Archiv für Kategorie ‘Beruf’:

Newsletter wird zum Jahresende eingestellt

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Heute gibt es keinen Small-Talk-Power-Tipp; als Ausgleich bekommen Sie nächste Woche gleich 2. Der Grund dafür ist ein trauriger: Unser Newsletter wird bald eingestellt werden. Diesen Monat können Sie ihn noch wie gewohnt lesen, ab Januar 2015 erscheint er leider nicht mehr.

Diese Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen. Die Arbeit macht auch im zehnten Jahr, in dem an jedem Werktag eine Ausgabe versandt wird, sehr viel Spaß. Doch sie rentiert sich schon lange nicht mehr. Und weiterhin mehr Geld in den Newsletter hineinzustecken als mit ihm zu verdienen – was wir in der Vergangenheit getan haben – ergibt auf Dauer leider wenig Sinn. Ebenso wenig sinnvoll wäre es, für einen Newsletter, den Sie bislang stets gratis bekommen haben, plötzlich Geld zu verlangen.

So bleibt uns nur übrig, uns schon einmal leise zu verabschieden und uns für Ihre Treue zu bedanken. 5.000 Abonnenten und zahlreiche Zuschriften, überwiegend positive, haben uns das schöne Gefühl gegeben, mit dem Newsletter Menschen zu erreichen und ihnen eine Freude zu bereiten. Dies möchten wir auch für den Rest des Monats beziehungsweise des Jahres fortsetzen.

Falls Sie dem Autor dieser Zeilen eine Freude bereiten möchten: Ich bin immer auf der Suche nach interessanten Aufgaben – und möglichen Abnehmern für Texte aller Art: zu aktuellen Themen oder auch historischen Aufhängern, zu bestimmten Jahres-, Gedenk- oder Aktionstagen, zu einem kalendarischen Anlass oder auch zum runden Jubiläum eines Ereignisses, eines Geburts- oder Todestages (berühmter oder in Vergessenheit geratener Persönlichkeiten).

Haben Sie vielleicht selber Bedarf an solchen Texten? Oder kennen Sie jemanden, der gute Texte braucht? Verlag, Zeitung, Zeitschrift, Internetportal, Unternehmen, Verband, Behörde – vieles ist denkbar.

Schreiben Sie mir doch, wenn Sie mögen, an folgende Adresse: r.hoeller@loquis.de.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Was den Profi auszeichnet

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Oscar Wilde, heute vor 160 Jahren in Dublin geboren, erlebte bei einer Theaterpremiere in seiner Londoner Wahlheimat ein fürchterliches Fiasko. Dabei war er mit seinem Werk doch hoch zufrieden gewesen! Trotzig äußerte er sich der Presse gegenüber: „Das Stück war ein großer Erfolg, aber das Publikum eine glatte Fehlbesetzung.“

Wilde war zu Lebzeiten ein ebenso geschmähter Schriftsteller wie gefürchteter Kritiker. Letzteres hatte er mit einem 2 Jahre jüngeren Landsmann und späteren Nobelpreisträger gemeinsam. Nicht selten erwies sich George Bernard Shaw, wie Wilde in Dublin geboren und die meiste Zeit in London wohnhaft, für dilettierende Künstler als Fehlbesetzung im Publikum.

Etwa für ein Ensemble musizierender Ärzte in der britischen Hauptstadt: Die Hobbymusiker hatten auf einer Benefizveranstaltung klassische Stücke zum Besten gegeben, als ausgerechnet Shaw dort beruflich als Kritiker unterwegs war. Am nächsten Morgen wurden die im fremden Metier eher bemühten als begabten Weißkittel von Shaws Zeitung mit der Schlagzeile begrüßt: „Man sollte sie an ihre Schweigepflicht erinnern.“

Wenigstens keine negativen Schlagzeilen musste ein Rockmusiker am Tag nach seinem Auftritt lesen. Doch hatte es bereits am Abend seiner Darbietung hinreichend Ursache zum Verdruss gegeben. Zum Konzert von George Thorogood and the Destroyers im Juli 1975 in Boston waren gerade einmal 12 zahlende Zuschauer erschienen. Der Matador der elektrisch verstärkten Akustik-Slideguitar wollte sein Publikum nicht enttäuschen, zumal es angesichts der vielen Daheimgebliebenen weder Missgunst noch Meckerei zu befürchten gab. Die Combo spielte, als wären Zwölftausend anwesend.

