Archiv für Kategorie ‘Bücher’:

Shakespeare und sein Schneemann

Dienstag, 16. Dezember 2014

„O dass ich ein zum Scherz aus Schnee zusammengeballter König wäre, und hier, vor Bolingbrokes Sonne stehend, in Wassertropfen wegschmelzen möchte“: So beklagt der verschwenderische und genusssüchtige König Richard II. von England sein Schicksal in Shakespeares Drama – hier in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland – bevor er auf Veranlassung seines Rivalen und Nachfolgers auf dem Thron, Henry Bolingbroke, in den Tower gesperrt und schließlich ermordet wird.

William Shakespeare schrieb sein Drama Richard II. vermutlich im Jahr 1595. Damals wurde der Winter auf der Insel wohl als solcher empfunden, dafür gibt es auch in Shakespeares Werken zahlreiche Belege. Der eingangs erwähnte Vergleich Richards ist übrigens die erste Erwähnung eines Schneemanns in der Weltliteratur.

Es dauerte noch eine Weile, ehe sich das Schneemannbauen zum Volksvergnügen auswuchs. Erste bildliche Darstellungen stammen aus dem 18. Jahrhundert. Sie zeigen meist harte, strenge Gesichter; entsprechend einer als feindlich empfundenen Natur mit harten, strengen Wintern. In späteren Abbildungen wichen die grimmigen Züge weicheren und fröhlicheren. Bei Shakespeare hatte die Figur offenbar auch einen heiteren Ursprung. Die frühe Popularität in England mag auch damit zu tun haben, dass die Winter im atlantisch beeinflussten Klima längst nicht so kalt und lang gerieten wie auf dem Kontinent.

Schneemänner werden zudem meistens dann gebaut, wenn der erste Schnee gefallen ist und noch weiß, rein und jungfräulich aussieht. Aus der Veränderung seiner Struktur lasen die Menschen den weiteren Verlauf des Winters heraus: Fiel der Kopf des Schneemanns ab, stiegen die Temperaturen; bis zum Hereinbrechen des Frühlings würde es nicht mehr allzu lange dauern.

Der Schneemann als Sinnbild winterlicher Idylle hielt erst ab Mitte des 19. und vor allem im 20. Jahrhundert Einzug. Die positive Interpretation einer Schneelandschaft führte dazu, Schneemänner auf Postkarten zu verewigen und diese als Weihnachts- oder Neujahrsgrüße zu versenden.

Daran erinnert dieser Tage die Post mit einer Sondermarke, die eine grinsende Figur mit Mohrrübennase, schwarzer Melone auf dem Kopf und rotem Schal um den Hals präsentiert.

Ob dieser Winter wieder ausreichend Rohmaterial zum Schneemannbau liefert? Ein wichtiges Utensil dürfte ebenfalls nicht mehr so leicht wie in früheren Zeiten zu ergattern sein: In meiner Jugendzeit bedurfte es 5 runder Kohlen zur Darstellung der Augen und der Mantelknöpfe.

Doch wer heizt heute noch mit Kohlen? Und falls dies materielle Ursachen hat: Wer kann es sich leisten, gleich 5 davon zu verschwenden?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Verschwundene Dinge, von denen nur wehmütige Erinnerungen übriggeblieben sind

Montag, 15. Dezember 2014

Sie suchen noch nach einem Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit dem neuen Buch von Beppo Beyerl (siehe auch unseren Newsletter vom 23. April 2013: Die Straße mit 7 Namen)?

26 Verschwindungen lautet sein Titel und widmet sich Dingen, an denen wir uns einst erfreut oder über die wir uns früher so manches Mal geärgert hatten, die es aber allesamt nicht mehr gibt.

Sein alphabetisch geordnetes Brevier beginnt der Autor - er ist Wiener - mit der Arbeiter-Zeitung, in der Oskar Maria Graf seinen berühmten Aufruf Verbrennt mich! anlässlich der Nichtbeachtung seiner Werke bei der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten veröffentlichte (siehe auch unsere Ausgabe vom 10. Mai 2006: „Verbrennt mich!“).

