Archiv für Kategorie ‘Jahreszahlen & Geburtstage’:

Freiheit und Verantwortung: Reinhold Messner zum Siebzigsten

Dienstag, 16. September 2014

„Nach meiner Zeit als Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger, Forscher rund Politiker“ (siehe auch unseren Newsletter vom 17. September 2009: Reinhold Messner erreicht das Rentenalter), schreibt Reinhold Messner in seiner Gebrauchsanweisung für Südtirol, „bin ich nun dabei, mein Erbe einzubringen“

Dieses Erbe trägt die Buchstabe MMM und steht für Messner Mountain Museum. 5 dieser Erinnerungsorte gibt es bereits, ein sechstes entsteht gerade in Bruneck Alle sind sie verschiedenen Themen gewidmet, so, wie Messner in seinem an Erfahrungen und Handlungen reichen bisherigen Leben sich in den verschiedensten Bereichen engagiert hat.

Doch nicht nur Vergangenes ist unter dem Oberbegriff „Der Berg und dessen Kultur“ zu bestaunen. Messners montane Erlebniswelten sind zugleich auch Begegnungsstätten: mit den Menschen, die in den Bergen leben, ihren besonderen Leistungen, aber auch ihren Alltagssorgen. Da überall auf der Welt die ursprünglichen Gebirgslandschaften samt deren Bewohnern durch Tourismus und andere industrielle Eingriffe in ihrer Existenz bedroht sind, sollen die Museumsbesucher vor allem zur inneren Einkehr und zum Nachdenken bewegt werden.

Letzteres gelingt Messner nicht minder durch seine Medienpräsenz. Immer noch ist der stets blendend aussehende, beredte und von sich selbst überzeugte Südtiroler ein gerngesehener Gast in Rundfunk- und Fernsehstationen. Seine siebzig Jahre - so alt wird er heute - sieht man ihm nicht im entferntesten an, und immer wieder staunt man über den jugendlichen Elan in seinem Auftreten wie zuweilen auch die Radikalität, die seine Botschaften ausstrahlen. Messner ist kein Mensch der Kompromisse. „Die Lösung sieht für alle Berge der Welt gleich aus“, verkündete er vor ein paar Monaten in einem Interview in der Stuttgarter Zeitung: „Lassen wir den Bergen ihre Größe, ihre Gefahren und ihre Ausstrahlung! Das heißt: Bauen wir keine Seilbahnen, keine Straßen und keine Klettersteige oder Pisten bis zum Gipfel. Dann hat der Berg die Kraft, alle auszuschließen, die nicht in Eigenverantwortung hinaufsteigen. Es ist nicht möglich, die Berge sicher zu machen, indem man sie allen zugänglich macht. Man sollte die Berge Berge sein lassen und nicht versuchen, sie zu Attrappen zu verändern.“

Die Kraft, unfitte Sportler auszuschließen: Das hört sich hart an. Aber sind es nicht Extremsituationen, die vom Menschen gesucht werden? Und führt nicht auch die Vielzahl an Hilfsmitteln dazu, das durch sie leichter Erreichbare zu entwerten? Hier und heute darf Messner entspannt zurückblicken. Seine Taten - ohne Sauerstoffflasche erklomm er sämtliche Achttausender - können nicht wiederholt werden. Die Bedingungen haben sich geändert: „Die Menschen, die damals den Berg bestiegen haben“, spielt Messner auf die eigene Leistung am seinerzeit fast jungfräulichen Mount Everest an, in dem weder Haken steckten noch Tritte eingelassen waren, „haben das in Eigenverantwortung getan, ohne Piste. Und wenn einer heruntergefallen ist, hat der Rest der Welt gesagt: ‘Geschieht ihm Recht, warum geht er dort hin?’ Es war damals eine Frage der Freiheit, den Everest zu besteigen, aber auch der ganzen Verantwortung, die man auf sich nehmen musste.“

Freiheit und Verantwortung: Diese Werte prägen auch im Rentenalter Messners (Berg-)Welt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die erste elektrische Verkehrsampel

Dienstag, 5. August 2014

Der Beginn des 20. Jahrhunderts ging für die Vereinigten Staaten mit einem rasanten Wirtschaftswachstum einher. Der Fortschritt schlug sich auch im Straßenverkehr nieder. Vor allem in den Großstädten kam es zu grotesken Szenen. Immer mehr und immer schneller fahrende Transportmittel agierten meist gegen – statt miteinander. Regeln gab es kaum, Organisation war ein Fremdwort. Straßenbahnen hielten wo immer sie oder ihre Fahrgäste es wollten, Autos und Pferdefuhrwerke wendeten an jeder beliebigen Stelle, und auch die Straßenseite wurde gerne willkürlich gewechselt, nicht nur von Radfahrern. Besonders an Kreuzungen machte sich das Chaos bemerkbar. Die Stadtverwaltungen mussten auf Polizisten zurückzugreifen, um den Verkehr zu regeln.