Dieser Meinung war jedenfalls John Forward, dessen Urteil sich als nicht so unmaßgeblich herausstellen sollte. Streng betrachtet taten George Thorogood und Kollegen nur, was Profis generell tun sollten: Sie erfüllten die Erwartungen ihres Publikums zu 100 %. Und vielleicht noch ein bisschen mehr, was sich als unerwartetes Glück herausstellte.

Der oben erwähnte John Forward war unter dem andächtigen Dutzend Zuhörern im Bostoner Club der einzige aus beruflichen Gründen Anwesende - und aus Sicht Thorogoods alles andere als eine Fehlbesetzung. Die hymnische Kritik des Musikjournalisten und die guten Beziehungen ihres neuen Fans mündeten bald in eine runde Sache. Die Plattenfirma Rounder Records war aufmerksam geworden. Längst zählt das schlicht George Thorogood and the Destroyers betitelte Debütalbum zu den Klassikern des Bluesrock.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein wohlwollender Diktator

Montag, 6. Oktober 2014

„Als die Revolution begann, war er im mittleren Alter. Ein Junggeselle, groß und finster, in einer Hand stets einen Becher mit Maté-Tee, in der anderen eine Zigarre. In seinem Wesen war er einsam und unnahbar: ein unerbittlicher Herrscher, ein unversöhnlicher und rachsüchtiger Feind; ein Mann, der niemals vergab und nie vergaß.“

So beschreibt der John Lynch, emeritierter Direktor des Londoner Instituts für Lateinamerikanische Geschichte, den paraguayischen Präsidenten José Gaspar Rodríguez de Francia. Lynchs deutscher Kollege Hubert Krier, der auch einmal Deutschlands Botschafter in Paraguay war, deutet Francias Persönlichkeit ein wenig anders: „Er selbst setzte seinem Volk das Beispiel. Er kannte keinerlei materiellen Genuss, keine künstlerischen, keine literarischen Interessen, nur unermüdliche Arbeit. Vom frühesten Morgengrauen bis spät in die Nacht regierte er sein Land, in völliger Einsamkeit, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Günstlinge, ohne andere Mitarbeiter als untergeordnete Hilfskräfte.“

Francia war, da würde keiner der beiden Experten widersprechen, ein seltsamer Mensch. Vor 200 Jahren putschte er sich in Paraguay an die Macht. Keine 12 Monate waren vergangen, seit der zwischen Bolivien, Argentinien und Brasilien eingekeilte Binnenstaat die Unabhängigkeit von Spanien erlangt hatte.

Zunächst war Francia Mitglied einer Dreierjunta, doch entledigte er sich rasch, mit recht brutalen Mitteln, seiner Mitregenten, den Generälen Atanasio Cabanas und Fulgencia Yegros. Seit dem 4. Oktober 1814 herrschte Francia allein. Er tat dies unangefochten bis zu seinem Tod. Eine Opposition ließ Francia nicht zu. Ihn einen Despoten zu nennen ist also nicht übertrieben. Doch war er ein Diktator, der – anders als die in den übrigen lateinamerikanischen Staaten regierenden Caudillos – seinem Volk mehr nützte als schadete.

Die Besitztümer in Paraguay waren relativ gerecht verteilt. Nirgendwo sonst in der südlichen Hemisphäre besaßen die Ureinwohner so viele verbriefte Rechte und auch so viel Land zum Eigenbebau wie in Paraguay. An demokratischen Maßstäben, wie sie bereits in Teilen Europas herrschten, darf man dessen Regierung freilich nicht messen. Francia schottete sein Land nach außen völlig ab. Die Isolation bewahrte Paraguay vor einer Verschuldung, wie sie den Nachbarländern zum Verhängnis wurde. Seinen Nachfolgern hinterließ Francia ein gesundes wirtschaftliches Fundament, auf dem diese das damals reichste Land Südamerikas aufbauen konnten.

