vor allem weil er durch den anvisierten Beruf legal an die Drogen kam, die seinen Feierabend versüßten und seine Phantasie in höhere Sphären entführten.

Zum erfolgreichen Pharmaziestudium reichte es freilich nicht. Immerhin blieb ihm wie so vielen anderen gescheiterten Existenzen das Militär. Hier schlug der abgebrochene Student eine Offizierskarriere im Sanitätsdienst ein. Den Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Einsatz an der Front in Galizien verarbeitete er in einem letzten großen Gedicht, Grodek:

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düstrer hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, wie wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.“

Es war der erste Kriegsherbst nach der Euphorie des Sommers, als Unzählige sich frohen Mutes und benebelten Geistes freiwillig an die Front gemeldet hatten. Vier weitere deprimierende Herbste sollten folgen. Die brauchte der Dichter nicht, um zu erkennen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“.

Sich selbst wollte Georg Trakl das alles nicht mehr antun. Am 3. November 1914 nahm er sich das Leben. Standesgemäß, durch eine Überdosis Kokain.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wetterprognose vom Murmeltier

Donnerstag, 2. Februar 2012

Vor 4 Jahren berichteten wir an dieser Stelle erstmals über Punxsutawney Phil (siehe unseren Newsletter vom 1. Februar 2008: Morgen ist Groundhog Day).

jenes Waldmurmeltier aus einem bis auf die ersten Februartage gottverlassenen Nest im US- Bundesstaat Pennsylvania, das nicht nur den Frühlingsbeginn vorhersagt, sondern auch dem Hollywood-Erfolgsfilm Und täglich grüßt das Murmeltier als Vorlage diente.

Doch wie weit her ist es mit der Zuverlässigkeit von Phils Prognosen? Die 100 %, die das murmeltiereigene Webportal groundhog.org vorgibt, werden gelegentlich von altklugen Institutionen wie dem Nachrichtensender CBS oder der größten US-Tageszeitung USA Today angezweifelt. Letztere beruft sich auf eine Studie das renommierten National Climatic Data Center. Das im Bundesstaat North Carolina ansässige Institut verfügt über die größte Sammlung von Wetterdaten weltweit.

Als die Experten ihre Analyse – nicht der wirklichen Wetterdaten, sondern der real existierenden Waldmurmeltierprognosen seit 1988 letztes Jahr öffentlich bekanntgaben, machte sich unter Phils Anhängerschaft eine gewisse Ernüchterung breit: 13 Mal lag der pelzige Wahrsager aus Punxsutawney daneben; nur zehnmal sah das Tierchen richtig vorher, ob dem 2. Februar ein rascher Frühling oder noch 6 Wochen Winter folgen würden.

Um es wissenschaftlich auszudrücken: Phils Trefferwahrscheinlichkeit lag bei 39 %. Eine Steilvorlage für Murmeltierskeptiker wie den CBS-Korrespondenten Barry Leibowitz: Der behauptete frech, Phil sei als Vorhersagemedium nicht besser geeignet als des Reporters eigenes arthritisches Knie. Nach Punxsutawney sollte sich Leibowitz am heutigen 2. Februar lieber nicht bewegen. Sonst läuft er Gefahr, dass Phil unter Vernachlässigung des von ihm geworfenen Schattens, Nagezähne voraus, dem Journalisten ein zweites lädiertes Knie bereitet.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Keine Angst vor Wiederholungen!

Mittwoch, 1. Februar 2012

Täglich grüßt das Murmeltier nur im Film. Im wirklichen Leben tut es dies nur einmal im Jahr. Immer am 2. Februar wird auf dem Hügel Gobbler’s Knob bei Punxsutawney das Waldmurmeltier Phil aus seinem Bau gelockt. Dessen Reaktion entscheidet dann, wie lange im Osten der USA noch auf den Frühling gewartet werden muss (siehe unseren Newsletter vom 1. Februar 2008: Morgen ist Groundhog Day ). Seit 1887 gibt es dieses Ritual, und jedes Mal lockt seine Wiederholung mehr Zuschauer an.