Weitere Verschwindungen, die Beyerl in Erinnerung ruft, sind die früher in Wiener Gemeindebauten allgegenwärtigen Hausmeister, das in den Gassen so häufig gesprochene Jiddisch oder – ebenfalls, aber nicht nur eine typisch Wiener Erscheinung – die öffentliche Uhr, ein ehedem an jeder größeren Straßenkreuzung installiertes meist würfelförmiges Objekt, an dem die der Hauptstädter sich verabreden konnte und das ihnen noch dazu den Grund anzeigte, warum ein verabredetes Treffen nicht zustande gekommen war.

Ein sehr österreichisches, heut leider ebenfalls nicht mehr in Gebrauch befindliches nützliches Utensil war die Nurfünfwörteransichtskarte. Sie belohnte alle diejenigen, die sich kurz zu fassen vermochten, denn das Porto für eine Drucksache – als solche gingen die fünf Wörter gerade noch durch – war wesentlich geringer als für eine Postkarte.

Wäre Beyerl Deutscher und würde sein Buch erst in, sagen wir mal, 10 Jahren veröffentlichen, könnte er unter dem Buchstaben N unseren Newsletter aufführen. Der verschwindet auch, am 30. Dezember erscheinen unsere letzten Worte. Bis dahin möchten wir Ihnen weiterhin jeden Werktag amüsante Geschichten und ein wenig Allgemeinbildung in Kurzform zukommen zu lassen.

Das vorletzte Wort gebührt wiederum unserem heutigen Gast. Beppo Beyerls Verschwindung Nummer 25 dreht sich um einen einzigen Buchstaben. Selten wurde schöner über das schon immer unscheinbare, aber nun wohl allmählich auch obsolet gewordene Ypsilon geschrieben. Aber lesen Sie selbst: Beppo Beyerl, 26 Verschwindungen. Löcker Verlag, Wien 2014. ISBN 978-3-85409-729-7.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wortführer des amerikanischen Geistes

Dienstag, 9. Dezember 2014

Morgen werden die Nobelpreise vergeben. Eklats auf der Feier sind nicht zu befürchten, etwa wenn der Franzose Patrick Modiano die Auszeichnung in der Sparte Literatur entgegennimmt. Er wird schon nicht aus den Werken eines anderen lesen und behaupten, jener habe die Ehrung verdient, nicht er.

So geschah es tatsächlich anno 1930, als Sinclair Lewis, der erste US-Literaturnobelpreisträger überhaupt, aus Schau heimwärts, Engel vortrug. Der Roman stammt von einem damals – und heute leider auch wieder – recht wenig bekannten Autor (siehe unseren Newsletter vom 30. September 2011: Amerika neu entdeckt). Thomas Wolfe starb bereits mit 37 Jahren, an Tuberkulose. Vorher schrieb er 4 großartige Bücher.

Dem oben erwähnten folgten Von Zeit und Fluss sowie, posthum aus den Manuskripten veröffentlicht, Geweb und Fels und Es führt kein Weg zurück (siehe unsere Ausgabe vom 2. Oktober 2012: Im achten Jahr darf’s auch mal ein sperriges Thema sein). Das letzte zu Lebzeiten Wolfes erschienene Werk liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Das Verdienst gebührt dem in Zürich ansässigen Verlag Manesse.

Dass überhaupt ein Werk von Wolfe erschienen ist, ist dessen Lektor Maxwell Perkins zu verdanken. Ursprünglich hatte der Autor ein kaum strukturiertes Manuskript von 4000 Druckseiten (!) abgeliefert. Daraus machte Perkins die ersten beiden Romane. Und Wolfe? „In einem Brief“, diese Information verdanken wir einem ungewöhnlich kenntnisreichen und erhellenden Nachwort von Michael Köhlmeier in der Manesse-Ausgabe, „machte ihm der Autor heftige Vorwürfe, weil er so selbstherrlich und rücksichtslos sein Werk zusammengekürzt habe.“

Der Umstand, dass diese Mitteilung 28 eng beschriebene Seite umfasste, verrät einiges über Wolfes Detailversessenheit. Letztere wiederum kommt seinen Romanen zugute. Von Zeit und Fluss ist nicht einfach zu lesen. Dass der Leser sich ganz auf die Lektüre konzentrieren und diese nach einer Zeit der Gewöhnung an Wolfes Rhythmus und Wortgewalt zum Vergnügen wird, ist auch 40 Seiten hilfreicher Kommentare geschuldet.