Der Diktator selbst lebte völlig zurückgezogen: Als Francia am 20. September 1840 im Alter von 74 Jahren starb, schreibt der Autor Augusto Roa Bastos, der seinem Landsmann mit dem Roman Ich, der Allmächtige ein literarisches Denkmal setzte, hinterließ er an persönlichem Besitz „einen einzigen, gefleckten Gehrock, zwei Hosen, eine für Empfänge, die andere zum Reiten, und zwei Westen, die einen dreißigjährigen Krieg gegen Motten, Kakerlaken und Termiten geführt haben.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Kein Klassiker: Wer hinter der Kampagne für Zahngesundheit steckt

Donnerstag, 25. September 2014

„Ich sagte meinem Zahnarzt, dass meine Zähne gelb würden. Er sagte mir, ich solle eine braune Krawatte dazu tragen.“ Nicht jeder geht mit seinen Zahnproblemen so locker um wie der US-Komiker Rodney Dangerfield.
Schon William Shakespeare litt wohl an dentalen Gebrechen. In seinem Bühnenstück Viel Lärm um nichts lässt er Leonato, den Gouverneur von Messina, seinem Bruder Antonio anvertrauen, „bis jetzt gab’s keinen Philosophen, der mit Geduld das Zahnweh konnt’ ertragen.“ Shakespeares deutscher Dichterkollege Theodor Fontane barmte gar: „Was macht man sich aus der Liebe der ganzen Menschheit, wenn man Zahnweh hat!“
Damit es nicht so weit kommt, haben Krankenkassen, Landesarbeitsgemeinschaften und Gesundheitsämter den Tag der Zahngesundheit ins Leben gerufen. Unter der Maxime „Gesund beginnt im Mund - ein Herz für Zähne!“ findet heute eine bundesweite Hygiene-Kampagne statt. Federführend für die Kampagne und wohl auch für das Motto ist der in Darmstadt ansässige Verein für Zahnhygiene e.V. Man möchte ihm einen besseren Texter wünschen!

Ein Herz für Zähne: Wie kommt man nur auf ein solches Sprachbild? Vielleicht, indem man Schiller-Fan ist und sein Lied von der Glocke wörtlich nimmt: „Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entsetzen Scherz, Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreißen sie des Feindes Herz.“

Herz beiseite - befassen wir uns lieber mit den Zähnen. Die sind den Darmstädter Hygienikern teuer und einen Appell ans Verantwortungsgefühl wert. Vor allem dasjenige der Eltern: Sie sollen für das Zahnwohl ihrer Sprösslinge sorgen und die Kids zur täglichen Pflege sowohl der ersten als auch der zweiten Beißerchen anhalten, damit möglichst spät oder, noch besser, niemals ein drittes Sortiment benötigt wird.

Den vollständigen Text lesen Sie auf der Webseite. Er liefert übrigens auch die Begründung, warum der Slogan gewählt wurde: „Ein Herz für Zähne“ rufe als allererste Assoziation „Kinder“ hervor. Man muss den Kampagnenmacher zugestehen: Vermutlich hat die BILD-Zeitung mehr Leser als unsere Klassiker.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Deutschlands erste Ärztin

Dienstag, 6. Mai 2014

Als Kind von klein auf kränklich, notgedrungen in einer Welt von Büchern aufgewachsen, der Vater noch dazu Arzt: Sind das nicht die besten Wegweiser, um sich später für ein Medizinstudium zu entscheiden? Wenn das so einfach gewesen wäre!

