Archiv für Kategorie ‘Jahreszahlen & Geburtstage’:

Friedrich der Glückliche

Montag, 23. Januar 2012

Friedrich der Große wird morgen 300 Jahre alt. Da dieses Datum schon etwas länger bekannt ist, haben sich im Vorfeld zahlreiche Historiker mit dem Thema befasst – und werden es noch ein ganzes Jahr lang tun.

Diesem Newsletter fehlt der Platz, um die Diskussion über den preußischen Herrscher angemessen zu reflektieren. Einen Aspekt möchte er sich jedoch herauspicken.

Es geht um die Frage, wie groß Friedrich II. wirklich war. Der ehrende Beiname wurde ihm bereits 1745 verliehen. Da war der noch junge Fritz gerade mal ein halbes Jahrzehnt auf dem Thron, hatte aber im Zweiten Schlesischen Krieg das favorisierte Österreich viermal hintereinander geschlagen.

Ein Staatsmann wurde damals, nicht unähnlich heutigen Fußballtrainern, rasch als Held gefeiert, um nach ersten Misserfolgen nicht selten in Schimpf und Schande, unter Aberkennung sämtlicher Titel und Ehrenbezeichnungen, vom Hof gejagt zu werden. Rühmliche Ausnahmen bildeten der antike Alexander, der Frankenherrscher Karl und die russischen Zaren Peter und Katharina.

Eine durchaus mögliche Herabstufung blieb Friedrich erspart, freilich nur um Perückenhaaresbreite. Denn es gab da noch einen Dritten Schlesischen Krieg, der volle 7 Jahre währte und in dessen Verlauf sich der Monarch so dämlich anstellte, dass er neben Österreich auch Frankreich, Russland und Schweden gegen Preußen aufbrachte.

Nach anfänglichen Erfolgen, die neben beträchtlichen Geländegewinnen auch eine nahezu groteske Überschätzung der eigenen militärischen Stärke mit sich brachten, setzte es Niederlagen gegen sämtliche Gegner. Zum Glück für Preußen konnten sich diese nicht auf ein konzertiertes Vorgehen einigen, so dass sich auf den Schlachtfeldern meist nur die Armeen zweier Mächte gegenüberstanden.

Günstig für den bedrängten Friedrich wirkte sich die Unterstützung des einzigen Verbündeten aus: Die Briten konnte zwar keine Soldaten zu Hilfe schicken, dafür sanierten sie mit einer Zahlung von 27 Millionen Talern die klamme Berliner Staatskasse. All dies hätte nichts geholfen, nachdem ein russisch-österreichisches Heer – endlich war man einmal gemeinsam vorgerückt – die Preußen bei Kunersdorf an der Oder besiegten.
1760 wurde sogar Berlin besetzt.

Und jetzt frage ich Sie, ob Sie sich auch nur einen zeitgenössischen Hauptstadtbewohner vorstellen können, der seinen Herrscher noch als ‘den Großen’ tituliert hätte? Bald jedoch zogen die Besatzer wegen Nachschubmangels wieder ab. Nach drei weiteren Jahren endete der Siebenjährige Krieg mit einem Unentschieden. Territorial blieb alles beim Alten, die Historiker nennen einen solchen Zustand status quo.

Ob Friedrich weiterhin der Große genannt werden darf, sollten sie sich überlegen. Seine Rettung verdankte Preußen weder seiner gefeierten Armee noch dem vermeintlichen Genie Friedrichs; eher dem Tod der Zarin Elisabeth 1762, der den russischen Kriegseifer erlahmen ließ, und vor allem dem Sieg des preußischen Verbündeten England über den österreichischen Verbündeten Frankreich. Der Konflikt dieser beiden Großmächte wurde in den amerikanischen Kolonien ausgetragen. Europa war, zum Glück für Preußen und Friedrich, nur Nebenkriegsschauplatz.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Small Talk zwischen den Jahren

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Der Newsletter, den Sie gerade vor sich haben, erscheint nur werktags. Daher befürchte ich, dass Sie diese Zeilen, zumal in einem Jahr mit unglücklich liegenden Feiertagen, an Ihrem Arbeitsplatz lesen.

Wenn Sie schon zwischen den Jahren ins Büro oder in die Werkhalle müssen, möchte ich Ihnen wenigstens das adäquate Small Talk-Thema für diese Woche liefern.

