Archiv für Kategorie ‘Jahreszeit’:

Der August im Small Talk

Mittwoch, 7. August 2013

Ein sonniger Augusttag, nicht zu heiß, trocken, aber nicht schwül: Wie ließe sich dieser am besten beschreiben? Nun, vor 100 Jahren hat sich Robert Musil an die Aufgabe gemacht. Das Ergebnis ist freilich ein anderes, als Sie vielleicht erwarten. Oder Ihr Gegenüber, falls Sie aus des österreichischen Schriftstellers Jahrhundertwerk Der Mann ohne Eigenschaften im nächsten Small Talk berichten möchten.

Laut der Online-Enzyklopädie Wikipedia gilt das Hauptwerk Musils “als einer der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts”. Nun, der Einfluss reichte nicht so weit, dass der Stil heute noch eine Konversation über das Wetter prägen würde. Er hätte es auch anno 1913 nicht, was der Schriftsteller augenzwinkernd in seinem Werk vorwegnahm, indem er diesem, wie er sich ausdrückte, „eine Art Einleitung“ voranstellte. Beinahe entschuldigend, aber durchaus selbstbewusst fügte Musil bezüglich dieser Einleitung hinzu: „Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht.“

Der Einschub „bemerkenswerter Weise“ wiederum entsprach einer gewissen Koketterie des Dichters: Trotz der mit Fachausdrücken gespickten Einleitung, trotz einer durch ihre Nüchternheit geradezu provozierenden Wortwahl, trotz Verzichts auf Stimmungen wiedergebende Sprachbilder schien Musil vom Gelingen seines Romans überzeugt. Der Erfolg sollte ihm Recht geben.

Nach so vielen einführenden Worten meinerseits möchte ich mit der Einleitung zum Mann ohne Eigenschaften nicht länger hinterm Berg halten. Bitte schön:

„Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“

„Nicht das Genie ist hundert Jahre seiner Zeit voraus“, sagte der Autor einmal, „sondern der Durchschnittsmensch ist um hundert Jahre hinter ihr zurück.“ Danke für diese Einsicht, lieber Robert Musil. Im August 2013 sind wir Leser endlich in Ihrem Werk angekommen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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28 Tage

Freitag, 19. April 2013

Das Warschauer Ghetto ist nicht gerade ein Thema für den Small Talk. Andererseits sieht sich dieser Newsletter auch mit einem gewissen Bildungsauftrag ausgestattet. Dem wollen wir heute, am 70. Jahrestag des Beginns des jüdischen Aufstands, entsprechen.

Ein Jahr nach dem Einmarsch in Polen, am 2. Oktober 1940, bauten die deutschen Besatzer in Warschau eine Mauer. Sie war 3 Meter hoch, 17 Kilometer lang, mit Glasscherben und Stacheldraht überzogen. Wachtürme wurden angelegt, und die Posten gaben Acht, dass niemand zu nahe an die Absperrung heran kam.

Die Mauer trennte das ‘arische’ vom ‘jüdischen’ Warschau. Jeder, der sich ihr näherte, wurde verjagt - sofern er dies von der ‘arischen’ Seite aus tat. Wer dasselbe Delikt auf der ‘jüdischen’ Seite beging, wurde erschossen. Vom östlichen Rand der Warschauer Altstadt bis zum Jüdischen Friedhof erstreckte sich das Ghetto: 2500 Meter in der Länge, 1500 Meter in der Breite. Dazwischen lebte fast eine halbe Million Menschen, ausnahmslos Juden, die aus ganz Polen in diesen Teil der Hauptstadt deportiert wurden. Die ursprünglichen Bewohner des Viertels wurden in andere Warschauer Stadtteile umgesiedelt.

Im Durchschnitt teilten sich 13 Menschen ein Zimmer. Jeder Ghettobewohner erhielt eine monatliche Lebensmittelration von 2 Kilogramm Brot, dessen Hauptzutaten Kartoffelschalen und Sägemehl waren, und dazu ein halbes Pfund Zucker. Wem die Gnade zuteil wurde, in einer deutschen Fabrik arbeiten zu dürfen, erhielt als Tageslohn 6 Zloty für 10 Stunden Schufterei.

Ein Kilogramm Roggenbrot kostete auf dem Schwarzmarkt zwischen 8 und 12 Zloty, ein Weißbrot 18 bis 25 Zloty; für ein Kilo Schweineschmalz mussten 250 Zloty hingelegt werden. Im Herbst 1942 befahl der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Liquidierung des restlichen Ghettos. Sie begann im Morgengrauen des 19. April 1943 und sollte eigentlich nach einem Tag beendet sein - hätte die jüdischen Bewohner nicht Widerstand geleistet.