Auch in Ihrem Small Talk dürfen Sie auf Wiederholungen setzen. Etwa, wenn Sie eine Anekdote oder einen Witz erzählen. Der darf ruhig alt sein. Hauptsache, er ist gut. Keine Geschichte ist so neu, dass sie nicht schon einmal vorgetragen wurde. Mit Scherzen ist es wie mit dem Wein: Alt ist besser als schlecht.

Beim Witze erzählen hatte Stammvater Adam gegenüber seinen Nachfahren einen entscheidenden Vorteil: Wenn er einen erzählte, konnte ihm niemand sagen, den habe er bereits gehört. Wir Jüngeren dagegen müssen meist auf Bewährtes zurückgreifen.

Eine Regel sollten Sie bei Anekdote oder Witzen im Small Talk noch beachten: Nennen Sie so den Namen des Urhebers, falls dieser bekannt ist. Bei vielen lustigen Geschichten und geistvollen Bonmots ist allerdings nicht mehr nachvollziehbar, wer diese zuerst geäußert hat. Hier dürfen Sie die Quellenangabe vernachlässigen.

Bleibt noch 2 Fragen. Erstens: Welche Witze können Sie erzählen? Die zweite Frage: Wie erzählen Sie einen Witz? Die Antworten erfahren Sie in den nächsten Small Talk-Tipps.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Prototyp des verkannten Genies

Dienstag, 31. Januar 2012

Über den jungen Mann hieß es in der Presse, er „sorgt unablässig für die Befestigung seines Rufes als Liederkomponist. Er verdient ihn auch in vollstem Maße. Seine Kompositionen besitzen Originalität, Charakter, Wahrheit und Gefühl. Da ist keine Note unnütz und die unbemerkbarste Veränderung im Akkord oder in der Begleitung bewirkt oft den herrlichsten Effekt.“

Wer so gelobt wird, läuft Gefahr, am Ende seiner Laufbahn mit dem Prädikat „Verkanntes Genie“ abzutreten. Bei dem Komponisten, der heute vor 215 Jahren in Wien geboren wurde, war dies tatsächlich der Fall. Laut Selbsteinschätzung lag dies an der großen Konkurrenz in seiner Heimatstadt: „Zuweilen glaube ich wohl selbst im Stillen, es könne etwas aus mir werden, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“

Der andere Grund war die Unfähigkeit, sich selbst zu vermarkten. Nicht nur, dass derjenige, an dem offenbar niemand vorbeikam, dem Verzagten öffentlich bescheinigte, ihm wohne „ein göttlicher Funke“ inne. Der Meister tat ihm zusätzlich den Gefallen, vorzeitig von der Bühne dieses Lebens abzutreten.

Zudem fand sich der immer noch hoffnungsvoller Musiker Ende März 1827 in der Schar der 36 Fackelträger wieder, die Beethoven die letzte Ehre erweisen durften. Zuvor hatte die Stadt Wien ihm allerdings die frei gewordene Stelle des Wiener Vize-Hofkapellmeisters verwehrt. Sein größter künstlerischer und kommerzieller Erfolg in der österreichischen Metropole war ein Privatkonzert, das er exakt ein Jahr nach Beethovens Tod gab.

Leider wurde es von dem gleichzeitigen Gastspiel des italienischen Geigengenies Niccolò Paganini überschattet. Den Auftritt des Lokalmatadors dagegen hatte keine einzige Zeitung erwähnt. Ein halbes Jahr später war der Künstler tot.

Ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof – den legte man erst 1874 in der Hautstadt an – wurde ihm später dennoch zuteil.

„Die Nachwelt”, heißt es auf einer Webseite zu Ehren des Komponisten von mehr als 600 Liedern – „wollte sich jedoch nicht mit der unspektakulären Biographie des Schöpfers solch herrlicher Musik abfinden, und so wurde der Komponist einige Jahrzehnte nach seinem Tod zum verkannten romantischen Genie mit besonders ’sanften’ Charakterzügen hochstilisiert.“

Wie Franz Schuberts Leben wirklich verlief, ist unter schubertbund-siegburg.de nachzulesen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein absolut befriedigendes Gefühl samt begleitendem Geräusch

Montag, 30. Januar 2012

Gibt es Dinge, die Sie absolut nicht lassen können?