Die Tochter des Christian Polykarp Leporin, 1715 geboren, wuchs in Quedlinburg auf. Weit war es nicht bis zur nächsten Universität. Die war 2 Jahrzehnte zuvor in Halle gegründet worden. Doch durften Frauen dort wie auch an allen anderen akademischen Einrichtungen in Preußen und den übrigen deutschen Fürstentümern nicht studieren.

Der Vater übernahm die Ausbildung und unterrichtete das Mädchen gemeinsam mit ihrem Bruder in Medizin und Naturwissenschaften. Dann wandte er sich an den Preußenkönig und ersuchte den Monarchen um eine Sondergenehmigung. Tatschlich erteilte Friedrich II. ein herrschaftliches Privileg, das Leporins Tochter die Ablegung des Medizinexamens in Halle erlaubte.

Heute vor 260 Jahren machte Dorothea Christiane Erxleben - sie hatte inzwischen geheiratet - Gebrauch davon und wurde nach bestandener Prüfung Deutschlands erste promovierte Ärztin. Es sollte aber noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dauern, bis Frauen in Preußen beziehungsweise im Deutschen Reich generell zum Medizinstudium zugelassen wurden.

In ihrer Heimatstadt haben sie der Pionierin ein ehrendes Andenken bewahrt. Vor allem zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik: Nach Dorothea Christiane Erxleben wurde die Medizinische Fachschule Quedlinburg benannt, an der Krankenpfleger aus 60 Staaten der Dritten Welt ausgebildet wurden.

Nach der Übernahme der neuen Bundesländer wurde der renommierte Ausbildungsbetrieb in Sachsen-Anhalt einfach geschlossen. Nur das Quedlinburger Krankenhaus trägt weiterhin ihren Namen. Gemeinsam mit der Schwestereinrichtung im benachbarten Wernigerode firmiert es unter der Bezeichnung Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Deutscher akademischer Aderlass befeuert Russlands Schritt in die Moderne

Dienstag, 28. Januar 2014

Peter I. war Russlands Erneuerer (siehe auch unseren Newsletter vom 11. Juni 2012: Wo endet Russland?). Um den wissenschaftlichen und kulturellen Rückstand zu den westlichen Nationen zu verkürzen, veranlasste der Zar heute vor 290 Jahren die Gründung der Staatlichen Universität Sankt Petersburg.

Gleichzeitig wurde die Russische Akademie der Wissenschaften ins Leben gerufen. Es gab nur ein Problem: Russland besaß zu wenig Wissenschaftler. Um sie heranzuzüchten, bedurfte es zunächst einer einschneidenden Reform des heimischen Schulsystems. So lange wollte Peter freilich nicht warten. Er verfiel auf eine Lösung, die sehr modern anmutet: Russland importierte qualifizierte Kräfte aus dem Ausland.

Bezüglich der Einrichtung der Akademie holte sich Peter zunächst Rat bei einem deutschen Gelehrten. Mit Wilhelm Leibniz, auf dessen Anregung auch die Königliche Sozietät der Wissenschaften in Berlin zurückging, stand Peter in regem Briefwechsel. Es fanden auch persönliche Treffen statt, unter anderem im Sommer 1716 in Bad Pyrmont. Nach Leibniz Tod im selben Jahr werkelte der Hallenser Mathematik- und Physikprofessor Christian Wolff am Konzept weiter.

Die Akademie war in drei Klassen unterteilt: Mathematik, theoretisch-experimentelle Wissenschaften wie Physik, Chemie, Botanik, später auch Zoologie, und Geisteswissenschaften, darunter Geschichte, Recht und Philosophie. Mehr als die Hälfte der Akademiedozenten des ersten Jahrzehnts kamen aus dem deutschsprachigen Raum: die Mathematiker Jakob Hermann, Leonhard Euler und Christian Goldbach, die Physiker Georg Bernhard Bilfinger und Georg Wolfgang Kraft, der Naturforscher Johann Georg Gmelin, der Historiker Georg Friedrich Müller und die Botaniker Johann Christian Buxbaum und Johann Amman.