Die „Zeit zwischen den Jahren“ geht für manche bis Neujahr, für viele aber darüber hinaus: bis zum Tag der Heiligen Drei Könige, also bis zum 6. Januar.

Das hängt mit dem Wechsel des Neujahrstermins Ende des 17. Jahrhunderts zusammen. Erst 1691 legte Papst Innozenz XII. den Jahresbeginn endgültig auf den 1. Januar fest. Die Tage dazwischen wurden weder dem alten noch dem neuen Jahr zugerechnet, lagen also zwischen den Jahren.

Gefühlt war man erst am 6. Januar im neuen Jahr angekommen. Der Volksmund beziehungsweise eine alte Bauernregel sagt ja auch, dass ab Dreikönig die Tage länger werden (natürlich nur auf der Nordhalbkugel).

Meist aber sind mit der Zeit zwischen den Jahren die Tage ab dem 27. Dezember bis einschließlich Silvester gemeint. So genannt werden sie in Ermangelung besserer Namen. Fragen Sie Ihren Gesprächspartner im Small Talk, wie er die Sache sieht:

Welche Tage fallen aus seiner Sicht in die Zeit zwischen den Jahren? Wenn Sie ihn schon um seine Meinung bitten, können Sie auch gleich die Frage dranhängen, ob er vielleicht einen geeigneteren Namen für diese Periode weiß.

Übrigens galt früher für die Zeit zwischen den Jahren manches Verbot, dass auch heutigen Arbeitnehmern gefallen dürfte. So waren nur die notwendigsten Arbeiten erlaubt. Mägde und Knechte hatten grundsätzlich frei, und Juristen wie Kaufleute verzichteten auf Geschäftsabschlüsse - wegen der Unsicherheit bei der Datierung.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Friedlich schwappt die Westerwelle

Dienstag, 27. Dezember 2011

Über Guido Westerwelle ist in diesem Newsletter heuer bereits berichtet worden (siehe unsere Ausgabe vom 8. März 2011: Surfen auf der Westerwelle).

Es gäbe keinen Grund, dies schon wieder zu tun, würde er an diesem Tag nicht seinen fünfzigsten Geburtstag feiern. Zum Wiegenfest wäre dem Wahl-Bonner und Muss-Berliner zu wünschen, dass er sich mal kein böses oder hämisches Wort anhören braucht.

In einem Jahrzehnt mit recht viel Fortüne war es ihm als Vorsitzender der FDP gelungen, diese auf ein historisches Hoch zu führen, welches ziemlich genau mit der letzten Bundestagswahl koinzidierte. Leider zeichnete Westerwelle auch für den anschließenden Absturz verantwortlich, der die einst stolzen Liberalen in Meinungsumfragen auf den Status einer Splitterpartei herabsinken ließ. Freilich bleibt bis zum nächsten bundesweiten Urnengang noch ein wenig Zeit.

Zeit, die der Ex-Vorsitzende nutzen kann, um in seinem zweiten Aufgabenbereich zu glänzen. Seine bisherige Bilanz als Außenminister ist eher durchwachsen; es gab viel mehr Gemecker als Lob. Manchmal erfolgte die Kritik auch zu Unrecht, muss von dieser Stelle, die dem Regierungslager zuzurechnen wohl niemand in den Sinn käme, einmal klar gesagt werden.

In der heikelsten Situation seiner Amtsperiode bewies Westerwelle Besonnenheit, Weitsicht, Mut und Standfestigkeit. Am Ende war es ihm gelungen, Deutschland aus einem Krieg herauszuhalten. Das hatte ein Vorgänger, der einer erklärt pazifistischen Partei angehörte, nicht geschafft: Unter der Ägide des Herrn Fischer wurden aus deutschen Kampfflugzeugen Bomben auf Belgrad und andere jugoslawische Städte abgeworfen.

Weitere Prüfungen für das heutige Geburtstagskind, der auch mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel eher zu den jugendlichen Mitgliedern der Ministerriege zählt, stehen an. Der zweite Redaktionswunsch zielt daher auf ein auch künftig friedliches Schwappen der Westerwelle im Kabinett. Auf dass den Außenguido nicht sein Spruch aus unbeschwerter Vergangenheit einholt:

Es schadet im Leben nicht, wenn man mehr zu Ende gemacht hat als die Fahrschule.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Trost für alle Zukurzgekommenen

Freitag, 23. Dezember 2011

Haben Sie das Gefühl, im fast zu Ende gegangenen Jahr zu kurz gekommen zu sein? Ich möchte Ihnen weder Pessimismus anheim – noch Ihnen unterstellen, ein Profijammerer zu sein.

Aber was die arbeitsfreien Tage 2011 betraf, sah es doch recht mau aus. Der 1. Mai fiel auf den Tag, an dem bei uns aus religiösen Gründen die Arbeit ruht. Heiligabend und der erste Weihnachtsfeiertag füllen das anstehende Wochenende aus.

Und es kommt noch schlimmer: Silvester fällt auf einen Samstag, Neujahr auf einen Sonntag. Im vorangegangenen Jahr sah es übrigens nicht viel besser aus: Der 1. Mai fiel auf einen Samstag, der 3. Oktober auf einen Sonntag, der erste wie der zweite Weihnachtstag ebenfalls auf ein Wochenende, Neujahr auf einen Samstag.

Da hilft nur der Blick auf 2012. Zum Glück sorgt das Einschalten des 29. Februar in den Kalender für einen kleinen Sprung, der uns dem unglücklichen Zusammentreffen von Feiertagen und Wochenenden entkommen hilft. Danke, liebes Schaltjahr, möchte man sagen. Doch es war uns noch einen Gefallen schuldig.

Vor 4 Jahren hatte der Sprung dafür gesorgt, dass der 1. Mai uns wieder mal keinen zusätzlichen arbeitsfreien Tag bescherte. Anno 2008 waren der Tag der Arbeit und Christi Himmelfahrt auf dasselbe Datum gefallen.

Apropos Sprung: Im Englischen wird jener Schaltjahreigenschaft viel besser Ausdruck verliehen als im Deutschen. So heißt bei unseren Nachbarn auf der großen Insel und jenseits des noch viel größeren Teichs das Jahr mit dem Extratag leap year, Sprungjahr. Doch noch ist es nicht so weit. Daher wünsche ich Ihnen erst mal ein schönes und geruhsames Fest mit nicht mehr Ärger als dem darüber, dass 2 der weihnachtlichen Tage auf ein Wochenende fallen.

Die nächste Ausgabe unseres Newsletters erscheint am Dienstag, den 27. Dezember. Den Werktätigen aus der Leserschaft bleibt als einziger Trost: Wenigstens der zweite Weihnachtsfeiertag des Jahres 2011 ist ein zusätzlicher arbeitsfreier Tag.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Preis, der den Erfolg übersteigt

Donnerstag, 15. Dezember 2011

„Das zwanzigste Jahrhundert blickt nieder auf geheimnislose Welt“, schreibt Stefan Zweig in seinen Sternstunden der Menschheit. „Alle Länder sind erforscht …“

Alle Länder? Nein, die Landmasse am äußersten Südrand der Erde harrte auch anno 1912 noch ihrer kompletten Erschließung. Bis dahin war kein Mensch zum Südpol vorgedrungen. Doch zwei Schiffe näherten sich dem mythischen Ort beharrlich an, und es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis der eine Kapitän als Entdecker gefeiert und der andere auf dem Müllhaufen der Geschichte, die nur Sieger kennt, landen würde. Doch es kam anders.

Während der Norweger Roald Amundsen heute vor hundert Jahren ohne nennenswerte Komplikationen eine Punktlandung hinlegte, für die ihn die Welt feierte, kämpfte sein Rivale einen verzweifelten Kampf im Ewigen Eis.

Hätte der Engländer Robert Scott gewusst, dass er auf seiner Route vier Wochen zu spät dran war und ihm am Ziel das Objekt seiner schlimmsten Alpträume erwartete – die von Amundsen hinterlassene norwegische Flagge – er wäre vielleicht früher umgekehrt. So erfährt die Verzweiflung auf dem Heimweg noch einmal eine Steigerung. Scott und seine Gefährten haben wirklich Pech!

Schlechtes Wetter hält sie auf; sie brauchen zu viel Zeit zu den Depots, die sie auf dem Rückweg angelegt haben – wenn sie diese überhaupt finden; der Sturm lässt nicht nach; Rücksicht auf die Kranken und Schwächeren raubt zusätzliche Zeit und Kraft. Doch ist es ihr über allem stehender Edelmut und Zusammenhalt der Gruppe – auch über dem Leben des Einzelnen – der vor allem Scott unsterblich macht; „in großartigem Widerspiel“, schreibt Stefan Zweig, „entsteht aus einem heroischen Tode gesteigertes Leben, aus Untergang Wille zum Aufstieg ins Unendliche empor. Denn nur Ehrgeiz entzündet sich am Zufall des Erfolges und leichten Gelingens, nichts aber erhebt dermaßen herrlich das Herz als der Untergang eines Menschen im Kampf gegen die unbesiegbare Übermacht des Geschickes, diese allzeit großartigste aller Tragödien, die manchmal ein Dichter und tausendmal das Leben gestaltet.“

Und manchmal der Dichter und das Leben gemeinsam: Auch Amundsen ereilte wie Scott und seine Gefährten ein heroischer Tod (siehe unseren Newsletter vom 18. Juni 2008: Als Norwegen einen Volkshelden verlor ). Doch wurde weder des Norwegers Leiche noch sein Tagebuch gefunden, noch fand der Verschollene einen Anwalt mit pathetischer Feder. So lebt der bei der Rückkehr vom Südpol erfrorene Scott, besungen von Zweig & Co., als großer tragischer Held fort. Und Amundsen? Auch ein bisschen, zumal sein Tod ebenfalls tragisch war. Aber nicht dramatisch, weshalb ihm nur seine norwegischen Landsleute die Verehrung entgegenbringen, die auch er verdient.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Weltkulturerbe mit Verspätung

Dienstag, 6. Dezember 2011

Seit wann ist der Kölner Dom Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes? Um diese Frage beantworten zu können, müssten Sie zunächst einmal wissen, seit wann überhaupt eine entsprechende Liste existiert.

Die Idee, “dass Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen”, entstand 1972. Sechs Jahre später fertigte die UNESCO ihre erste Aufstellung an.

Auch ein deutsches Kulturgut schaffte es auf die begehrte Liste: der Dom zu Aachen, in dem zahlreiche deutsche Kaiser gekrönt wurden. Inzwischen ist die Zahl der Weltkulturdenkmäler auf 725 angewachsen, hinzu kommen 183 Naturdenkmäler.

Nun aber zurück zur Eingangsfrage: Der Kölner Dom zählt erst seit 15 Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe. Am 6. Dezember 1996 wurde er aufgenommen. Als ob diese jahrelange Nichtbeachtung allein nicht schlimm genug gewesen wäre, kam der für Katholiken betrübliche Umstand hinzu, dass am selben Tag auch den Luther-Gedenkstätten in Wittenberg diese Ehre zuteil wurde.

Offenbar war die UNESCO an jenem Nikolaustag sehr auf Proporz gedacht, denn ein weltliches Kulturgut erhielt ebenfalls Welterberang: die Bauhaus-Gebäude in Dessau und Weimar.

Vielleicht ist es gut, dass das Weltkulturerbe breit gestreut und auf 153 Länder verteilt ist. Früher wäre das anders gewesen. Die deutsche Geschichtsschreibung beispielsweise sprach lange Zeit nur den kulturellen Leistungen der alten Griechen und Römer und allenfalls noch der Ägypter den Rang eines Welterbes zu.

So verstieg sich beispielsweise der Althistoriker Hermann Bengtson zu der Beurteilung, mit der Vernichtung Karthagos durch die Römer sei, weltgeschichtlich betrachtet, keine Lücke entstanden: „Ist doch der Beitrag der Punier (also der Karthager/Anm.) zur Geschichte der menschlichen Zivilisation mehr als bescheiden, die punische Kunst ist sogar von einer abstoßenden Hässlichkeit, für die es im Altertum schwerlich Parallelen gibt. Den karthagischen Künstlern mangelt es nicht nur an Originalität, sondern auch an jeglicher Grazie.“

Eine kleine Genugtuung für Liebhaber punischer Zivilisation und Abweichler vom hellenistisch-römischen Mainstream mag der Umstand gewesen sein, dass die Ruinen von Karthago – sie befinden sich im heutigen Tunesien – es doch noch ins Weltkulturerbe schafften, sogar schon im Jahr 1979. Was wiederum Hermann Bengtson veranlasst habe könnte, in den Teppich zu beißen: Der Doyen der Eurozentristen unter den Althistorikern starb erst ein volles Jahrzehnt später.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Kein vorweihnachtliches Drücken der Tränendrüse

Freitag, 2. Dezember 2011

Im Jahr 2007 wurde der Gedenktag „Internationaler Tag der Behinderten“ umbenannt. Seitdem wird der 3. Dezember als “Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung” begangen.

Das war für die Betroffenen ein großer Schritt nach vorn: Suggerierte die Klassifizierung ‘behindert’ doch gleichzeitig, dass Menschen mit einem derartigen Handicap von der Gesellschaft nicht ernst genommen wurden. Die positive Entwicklung ist mit ein Verdienst der Aktion Mensch.

Früher hieß sie einmal Aktion Sorgenkind. Mitleid ist allerdings das letzte, das die Aktivisten gebrauchen können – auch nicht in der Vorweihnachtszeit, wie Raúl Krauthausen in seinem Blog schreibt: „Um schöne Geschichten zu erzeugen sind auch Menschen mit Behinderung ein gutes Motiv: die armen Menschen, die ‘an den Rollstuhl gefesselt’ sind oder ‘an ihrer Behinderung leiden’ schaffen ‘Außergewöhnliches’. Solche Geschichten lesen sich gut und helfen auch den Menschen mit Behinderungen – glauben zumindest die Verfasser.

In der Realität ist oft das Gegenteil der Fall: Ich selbst betrachte mich nicht als jemanden, um den man sich ‘Sorgen’ machen sollte. Genauso wenig bin ich an den ‘Rollstuhl gefesselt’, sondern ich schnalle mich freiwillig an. Die wirkliche Fesselung wäre erst dann da, wenn ich keinen Rollstuhl hätte. Denn ein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit und nicht Einschränkung.“

Krauthausen kritisiert auch die schreibenden Zunft: An deren falsches Mitleid heischender emotionaler Berichterstattung „zeigt sich, dass die eigenen Vorurteile und Ängste gegenüber Menschen mit Behinderungen direkt (der Journalist selbst) oder indirekt (der Leser/Zuschauer) eine Berichterstattung prägen und somit Stereotype bedienen.“

Auf meinen Weihnachtswunschzettel steht daher jedes Jahr:

Lieber Weihnachtsmann,
lass bitte mehr Artikel und Medien erscheinen, die emotional weniger aufgeladen sind und richtige Bilder die Aufmerksamkeit bekommen.

Lieber Raúl Krauthausen,
die Redaktion dieses Newsletters wird sich bemühen, Ihrer Vorgabe gerecht zu werden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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11. 11. 11

Freitag, 11. November 2011

Am elften Elften um elf Uhr elf beginnt bekanntlich die fünfte Jahreszeit. Falls Ihnen diese Zahlenspielerei zu, wie der Rheinländer sagt, jeck ist, muss ich Ihnen leider sagen, dass es gleich noch toller kommt.

Das heutige Datum kann närrischer nicht sein: 11. 11. 11! Ohnehin ist in der Karnevalszeit nichts mehr gerade und ordentlich; man lässt sich gehen, trinkt mehr als gewöhnlich und beginnt die Dinge doppelt zu sehen.

Die Zahl 1, mit der die Ordnung aller Dinge beginnt, wird zur Schnapszahl 11, die alles durcheinander bringt. Das Verständnis für diese Erklärung, warum die 11 als närrische Zahl verehrt wir, bedarf zugegebenermaßen eines gewissen Quantums Alkohols.

Doch sind die anderen auch nicht so viel besser. Die glaubwürdigste geht auf die christliche Mythologie zurück und verweist die 11 ins Reich der Sünde: Sie überschreitet als erste Zahl das zehnte Gebot. Damit einher geht die Überzeugung, den Narren habe die letzte Stunde geschlagen. Offenbar merken alle erst nach elf Minuten, dass es kurz vor zwölf ist, und feiern eingedenk der Vergänglichkeit umso ausgiebiger.

Das Gefühl, bald sei alles vorbei, scheint so schlecht nicht zu sein. Warum sonst wird es jedes Jahr aufs Neue ausgekostet? Richtig in Schwung kommt der Karneval erst nach dem Dreikönigsfest am 6. Januar, bis schließlich an Weiberfastnacht sämtliche gesellschaftlichen Fesseln abgestreift werden.

Der 11. 11. ist lediglich ein Vorgeschmack. Doch am sechsstelligen Schnapszahldatum wird der Karnevalsbeginn sicher ausgiebiger gefeiert als in anderen Jahren. Als würde das nicht genügen, sind zahlreiche Jecken auf die Idee gekommen, sich an diesem Tag zu vermählen.