Es war ein Knochenjob: Je nach Jahreszeit setzten Hitze, Kälte, Sturm, Glatteis, Schnee oder Regen den Ordnungshütern zu. Das stundenlange Stehen wurde ihnen erschwert durch infernalischen Lärm, aufgewirbelten Staub und ständig sich in hohem Tempo auf sie zu bewegende Verkehrsteilnehmer.

Dies brachte Lester Wire, einen abgebrochenen Jurastudenten aus Salt Lake City, auf den Plan. Er hatte sich inzwischen bei der Polizei in seinem Bundesstaat Utah verdingt und war Leiter der Verkehrsabteilung geworden. Wie, fragte er sich, konnte er seinen überlasteten Beamten Erleichterung verschaffen? Wire zimmerte ein nach drei Seiten geschlossenes quadratisches Behältnis aus Holz, versah es mit einem Dach, strich alles quietschgelb an und stellte in die Öffnung ein rotes und ein grünes Licht. Beide verkabelte er zwecks Stromzufuhr mit der Oberleitung der elektrischen Straßenbahn. Zur Bedienung der Signalanlage war weiterhin eine menschliche Kraft von Nöten. Doch blieb diese nicht länger den Unbilden der Witterung und den Fährnissen des Verkehrs ausgesetzt und konnte ihre Tätigkeit an einem geschützten Platz ausüben. Allein, die Stadtväter von Salt Lake City mochten sich für Wires Instrument, das unseren heutigen zum Blitzen von Temposündern eingesetzten „Starenkästen§ verblüffend ähnlich sah (siehe auch http://miovision.com), nicht erwärmen.

Selbst vor lebenden Verkehrsreglern, so ihre Argumentation, hätten die Teilnehmer kaum Respekt und missachteten allzu oft deren Anweisungen. Wie würde da erst der Gehorsam gegenüber einem grellbunten vogelkäfigähnlichem Gebilde ausfallen? Dennoch wurde 1912 in Salt Lake City ein Versuch gemacht. Allerdings versäumte es Wire, seine Erfindung bei der zuständigen Behörde anzumelden. Geschäftstüchtiger war 1.500 Meilen weiter östlich der Erfinder James Hoge. Sein später mit der US-Nummer 1251666 registriertes Patent für ein „kommunales Verkehrskontrollsystem“ wurde vor 100 Jahren, am 5. August 1914, an einer Kreuzung in Cleveland im Bundesstaat Ohio installiert.

Das Hoge’sche Modell setzte sich rasch durch, auch weil die Verkehrsteilnehmer dessen Notwendigkeit einsahen. Im Prinzip funktionierte der Mechanismus auf die gleiche Weise wie derjenige Wires, nur dass anstelle von einem je vier grün- beziehungsweise rotfarbene Signale aufleuchteten, die abwechselnd die Wörter STOP und MOVE anzeigten. Der Streit aber, wer denn nun die erste elektrische Verkehrsampel der Welt erfand, geht zwischen den Städten Salt Lake City und Cleveland munter weiter.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Großer Schriftsteller, schwieriger Mensch

Montag, 4. August 2014

„Er war ein Krieger, ein Krieger für die Menschheit und ein Verkünder des Evangeliums vom Recht für alle Völker. Er war eine reformatorische Gestalt von höchstem Rang, und es war sein historisches Schicksal, in einer Zeit der beispiellosen Rohheit wirken zu müssen, die ihn schließlich gefällt hat.“

Wer besagter Krieger war? Adolf Hitler!