Immerhin stammte der Präsident aus Russland: Lawrenti Blumentrost war in Moskau geboren, hatte aber in Halle studiert. Als Gründe für den starken Deutschenanteil, schreibt der Bonner Professor für Osteuropäische Geschichte, Dittmar Dahlmann, „lassen sich wohl im wesentlichen die Verhältnisse in Deutschland selbst in jener Zeit anführen. Die Universitäten (…) standen kaum in ausreichender Zahl zur Verfügung, so daß auch hochqualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs die Chance, an einer neugegründeten Akademie mit einem relativ hohen Gehalt arbeiten zu können, recht verlockend erschien.“

In jener Zeit? Hat nicht die aktuelle, allseits beklagte Akademikerflucht aus Deutschland immer noch dieselben Ursachen?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Als Hitler in Putzis blauem Bademantel überlebte

Freitag, 8. November 2013

Am Wochenende wird pünktlich zum 90. Jubiläum des so genannten Hitlerputschs gedacht. Vom autoritär regierten Bayern aus, wo der künftige Diktator seine Lehrjahre verbrachte, verfolgte Hitler das Weltgeschehen - und war von den rasch wechselnden Regierungen der Weimarer Republik, die seiner Meinung nach nichts gegen die ausufernde Inflation, hohe Reparationsleistungen des deutschen Weltkriegsverlierers und schmachvolle Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier unternommen hatten, ebenso angewidert, wie er sich vom italienischen Faschisten Benito Mussolini und dessen Machtübernahme per Marsch auf Rom fasziniert zeigte.

Konnte man nicht auch nach Berlin marschieren? Mit nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen an der Seite und bewaffneten Bürgerwehren, von denen es in Bayern zu Hauf gab, im Schlepptau? Revolutionäre haben einen Plan, Rebellen eine Idee. Hitler hatte nicht mehr als eine vage Vorstellung. Vor allem hatte er keine Ahnung von den wirklichen politischen Verhältnissen im Land.

Der reaktionäre bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr fand Hitlers Hirngespinste ganz amüsant, mehr aber auch nicht. Sein Hitler anfangs gegebenes Hilfeversprechen bezeichnete er später als „Theater“. Als dann aber doch die ersten Milizen in München aufmarschierten und in der Nacht zum 9. November im Bürgerbräukeller die „Nationale Revolution“ ausgerufen wurde, beeilte sich von Kahr, den Putschversuch niederzuschlagen.

Die Marschierer wurden vor der Feldherrenhalle entwaffnet und die Wirtshausrevolutionäre in Gewahrsam genommen. Hitler konnte zunächst fliehen. Am 11. November traf beim Polizeikommando im oberbayerischen Weilheim die Meldung ein, der Gesuchte halte sich in der Villa des Kunsthändlers (und späteren Auslands-Pressechefs der NSDAP) Ernst, genannt Putzi, Hanfstaengl versteckt. Dort wurde Hitler im blauen Bademantel des Hausherrn verhaftet.

Die (Kunst-)Historikerin Anna Maria Sigmund hat die Stunden zuvor dokumentiert - und ein interessantes Detail hervorgebracht, das beinahe die Weltgeschichte verändert hätte. Als Hitler die Uniformierten anrücken sah, griff er mit den Worten „Jetzt ist alles verloren!“ zum Revolver. „Ich reagierte sofort“, so die attraktive Helene Hanfstaengl, in die sich Hitler offenbar ein wenig verguckt hatte, rückblickend – „ergriff seinen Arm und nahm die Waffe an mich.“ Mit den Worten „Wie können Sie beim ersten Rückschlag aufgeben? Denken Sie an Ihre Anhänger!“ brachte die nazifromme Helene ihren Anhimmler wieder zur Räson.

Ob sie ihre gewiss aus edler Gesinnung betriebene Tat jemals bereut hat? 8 Monate Festungshaft für den Träger des blauen Bademantels halfen anschließend, einen braunen Heldenmythos zu begründen und den Führer mit der nötigen Härte für künftige Aufgaben auszustatten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Astronaut, Kosmonaut, Taikonaut?