Als am 1. Mai die Gefechte immer noch andauerten, schrieb Reichspropagandaminister Joseph Goebbels mit einer Mischung aus Abscheu und Respekt in sein Tagebuch: „Bemerkenswert sind nur außerordentlich scharfe Kämpfe in Warschau zwischen unserer Polizei, zum Teil sogar unserer Wehrmacht, und den rebellierenden Juden. Die Juden haben es doch tatsächlich fertiggebracht, das Ghetto in Verteidigungszustand zu setzen.“

Der Aufstand dauerte 28 Tage. Am 16. Mai wurde das zerbombte, brennende Ghetto aufgelöst, die Synagoge gesprengt und die überlebenden Bewohner in die Vernichtungslager abgeschoben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der erste Tunnel unter einem Fluss hindurch

Montag, 25. März 2013

Eine Brücke ist die kürzeste feste Verbindung zwischen zwei Flussufern. Dachte man lange Zeit. Noch kürzer wäre es, würde man die Strecke unter dem Fluss hindurch graben. Aber war so etwas überhaupt möglich?

Einen ersten Versuch unternahm Ende des 18. Jahrhunderts Ralph Dodd. Zunächst wollte der britische Ingenieur einen Tunnel unter dem Fluss Tyne bauen, als Verbindung zwischen den Städten North Shields und South Shields unweit der nordostenglischen Metropole Newcastle.

Später verlagerte er seine Aktivitäten nach Süden und plante, die Themse zwischen Gravesend und Tilbury zu unterqueren. Beides scheiterte. An einer anderen Stelle weiter flussaufwärts versuchten sich Bergarbeiter und Ingenieure aus Cornwall ebenfalls an einem Themse-Tunnel.

Statt harter Fels wie in ihrer Heimat wartete Lehm und Sand auf sie, sehr nachgiebiges Material ohne kompaktes Fundament. Immerhin schafften sie es, 300 Meter zu graben. Dann gaben sie auf.

Im Jahr 1823 trat Marc Isambard Brunel auf den Plan. Gemeinsam mit dem britischen Kapitän Thomas Cochrane - als Befehlshaber zur See hatte der unerschrockene Abenteurer kurz zuvor den Befreiungskampf der Chilenen gegen die spanische Kolonialmacht zu einem erfolgreichen Ende geführt - entwickelt der französische Ingenieur ein Konstruktionsverfahren, das den Tunnelbauern größtmögliche Sicherheit gewährte.

Vor allem verhinderte die behutsame Vorgehensweise, dass frisch aufgeworfene Löcher in der lockeren Erde sofort wieder zugeschüttet wurden. Die Technik schauten sich die Tunnelbauer von einem Meeresbewohner ab, der dem Seebären Cochrane bei seinen unzähligen Fahrten immer wieder Verdruss bereitet hatte: Der Schiffsbohrwurm, gesichert durch eine kalkhaltige Behausung aus körpereigenen Sekreten, bohrt sich als Salzwasserbewohner zuverlässig selbst durch die bestens abgedichteten Rümpfe dickwandiger Drei- und Viermaster.

Brunels Team arbeitete sich sozusagen in einer Röhre durch die Röhre. Das Einlegen mehrerer Böden sorgte dafür, dass zahlreiche Arbeiter gleichzeitig ihre Tätigkeit verrichten konnten. Die Fräsvorrichtung war vorn durch ein Schild, die Arbeiter von oben durch ein Dach geschützt. So waren Mensch und Material vor brüchigem Lehm und nachgebendem Sand einigermaßen sicher.

Die Seiten der Bohrmaschine blieben offen, damit noch während des Bohrvorgangs die Tunnelwände zur Absicherung sofort zugemauert und verputzt werden konnten. Unfälle blieben dennoch nicht aus. Immer wieder kam es zu Wassereinbrüchen, bei denen Arbeiter ertranken. Bis zum November 1841 sollte es dauern, ehe die Bauarbeiten abgeschlossen waren. Weitere anderthalb Jahre später, am 25. März 1843, wurde der Tunnel eröffnet.

Zunächst konnten ihn nur Fußgänger nutzen, nach einer Erweiterung dann auch die britische Eisen- und die Londoner Untergrundbahn. Der Thames Tunnel ist bis heute in Betrieb. Mittlerweile hat er Gesellschaft von 21 weiteren Themse-Unterquerungen bekommen. Die jüngste wurde 2007 fertiggestellt, als Endstück der Hochgeschwindigkeitsstrecke, die Britanniens Hauptstadtbahnhof St. Pancras an den Kanaltunnel andockt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Amsel, Drossel, Fink und Star? Small Talk über Frühlingsboten

Mittwoch, 20. März 2013

Amsel, Drossel, Fink und Star: Sind das noch unsere Frühlingsboten? Ein Kinderlied will uns dies weismachen. Doch zumindest bei den beiden erstgenannten Vogelarten bestehen ernste Zweifel. Jedenfalls gibt es verlässlichere Frühlingsboten, auch unter den Tieren.

