Archiv für Kategorie ‘Bücher’:

Verfall, Trübsinn, Untergang

Freitag, 3. Februar 2012

Seine Gedichte trugen Titel wie Verfall, Melancholie, Trübsinn, Untergang oder Die Verfluchten. In ihnen wird „blasser Kinder Todesreigen“ aufgeführt, verbreitet sich „des Todes ernste Düsternis“, das „Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, „über unsere Gräber beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ und spiegelt sich der Poet im Wasser als krummer Schreiber, „umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt.“

Alles schwere Kost und nichts für einen fröhlichen Small Talk am 3. Februar, dem 125. Geburtstag des Dichters. Der in Salzburg zur Welt Gekommene gilt als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, und wenn ihm der im selben Bundesland geborene Kollege Josef Leitgeb konzediert, dass „kaum einer in Österreich je schönere Verse schrieb“, offenbart dies nicht nur Wertschätzung, sondern auch den sehr speziellen Sinn für Ausgelassenheit und Vergnügtheit, der unserem Nachbarvolk innewohnt.

Wer so denkt und fühlt, kann sich nur schwer auf die alltäglichen Dinge konzentrieren. Kein Wunder, dass der Schüler ohne Abitur vom Salzburger Stadtgymnasium abging. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre, vor allem weil er durch den anvisierten Beruf legal an die Drogen kam, die seinen Feierabend versüßten und seine Phantasie in höhere Sphären entführten.

Zum erfolgreichen Pharmaziestudium reichte es freilich nicht. Immerhin blieb ihm wie so vielen anderen gescheiterten Existenzen das Militär. Hier schlug der abgebrochene Student eine Offizierskarriere im Sanitätsdienst ein. Den Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Einsatz an der Front in Galizien verarbeitete er in einem letzten großen Gedicht, Grodek:

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düstrer hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, wie wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.“

Es war der erste Kriegsherbst nach der Euphorie des Sommers, als Unzählige sich frohen Mutes und benebelten Geistes freiwillig an die Front gemeldet hatten. Vier weitere deprimierende Herbste sollten folgen. Die brauchte der Dichter nicht, um zu erkennen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“.

Sich selbst wollte Georg Trakl das alles nicht mehr antun. Am 3. November 1914 nahm er sich das Leben. Standesgemäß, durch eine Überdosis Kokain.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Spitzen aus Brüssel und von Heinrich Heine

Donnerstag, 26. Januar 2012

Für den heutigen Newsletter bieten sich gleich 2 Einstiege an. Zunächst das Intro für Praktiker: Tag für Tag fällt einem Zöllner derselbe Mann auf. Er scheint irgendetwas über die Grenze zu schmuggeln. Aber was?

Gründlich durchsucht der Beamte die vollbeladene Schubkarre des Pendlers nach versteckter Ware. Doch er kann nichts finden. So geht das ein ganzes Jahr, zwei Jahre, drei Jahre … bis der Uniformierte sich ein Herz fasst und zum Grenzgänger sagt: „Ich habe den dringenden Verdacht, dass Sie etwas schmuggeln, kann es Ihnen aber nicht beweisen. Wenn ich Ihnen Straffreiheit zusage – verraten Sie mir, was Sie schmuggeln?“

Der Gefragte antwortet: „Schubkarren.“

Und jetzt der feingeistigere Einstieg. Der Dichter Heinrich Heine machte seinem Ärger über Zollkontrolleure literarisch Luft: „Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht! Hier werdet Ihr nichts entdecken! Die Contrebande, die mit mir reist, die habe ich im Kopfe stecken. Hier hab ich Spitzen, die feiner sind als die von Brüssel und Mecheln, und pack ich einst meine Spitzen aus, sie werden Euch sticheln und hecheln.“

Letzteres bewies er mit der Veröffentlichung von Deutschland. Ein Wintermärchen (Suhrkamp BasisBibliothek). Heute könnte Heine mit seiner Beteuerung, das Schmuggelgut sei in seinem Kopf, keinen Beamten mehr vom Einschreiten abhalten. Längst hat die Produktpiraterie dem handfesten Schmuggel von Gütern über die Grenze den Rang abgelaufen.