Stellen Sie sich doch folgende Situation vor:

Sie haben ein Paket bekommen, dessen zerbrechlicher Inhalt nicht in Watte, aber doch in eine Luftbläschenfolie eingehüllt wurde. Der Paketinhalt spielt bald keine Rolle mehr. Doch von der Verpackung können Sie sich so schnell nicht mehr lösen. Eine innere Stimme befiehlt Ihnen, sich nicht eher von der Folie zu trennen, bis Sie sämtliche Luftbläschen zerdrückt haben.

Es gibt schlimmere Zwänge. Die meisten sind zudem nicht von jenem äußerst befriedigenden Plopp-Geräusch begleitet. Die Verpackung wurde erstmals Mitte der 1960er Jahre eingesetzt, als IBM sein 1401er Modell unfallfrei an den Mann oder auch die Frau bringen wollte. Das war angesichts des Gewichts der Geräte gar nicht so, pardon, leicht. Vielleicht wäre eine Investition in Stahlkappen für die Schuhe der Transportarbeiter sinnvoller gewesen. Jedenfalls setzte sich mit der Zeit die Schonverpackung durch.

Erfunden, freilich wider Willen, hatten sie 1957 die US-Ingenieure Alfred Fielding und Marc Chavannes auf der Suche nach neuartigen Tapeten. Das von ihnen entwickelte Material taugte schließlich viel besser als Gewächshausisolierung. Bis IBM auf den Plan trat. An Luftbläschen erfreuten sich die Menschen jedoch schon im Mittelalter. Plastikfolie gab es damals noch nicht. Doch wurden Trinkgefäße häufig so geblasen, dass an den Rändern kleine Erhebungen, so genannte Warzen, entstanden. Geübte Zecher schworen auf die selbst im fortgeschritten alkoholisierten Zustand garantierte Griffigkeit, die auch im häufig doch recht hektischen Wirtshausbetrieb die Leistung am Glas verbesserte.

Wie viel harmloser für die Gesundheit ist hingegen das Zerdrücken der luftgepolsterten Plastikfolie! Es existiert sogar eine ökologische Version dieses Zeitvertreibs ganz ohne Verpackungsabfall.

Klicken Sie einfach die Internetseite virtual-bubblewrap.com an! Oder besuchen Sie, sollten sich dort zu viele Leser dieses Newsletters tummeln, das Webportal www.puffgames.com. Dort finden Sie virtuelle Luftbläschenfolien, die Sie per Mausklick zerdrücken können – samt dem dazugehörigen befriedigenden Geräusch!

Und wenn Ihr Chef etwas dagegen hat? Sagen Sie ihm, dass immer am letzten Montag im Januar der Internationale Luftbläschentag begangen wird.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum gibt es gleich zwei Puzzle-Gedenktage?

Freitag, 27. Januar 2012

Nächsten Sonntag empfängt die AS Rom den FC Bologna. Leider ohne ihren bekanntesten Spieler: Der wird am Puzzle-Tag zu Hause bleiben und seinem allerliebsten Hobby frönen. Das ist natürlich ein Witz.

Aber über Roma-Star Francesco Totti werden gerne Witze gemacht – mit dem immer gleichen Tenor, dass dieser nicht zu den Schlauesten gehört. Es gibt sogar ein Buch mit dem Titel Alle Witze über Totti. So weit, so langweilig. Interessant ist nur, dass Totti die Witze selber gesammelt und herausgegeben hatte – und in dem Band bereitwillig die Rolle des Fußballtoren spielt.