Und wer verfasste diesen Schwachsinn? Kein geringerer als der Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun! Dass der Schriftsteller es ernst meinte und sich nicht wie die üblichen Speichellecker einen Vorteil verschaffen wollte, verdeutlicht der Umstand, dass Hamsun seinen Nachruf auf den Führer am 7 Mai 1945 schrieb, einen Tag vor Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eine Entschuldigung ist das nicht. Die Norweger gingen mit Hamsun hart ins Gericht – zu Recht. Seine Werke wurden aus den Bibliotheken verbannt, er selber bis ans Ende seines langen Lebens – Hamsun starb 92-jährig am 19. Februar 1952 – unter Hausarrest gestellt. Wären da nicht seine Bücher gewesen! Gleich das erste machte ihn berühmt, wenn auch erst mit Mitte Dreißig.

In Hunger verarbeitete er seine bis dahin erfolglose Karriere als Autor und Journalist. Es folgte sein Meisterwerk: Mysterien (siehe unseren Newsletter vom 23. April 2014: ). Den Nobelreis erhielt er für den weitaus schwächeren Roman Segen der Erde, eine zwar prächtig geschilderte, aber doch recht vordergründige Lobeshymne an das naturnahe Leben eines norwegischen Bauern. Solche Geschichten liebten auch die deutschen Nationalsozialisten. Sie hofierten Hamsun, doch der Dickschädel ließ sich nicht ohne weiteres vereinnahmen. Wiederholt nutzte er seinen Einfluss, um sich nach der Besatzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht für inhaftierte Landsleute zu verwenden. Als das nichts mehr half, entschloss sich Hamsun, bei Hitler persönlich zu intervenieren und die Absetzung des Reichskommissars für Norwegen, Josef Terboven, zu fordern.

Vergeblich. Von Hamsuns Besuch auf dem Obersalzberg am 26. Juni 1943 ist überliefert, dass sich die Kontrahenten minutenlang anbrüllten und Hitler noch Tage später irritiert über die Art und Weise war, wie mit ihm umgegangen wurde. Mittlerweile scheinen die Norweger Hamsun nicht mehr in ganz so negativem Licht zu sehen. In Oslo haben sie ihm zu Ehren ein Literaturhaus und Dokumentationszentrum errichtet. Die Diskussion um einen der begnadetsten Schriftsteller und donquichotteskesten Egomanen des 20. Jahrhunderts geht im Land der Fjorde weiter. Um Hamsun wird es, auch nach seinem heutigen 155. Geburtstag, so schnell nicht ruhig werden. Eigentlich muss man die Norweger darum beneiden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Angela Merkels rhetorisches Rezept

Donnerstag, 17. Juli 2014

Bislang ist es in der bundesrepublikanischen Geschichte noch nicht allzu häufig vorgekommen, dass eine Kanzlerin 60 wird. Anlässlich Angela Merkels runden Wiegenfests wird der deutsche Blätterwald ein Rauschen anstimmen, das die leise Stimme unseres Newsletters übertönen und seine bescheidene Gratulation kaum vernehmbar machen wird.

Dennoch möchte die Redaktion der Regierungschefin die Reverenz erweisen. Es ist an der Zeit, danke zu sagen für einen Atomausstieg, aus dem es ebenso wenig einen Weg zurück geben wird wie weiland für Frankreich nach der Revolution (siehe auch unsere Ausgabe vom 14. Juli: ), auch wenn die Energiewirtschaft sich aus der Verantwortung für jahrzehntelangen Kernkraftlobbyismus zu stehlen und an den Steuerzahlern für verpasste Gewinne schadlos zu halten versucht.

Der Schreiber dieser Zeilen ist zudem immer noch erbaut von dem Umstand, dass die heutige Jubilarin just an seinem Geburtstag, einem 11. Januar, Edmund Stoiber bei einem Frühstück in dessen Wolfratshauser Domizil den Weg frei gemacht hat, die Wahl 2002 und damit auch alle künftigen Kanzlerkandidaturen zu versemmeln. Später wurden die christdemokratischen Rivalen abgefrühstückt, Unionsunsympathen wie Friedrich Merz, Roland Koch oder Christian Wulff sukzessive der Bedeutungslosigkeit ausgesetzt und Altlasten wie Helmut Kohl entsorgt. Kein Sozialdemokrat und kein Grüner hätte dies effektiver, eleganter und eindrucksvoller bewerkstelligen können!

