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„Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen, mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schlief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“

So beginnt die 1826 geschriebene Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts, die Sie vielleicht aus seligen Schulzeiten kennen. Dem Autor, Joseph Freiherr von Eichendorff, heute vor 222 Jahren geboren, verhalf sie zum Durchbruch. Eichendorffs Titelheld macht sich tatsächlich aus dem Staub der Mühle und lässt die Mühen des Alltags hinter sich. Endlich ist er frei und kann tun und lassen, was er will. Alles, was er zum Leben braucht, liefert ihm die Natur – laut Definition des Autors „das große Bilderbuch, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat“ – einschließlich ein paar netter Menschen, die dafür sorgen, dass der Träumer nie vom rechten Weg abkommt.

Natürlich endet das Experiment glücklich; der Stromer findet zu einem weiblichen Wesen, das er nicht weniger verehrt als die Natur. Als echter Romantiker will der Taugenichts die Liebe keineswegs im stillen Kämmerlein genießen, sondern bewahrt sich seine soziale Ader und zieht weiter herum in der Welt. Die Hochzeitsreise geht nach Rom; aber die Prager Studenten, mit denen er sich angefreundet und den Portier, der ihm geholfen hat, nimmt er mit. Die Angebetete und Erhörte selbstverständlich auch: „Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an“, und am Ende „war alles, alles gut!“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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„Dass dieser kleine dunkelhäutige Musikant David Rizzio tatsächlich der Liebhaber Maria Stuarts gewesen sei, ist niemals bewiesen worden noch zu beweisen. Aber gerade die offene Gunst, welche die Knigin diesem ihrem Geheimschreiber vor dem ganzen Hofe gewährt, spricht am energischsten gegen einen solchen Verdacht.“ So beschreibt Stefan Zweig in seinem Buch Maria Stuart die tragische Beziehung zwischen der Schottenkönigin und ihrem Günstling.

Rizzio hatte es aus seiner Heimat Italien nach Edinburgh verschlagen, wo er eine steile Karriere bei Hofe hinlegte. Leider war er katholisch. Der protestantische Hofstaat fürchtete weniger ein Liebesverhältnis zwischen Zuwanderer und Monarchin, als dass Letztere generell Katholiken bevorzuge und ganz Schottland entsprechend ausrichte. Rizzio musste weg. Dieses Vorhaben ließ sich am besten umsetzen, in dem man Lord Darnley, Marias Gatten, den Floh einer Affäre ins Ohr setzte. Der Gekränkte stimmte einem Mordkomplott zu, welches, um die Königin besonders zu demütigen, vor ihren Augen in die Tat umgesetzt wurde, heute vor 444 Jahren im königlichen Hollyrood Palace. Es war nicht die einzige Erniedrigung in Maria Stuarts Karriere. Die schlimmste und letzte erfolgte durch ihre protestantische Rivalin: Elisabeth initiierte die Beseitigung der Schottin, die auch berechtigte hierarchische Ansprüche auf den Thron im Süden der Insel besaß, auf die unfeine englische Art.

Für Stefan Zweig moralisch ein „völlig unentschuldbarer Akt“, jedoch „vom staatspolitischen Standpunkt… für England eine richtige Maßnahme: Denn in der Politik entscheidet – leider! – nicht das Recht einer Maßname, sondern der Erfolg. Und bei der Hinrichtung Maria Stuarts billigt der Erfolg im politischen Sinne nachträglich den Mord, denn er schafft England und seiner Königin nicht Unruhe, sondern Ruhe.“

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Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen: Von wem stammt diese Einsicht? Treue Leser dieses Newsletters (siehe Ausgabe vom 5. Januar 2009 „Krise als Chance?“) wissen Bescheid: von Erich Kästner.

Der Schriftsteller und Dichter wurde heute vor 111 Jahren in Dresden geboren. Von ihm stammen unsterblich gewordene Kinderbücher wie Das fliegende Klassenzimmer, Pünktchen und Anton, Das doppelte Lottchen oder Emil und die Detektive (mehr über diese Geschichten finden Sie auf der Internetseite www.kaestnerfuerkinder.net).

Doch auch den Erwachsenen hat Kästner manch schönen Stoff geliefert. Etwa den satirischen Roman Fabian über einen Gutmenschen, der sich im Berlin der 1920er Jahre zunächst über die Raubtiergesellschaft amüsiert und später an ihr scheitert. Zurück in seiner Heimatstadt geht der Titelheld endgültig unter: Als er einen Ertrinkenden sieht, springt er hinterher. Leider kann er selber nicht schwimmen.

Eine höhere Meinung als von den Menschen – prinzipiell hielt Kästner sie für gut, doch waren seiner Meinung nach die Leute schlecht – hatte der Autor von anderen Lebewesen. Ihnen hat er die Die Konferenz der Tiere gewidmet, denen es eines schönen Tages zu dumm wurde. Einer der dort Vertretenen, der Löwe Alois, resümierte: „O diese Menschen! Wenn ich nicht so blond wäre, könnte ich mich auf der Stelle schwarz ärgern!“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Philosoph und Tierfreund

22. Februar 2010

„Das Publikum ist so einfältig, lieber das Neue als das Gute zu lesen.“ Das gilt natürlich nicht für die Leser dieses Newsletters, denn der befasst sich auch schon mal mit 222 Jahre zurückliegenden Dingen wie der Geburt Arthur Schopenhauers. Von diesem Philosophen stammt übrigens das Eingangszitat. Schopenhauer schrieb bereits im Alter von 30 Jahren sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung.

Auch dazu existiert ein schönes Zitat von ihm: „Was dem Herzen widerstrebt, das lässt der Kopf nicht rein.“ Schopenhauers Herz gehörte nicht nur dem Menschen. Was er bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Papier brachte, lässt heute noch das Herz eines jeden Tierfreundes – und damit das Herz zahlreicher Leser dieser Zeilen – höher schlagen: „Erst wenn jene einfache und über alle Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im wesentlichen dasselbe sind wie wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen. Es ist an der Zeit, dass das ewige Wesen, welches in uns, auch in allen Tieren lebt, als solches erkannt, geschont und geachtet wird.“

Dem großen Philosophen und Tierfreund Schopenhauer wird 2010 an einem anderen Datum ganz offiziell gedacht: Am 21. September jährt sich sein Todestag zum 150. Mal.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Krimis drehen sich meist um Kommissare oder Privatdetektive, die Verbrecher dingfest machen und der guten Sache zu ihrem Recht verhelfen. Verkauft sich die Geschichte gut, kann der Autor oder die Autorin eine Serie daraus machen. Nur wenige Krimis schildern die Sache aus der Sicht des Übeltäters. Das kommt beim Publikum erstens nicht so gut an, zweitens ist die Idee mit den Fortsetzungen problematisch – zumal die meisten Leser möchten, dass der Kriminelle seine gerechte Strafe erhält.

Eine Ausnahme von diesem Muster erlaubte sich Patricia Highsmith. Die US-Schriftstellerin erfand eine Figur, die auf den ersten Blick abstoßend wirkt: Tom Ripley begeht einen Mord aus niedrigen Beweggründen. Um dessen Vermögen an sich zu reißen, bringt er den Erben einer Reederdynastie um. Vorher hat er das Vertrauen des Gleichaltrigen erschlichen. Der Mord wird nie aufgeklärt. Um weitere Ermittlungen zu verhindern, tötet Ripley ein zweites Mal. Wieder kommt er ungeschoren davon. Die Geschichte, spannend geschrieben, nicht ohne Mitgefühl für den Protagonisten erzählt, findet Akzeptanz auf dem Buchmarkt.

Patricia Highsmith lässt dem 1955 veröffentlichten Talented Mr. Ripley vier Fortsetzungen folgen, die letzte 1991. In jeder wird weiter gemordet; allerdings macht der Anti-Held eine positive Veränderung durch. Er denkt nicht immer nur an sich selbst, interessiert sich, manchmal sogar uneigennützig, für andere Menschen und setzt sich auch für diese ein. Natürlich ist er weiterhin ein Verbrecher, doch von den kriminellen Akten – er begeht sie hauptsächlich zur Verdeckung der vergangenen Straftaten – abgesehen ähnelt er mehr und mehr einem Musterbürger.

Das Sonderbare an den Ripley-Romanen ist, dass der Leser eine gewisse Sympathie für den Bösewicht entwickelt. Das Ende hat die Autorin offen gelassen, doch ist Ripley auch am Schluss von Folge fünf immer noch ein freier Mann. Patricia Highsmith starb heute vor fünfzehn Jahren. Eine sechste Ripley-Geschichte hat sie nicht mehr geschrieben.

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An dem Tag, als der heute vor 222 Jahren geborene George Gordon Byron 36 Jahre alt wurde, beschenkte er sich selbst mit einem Gedicht: On this Day I Complete My Thirty-sixth Year. Es wurde sein letztes, was sowohl die Gedichte als auch die Lebensjahre betraf, denn keine drei Monate später war Byron tot. Ob er das nahen seines Endes geahnt hat? Die letzten Zeilen seines Gedichts lauten (in der deutschen Übersetzung von Uwe Brüning):

Geh, deiner harrt ein enges Haus,
Ein Grab, Soldat und Kämpfer, du,
So wähl den besten Boden aus
Und geh zur Ruh!

Das mit dem besten Boden und dem ehrenvollen Tod hatte sich Byron so schön vorgestellt: Ein Jahr zuvor war er Mitglied des Revolutionskomitees zur Befreiung Griechenlands von der Türkenherrschaft geworden. Da der Dichter es nicht bei schönen Worten bewenden lasse wollte, nahm er aktiv am Befreiungskrieg teil. Leider wurde es nichts mit dem Heldentod. Byron starb am 19. April 1824 im zentralgriechischen Mesolóngi, gegenüber der Halbinsel Peloponnes - an Sumpffieber.

Leider durfte er die zweite Belagerung der Stadt durch die osmanischen Truppen im Jahr 1826 nicht miterleben, an deren Ende sich die Verteidiger, die sich dem Feind nicht ergeben wollten, in die Luft sprengten. Doch zeigten sich die griechischen Patrioten großzügig und verehren Byron bis heute als einen ihrer Nationalhelden.

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Keine Regel ohne Ausnahme

21. Januar 2010

„Mit 50 hat jeder das Gesicht, das er verdient, meinte einmal George Orwell. Doch so alt wurde der 1903 geborene britische Autor nicht. Er starb bereits am 21. Januar 1950. Zwei Jahre zuvor hatte er seine Version vom autoritären Überwachungsstaat geschrieben – und die Jahreszahl für den Romantitel einfach umgedreht: 1984. Orwell war Schriftsteller, gleichzeitig aber auch Journalist. So beherrschte er neben der Literatur die Kunst, für den Alltag zu schreiben.

Einige der von ihm aufgestellten Regeln formulierte er in seinem Aufsatz Politics and the English Language (erschienen in The Collected Essays, Journalism and Letters. Penguin Books, Harmondsworth 1951). Ich möchte vier davon kurz zitieren:

Benutzen Sie nie ein langes Wort, wenn Sie an gleicher Stelle die Möglichkeit haben, ein kurzes einzusetzen.

Wo immer Sie ein Wort einsparen können, sparen Sie es ein.

Schreiben Sie nie im Passiv, wenn sich die aktive Form verwenden lässt.
Greifen Sie nie zu einem Fremdwort oder wissenschaftlichen Fachbegriff, wenn Sie dies(en) durch ein Wort aus der Alltagssprache ersetzen können.

An wie viele Regeln wird sich wohl in diesem Newsletter gehalten? Bestimmt nicht an die dritte! Ob das ein schlimmer Fehler ist? George Orwell jedenfalls hatte Humor und fügte den obigen Ratschlägen noch einen fünften hinzu:
Keine Regel ohne Ausnahme: Bevor Sie etwas Unmögliches formulieren, brechen Sie eines dieser Prinzipien!

Keine Regel ohne Ausnahme: Heute ist nicht nur George Orwells Todes-, sondern auch Weltkuscheltag. Daher werden wir über letzteres Ereignis ausnahmsweise erst am Montag berichten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Als am 21. Juli 1969 um 4 Uhr 15 mitteleuropäischer Zeit Edwin Aldrin ein Mensch den Mond betrat, begann für ihn eine schwere Zeit. Sein erstes Problem war, dass exakt 19 Minuten zuvor jemand dasselbe getan hatte. Ab da kannte Neil Armstrong jedes Kind; Edwin Aldrin blieb nur als sein Gehilfe in Erinnerung. Noch schlechter erging es Michael Collins: Der durfte zwar zum Mond mitfliegen, den Erdtrabanten aber nicht betreten. Wären alle drei Astronauten gleichzeitig auf dem Mond gewesen, hätte womöglich jemand das verlassene Raumschiff geklaut und wäre mit der Columbia davongedüst.

Nach der Rückkehr zur Erde wartete das nächste Problem auf Aldrin: „Wer auf dem Mond gewesen ist“, stellte er ernüchtert fest, „für den gibt es auf Erden keine Ziel mehr.“ Aldrin verließ die NASA, wurde alkoholabhängig, verfiel in Depressionen. Er raffte sich wieder auf, tüftelte Raumfahrtpatente aus, engagierte sich ehrenamtlich, startete ein zweites Leben – auch indem er ganz offiziell seinen Vornamen Edwin durch seinen Spitznamen Buzz ersetzen ließ.

Und er schrieb Bücher. Eines davon war seine Autobiografie mit dem bezeichnenden Titel Rückkehr zur Erde. Die hat er mittlerweile geschafft; wenn Buzz Aldrin heute seinen 80. Geburtstag feiert, steht er mit beiden Beinen wieder fest im Leben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Reif für den Zauberberg?

11. Januar 2010

Der Geburtstag, das haben Sie in unserem Newsletter vom 5. Januar erfahren „Das neue Jahr und die guten Vorsätze“, ist die zweite Chance nach Silvester, gute Vorsätze in die Tat umzusetzen. Beispielsweise könnte zum Wiegenfest der Entschluss reifen, endlich einmal ein gutes Buch zu lesen, für dessen Lektüre man sich bislang zu unreif gefühlt hat: etwa den Zauberberg von Thomas Mann, der in einem Schweizer Sanatorium spielt, oder, falls der Schauplatz zu sehr an die eigenen Gebrechen erinnert, Lotte in Weimar, wo derselbe Schriftsteller Goethes Werther aufgreift und das Objekt aller Sehnsüchte, Werthers große Liebe Charlotte – die im wirklichen Leben natürlich Goethes große Liebe war – im Weimarer Hotel Elephant logieren lässt.

Beide Werke sind zu Beginn recht zähe Angelegenheiten, weswegen Sie versucht sein könnten, beim Werther lieber zum Original zu greifen und – trotz schlechter Erinnerungen an die Schule? – mit dem leidenden Protagonisten vielleicht auch ein Stück eigene Jugend Revue passieren zu lassen. In der Pennälerzeit desjenigen, der die Zeilen, die Sie gerade lesen, verbrochen hat, stand Hermann Hesse hoch im Kurs.

Hinsichtlich Geburtstagen hat Thomas Manns Nobelpreisträgerkollege geschrieben: „Von der Wiege bis zur Bahre sind es fünfzig Jahre, dann beginnt der Tod. Man vertrottelt, man verbauert, man verwahrlost, man versauert, und zum Teufel gehen die Haare. Auch die Zähne gehen flöten, und statt dass wir mit Entzücken junge Mädchen an uns drücken, lesen wir ein Buch von Goethen.“ Oder doch lieber eins von Thomas Mann?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Heute vor 50 Jahren starb der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus. Begraben ist er im Provence-Städtchen Lourmarin. Das findet Nicolas Sarkozy ein wenig schofelig: Frankreichs Staatspräsident will den großen Geist dort aufbewahrt sehen, wo die meisten berühmten Franzosen ruhen: im Pantheon. Gegen eine Überführung der sterblichen Überreste in die Hauptstadt wiederum wehrt sich die Familie.

Im Moment sieht es so aus, als könne Camus dort bleiben, wo er ist: in der malerischen Landschaft des Luberon, auf einem Dorffriedhof, wo sein kleines Grab eines unter vielen ist. Auf den Wunsch des mächtigsten Mannes Frankreichs hätte der rebellische Camus vermutlich wenig gegeben. Die Helden in seinen Werken lehnen Autoritäten ab, so etwa der Protagonist in Der Fremde. Als der als Mörder verurteilte Meursault in seiner Todeszelle Besuch von einem Priester erhält, bricht er in einem grandiosen Monolog mit allen Gesetzen der Kirche – späterer Einzug in den Himmel ausgeschlossen.

Auch der Held des Mythos von Sisyphos hat längst mit jeder göttlichen Ordnung gebrochen; aus der antiken Tragödie schuf Camus ein modernes Gleichnis. Darin kommt der Held zu der Erkenntnis, wie sinnlos die Strafe ist: einen Felsen mühevoll einen Berg hinaufzurollen, welcher dann kurz vor dem Gipfel mit lautem Getöse wieder in die Tiefe rauscht und die Plackerei von vorn beginnen läst. Sisyphos’ Sternstunde ist der Weg bergab: Dort belastet ihn der Stein nicht, er kann nachdenken und im Stillen über die dummen Götter lachen, denen er sich überlegen fühlt. Am Ende hat sich die Fron des ewigen Steinenstemmens für ihn gelohnt.

In der Stille von Lourmarin wird Camus’ Geist weiter über den Göttern schweben, auch über den irdischen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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