Eine Kostprobe? Totti ruft seine Freundin an: „Ich sitze an einem Puzzle und werde nicht fertig. Alle Teile sehen absolut gleich aus.“ Sofort bietet die Gute ihre Hilfe an: „Was ist das denn für ein Puzzle?“ fragt sie. „Ich weiß nicht“, kommt die Antwort. „Auf der Schachtel ist ein Hahn … warte mal … ein roter Hahn … hm …“

Das hilft der Freundin auch nicht weitet. Sie tröstet ihren Francesco und verspricht, am Abend vorbeizuschauen. In Tottis Wohnung angekommen, schaut sie erst die Schachtel an, dann den Freund - und sagt weise: „Na schön, jetzt sammeln wir die Cornflakes wieder ein, und morgen kaufen wir ein richtiges Puzzle.“

Das Buch mit den Totti-Witzen stand monatelang auf Platz 1 der italienischen Bestsellerliste. Darüber freuten sich ganz besonders die vielen bedürftigen alten Menschen, die in Rom leben. Ihnen spendete der Kicker den Erlös seines kleinen Erfolgswerks. Jetzt fragen Sie sich vielleicht noch, wie es der 29. Januar zum Puzzle-Gedenktag geschafft hat. Nicht nur ich frage mich das auch. Als Erfinder der beliebten Kniffelei gilt der Londoner Kupferstecher und Kartenmacher John Spilsbury. Der klebte anno 1766 eine Großbritannien-Karte auf ein Holzbrett, zersägte die Teile entlang der damaligen Grafschaftsgrenzen und setzte sie anschließend wieder zusammen. Spilsburys Geburtsdatum ist unbekannt.

Es gibt allerdings noch einen zweiten Puzzle-Gedenktag am 13. Juli. Der würdigt den Tag, an dem Ernö Rubik, der Erfinder des Zauberwürfels, zur Welt kam (siehe unseren Newsletter vom 13. Juli 2009: Ein bunter Würfel, der die Welt beschäftigte).

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Spitzen aus Brüssel und von Heinrich Heine

Donnerstag, 26. Januar 2012

Für den heutigen Newsletter bieten sich gleich 2 Einstiege an. Zunächst das Intro für Praktiker: Tag für Tag fällt einem Zöllner derselbe Mann auf. Er scheint irgendetwas über die Grenze zu schmuggeln. Aber was?

Gründlich durchsucht der Beamte die vollbeladene Schubkarre des Pendlers nach versteckter Ware. Doch er kann nichts finden. So geht das ein ganzes Jahr, zwei Jahre, drei Jahre … bis der Uniformierte sich ein Herz fasst und zum Grenzgänger sagt: „Ich habe den dringenden Verdacht, dass Sie etwas schmuggeln, kann es Ihnen aber nicht beweisen. Wenn ich Ihnen Straffreiheit zusage – verraten Sie mir, was Sie schmuggeln?“

Der Gefragte antwortet: „Schubkarren.“

Und jetzt der feingeistigere Einstieg. Der Dichter Heinrich Heine machte seinem Ärger über Zollkontrolleure literarisch Luft: „Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht! Hier werdet Ihr nichts entdecken! Die Contrebande, die mit mir reist, die habe ich im Kopfe stecken. Hier hab ich Spitzen, die feiner sind als die von Brüssel und Mecheln, und pack ich einst meine Spitzen aus, sie werden Euch sticheln und hecheln.“

Letzteres bewies er mit der Veröffentlichung von Deutschland. Ein Wintermärchen (Suhrkamp BasisBibliothek). Heute könnte Heine mit seiner Beteuerung, das Schmuggelgut sei in seinem Kopf, keinen Beamten mehr vom Einschreiten abhalten. Längst hat die Produktpiraterie dem handfesten Schmuggel von Gütern über die Grenze den Rang abgelaufen.