Der weltweite Schaden, den dieses Delikt verursacht, wird auf 300 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Auf ihn aufmerksam zu machen und die Wachsamkeit zu erhöhen versucht die Weltzollorganisation. Sie hat sich vor allem die Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität zum Ziel gesetzt. Der 26. Januar ist der Aktionstag der in Brüssel ansässigen Behörde. Spitzen freilich, auch die aus Mechelen, sind dort längst kein Thema mehr.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Ein Bär von geringem Verstand

Dienstag, 17. Januar 2012

Morgen ist der Tag eines Bären von geringem Verstand. Erfunden hat ihn der vor 130 Jahren geborene Schriftsteller Alan Alexander Milne. Seitdem hat Pu der Bär mit seinen Geschichten nicht nur Millionen auf der britischen Insel, sondern in der ganzen Welt durch die Kindheitsjahre begleitet. Der erste Band mit dem gleichnamigen Titel wurde in 50 Sprachen übersetzt. Kein Wunder, dass Milnes Anhänger den 18. Januar zum, wie es auf Englisch lautet, Winnie the Pooh Day ausgerufen haben.

Eignetlich wollte der Autor nur seinen kleinen Sohn Christopher Robin mit Zeichnungen von dessen Stofftier Eduard erfreuen. Irgendwann verselbständigten sich die Bilder, und in Milnes Geschichten geriet der kleine Bär, ständig auf der Suche nach Honig, in alle möglichen Abenteuer. Zunächst schließt er Freundschaft mit Ferkel, einem furchtsamen Schweinchen, das manchmal ungeahnten Mut aufbringt. Zu seinen weiteren Bekanntschaften zählen ein depressiver Esel, ein besserwisserisches Kaninchen, ein tapsiges Tigerjunges, eine nicht immer weise Eule und ein noch im Beutel wohnendes Kängurubaby samt Mutter.

All das passiert im Hundertsechzig-Morgen-Wald (englisch: Hundred Acre Wood), der in Wirklichkeit fünfmal so groß ist, Ashdown Forest heißt und sich in der Nähe von Milnes Wohnsitz im Osten der englischen Grafschaft Sussex befindet. Bleibt noch die Frage zu klären, warum Pu der Bär außer Stroh wenig im Kopf hat – und nicht nur deswegen so gut wie nie auf den Namen Eduard hört.

Schuld an letzterem ist ein Zoobär namens Winnie, der offenbar Eindruck auf den kleinen Christopher Robin gemacht hatte. Die Geistesschwäche seines Protagonisten erklärt der Autor gleich am Anfang von Pu der Bär: „Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerümpel aufhören und darüber nachdenken könnte.“

Pu kann sich trösten: Auch anderen ergeht es so, dass sie einfach nie zum Nachdenken kommen. Aus welchem Grund auch immer …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Der Tag, an dem zwei Dichter gemeinsam starben

Montag, 16. Januar 2012

Wenn der Vater Staatsanwalt ist, noch dazu beim Militär, hat es der Sohn nicht leicht mit seinen schöngeistigen Neigungen. So geschehen im Fall des 1887 geborenen Georg Heym.

Mit 12 begann er erste Gedichte zu schreiben. Die stießen im Elternhaus auf wenig Gegenliebe, zumal die schulischen Leistungen mangelhaft waren. Mit Ach und Krach bestand Heym, nach mehrmaligem erzwungenen Wechsel der Lehranstalt, das Abitur. Um dem Vater doch noch zu gefallen, begann der Filius ein Jurastudium, das er nur bis zum ersten Staatsexamen durchhielt.

Ob sich die nächste Berufswahl als glücklicher erwiesen hätte? Zu der anvisierten militärischen Laufbahn sollte es freilich nicht mehr kommen. Und die literarischen Ambitionen? Erhielten ausgerechnet beim Sport neue Nahrung: Im Berliner Tennisclub Blau-Weiß hatte Heym den Menschen kennengelernt, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband - und der auch Schuld an seinem frühzeitigen Tod hatte.

Durch die Vermittlung des gleichaltrigen Ernst Balcke gelang es Heym noch vor dem Abitur, erste Gedichte zu veröffentlichen, wenn auch nur in einer Schülerzeitung.