Irma Wehrli sei Dank hierfür. Von Zeit und Fluss beginnt mit einer 700 Meilen und über 100 Seiten langen Eisenbahnfahrt, die den Protagonisten – Wolfes bereits aus Schau heimwärts, Engel bekanntes alter ego Eugene Gant – von Altamont in North Carolina nach New York reisen und den Leser tief in das Amerika der 1920er Jahre eintauchen lässt.

Als „Wortführer des amerikanischen Geistes“ hatte Sinclair Lewis Wolfe in seiner Stockholmer Rede bezeichnet und den Autor allen Anwesenden wärmstens ans Herz gelegt, „als Unterpfand für Amerikas eigentliches Wesen und für Amerikas Zukunft.“ Um beides besser zu verstehen, lohnt der bisweilen etwas beschwerliche Umweg via Wolfes zweitem Roman.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein sehr lebendiger Mythos und sein ganz besonderer Tag

Dienstag, 18. November 2014

Der Schütze Toko stand im Dienst Harald Blauzahns. Eines Tages befahl ihm der Dänenkönig, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Toko nahm seine Armbrust und 2 Pfeile. Gleich der erste Schuss traf. Harald fragte Toko anschließend nach dem Zweck des zweiten Pfeils. Der wäre für den König gewesen, antwortete Toko ehrlich, für den Fall, dass er statt des Apfels seinen Sohn getroffen hätte.

Diese Geschichte entstammt den Gesta Danorum, den Taten der Dänen, die der Mönch Saxo Grammaticus um das Jahr 1200 aufgezeichnet hat. Es gibt weitere Sagen ähnlichen Inhalts aus Island, Finnland und Estland. Und natürlich aus der Schweiz. Die eidgenössische Version nennt sogar ein konkretes Datum: den 18. November 1307. Heute vor 707 Jahren verhaftete der Habsburger Landvogt Hermann Gessler angeblich den Jäger Wilhelm Tell. Letzterer hatte sich geweigert, sich vor einem sich in Altdorf im Kanton Uri auf einer Stange thronenden Hut zu verbeugen, der den Landvogt symbolisierte.

Tell drohte die Todesstrafe. Anschließend machte ihm Gessler denselben Vorschlag wie seinerzeit Harald Blauzahn dem Toko. Auch Tell hatte einen zweiten Pfeil parat, der dem Landvogt gegolten hätte. Statt Tell freizulassen, brach Gessler sein Wort und legte Tell in Ketten. Der konnte später fliehen und fand schließlich doch noch Verwendung für den zweiten Pfeil, den er Gessler ins Herz schoss.

Die Mehrheit der Schweizer glaubte noch in einer im Jahr 2004 durchgeführten Umfrage, Tell habe tatsächlich gelebt. „Man glaubt bekanntlich nur, was man auch glauben will“, findet der Schriftsteller Peter von Matt. „Die unbeschreibliche Wirklichkeit Tells ist seine Funktion im seelischen Haushalt der Nation.“ Den Wilhelm Tell hat, assistiert Matts Kollegin Franziska Schläpfer (Schweizer Lexikon der populären Irrtümer. Piper Verlag, München 2006), habe der politische Wille der Schweizer am Leben erhalten.

Der Historiker Jean-François Berger spricht von einem „vielfältig schillernden Mythos“, der „abwechselnd freiheitsberauschend, zusammenführend, rebellisch, konservativ, von der Linke an sich gerissen und von der Rechten einverleibt“ worden sei. In diesen Attributen wird sich fast jeder Schweizer wieder erkennen. Wenn auch Tell nicht wirklich existiert haben mag, ist doch der Mythos, der zur Staatsgründung beigetragen hat, immer noch sehr präsent. Heute, am Wilhelm-Tell-Tag, scheint er lebendiger denn je.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wozu es gut sein kann, wenn man mit 27 stirbt

Montag, 3. November 2014

Trinker, Kokainschnupfer, Selbstmörder: nicht gerade Voraussetzungen für das Erreichen des Rentenalters. Immerhin scheint, sofern man das kurze irdische Dasein intensiv auslebt und anschaulich beschreibt, die Voraussetzung für einen langen Nachruhm gegeben.