Der weltweite Schaden, den dieses Delikt verursacht, wird auf 300 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Auf ihn aufmerksam zu machen und die Wachsamkeit zu erhöhen versucht die Weltzollorganisation. Sie hat sich vor allem die Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität zum Ziel gesetzt. Der 26. Januar ist der Aktionstag der in Brüssel ansässigen Behörde. Spitzen freilich, auch die aus Mechelen, sind dort längst kein Thema mehr.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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5 Regeln gegen öden Small Talk

Mittwoch, 25. Januar 2012

Den heutigen Beitrag soll ein Gedicht einleiten. Es ist nicht ganz neu. Doch obwohl 1908 in der Literaturzeitschrift Jugend erstmals veröffentlicht, klingen die satirischen Zeilen immer noch aktuell:

Er redet blöde, sie redet noch blöder.
Er findet sie öde, sie ihn noch viel öder.
Er schwärmt für ein Buch, das er niemals gelesen.
Sie schimpft über Rom, wo sie niemals gewesen.
Sie lächelt “Wie geistvoll” und gähnt dabei halb.
Er nennt sie “Mein Engel” und denkt sich “Du Kalb”.
So geht es vier Stunden im selbigen Ton -
Man nennt es: “Ge-bil-de-te Konversation”.

Daran anschließen möchte ich 5 Tipps, die Ihnen helfen, einen langweiligen Small Talk zu vermeiden:

  1. Berichten Sie keine lustigen Erlebnisse mit Ihren Kindern; es sei denn, sie wollen ähnlich lustige Geschichten über die Kinder der anderen Gäste hören.

  2. Zwingen Sie jemandem, der offensichtlich beschäftigt oder in Eile ist, kein langes Gespräch auf.
  3. Erzählen Sie keine Handlung von Büchern und Filmen, die Ihr Gegenüber nicht gelesen oder gesehen hat.
  4. Entschuldigen Sie sich nicht für etwas, das Sie nicht wissen (”Leider kenne ich seine Bücher/Filme nicht …”).
  5. Vergessen Sie nicht, dass die übrigen Gäste auch lieber reden als zuhören. Geben Sie ihnen eine Chance.
Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Konjunktur der Nullen

Dienstag, 24. Januar 2012

Gestern hieß es in diesem Newsletter, die Briten hätten im Siebenjährigen Krieg Preußens Finanzen saniert. Wie seriös ist eine solche Aussage?

Insgesamt flossen damals, bildlich gesprochen, 27 Millionen Taler von der Themse an die Spree. Multiplizieren Sie den Betrag mit 30, und Sie haben den heutigen Wert in Euro. Hätten Sie es gerne etwas plastischer?

Vielleicht hilft Ihnen der folgende Vergleich: Am Ende des 18. Jahrhunderts, heißt es in einem im Internet vielfach zitierten Beitrag der Online-Enzyklopädie Wikipedia, „konnte man im deutschen Raum für einen Taler 12 Kilogramm Brot, 6 Kilogramm Fleisch, 2 Flaschen Champagner, 1 Kilogramm Tabak oder 250 Gramm Tee erwerben, ein Hemd, ein Paar Schuhe oder drei Paar Wollsocken kosteten ebenfalls einen Taler.“

Oder auch nicht. Es kommt ganz darauf an, ob Sie Ihr Brot bei Aldi oder beim Bäcker, Ihr Fleisch beim Discounter oder beim Bio-Metzger und Ihre Schuhe bei Deichmann oder in einem anständigen Fachgeschäft kaufen.

Zurück zu den 27 Millionen Talern der Briten: Die umgerechnet 810 Millionen Euro würden dem heutigen Berliner Finanzsenator allenfalls ein gequältes Lächeln entlocken: Beläuft sich der aktuelle Schuldenstand seines Landes doch auf stattliche 62 Milliarden Euro!

Nicht nur die Währungen und Preise haben sich verändert. Auch die Finanzwelt wird inzwischen von mehr Nullen beherrscht. Das gilt nicht nur für die Akteure, sondern auch für die Summen, mit denen inzwischen Banken zocken und Regierungen sich verschulden. Die 27 Millionen Taler an Preußen waren dennoch ein ungeheurer Betrag. Er überstieg die jährlichen Einnahmen des Staates um das Vierfache.