Mehr Beachtung erhielt sein dramatisches Werk: Heyms Debütstück Athener Ausfahrt wurde, während er noch in Würzbug studierte, von einem Memminger Verlag gedruckt. In Berlin, wohin er wechseln musste, nachdem er nach Meinung des strengen Vaters in der Fremde zu viel Geld ausgegeben hatte, kam Heym wieder mit Balcke zusammen.

Zunächst im Verlauf des Jurastudiums durch ein gemeinsames Repetitorium, später zunehmend im Neuen Club, einer Vereinigung expressionistischer Künstler. Der Kunst tat’s gut. 1911 erschien Heyms erster Gedichtband Der ewige Tag im renommierten Ernst Rowohlt-Verlag.

Sogar beruflich gab es einen Erfolg zu vermelden: Die Garnison in Metz, bei der er sich als Fahnenjunker beworben hatte, nahm Heym an. Doch der Bescheid traf erst posthum ein, als Heym gemeinsam mit Balcke tot unter dem Eis der zugefrorenen Havel lag. Beide hatten auf brüchigem Eis eine Schlittschuhtour unternommen. Zuerst war Balcke eingebrochen, dann, beim Versuch, den Freund zu retten, zog es auch Heym in die Tiefe.

Heute vor hundert Jahren verlor Deutschland zwei Dichter auf einmal. Erst nach 8 Tagen wurde Heyms Leichnam gefunden, der tote Balcke sollte noch eine weitere Woche in seinem nasskalten Grab liegen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Am Spanischen Bürgerkrieg (siehe unseren Newsletter vom 17. Juli 2006: 15 Milliarden Euro für General Franco) von 1936 bis 1939 nahmen viele Ausländer teil: 66 000 Deutsche und Italiener, die General Franco unterstützten, und fast ebenso viele Antifaschisten aus ganz Europa und den USA, die auf der Gegenseite kämpften.

Das größte Kontingent, gemessen an der Einwohnerzahl, steuerte die Schweiz bei. Einer dieser Freiwilligen war Männy Alt. An allen großen Schlachten des Bürgerkriegs nahm er als Flugabwehrkanonier teil. Als die Niederlage der Republikaner sich abzeichnete, ging Alt in die Heimat zurück. Die Kriegserlebnisse hatten ihn traumatisiert. Doch was ihn in der Schweiz erwartete, war fast noch schlimmer.

Nicht nur, dass die Eidgenossenschaft als erster Staat überhaupt die faschistische Franco-Regierung offiziell anerkannte: Sämtliche Rückkehrer wurden vor Gericht gestellt, wegen Kriegsdiensts in einer fremden Armee. Alt bekam 5 Monate Zuchthaus aufgebrummt. Obendrein wurden ihm für 2 Jahre alle bürgerlichen Rechte entzogen.

Als Kommunist abgestempelt, gelang es ihm nicht mehr, in seinen ursprünglichen Beruf als Schlosser zurückzukehren. Für den Wehrdienst war er der Schweizer Armee willkommen, wählen gehen durfte er in dieser Zeit nicht – eine schwere Verletzung eines jahrhundertealten staatsbürgerlichen Rechts.

Nach Stalins Tod wanderte Alt in die Sowjetunion aus. Auch dort gefiel es ihm nicht, obwohl er mit seiner Familie einen höheren Lebensstandard genoss als in der Schweiz. Echter Kommunismus freilich sah für Alt anders aus. Im Mai 1960 war die Familie wieder in der alten Heimat, nicht glücklich, aber auch nicht unzufrieden.

Männy Alt wurde fast 90 Jahre alt. Sein großer Traum, in einer Gesellschaft unter Gleichen zu leben, ging nie in Erfüllung. Seine spannende Lebensgeschichte hat jetzt der Schweizer Autor und Filmemacher Erich Schmid veröffentlicht: In Spanien gekämpft, in Russland gescheitert. Das Buch ist vor kurzem bei Orell Füssli in Zürich erschienen.

Falls Sie auf die Schnelle noch ein Weihnachtsgeschenk suchen …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Ettore Schmitz? Nie gehört!