Apropos Eindruck: Der Kanzlerin Merkel wird nach fast 9 Jahren im Amt immer noch gerne vorgehalten, nicht die allerbeste Rednerin zu sein. Umgekehrt hat sie bislang kaum peinliche Auftritte hingelegt. Das mag an ihrer Einstellung liegen. „Es gibt in meinem Leben immer wieder Situationen“, bekannte sie einmal in einem Interview, „in denen ich sicher bin, dass nichts zu sagen jetzt der allerbeste Weg ist.“

Merkels Maxime, Schweigen als rhetorisches Mittel einzusetzen, scheint Erfolg zu haben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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27 Steine, um die sich alles drehte

Freitag, 11. Juli 2014

„Als wahrer Welterfolg erwies sich“, schreibt György Dalos in seinem Buch Lebt wohl, Genossen! Der Untergang des sowjetischen Imperiums, „der Zauberwürfel des Architekten Ernö Rubik.“

Dalos’ Landsmann, wie der Schriftsteller in Budapest geboren und später Professor für Kunst und Design in Ungarns Hauptstadt, war Mitte der 1970er Jahre seine berühmte Erfindung gelungen: 27 miteinander verbundene Steine, die durch Drehen einen Kubus mit 6 verschiedenfarbigen Seiten ergeben sollten. Das Geduldspiel wurde, wie Dalos weiter schreibt, „vom Budapester Patentamt 1977 genehmigt, sein Weg zum Welterfolg erwies sich jedoch als steinig. Bürokratie und Inkompetenz der zuständigen Behörden führten dazu, dass die Erfindung erst relativ spät auf den Weltmarkt kam.“

Schuld war nicht nur das kommunistische System mit seinem trotz Planwirtschaft chaotischen Wirtschaften. Auch der Kapitalismus zeigte seine böse Fratze: Asiatische Abkupferer brachten alsbald ein schnödes, aber preiswertes Plagiat auf den Markt. „Ungarn war außerstande“, konstatiert Dalos, „die bestellten 2 Millionen Exemplare zu liefern, und schloss einander widersprechende Lizenzverträge mit westlichen Partnern ab. Gleichzeitig begannen fernöstliche Firmen mit der ’schwarzen’ Massenproduktion des Würfels, dessen insgesamt 100 Millionen Exemplare weder dem Erfinder noch dem Staat den zu erwartenden Gewinn sichern konnten.“

Blieb den Ungarn, die laut Volksmund in der fröhlichsten Baracke des östlichen Lagers lebten, nur die Flucht in den Humor: „Was ist ein kommunistischer Zauberwürfel?“, machte im Land der Magyaren ein Witz die Runde. Die Antwort lautete: „Er hat sechs Seiten, alle sind rot, und man kann sie trotzdem nicht zusammenbringen.“ Immerhin, für den Würfelkonstrukteur zahlte sich sein Produkt halbwegs aus. 1983, noch zu Sowjetzeiten, machte er sich mit seinem Rubik Stúdió, das Möbel und Spiele entwarf, selbständig. In Ungarn war so etwas nötig. Heute, an seinem 70. Geburtstag, ist Ernö Rubik mit seinem kleinen Unternehmen immer noch im Geschäft.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Island wird Siebzig

Dienstag, 17. Juni 2014

Bis Island 1911 seine Universität bekam, schreibt Marie Krüger in ihrem Länderporträt über Europas große Insel im Norden (Marie Krüger, Island. Christoph Links Verlag, Berlin 2011), mussten die Einheimischen zum Studieren nach Kopenhagen.

Und bis Island heute vor 70 Jahren unabhängig und Republik wurde, gingen die Huldigungsadressen ebenfalls nach Kopenhagen, zum Schloss Amalienborg, dem Sitz des Monarchen; denn das Eiland gehörte seit 1662 zum Königreich Dänemark. Was es für einen Isländer bedeutete, unter dänischer Herrschaft zu leben, ist in Halldór Laxness’ nobelpreisgekröntem Roman Islandglocke nachzuempfinden.

Die Mischung aus Profitgier und Desinteresse seitens der Kolonialmacht schürte die Unzufriedenheit auf der Insel, deren Bewohner, wie Marie Krüger schreibt, nach „einer schlimmen Pockenepidemie, Hungersnöten infolge kalter Sommer und bitterer Winter, einer Schafsseuche und einer Reihe heftiger Vulkanausbrüche zusätzlich demoralisiert“ wurden und sich „in ihrer Isolation von Dänemark alleingelassen“ fühlten.