Im Vergleich zu damals steht Berlin heute gar nicht so schlecht da: Um den Haushalt des pro Kopf am höchsten verschuldeten Bundeslandes zu sanieren, müsste ein Gönner, Retter oder Weißer Ritter lediglich das Dreifache der jährlichen Berliner Staatseinnahmen beisteuern. Letztere belaufen sich auf knapp 20 Milliarden Euro. Wenn das mal kein Fortschritt ist …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Friedrich der Glückliche

Montag, 23. Januar 2012

Friedrich der Große wird morgen 300 Jahre alt. Da dieses Datum schon etwas länger bekannt ist, haben sich im Vorfeld zahlreiche Historiker mit dem Thema befasst – und werden es noch ein ganzes Jahr lang tun.

Diesem Newsletter fehlt der Platz, um die Diskussion über den preußischen Herrscher angemessen zu reflektieren. Einen Aspekt möchte er sich jedoch herauspicken.

Es geht um die Frage, wie groß Friedrich II. wirklich war. Der ehrende Beiname wurde ihm bereits 1745 verliehen. Da war der noch junge Fritz gerade mal ein halbes Jahrzehnt auf dem Thron, hatte aber im Zweiten Schlesischen Krieg das favorisierte Österreich viermal hintereinander geschlagen.

Ein Staatsmann wurde damals, nicht unähnlich heutigen Fußballtrainern, rasch als Held gefeiert, um nach ersten Misserfolgen nicht selten in Schimpf und Schande, unter Aberkennung sämtlicher Titel und Ehrenbezeichnungen, vom Hof gejagt zu werden. Rühmliche Ausnahmen bildeten der antike Alexander, der Frankenherrscher Karl und die russischen Zaren Peter und Katharina.

Eine durchaus mögliche Herabstufung blieb Friedrich erspart, freilich nur um Perückenhaaresbreite. Denn es gab da noch einen Dritten Schlesischen Krieg, der volle 7 Jahre währte und in dessen Verlauf sich der Monarch so dämlich anstellte, dass er neben Österreich auch Frankreich, Russland und Schweden gegen Preußen aufbrachte.

Nach anfänglichen Erfolgen, die neben beträchtlichen Geländegewinnen auch eine nahezu groteske Überschätzung der eigenen militärischen Stärke mit sich brachten, setzte es Niederlagen gegen sämtliche Gegner. Zum Glück für Preußen konnten sich diese nicht auf ein konzertiertes Vorgehen einigen, so dass sich auf den Schlachtfeldern meist nur die Armeen zweier Mächte gegenüberstanden.

Günstig für den bedrängten Friedrich wirkte sich die Unterstützung des einzigen Verbündeten aus: Die Briten konnte zwar keine Soldaten zu Hilfe schicken, dafür sanierten sie mit einer Zahlung von 27 Millionen Talern die klamme Berliner Staatskasse. All dies hätte nichts geholfen, nachdem ein russisch-österreichisches Heer – endlich war man einmal gemeinsam vorgerückt – die Preußen bei Kunersdorf an der Oder besiegten.
1760 wurde sogar Berlin besetzt.

Und jetzt frage ich Sie, ob Sie sich auch nur einen zeitgenössischen Hauptstadtbewohner vorstellen können, der seinen Herrscher noch als ‘den Großen’ tituliert hätte? Bald jedoch zogen die Besatzer wegen Nachschubmangels wieder ab. Nach drei weiteren Jahren endete der Siebenjährige Krieg mit einem Unentschieden. Territorial blieb alles beim Alten, die Historiker nennen einen solchen Zustand status quo.

Ob Friedrich weiterhin der Große genannt werden darf, sollten sie sich überlegen. Seine Rettung verdankte Preußen weder seiner gefeierten Armee noch dem vermeintlichen Genie Friedrichs; eher dem Tod der Zarin Elisabeth 1762, der den russischen Kriegseifer erlahmen ließ, und vor allem dem Sieg des preußischen Verbündeten England über den österreichischen Verbündeten Frankreich. Der Konflikt dieser beiden Großmächte wurde in den amerikanischen Kolonien ausgetragen. Europa war, zum Glück für Preußen und Friedrich, nur Nebenkriegsschauplatz.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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