Montag, 19. Dezember 2011

Heute vor 150 Jahren wurde Ettore Schmitz geboren. Sagt Ihnen nichts, der Name?

Dann geht es Ihnen wie Millionen Italiener, die mit dem Signore deutschen Familiennamens kaum etwas anfangen können. Das ändert sich aber, sobald sie erfahren, dass eben jener Herr Schmitz unter dem Pseudonym Italo Svevo schriftstellerisch tätig war.

Dessen bekanntester Roman Zeno Cosini trägt stark autobiografische Züge, spielt in der wundervollen Hafenstadt Triest (siehe unsere Newsletter vom 30. Mai: Triest mit allen Sinnen und 15. November 2011: Europa Erlesen) und handelt von einem Protagonisten, der beim Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen, in die aufregenden Geheimnisse der Psychoanalyse eingeweiht wird.

Die Geschichte dieser Selbstfindung wäre auf ewig ein Geheimnis des Ettore Schmitz geblieben, hätte er sich nicht seinem Englischlehrer offenbart. Der hieß James Joyce (siehe unsere Ausgabe vom 13. Januar 2011: James Joyces wahre Heimat), war selber noch völlig unbekannt und hatte wohl keine hohen Erwartungen an das Manuskript, das sein Schüler ihm aufgenötigt hatte. „Ich frage mich, was das für ein Zeug ist“, soll er gesagt haben – und sich rasch vom Gegenteil überzeugen lassen.

Bereits bei der nächsten Begegnung zitierte Joyce einige Passagen auswendig. Auch als der Ire längst berühmt war, entsann er sich des österreichisch stämmigen Triestiners, der im Hauptberuf die Farbenfabrik seines Schwiegervaters leitete. 1923 erschien Zeno Cosini im italienischen Original. Doch wie schon von früheren literarischen Versuchen nahm in seiner Heimat niemand Notiz von dem Roman. Im Nachbarland Frankreich schon, aber erst 4 Jahre später und auf das unermüdliche Werben Joyces hin. Allmählich schwappte die Welle der Begeisterung auch nach Italien über.

Leider konnte Italo Svevo, als der er nun vielen seiner Landsleute ein Begriff war – seinen Erfolg nicht mehr genießen. Am 12. September 1928 saß Ettore Schmitz mal wieder an der falschen Stelle, in einem Auto, das auf regennasser Fahrbahn ins Schleudern geriet und gegen einen Baum krachte. Einen Tag später war er tot.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Endlich daheim

Donnerstag, 8. Dezember 2011

„Reisen veredelt den Geist“, fand der irische Schriftsteller Oscar Wilde, „und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf.“

Diese Einschätzung ist schon über ein Jahrhundert alt. Wer heute in fremden Länder unterwegs ist – ob physisch oder nur im Kopf, indem er zur Reiseliteratur greift – tut dies manchmal auch, um eigene Vorurteile bestätigt zu sehen.

Letzteres kann großes Vergnügen bereiten, besonders durch die Brille von Bill Bryson (siehe auch unseren Newsletter vom 23. März 2006: Es war einmal ein Elch) gesehen.

Beispielsweise, wenn der US-Amerikaner über seine Vettern schreibt: „Bis zum heutigen Tage beeindruckt mich die Fähigkeit von Briten aller Altersgruppen und sozialer Herkunft immer wieder, bei der Aussicht auf ein heißes Getränk echt aufgeregt zu werden.“

Die Rede in Brysons Klassiker Reif für die Insel: England für Anfänger und Fortgeschrittene ist vom Tee. Der ist neben Bier das Lieblingsgesöff der Insulaner, wird aber niemals pur und leider nur selten allein serviert.

Doch selbst diesem an sich betrüblichen Umstand können Pragmatiker wie Bryson Positives abgewinnen: „Schamerfüllt nippte ich an meinem Tee und knabberte meinen Keks. Ich hatte noch nie Tee mit Milch getrunken oder ein so kümmerliches, steinhartes Stück Gebäck gegessen. Man hätte es einem Wellensittich zum Schnabelwetzen geben sollen.“

(Die Übersetzerin von Brysons bei Goldmann erschienenem Britenbuch heißt übrigens Sigrid Ruschmeier. Hut ab, eine solche Wendung im Deutschen muss man erst einmal hinbekommen!).