Dienstag, 15. Oktober 2013

Astronaut und Kosmonaut: Als solche werden die Männer, die in Raumschiffen durchs All fliegen und ihr Gefährt auch mal für einen kurzen Spaziergang verlassen, in der jeweiligen Landessprache bezeichnet.

Die US-Behörde NASA orientierte sich bei ihrer Begriffsfindung an der griechischen Bezeichnung für Himmelskörper: astron bedeutet ‘Stern’. Anleihen in Antikhellenisch machte auch die Sowjetunion und führte den Kosmonauten - von kosmos, dem altgriechischen Wort für ‘Weltraum’ - in die russische Sprache ein.

Die dritte große Raumfahrernation - heute vor 10 Jahren startete die chinesische Weltraumkapsel Shenzhou V mit Yang Liwei an Bord ins All - wollte da nicht nachstehen und erfand ebenfalls einen eigenständigen Begriff für ihre in außerirdische Sphären reisenden Piloten. Außerhalb Chinas werden sie allgemein als Taikonauten gehandelt. Innerhalb Chinas freilich verhält es sich ganz anders.

Der Begriff ist, wie uns die Deutsche Raumfahrt-Gesellschaft auf ihrem Internetportal versichert, nicht ganz korrekt. Taikonauten sind in China unbekannt! tai ist zwar die chinesische Entsprechung von ’sehr groß’, kong bedeutet ‘Raum’ - und beides zusammengesetzt steht tatsächlich für eine unermessene Weite oder, moderner gesagt, für den Weltraum. Nur mit der letzten Hälfte des Taikonauten können sie in Asien nichts anfangen. Chinesen haben zur griechischen Antike viel weniger Bezug als Amerikaner oder Russen.

Die Argonauten, die auf der Suche nach dem Goldenen Vlies die Meere durchfuhren, sagen ihnen kaum etwas und kommen als Namensgeber für fernöstliche Weltraumreisende daher nicht in Frage. Wie aber heißen nun die Taikonauten in ihrer Heimat? In China spricht man von yuhangyuan = Menschen, die sich durch das All bewegen, was wiederum ganz sinngemäß unserer deutschen Bezeichnung ‘Raumfahrer’ entspricht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein ganz gewöhnlicher Schauspieler?

Montag, 7. Oktober 2013

Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich? Weshalb sind sie so hart? Diese Fragen lässt der Schriftsteller Klaus Mann seinen Helden in Mephisto, Roman einer Karriere stellen.

Es sind die letzten Zeilen in diesem Werk, gefolgt von einer allerletzten: „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!“ Hendrik Höfgen heißt der Protagonist und hat, von den Nationalsozialisten protegiert, eine steile Karriere hingelegt. Bei aller Andienerei an Goebbels & Co. versäumt es der gute Hendrik freilich nicht, sich nach sämtlichen Seiten hin abzusichern und auch für eine Zeit vorzusorgen, in der die Nazis vielleicht nicht mehr an der Macht sein würden.

Dem Autor ging es, so seine Erklärung - Klaus Mann fühlte sich bemüßigt, sie unmittelbar dem Romanende folgen zu lassen - darum, Typen darzustellen und nicht Porträts anzufertigen. Tatsächlich hatte er genau letzteres getan. Jeder Leser wusste, wer mit Hendrik Höfgen gemeint war. Dafür brauchte er im Alphabet nur einen Buchstaben vorzugehen: GG stand für Gustav Gründgens.

Klaus Mann, früher mit Gründgens eng befreundet, dann vor den Nazis geflohen, kehrte als Soldat der US-Armee ins besetzte Nachkriegsdeutschland zurück. Dort musste er erleben, dass das bestens angepasste Künstlerchamäleon mit der Alliteration im Namen bald schon wieder reüssierte; nicht nur als Schauspieler, sondern sogar als Regisseur! Mann blieb der Erfolg gänzlich versagt. Selbst damit hatte Gründgens zu tun, wenn auch nur indirekt: Manns Berliner Verleger Georg Jacobi hatte sich trotz Vertrags geweigert, den Mephisto zu publizieren.