In Köln etwa wird sich im Zwanzigminutenrhythmus im Historischen Rathaus getraut. Statt der üblichen Tagesdosis von 40 Hochzeiten werden es heute 144 sein. Das ist selbst der närrischen Redaktion dieses Newsletters zu viel. 111 hätten auch gereicht.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Von der Schwierigkeit, 95 Thesen anzunageln

Montag, 31. Oktober 2011

Heute ist Feiertag in den neuen Bundesländern. Sie sind überwiegend protestantisch und begehen den 31. Oktober in Erinnerung an die 95 Thesen, die Martin Luther 1517 ans Schlosskirchenportal zu Wittenberg nagelte. Angeblich.

Die meisten Historiker bezweifeln, dass der Reformator dies wirklich getan hat. Stellen Sie sich vor, was das für eine Arbeit ist! Zuerst müssen die Sätze auf 95 Holzlatten gepinselt werden. Anschließend dauert es seine Zeit – zumindest für einen handwerklich Üngeübten – bis alle Bretter angeschlagen sind.

Ist auf einer Kirchentür überhaupt so viel Platz? Vor allem: Geht sie danach noch auf? Vermutlich hat sich Luther diese Fragen gar nicht gestellt. Er hat seine Thesen einfach auf ein Blatt gepinnt und das Pergament irgendwie an der Pforte befestigt. Reißzwecke oder doppelseitiges Klebeband gab’s leider noch nicht.

Dann ist wohl jeder, der vom Thesenanschlag gehört und sich dafür interessiert hat, nach Wittenberg gefahren und hat sich die Sache vor Ort angeschaut. Und war enttäuscht, dass

    a) keine beschrifteten Latten an der Kirche prangten und
    b) ein katholischer Eiferer den Zettel längst wieder abgerissen hatte.

Die Existenz des Thesenpapiers wird selbst von Historikern nicht angezweifelt. Für seine rasch wachsende Popularität werden allerdings weniger die organisierten Reisen nach Wittenberg als die damals schon weit verbreitete Druckerkunst gesorgt haben. Durch sie hatte die Obrigkeit zwar ein Beweismittel in der Hand, das später zu Luthers Kirchenbann führte.

Andererseits ließ sich, was in lesbaren Lettern schwarz auf weiß geschrieben stand, so leicht nicht mehr totschweigen. Morgen feiern die Katholiken ihre Heiligen, weswegen unser Newsletter erst wieder am 2. November erscheinen wird.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Kinder erben nur den hundertsten Teil

Freitag, 28. Oktober 2011

1975 gründet der damals 19-jährige Bill Gates mit seinem Partner Paul Allen die Firma Microsoft. Die Beiden wollten die Programmiersprache Basic auf den ein Jahr zuvor erfundenen ersten Minicomputer, den Altair 8080, übertragen.

Aus der Geschäftsidee entwickelte sich die Computerfirma Microsoft, und Gates stieg zum reichsten Mann der Erde auf. Inzwischen wurde er vom Mexikaner Carlos Slim Helu, der den süd- und mittelamerikanischen Telefonmarkt beherrscht, abgelöst.

Doch das dürfte ihn ebenso wenig kratzen wie die 8 Milliarden Dollar, die Gates bislang aus seinem Privatvermögen spendete. 8 Milliarden, ließ der Gönner verlauten, seien für ihn nur eine lächerliche Zahl: „Geld bedeutet mir nichts.“

Muss es auch nicht, denn Gates besitzt davon immer noch mehr, als er ausgeben kann. Die Stiftung, die er gemeinsam mit seiner Gattin Melinda gegründet hat, setzt sich die Bekämpfung von Krankheiten vor allem in der Dritten Welt zum Ziel.

56 Jahre wird Gates heute alt und in Zukunft nur noch als Wohltäter auftreten. In den nächsten 10 Jahren beabsichtigt das Ehepaar weitere 10 Milliarden für Impfstoffe gegen Malaria und Polio lockerzumachen.

Zum Leidwesen der beiden Töchter: Die sollen erstmal für sich selber sorgen und werden nach Papis Tod nur jeweils den hundertsten Teil der zu spendenden Summe erhalten. Doch sollten auch 10 Millionen Dollar ein einigermaßen sorgenfreies Leben ermöglichen. „Ich beneide die Kinder von morgen“, ließ Gates einmal verlauten. „Ich selbst war ein privilegierter Junge, ich konnte auf gute Schulen und Universitäten gehen; aber Kinder, die in 20 Jahren aufwachsen, werden weit bessere Bildungschancen haben, als ich sie je hatte.“ Für seine beiden Sprösslinge gilt das ganz bestimmt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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