Wer weiß, vielleicht hätte der Käfigvogel das gute Stück lieber, statt daran zu knabbern, in seinem Badewasser versenkt. Zu knabbern wird auch Bill Bryson haben, und zwar am heutigen 8. Dezember. Der ist zugleich sein sechzigster Geburtstag. Somit kommt der Autor in ein für Reiseschriftsteller kritisches Alter, in dem man nicht mehr so gerne unterwegs ist. Jedenfalls lässt dies der Titel von Brysons jüngstem Buch vermuten. Im englischen Original lautet er schlicht: At home.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Die etwas andere Art, Südtirol zu bereisen

Freitag, 25. November 2011

Wie man sich Ländern, Städten und Regionen auch literarisch annähern kann, haben wir in unserem Newsletter vom 15. November 2011: Europa Erlesen gezeigt.

Das neueste Beispiel für eine solche Tour ist jetzt in der Edition Raetia erschienen: Südtirol. Ein literarischer Reiseführer (ISBN 978-88-7283-387-2). Geschrieben hat ihn Ferruccio Delle Cave, Germanist und profunder Kenner der deutschen Literatur. Die ergänzenden historischen Reiseberichte vereinen von Hans Christian Andersen über Goethe, Heine und Kafka bis Stefan Zweig an Schriftstellern alles, was in Mitteleuropa Rang und Namen hat.

Um nur mal die mit M beginnenden zu nennen, die Südtirol bereisten und darüber schrieben: Niccolò Machiavelli, Heinrich und Thomas Mann, Sándor Márai, Karl May, Michel de Montaigne, Alberto Moravia, Christian Morgenstern, Herta Müller und Robert Musil. Natürlich dürfen auch die Südtiroler selbst nicht fehlen. Der mittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein kommt ebenso zu Wort wie der moderne Autor Franz Tumler.

Das Buch beinhaltet auch einige Überraschungen, jedenfalls für mich: Bislang kannte ich den in Brixen geborenen Lyriker Norbert Conrad Kaser kaum. Um seinem Stil gerecht zu werden, müsste man seinen Namen eigentlich n. c. kaser schreiben. Selten habe ich eine so direkte, kraftvolle, schonungslose Sprache gelesen – und beschlossen, mir so bald wie möglich eine Gesamtausgabe seiner Werke zu besorgen.
Leider wurde n. c. kaser nur 31 Jahre alt, bereits 1978 ist er in Bruneck gestorben. Dort hätten ihn die Stadtväter am liebsten vergessen. Es war das Verdienst des Innsbrucker Journalisten Hans Haider, dass n. c. kasers Werk nicht nur in Österreich, sondern auch in der alten Heimat wieder ausgegraben wurde.

Ferruccio Delle Caves Südtirol-Lektüre macht Lust, anschließend den Lesesessel zu verlassen und das Land zu erwandern oder zu erfahren. Die Litera-Tour beginnt am Brenner und endet am westlichen Ausfalltor, dem Reschenpass. Extra aufgeführt, mit Adressen, auch virtuellen, sind die Sehenswürdigkeiten der verschiedenen Orte, einschließlich Tourismuszentralen und Kulturbüros. Wer den im Buch versammelten Berühmtheiten möglichst authentisch nachreisen möchte, findet sogar die Anschriften der noch existenten historischen Herbergen, in denen die Hand-Werker die Füße hochlegten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Es war einmal ein Stück Holz

Donnerstag, 24. November 2011

Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man zur Verfügung hat: Diesen Satz des deutschen Schriftstellers Theodor Storm nahm ein zeitgenössischer italienischer Kollege wörtlich. Carlo Lorenzini, heute vor 185 Jahren in Florenz geboren, arbeitete zunächst als Journalist, dann als Übersetzer von französischen Märchen ins Italienische. Beides mit mäßigem Erfolg.

Er trank ganz gerne und spielte Karten, was seinem Ruf nicht gerade zuträglich war. In weitere Schwierigkeiten geriet er, als er sich im Freiheitskampf seines Landes gegen die österreichische Besatzung engagierte. Lorenzini kam mit dem Gesetz in Konflikt und musste untertauchen. Das war sein Glück.