Der Grund: „Herr Gründgens spielt hier eine bereits sehr bedeutende Rolle.“ Mann reagierte mit einem wütenden Brief zurück: „Das heiße ich mir Logik! Und Zivilcourage! Und Vertragstreue!“, schrieb er am 12. Mai 1949 und legte nach: „Nur nichts riskieren! Immer mit der Macht! Mit dem Strom schwimmen! Man weiß ja, wohin es führt: zu eben jenen Konzentrationslagern, von denen man nachher nichts gewusst haben will …“ Die Folge waren tragisch. 9 Tage später wählte Klaus Mann den Freitod. Auch Gustav Gründgens Ende war keineswegs natürlich. Heute vor 50 Jahren nahm er sich in einem Hotelzimmer im philippinischen Manila mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Da hatte man ihm in Deutschland seine Nazivergangenheit längst verziehen. Gründgens selber - für Klaus Mann posthume Genugtuung - hatte dies offenbar nicht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Meisterwerk medialen Minimalismus

Dienstag, 17. September 2013

Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Diese Frage pflegte der Moderator Robert Lembke am Anfang seines Quiz’ Was bin ich? Zu stellen. Die Heiteres Beruferaten untertitelte Sendung kam ohne große Sprüche, ohne Glamour, sogar ohne nennenswerte Gewinne aus.

Den Ort der Handlung bildete ein spartanisch eingerichtetes Fernsehstudio des Bayerischen Rundfunks. Dort waren immer dieselben vier Nasen versammelt, die den Beruf eines ihnen unbekannten Gastes erraten mussten. Erlaubt waren nur Ja-Nein-Fragen, für jedes Nein gab es ein Fünfmarkstück ins Sparschwein, nach maximal 10 Neins war Schluss. In diesem Fall durfte der Gast den maximalen Gewinn von 50 Mark mit nach Hause nehmen. Die TV-Zuschauer fanden’s gut. Sie konnten daheim mitraten, und am Ende wurde ihnen ein Beruf vorgestellt, von denen sie zuvor nie etwas gehört hatten.

Manchmal handelte es sich aber auch um eine alltägliche Verrichtung, von der niemand geglaubt hätte, dass sie so schwer zu ergründen war. Was bin ich? lief von 1961 bis 1989 im deutschen Fernsehen. Dann war plötzlich Schluss. Gab es keine Berufe mehr, die noch abgefragt werden konnten? Oder sanken nach fast 3 Jahrzehnten die Einschaltquoten?

Nein, es lag an dem Mitwirkenden, der in der Sendung den kleinsten Redepart hatte. Der heute vor hundert Jahren geborenen Lembke war am 14. Januar 1989 in seiner Heimatstadt München gestorben, an den Folgen einer Bypassoperation. Mit dem Moderator ging dem heiteren Beruferaten das Gesicht verlustig. Einige halbherzige Versuche, mit quantitativ mitteilungsfreudigeren Nachfolgern und einem leicht veränderten Konzept das Quiz wiederzubeleben, schlugen fehl. Niemandem gelang es, mit so wenigen Worten, wie Lembke sie verwendete, so viel Präsenz zu zeigen.

Bis heute zeugen die zahlreichen in einschlägige Sammlungen aufgenommenen Zitate von Esprit und Effizienz des gelernten Journalisten. Politiker beispielsweise sah er als eine Spezies an, der man immer nur die Hälfte glauben könne: „Das Problem“, fügte er an, „ist zu wissen, welche Hälfte.“

Auch das eigene Medium sah Lembke kritisch: „Dem Fernsehen verdanken wir das Phänomen, dass jeden Abend unzählige Menschen aufwachen, bevor sie zu Bett gehen.“ Dem Langweilfaktor war bei Was bin ich? vorgebeugt: Die Sendung begann nach der Tagesschau und war schon um 21 Uhr zu Ende.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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