Genialer Schriftsteller, unglücklicher Mensch
Freitag, 24. Februar 2012Sicher haben Sie es schon mitbekommen: Das Jahr 2012 ist ein Karl-May-Jahr. Morgen vor 170 Jahren wurde der Schriftsteller im sächsischen Hohenstein-Ernstthal geboren, am 30. März 1912 ist er in Radebeul gestorben.
Seine Lebensgeschichte liest sich wie eine Rags to Riches-Story. Rags sind Lumpen, Riches Reichtümer, die Geschichten spielen gewöhnlich in Amerika und bedienen den Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos. Teller hätte Karl May vielleicht gerne gewaschen. Stattdessen musste er Geldbeutel und Zigarrenetuis herstellen, bevor er in die Schreibstube wechseln durfte.
3 Jahre verbrachte May mit solch niederen Tätigkeiten auf Schloss Osterstein in Zwickau. Was sich nach einer noblen Adresse anhört, war in Wirklichkeit ein düsterer Gefängnisbau. Zu der Zuchthausstrafe mit Arbeitseinsatz war May wegen mehrfachen Betrugs verurteilt worden. Eigentlich hätte sie noch ein Jahr länger dauern sollen, doch wegen guter Führung wurde der Delinquent vorzeitig entlassen.
Wieder in Freiheit, begann May nicht etwa Erfolgsromane zu schreiben. Durch einen Schicksalsschlag – den Tod der geliebten Großmutter – ließ er sich erneut aus der Bahn werfen und setzte seine kriminelle Karriere fort. Das Register seiner Straftaten wurde immer länger. Kleinere Diebstähle mochten der Not geschuldet sein.
Nicht aber seine Hochstapeleien und Amtsanmaßungen: May klebte sich einen falschen Bart an und gab sich als Polizist aus, um in Handwerksbetrieben angebliches Falschgeld zu beschlagnahmen. Am Ende landete er wieder im Knast. Diesmal musste er die vollen 4 Jahre absitzen, im Zuchthaus Waldheim, dem größten seiner Art in Sachsen.
Dort endlich machte er nach eigenen Angaben eine Läuterung durch. Tiefer konnte er ohnehin kaum sinken. Immerhin arbeitete sich Mai vom Zigarrendreher zum Gefängnisbibliothekar hoch. Schriftsteller war er immer noch nicht. Im Entlassungsjahr gelang es ihm jedoch, eine Erzählung zu veröffentlichen: Die Rose von Ernstthal hatte zumindest so viel Erfolg, dass sie den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer auf den immer noch unter Polizeibeobachtung Stehenden aufmerksam machte.
Münchmeyer brauchte einen Redakteur, May Geld. Ab 1875 entspann sich eine Zusammenarbeit, in welcher der kreative Teil des Duos immer unzufriedener wurde. May schrieb und schrieb, lieferte Geschichte um Geschichte, Roman um Roman. Münchmeyer riss alles an sich, samt Rechten, um es zu vermarkten.
Größtenteils zu des Verlegers Vorteil: Der Autor wurde nach Selbsteinschätzung mit Almosen abgespeist. 30 Jahre später servierte ein endlich reich gewordener Schriftsteller seinem ungeliebten Patron die Rechnung, allerdings nur literarisch.
Ein Schundverlag hieß die Schrift, dem später noch das Pamphlet Ein Schundverlag und seine Helfershelfer folgten. Beide wurden erst nach Mays Tod veröffentlicht.
So viel Negatives über Karl May?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und zur Antwort bekommen: Er war ein genialer Schriftsteller, aber zeitlebens ein unglücklicher Mensch. Im Karl May-Jahr werden wir ihn noch öfter würdigen, dann kommen auch seine vielen guten Seiten zum Tragen.
Autor von Small-Talk-Themen.de