Zunächst aus Gründen der Klandestinität nahm er den Namen des Heimatortes seiner früh verstorbenen Mutter an. Bald wendete sich alles zum Besseren: Italien wurde 1861 unabhängig und Collodi als patriotischer Journalist einem größeren Publikum bekannt. Nebenbei begann er selber, Märchen zu schreiben.

Eine der französischen Vorlagen hatte es ihm besonders angetan: Darin brachte eine gute Fee einen nichtsnutzigen kleinen Jungen, dem bei jeder Lüge die Nase wuchs, immer wieder auf den Weg der Tugend zurück, indem sie ihm sinnvolle und nützliche Aufgaben stellte. 1883 veröffentlichte Collodi dann sein erstes eigenes Kinderbuch.

Es begann mit dem Satz: „Es war einmal ein Stück Holz.“ Das wird vom Meister Geppetto geschnitzt und erwacht später zum Leben. Als lebendige Holzpuppe Pinocchio muss es zahlreiche Prüfungen bestehen. Die begeistern heute noch Kinder in aller Welt, denn sie wurden in mehr als hundert Sprachen übersetzt. Seinen Ruhm konnte Carlo Lorenzini alias Carlo Collodi nicht mehr auskosten: Er starb 1890, noch bevor die Abenteuer des Pinocchio in die Weltliteratur eingingen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Europa Erlesen

Dienstag, 15. November 2011

Das Reisen ist eine Tätigkeit nicht nur für die Füße. Manche Reisen finden ausschließlich im Kopf statt. Um diesem Bedürfnis zu genügen, hat der kleine, in Klagenfurt ansässige Wieser Verlag Europa Erlesen herausgebracht.

„Die kleinen Bände möchten Wegweiser sein“ heißt es im Geleitwort des Verlegers Lojze Wieser, „die dem Leser … eine Art Wanderkarte mit ins Gepäck geben, mit der er sich auf Wanderung begibt. Er wird entdecken und Weltliteratur finden, große, bekannte und unbekannte Namen, wird sich mit ihnen zu einem Gläschen setzen, wird Gegenden aus einer Perspektive sehen, wie sie sich ihm bisher verschlossen haben, … wird Gräser riechen, Seen verschwinden und Blumen blühen sehen, Flüsse rauschen und Wellen an die Gondeln schlagen hören, und wird hoffentlich immer angehalten sein, ein wenig Rast zu machen, sich auszuruhen, nachzulesen hineinzutauchen in Bilder und literarische Formen, die ihn anregen, die eigenen Mauern zu überwinden und außerhalb der Festungen bei literarischen Spaziergängen Neues zu entdecken.“

Europa Erlesen ist mittlerweile auf über 60 Bände angewachsen, von Amsterdam bis Zürich. Auch Regionen wie Galizien, Dalmatien, die Provence, das Rheinland oder das Ruhrgebiet finden, literarisch aufbereitet, in der Reihe Platz.

Der letzte Band, den ich gelesen habe, behandelt Triest (siehe auch unseren Newsletter vom 30. Mai 2011: Triest mit allen Sinnen). Dem Schriftsteller Claudio Magris ist seine Heimat Grenzstadt, „die selbst Grenze zu sein scheint, Brücke oder Schranke. Sie bringt den Dialog in Gang oder unterdrückt ihn.“

Ähnlich muss es Lojze Wieser in Klagenfurt gehen. Als Kärntner Slowene ist er in der Mitte Europas geboren, und doch schlagen 2 Herzen in seiner Brust und befinden sich 2 Pässe in der Tasche darüber.

Im Fall Triests ersetzt das Buch nicht nur das Reisen. Es spornt gleichfalls dazu an, „Europa im Kleinen“, wie der 1997 verstorbene Theaterregisseur Giorgio Strehler seine Geburtsstadt beschreibt, zu besuchen. Der Autor dieser Zeilen hat dies schon mehrfach getan. Beim nächsten Besuch wird er, seine jüngste Lektüre im Kopf, Triest, den Karst und das Meer mit wieder ganz neuen Augen betrachten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern