Friedrich der Glückliche
Montag, 23. Januar 2012Friedrich der Große wird morgen 300 Jahre alt. Da dieses Datum schon etwas länger bekannt ist, haben sich im Vorfeld zahlreiche Historiker mit dem Thema befasst – und werden es noch ein ganzes Jahr lang tun.
Diesem Newsletter fehlt der Platz, um die Diskussion über den preußischen Herrscher angemessen zu reflektieren. Einen Aspekt möchte er sich jedoch herauspicken.
Es geht um die Frage, wie groß Friedrich II. wirklich war. Der ehrende Beiname wurde ihm bereits 1745 verliehen. Da war der noch junge Fritz gerade mal ein halbes Jahrzehnt auf dem Thron, hatte aber im Zweiten Schlesischen Krieg das favorisierte Österreich viermal hintereinander geschlagen.
Ein Staatsmann wurde damals, nicht unähnlich heutigen Fußballtrainern, rasch als Held gefeiert, um nach ersten Misserfolgen nicht selten in Schimpf und Schande, unter Aberkennung sämtlicher Titel und Ehrenbezeichnungen, vom Hof gejagt zu werden. Rühmliche Ausnahmen bildeten der antike Alexander, der Frankenherrscher Karl und die russischen Zaren Peter und Katharina.
Eine durchaus mögliche Herabstufung blieb Friedrich erspart, freilich nur um Perückenhaaresbreite. Denn es gab da noch einen Dritten Schlesischen Krieg, der volle 7 Jahre währte und in dessen Verlauf sich der Monarch so dämlich anstellte, dass er neben Österreich auch Frankreich, Russland und Schweden gegen Preußen aufbrachte.
Nach anfänglichen Erfolgen, die neben beträchtlichen Geländegewinnen auch eine nahezu groteske Überschätzung der eigenen militärischen Stärke mit sich brachten, setzte es Niederlagen gegen sämtliche Gegner. Zum Glück für Preußen konnten sich diese nicht auf ein konzertiertes Vorgehen einigen, so dass sich auf den Schlachtfeldern meist nur die Armeen zweier Mächte gegenüberstanden.
Günstig für den bedrängten Friedrich wirkte sich die Unterstützung des einzigen Verbündeten aus: Die Briten konnte zwar keine Soldaten zu Hilfe schicken, dafür sanierten sie mit einer Zahlung von 27 Millionen Talern die klamme Berliner Staatskasse. All dies hätte nichts geholfen, nachdem ein russisch-österreichisches Heer – endlich war man einmal gemeinsam vorgerückt – die Preußen bei Kunersdorf an der Oder besiegten.
1760 wurde sogar Berlin besetzt.
Und jetzt frage ich Sie, ob Sie sich auch nur einen zeitgenössischen Hauptstadtbewohner vorstellen können, der seinen Herrscher noch als ‘den Großen’ tituliert hätte? Bald jedoch zogen die Besatzer wegen Nachschubmangels wieder ab. Nach drei weiteren Jahren endete der Siebenjährige Krieg mit einem Unentschieden. Territorial blieb alles beim Alten, die Historiker nennen einen solchen Zustand status quo.
Ob Friedrich weiterhin der Große genannt werden darf, sollten sie sich überlegen. Seine Rettung verdankte Preußen weder seiner gefeierten Armee noch dem vermeintlichen Genie Friedrichs; eher dem Tod der Zarin Elisabeth 1762, der den russischen Kriegseifer erlahmen ließ, und vor allem dem Sieg des preußischen Verbündeten England über den österreichischen Verbündeten Frankreich. Der Konflikt dieser beiden Großmächte wurde in den amerikanischen Kolonien ausgetragen. Europa war, zum Glück für Preußen und Friedrich, nur Nebenkriegsschauplatz.
Autor von Small-Talk-Themen.de