So auch im Fall des Salzburger Arztes und Dichters Georg Trakl, der heute vor 100 Jahren starb. Seine Existenz in dieser Welt währte nur 27 Jahre. Das ist exakt die Spanne, die es braucht, um a) berühmt zu werden und b) die Gnade der ewigen Jugend auf ewig zu behalten.

Letztere wurde auch James Marshall ‘Jimi’ Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison zuteil. Alle diese Rockmusiker starben im selben Alter wie Trakl. Nur halfen sie dem Tod nicht aktiv nach, sondern gingen an einer Überdosis Heroin zugrunde, dessen Konsum sie zuvor mit einer enormen Menge Alkohol kombiniert hatten.

Georg Trakl jedoch legte bewusst Hand an sich (siehe auch unseren Newsletter vom 3. Februar 2012: Verfall, Trübsinn, Untergang). Auf seine Nachwelt übte er, wie Karl-Markus Gauß schreibt, „eine düster romantische Anziehung“ aus „und hat seither Generationen von Dichtern beeinflusst.“ Doch warum funktioniert diese Anziehung noch immer?

Trakls Kollege und Landsmann, der Lyriker Gerhard Ruiss, mit einem Erklärungsversuch: „Berühmt gemacht hat ihn sein als Seelenverwandtschaft mit den Beat-Poeten und der psychedelischen Kunst und Musik empfundenes exzessives Leben mit Alkohol und Drogen“ wie auch „seine Wortkombinationen“ und „seine Zuschreibungen“. Als ein Beispiel führt Ruiss das Gedicht Gewitterabend an und zitiert die Zeilen: „Klirrend stößt der Wind in Scheiben, (…) Laut zerspringt der Weiherspiegel.“

Alkohol und Drogen helfen vermutlich bei einer solchen Wahrnehmung. Und fördern ein, wie Ruiss es ausdrückt, „verkatertes Erwachen“, als dessen Beleg er nochmals den Dichter bemüht: „Durch schwarzes Geäst tönen schmerzliche Glocken. Auf das Gesicht tropft Tau.“ Derart abgefahrene Bilder hinterlassen einen breiten Interpretationsspielraum: „Jeder“, ist sich Ruiss sicher, „kann sich bei aller Traklschen Bedrücktheit seinen eigenen Trakl aussuchen.“

Der suggestive Zauber, der von seinen Zeilen ausgeht, wird auch in 100 Jahren noch dafür sorgen, dass man sich mit Trakl befasst.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Roman, in dem es immer regnet

Dienstag, 28. Oktober 2014

„Nein“, sagte ich, „es gibt nichts zu sagen.“
„Gute Nacht“, sagte er, „Ich kann Sie nicht zu Ihrem Hotel bringen?“
„Nein, danke.“
„Es war das Einzige, was ich machen konnte. Die Operation erwies sich …“
„Ich will nicht darüber reden“, sagte ich.
„Ich würde Sie gern zu Ihrem Hotel bringen.“
„Nein, danke.“
Er ging den Flur hinunter. Ich ging zur Zimmertür.
„Sie können jetzt nicht hereinkommen“, sagte eine der Schwestern.
„Doch, ich kann“, sagte ich.
„Sie können noch nicht hereinkommen.“
„Raus hier“, sagte ich. „Und die andere auch.“

Doch als ich beide draußen hatte und die Tür zu war und ich das Licht ausgemacht hatte, half das nichts. Es war, als würde man sich von einer Statue verabschieden. Nach einer Weile ging ich hinaus und verließ das Krankenhaus und ging im Regen zurück zum Hotel.

Wenn es stimmt, dass Ernest Hemingway den Schluss seines Romans A Farewell to Arms, deutsch: In einem andern Land, 47-mal umgeschrieben hat, hat er gut daran getan. Das Ergebnis ist perfekt. Keine überflüssige Zeile, kein überflüssiges Wort – und nichts, was man hinzufügen müsste.

Die Frau, die der Ich-Erzähler liebt, ist gerade gestorben, an dem Kind, das beide gemacht haben und den Vater nicht mehr interessiert. Was gibt es da noch zu tun oder zu sagen? 1929 hat Hemingway diesen Roman geschrieben, der an der Isonzofront im weltkriegsgeschüttelten italienisch-slowenischen Grenzgebiet von 1918 angesiedelt ist.

Ein Vierteljahrhundert sollte noch vergehen, bis er den Literatur-Nobelpreis bekam. Heute vor 60 Jahren war das, und das Stockholmer Komitee lobte „seine kraftvolle Meisterschaft des Wortes, die sich besonders in The Old Man and the Sea manifestiert hat.“

Die Erzählung ( siehe auch unseren Newsletter vom 1. Juli 2011: Der Meister kurzer Sätze ), ein Spätwerk, ist gut; aber Hemingways Meisterwerk – findet zumindest der Autor dieser Zeilen – ist A Farewell to Arms. Es ist ein Roman, in dem es ständig nieselt, plätschert oder schüttet. Nie ist ergreifender über den Regen geschrieben worden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Waliser, Trunkenbold und verhinderter Liebhaber

Montag, 27. Oktober 2014

Erstens: Ich bin ein Waliser. Zweitens: Ich bin ein Trunkenbold. Drittens: Ich bin ein Liebhaber der Menschheit, insbesondere der Frauen. Das behauptete der Dichter von sich.

Mit Punkt drei, insbesondere das letzte Wort betreffend, war es schon nicht mehr so weit her, wegen Punkt zwei. Blieb Punkt eins. Doch auch diese Liebe war nicht ungetrübt. „Wales ist das Land meiner Vorfahren“, sagte Dylan Thomas, „und die können es gerne behalten.“

Da lebte er schon längst in den Vereinigten Staaten. Doch ganz mit dem Zuhause brechen mochte der verlorene Sohn nicht. Heute vor 100 Jahren wurde Dylan Thomas geboren, und in Wales werden sie ihn gebührend feiern. „Der Frühvollendete“, schrieb der Buchautor und Walesexperte Michael Bengel, sei „mit seiner Heimat enger verbunden denn je: Von Swansea, der Geburtsstadt, bis nach Laugharne, wo er begraben liegt, zieht sich ein vierzig Meilen langer Dylan Trail, auf dem man seinem Leben und den öffentlichen Spuren seines Werks begegnen kann.“

Thomas’ Vorname ist der walisischen Mythologie entlehnt, Dylan bedeutet „Sohn der Welle“. Von den Wellen ließ er sich forttragen, verließ mit 19 sein Swansea, „die reizend-hässliche Stadt“, begab sich nach London und später nach New York. Da hatte er fast sein komplettes literarisches Werk dabei, zumindest in Konzepten. 4 Notizbücher waren es, mehr nicht; das Meiste davon Gedichte und einige Kurzgeschichten, dazu Biografisches.

Seine Alkoholkrankheit hinderte ihn endgültig, produktiver zu sein. Das Trinken wollte er keinesfalls aufgeben, denn „Abstinenzler sind Leute, die auf Dinge verzichten, die sie nicht mögen.“ Die letzten Jahre vor seinem frühzeitigen Tod verbrachte Thomas wieder in Südwales, in der Kleinstadt Laugharne. Gemeinsam mit seiner Frau und 3 Kindern wohnte er in einem behelfsmäßig hergerichteten Bootsschuppen.

Dabei war Thomas als Schriftsteller durchaus erfolgreich. Nur konnte er, wie viele Künstlernaturen, nicht mit Geld umgehen. Der Alkoholkonsum trug nicht gerade dazu bei, die materielle Situation der Familie zu verbessern. Am 9. November 1953 starb Thomas; an Trunksucht, aber stilvoll, während einer Lesereise durch die USA im Chelsea Hotel in New Yorks Künstlerviertel Greenwich Village.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Türzwerge schlägt man nicht

Dienstag, 21. Oktober 2014

Wenn ich Ralf Sotscheck lese, muss ich immer lachen. Ein wenig erinnern mich seine Bücher an die von Mark Twain, obschon der Vergleich nicht ganz gerechtfertigt ist. Mark Twain hat manchmal seine Längen. Natürlich hat Sotscheck die auch, aber dazu später. Gerade ist sein neues Buch herausgekommen, Türzwerge schlägt man nicht. Der Titel klingt gut. Kein Wunder, erscheint das Werk doch in der Edition Tiamat, wo man großen Wert auf die Kunst des Titelns legt!

Sotscheck hat wieder mal die Iren aufs Korn genommen. Für Seitenhiebe auf Waliser, Schotten und Engländer ist auf den 160 Seiten auch noch Platz. Viel davon braucht Sotscheck nicht, um auf den Punkt zu kommen. Sein Spott beißt und die Pointen sitzen. Er bringt seine Leser dazu, sich auf- und, Entspannung durch Humor, in kürzester Zeit wieder abzuregen.

Am besten ist Sotscheck, wenn er über irische Finanz-, Fiskal- und Steuerpolitik und das politisch weichgespülte, noch dazu sehr korruptionsanfällige Politergesocks auf der grünen Insel herzieht, deren republikanischer Teil es in seiner Geschichte nicht einmal geschafft hat, eine anständige Arbeiterbewegung hervorzubringen.

Auch manchen Künstler trifft’s, etwa den umtriebigen, immer auf seinen Vorteil bedachten Paul Hewson alias Bono, Frontmann der Rockband U2. Was für ein Arschloch, möchte man sich aufregen, würde nicht Sotscheck mit viel besser gesetzten Worten umgehend für Entspannung sorgen. Neben der grünen bekommt auch die große Nachbarinsel ihr Fett weg. Nein, weder ranzige Fritten noch triefender Frühstücksbacon haben Sotschecks Unmut erregt, sondern mörderischer Mohn.

So lautet die Überschrift jenes Beitrags, in dem der Autor die Hybris des seiner Beteiligung in internationalen Kriegen seit Vietnam nach wohl kriegslüsternsten Volks der Welt entlarvt. Die Plastikmohnblume, die jedes Jahr am Poppy Day, dem Volkstrauertag, das Revers von zig Millionen Briten ziert und angeblich an den Frieden gemahnen soll, ist in Wahrheit ein Stück nonverbaler Kriegsrhetorik, zurückzuführen auf das Gedicht In Flanders Fields, dessen Urheber, so Sotscheck treffend, einst dazu aufforderte, „gefälligst gegen den Feind weiterzukämpfen, damit die Toten in Ruhe schlafen können.“

Abschließend noch ein Satz zu den Längen bei Sotscheck: Ausgerechnet das mit dem Titel überschriebene Kapitel Hobby & Freizeit fällt deutlich ab. Doch der große Rest lohnt die Lektüre! (Ralf Sotscheck, Türzwerge schlägt man nicht. Edition Tiamat, Berlin 2014. ISBN 9-783893-201907).

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das Schweigen der Männer

Dienstag, 14. Oktober 2014

2 Jahre braucht der Mensch, um das Sprechen, ein Leben lang, um das Schweigen zu lernen: Dieser Satz stammt von einem amerikanischen Kollegen des Literatur-Nobelpreisträgers Frans Eemil Sillanpää (siehe unseren Newsletter vom 9. Oktober 2014: Gastland Finnland).

Seine Erfahrung machte Ernest Hemingway freilich nur, weil er in den Vereinigten Staaten und nicht etwa in Skandinavien aufgewachsen ist. In Finnland gehört Schweigen zum guten Ton. Zumindest das Schweigen der Männer. Nur finnische Frauen, sagt jedenfalls mit Rasso Knoller ein Kenner des Landes im Hohen Norden, reden ebenso viel wie alle Frauen weltweit.

Dazu erzählt er in seinem Buch Finnland: Ein Länderporträt einen Witz: In einem Dorf in Finnland lebte eine Familie mit einem Sohn, der noch kein Wort gesprochen hatte, obwohl er schon 6 Jahre alt war. Eines Samstags, als draußen die Sauna aufgeheizt wurde, zupfte der Junge seinen Vater am Ärmel: „Vater, die Sauna brennt.“ Alle Umstehenden staunten nicht schlecht. „Lass sie brennen, mein Sohn!“, freute sich der Vater, „Hauptsache, du bist nicht stumm. Warum hast du denn nicht schon früher gesprochen?“ – „Es gab bislang nichts Wichtiges zu sagen.“

Ein Finne, so Knoller, spricht weder gern noch viel. Wenn er doch einmal etwas sagen muss, beschränkt er sich auf das Nötigste. Die Zurückhaltung entspringt der Höflichkeit: Finnen wollen sich nicht aufdrängen. Im Gegenzug möchten sie dafür gerne in Ruhe gelassen werden. Viele Männer haben zudem Angst, etwas Falsches zu sagen. Wie bei Asiaten ist für einen finnischen Mann so ziemlich die schlimmste Erfahrung, sein Gesicht zu verlieren. Das Risiko eines solchen Fauxpas lässt sich wesentlich geringer halten, wenn Mann sich in Schweigen hüllt. Das Schweigen mitten im Gespräch, in westlichen Kulturkreisen als unangenehm empfunden, sehen Finnen als völlig normal an. Es braucht auch keine Verstärker, die Teilnahme signalisieren. Mmms, Jas und Sosos hört man von Finnen so gut wie nie. Eine solche Äußerung würde als Unterbrechung des Gesprächs und somit als unhöflich empfunden.

Ein Ort, an dem diese Kommunikationskultur gelegentlich unterbrochen wird, ist die Sauna. Hier schütten sich Finnen gerne gegenseitig ihr Herz aus. Vermutlich ist dies - und nicht etwa Prüderie - der Grund dafür, warum der Gang ins Schwitzbad nach Geschlechtern getrennt erfolgt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Gastland Finnland

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Seit gestern hat die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten für Fachbesucher geöffnet. Am Wochenende dürfen dann auch die normalen Besucher herein. Ehrengast der diesjährigen Ausstellung ist Finnland. Das Volk im Hohen Norden ist für seine Schweigsamkeit bekannt. Für die Volksbildung scheint eine solche Voraussetzung nicht die schlechteste.

Offenbar sind die Finnen gute Zuhörer – und noch bessere Leser. Bei den PISA-Studien nehmen sie regelmäßig Spitzenplätze ein. Was die aktive Kommunikation betrifft, müssten die Stärken der redescheuen Skandinavier eigentlich in der schriftlichen Form liegen. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, schlägt sich die Disposition nicht in der Literatur nieder.

Dies liegt wiederum daran, dass die finnische Schriftsprache vor dem 20. Jahrhundert kaum Bedeutung hatte. Schuld war die übermächtige Kolonialmacht Schweden, die auch der Kultur ihren Stempel aufdrückte. Einem Finnen schwedischer Abstammung war es vorbehalten, das Nationalepos Kalevala zusammenzustellen und die mündlichen Überlieferungen der finnischen Mythologie in Buchform herauszugeben.

Längst aber haben finnische Autoren ihren Platz in der Weltliteratur gefunden und sind manchmal sogar Trendsetter geworden, etwa Mika Waltari mit seinen historischen Romanen, dessen erster, Sinuhe der Ägypter, bereits 1945 erschien und auch in Deutschland manches Buchregal ziert. Später schuf Mikael Niemi mit Populärmusik aus Vittula eines der ersten Romane eines neuen Literaturgenres (siehe auch unseren Newsletter vom 25. Januar 2006: Festgefroren in der Eiseskälte), Der bedeutendste Schriftsteller des Landes war Frans Eemil Sillanpää. 1939 erhielt er den Literaturnobelpreis „für die geistige Tiefe und die Kunst, mit der er das Wesen Finnlands und das Leben der finnischen Bauern in ihren wechselseitigen Beziehungen dargestellt hat.“

So die Begründung des Stockholmer Komitees, das natürlich aus lauter Schweden besteht. In Sillanpääs Romanen spielen Mägde, Knechte, Tagelöhner und arme Bauern die Hauptrolle; alles Menschen, die nicht viel zu sagen hatten – beziehungsweise denen es geziemte, das Maul zu halten, wenn andere das große Wort führten. Vielleicht ist die Ursache der Schweigsamkeit ja in diesem Umstand begründet.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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