Wenigstens im Zweiten Weltkrieg kam den Insulanern ihre abgeschiedene Lage auch einmal zugute: Das Mutterland Dänemark wurde 1940 von Hitlers Wehrmacht besetzt, eine Expedition in den Nordatlantik wäre für die deutsche Flotte wegen der starken Präsenz britischer und amerikanischer Kriegsschiffe zu gefährlich gewesen. Dafür hatten die Isländer die Vereinigten Staaten am Hals, deren Militärs die Insel zu einer Marinebasis ausbauten, die sie auch nach Kriegsende so rasch nicht wieder aufgeben würden.

So gesehen kam die Unabhängigkeit am 17. Juni 1944 genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Zugehörigkeit zum westlichen Verteidigungspakt war das einzige Zugeständnis, das die neue Regierung in Reykjavik gegenüber Washington einräumen musste. Auch mit der ehemaligen Kolonialmacht sind die Isländer längst im Reinen und die Beziehungen freundschaftlich.

Nur mit Brüssel gibt es häufig Ärger, etwa was die Fischereizone und die Fangquoten um Island herum betrifft. Eine Mitgliedschaft in der EU würde von vielen Inselbewohnern als Rückschritt in alte Zeiten der Bevormundung angesehen und ist daher in allernächster Zukunft nicht zu erwarten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Kunst, sich zu entfesseln

Montag, 24. März 2014

In eine Zwangsjacke gepresst, mit schweren Ketten gefesselt, die Hände in Handschellen hinter den Rücken gebunden: Derart verschnürt wurde das menschliche Paket von einem Kran an den Füßen hochgezogen, bis es über den Köpfen der gaffenden Menge am New Yorker Times Square schwebte.

Keine 5 Minuten vergingen, und der eben noch in einer scheinbar ausweglosen Falle Gefangene wurde, aufrecht auf dem Kranhaken sitzend, ins jubelnde Publikum herabgelassen. So kannten seine Fans Erich Weiss, freilich unter anderem Namen.

Geboren wurde der Sohn in die USA eingewanderter ungarischer Juden heute vor 140 Jahren in Budapest. Mit 17 beschloss er, Zauberkünstler zu werden. Er stählte seinen Körper, übte seine Fingerfertigkeit an Münzen und Karten und trainierte Luftanhalten in der Badewanne. Bald schaffte er 5, mit der Zeit sogar 6 Minuten.

In jeder Stadt, in der er auftrat, besuchte er Schlosserwerkstätten und machte sich mit den neuesten Modellen von Schlössern und Handschellen vertraut, bis er sie ohne Nachschlüssel öffnen konnte. Als einziges Hilfsmittel verwendete er kurze Metallstücke. Die bearbeitete er mit der Feile und versteckte sie in seinem dichten Haar oder unter der Hornhaut seiner Füße.

Zunächst trat er in Vaudeville-Theatern auf, später an öffentlichen Plätzen. Bis zu 40 000 Zuschauer bestaunten seine Darbietungen. In Detroit stürzte er sich gefesselt von einer Brücke und befreite sich unter Wasser. In New York ließ er sich in ein einem bleibeschwerten, mit Vorhängeschlössern gesicherten Taucheranzug ohne Sauerstoffflaschen ins Hafenbecken werfen und schwamm 3 Minuten später wieder an der Oberfläche.

Auch nach Europa zog es ihn. Berühmt wurde er mit einem Auftritt in Bremen: Gefesselt ließ er sich in die vereiste Weser absetzen und befreite sich unterhalb der Eisdecke. Diesen Akt hatte er vorher daheim in einer mit Eisblöcken gefüllten Badewanne trainiert. In Köln wurde er wegen Trickbetrugs angeklagt. Das Gericht warf ihm vor, sein Publikum absichtlich zu täuschen und ihm sein Geld abzuknöpfen. Nur die zweite Behauptung traf zu. Er bestand darauf, in von der Kölner Polizei verwendeten und geprüften Handschellen auf die Anklagebank geführt zu werden. In Sekundenschnelle öffnete er die Fesseln und widerlegte elegant den Täuschungsverdacht. Er wurde der berühmteste Entfesselungskünstler aller Zeiten. Sein Künstlername: Harry Houdini.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Belächelt, beneidet, benutzt, beseitigt

Dienstag, 18. März 2014

Ein Land, das sich stolz als Heimat der Dichter und Denker bezeichnet, schaut auf Comics meist mit einer gewissen Verachtung herab. Nur um ihren Erfolg beim Publikum werden die Autoren beneidet. Ausgerechnet in der Zeit des Nationalsozialismus ging der Stern eines deutschen Comic-Zeichners auf.

Erich Ohser hatte Bücher seines Freundes Erich Kästner illustriert und Karikaturen im SPD-Blatt Vorwärts veröffentlicht, als diese noch erscheinen durften. Vor allem Ohsers Porträts von Goebbels und Hitler werden die späteren Machthaber wenig erfreut haben. Umso überraschender muss es für ihn gewesen sein, als 1934 die Berliner Illustrirte Zeitung an ihn herantrat. Nach dem Vorbild der amerikanischen Mickymaus sollte er eine ähnliche Figur entwerfen.

Heraus kamen dann doch sehr verschiedene Charaktere, die Ohser einfach Vater und Sohn taufte. So lange seine Cartoons unpolitisch blieben, hatten die Herausgeber der Berliner Illustrirten wenig gegen den nach wie vor nicht vom braunen Gedankengut überzeugten Autor einzuwenden. Nur seinen wahren Namen sollte er verbergen. Ohser, im Zentrum Vogtlands aufgewachsen, wählte als Pseudonym seine Initialen und seine Heimatstadt.

Heraus kam, stets klein geschrieben: e. o. plauen. Die gezeichneten Geschichten kamen so gut an, dass sie in einem Bildband gesammelt wurden. Ein zweiter und ein dritter folgten. Joseph Goebbels blieb dies nicht verborgen. Der Propagandaminister sorgte dafür, dass Ohser als Karikaturist bei der Wochenzeitung Das Reich unterkam. Später verschaffte er ihm eine Anstellung bei der Deutschen Zeichentrick GmbH, die Goebbels eigens zur Volksbelustigung in düsteren Kriegszeiten gegründet hatte.

Beides brachte Ohser viele Neider ein. Nach einer Denunziation kam er in Haft. Sein Prozess war für den 6. April terminiert. Da mit einem Freispruch nicht zu rechnen, der als Goebbels’ Blutrichter berüchtigte Roland Freisler zudem mit der Verhandlung betraut und Ohser den Nazipropagandisten einen Triumph zu gönnen nicht bereit war, erhängte er sich am Vorabend in seiner Zelle.

Heute jährt sich der Geburtstag des Unbeugsamen zum 111. Mal. Zeichnungen und Bildergeschichten von e. o. plauen sind auf der Webseite plauen.beurich.net zu bewundern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Doch kein polnischer Napoleon

Freitag, 17. Januar 2014

Beruf: Revolutionär. Mit dieser Angabe schmückte der heute vor 200 Jahren geborene Ludwik Mieroslawski seinen Lebenslauf. Der Sohn eines polnischen, nach Frankreich ausgewanderte Offiziers hatte ursprünglich das Kriegshandwerk erlernt, nach dem Verfahren learning by doing: Als 16-Jähriger nahm er am polnischen Novemberaufstand gegen die russischen Besatzer teil.

Noch mehr Praxiserfahrung sammelte er gegen eine weitere Okkupationsmacht in Polen. Dafür verurteilte ihn ein preußisches Militärgericht zum Tode. Kaum begnadigt, ging er nach Sizilien, um die italienischen Freiheitskämpfer zu unterstützen. Von einer im Gefecht erlittenen Verwundung erholte er sich in Paris. Dort erreichte ihn im Frühjahr 1849 der Ruf der badisch-pfälzischen Revolutionäre (siehe auch unseren Newsletter vom 25. November 2009: ). Bislang hatte sich Mieroslawski stets in Aufgeboten wiedergefunden, die einer regulären Armee gegenüberstanden und hoffnungslos unterlegen waren.

Ähnlich gestaltete sich die Situation zunächst auch in Baden. Doch hatte Mieroslawski aus vergangenen Niederlagen gelernt. Als Befehlshaber operierte er flexibel, wechselte geschickt zwischen Defensiv- und Angriffsstellung und teilte seine im Verhältnis zu Preußen um 20 000 Mann geringere Truppen immer wieder geschickt auf. Einmal überraschte er den Gegner, als er bei Knielingen unvermittelt den Rhein überquerte, um den Krieg auf badischem Gebiet fortzusetzen.

Tags darauf beging er seinen vielleicht einzigen taktischen Fehler, als er die bei Germersheim nachsetzenden preußischen Truppen nicht auf dem Wasser angriff. Später verschanzte sich Mieroslawski in der Festung Rastatt, die einen Monat lang allen Angriffen standhielt. Zwei Ereignisse beschleunigten die Niederlage: Der polnische Offiziers- und Revolutionärskollege Franz Sznayde versäumte es, mit seiner Reserve einzugreifen und Rastatt zu entsetzen. Dagegen erlaubte ein schwäbischer Territorialfürst Preußen, seine Armee über württembergisches Territorium nach Baden ziehen zu lassen.

Mieroslawski hatte da schon seinen Oberbefehl niedergelegt und war ins Schweizer Exil gegangen. Später diente er sich Garibaldi (siehe unseren Newsletter vom 4. Juli 2007: Ein nationaler Held) in Italien an und war endlich einmal erfolgreich. Seinem Ruf, ein polnischer Napoleon zu sein, blieb er jedoch den Beweis schuldig. Am 22. November 1878 starb Mieroslawski, wie so viele Revolutionäre verarmt und vergessen, in seinem Geburtsland Frankreich.

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Das Erfolgsrezept des Ottmar Hitzfeld

Freitag, 10. Januar 2014

Was Jupp Heynckes geschafft hat, glückte zuvor bereits Ottmar Hitzfeld: als Fußballtrainer mit 2 verschiedenen Mannschaften die Champions League zu gewinnen. Heynckes gelang das Kunststück mit Real Madrid und Bayern München, Hitzfeld mit Borussia Dortmund und ebenfalls den Bayern.

Als noch größeren Erfolg werten manche Experten Hitzfelds Qualifikation mit der Schweiz für die kommende Weltmeisterschaft. Na ja, könnte man einwenden, die Schweiz war auch bei der letzten WM in Südafrika dabei und schied in der Vorrunde aus. Diesmal reist sie jedoch nicht als Außenseiter an. In der Gruppe E wurden die Eidgenossen an Position 1 gesetzt, vor Frankreich, Ecuador und Honduras. Es wäre eine Überraschung, könnte sich Hitzfelds Truppe diesmal n i c h t für das Achtelfinale qualifizieren.

Doch wie groß ist Hitzfelds Anteil an der positiven Entwicklung der letzten Jahre - die Schweizer stehen zurzeit auf Platz 8 der FIFA-Weltrangliste (zum Vergleich: die Franzosen belegen Rang 20) - tatsächlich? Hitzfeld hat das Glück, auf einige Spieler zurückgreifen zu dürfen, die in Europas Topvereinen spielen. Xherdan Shaqiri von Bayern München, Blerim Dzemaili und Gökhan Inler vom SSC Neapel oder auch Haris Seferovic von Real Sociedad San Sebastian sammelten diese Saison regelmäßig Champions League-Erfahrung.

Alle diese Spieler haben Migrationshintergrund, was für Hitzfeld alles andere als ein Hindernis darstellt. Vor Jahren verriet er einem Journalisten einmal sein selbst vom arroganten Fußballweltverband FIFA kopiertes Erfolgsgeheimnis: Respekt zeigen. „Respekt ist die Basis, auf der ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Und nur im Teamwork hat man Erfolg. Ich zeige Respekt vor dem Mitspieler, aber auch vor dem Busfahrer.“

Diesen Respekt lebt Hitzfeld - anders als die FIFA - vor: „Wenn ich als Trainer meine Glaubwürdigkeit verliere, bin ich am Ende. Jeder Spieler muss sich darauf verlassen können, dass das gesprochene Wort gilt.“ Jungen Spielern Selbstbewusstsein zu vermitteln gehörte schon immer zu Hitzfelds Vorzügen. Klappt es mit dem Vertrauen in die eigenen Mittel noch nicht so recht, ist immer noch der Trainer da, an dem sich die Youngster aufrichten können: „Ich muss stets Entschlossenheit vermitteln, egal wie nervös ich bin. Wenn nicht ich der Mannschaft den Rücken stärke, wer dann?“ Heute wird Ottmar Hitzfeld, im südbadischen Lörrach geboren, 65 Jahre alt. Nach der WM geht er in Rente. Mit einem erfolgreichen Abschneiden der Schweizer „Nati?“

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