Räumen Sie im Small Talk daher mit einem Vorurteil auf. Amsel, Drossel, Fink und Star zählen zwar allesamt zu den Singvögeln. Zugvögel sind freilich nur Finke und Stare. Amseln und Drosseln überwintern schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Ihnen ist es in Mitteleuropa warm genug. Sie müssen, dem Klimawandel sei Dank, nicht in südliche Gefilde fliegen, um im Frühling zurückzukehren.

Sicherere Frühlingsboten als Zugvögel sind manche Amphibien. Leider singen sie nicht. Sie quaken. „An Jertrudendaach“, heißt es im Westen unserer Republik, „jonn de Höppelen en de Baach.“ Vom Land ins Wasser und später wieder an Land: Auch ein nicht aus der Eifel stammender Small Talk-Teilnehmer weiß bestimmt, um wen es sich handelt. Auch wenn er das Wort ‘Höppelen’ noch nie gehört hat.

So schön bewegungsmalerisch werden die haarlosen Hüpftalente nur im äußersten Westen der Bindestrich-Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beschriebenen. Ihre von lautem Quaken begleitete Laichprozession läutet den Frühling ein. Übrigens haben die Frösche in der Eifel och einen zweiten Spitznamen: Quackese.

Setzen Sie den Frühlings-Small Talk mit dem Feind der Frösche fort. Zwar sind Störche aus Amphibiensicht nicht besonders beliebt. Doch wird die Ankunft der stilvollen Segler auf dem Dach eines Dorfbauernhofs zumindest von den Menschen freudig registriert. Fragen Sie Ihren Small Talk-Gesprächspartner, mit welchen Zweibeinern er sympathisiert.Mit den quakenden oder den klappernden?

Um einen weiteren Frühlingsboten zu Gesicht zu bekommen, müssen Sie Deutschland verlassen. Es ist einer, dem man nach dessen Aufwachen nicht so gern begegnen möchte. Er hat nämlich nach langem Winterschlaf furchtbaren Hunger. Gottseidank kommt er nur in entlegenen Bergregionen vor. Slowenien ist das für Ihren süddeutschen Small Talk-Gegenüber am wenigsten entfernte Domizil des Braunbären. Kommt er aus dem Osten der Bundesrepublik, ist die Niedere Tatra das nächstgelegene Bärenrevier.

Beschließen Sie Ihren Frühlingsboten-Small Talk mit einem weiteren braunen Gesellen, der dieser Tage aus dem Winterschlaf erwacht. Die Begegnung mit ihm ist wesentlich harmloser als mit Meister Petz, kann aber dennoch schmerzhaft sein. Nicht von ungefähr verpasste der US-Schriftsteller Ambrose Bierce dem Igel einen wenig schmeichelhaften Beinamen: Kaktus des Tierreichs.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum wir immer wieder gute Vorsätze fassen

Mittwoch, 2. Januar 2013

Vorsätze sind wie Aale: leicht zu fassen, aber schwer zu halten. Laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Allensbach wird nur jeder dritte gefasste Vorsatz in die Tat umgesetzt.

Apropos Aale.Die biegsamen Tiere schaffen es, sich unter jedem Hindernis hin durchzuschlängeln - eine Eigenschaft, die uns Menschen beim Vorsätze-Limbo gute Dienst leisten würde. „Limbo? Ist das nicht ein Tanz?“, wird Ihr Smalltalk-Gegenüber an dieser Stelle einwenden. Recht hat er! Beim karibischen Limbo müssen sich die Teilnehmer unter einer Messlatte durchwinden. Je niedriger die Latte liegt, desto schwieriger wird es. Um die an Neujahr gefassten Vorsätze zu erfüllen, wäre auch manche Verrenkung notwendig. Doch häufig ist uns dies zu mühselig, weshalb wir die Latte gerne niedrig legen.

Doch warum nehmen wir uns - trotz der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit - an jedem Silvester immer wieder etwas Neues vor? Dieser Frage gingen der Wirtschaftswissenschaftler Aloys Prinz, Professor in Münster, und sein Assistent Björn Bünger nach.

Die Beiden kamen zum Schluss, dass gerade an einer Zäsur zwischen 2 Zeitabschnitten Bilanz gezogen und ein Plan für die kommenden Monate gemacht wird. Dies sei auch sinnvoll: Vorsätze ermöglichen uns eine bessere Kontrolle über eine generell als unsicher empfundene Zukunft.

Daher werden Vorsätze in unserem Gehirn dankbar registriert. Und belohnt: In unserem Bewusstsein zählt bereits die gute Absicht, etwas an unserem Verhalten zu ändern. Ziele zu setzen ist an sich schon etwas Positives. Hinzu kommt, dass Vorsätze einen großzügig gesteckten Zeitrahmen haben: „Für das nächste Jahr nehme ich mir vor, …“. Je weiter die Ziele in der Zukunft liegen, desto leichter scheinen sie erreichbar.

Fragen Sie im Small Tal Ihr Gegenüber, was er sich für dieses Jahr vorgenommen hat. Und fragen Sie ihn auch, ob er beim Vorsätze-Limbo bereits gerissen hat. Nächste Woche stellen wir Ihnen ein Rezept vor, welches das Halten der Vorsätze erleichtert.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Die Göttinger Sieben

Freitag, 14. Dezember 2012

Den ersten Fehler beging August von Kotzebue mit der Veröffentlichung einer studentenfeindlichen Schmähschrift. In seinem Literarischen Wochenblatt verhöhnte der erzkonservative Preußen- und Russenfreund die damals noch liberale Deutsche Burschenschaft.

Das nahm ihm eines ihrer Mitglieder krumm. Carl Ludwig Sand meldete sich in Kotzebues Mannheimer Wohnung an, um dem Reaktionär ordentlich die Meinung zu geigen. Weiter ging der Argwohn des Gastgebers nicht, und das war der nächste Fehler.

Tatsächlich hatte Sand, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, den Mord am verhassten Widersacher bereits ins Detail geplant. Kaum hatte Kotzebue dem Gast geöffnet und ihn hereingebeten, zückte Sand einen Dolch und stach mehrmals zu. Das Opfer war sofort tot, der Delinquent 2 Monate später: Am 20. Mai wurde Sand in Mannheim unter großer öffentlicher Anteilnahme hingerichtet.

Nicht nur Schaulustige, auch zahlreiche Liberale waren in die kurpfälzische Metropole gepilgert. Sie scharten sich, nach der Enthauptung um das abgetrennte obere Körperteil, schnitten Locken aus Sands Haarpracht und tauchten sie in das frische Blut.

Ganz anders reagierte die Obrigkeit: Auf den Karlsbader Konferenzen wurde die Zensur verschärft, eine Überwachung der Universitäten beschlossen und das Versammlungsrecht rigoros eingeschränkt. Die Beschlüsse blieben bis 1848 in Kraft und trugen zur Verschlechterung des politischen Klimas in Deutschland bei.

Heinrich Heine karikiert sie in seinem Gedicht Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen: „Vertrauet Eurem Magistrat,/Der fromm und liebend schützt den Staat/Durch huldreich hochwohlweises Walten;/Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“

Protest regte sich nicht nur aus Frankreich, wohin Heine sich ins Exil geflüchtet hatte. Das Hambacher Fest (siehe unseren Newsletter vom 30. Mai 2007:Die Wiege der deutschen Demokratie) setzte 1832 ein erstes Signal gegen die politische Unterdrückung.

Ein weiteres folgte 5 Jahre später: 7 Göttinger Professoren protestierten gegen die Aufhebung der Verfassung des Königreichs Hannover durch Ernst August II. Sie beriefen sich auf den Eid, den sie bei ihrem Amtsantritt schwören mussten. Der schrieb ihnen vor, jederzeit und gegen jeden für die Verteidigung der Verfassung einzutreten - auch gegen das Staatsoberhaupt. Die der Zensur längst überdrüssige Presse verbreitete die Beschwerdeschrift rasch in ganz Deutschland.

Für noch mehr Aufsehen sorgte die Reaktion des Monarchen: Heute vor 175 Jahren entließ Ernst August sämtliche Unterzeichner der Note aus ihren Ämtern. Bald kannte man sie als Göttinger Sieben überall in Europa. Es waren der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, der Rechtshistoriker Wilhelm Eduard Albrecht, der Theologe und Orientalist Heinrich von Ewald, der Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus, der Physiker Wilhelm Weber und die Germanisten, Volkskundler sowie Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm. Ihr gemeinsamer Protest, wohlwollend aufgenommen von einer nach Reformen dürstenden Öffentlichkeit, gab der liberalen Bewegung Auftrieb, die in die bürgerliche Revolution von 1848 mündete.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Trotzen Sie dem Novembertrübsal!

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Nebelung hieß der November bei den Germanen. Der Monat ist so trüb, dass Friedrich Nietzsche in seinem Gedicht Der deutsche November empfahl: „Fliege fort! Fliege fort!“ Denn: „Dies ist der Herbst: Der bricht dir noch das Herz!“ Doch muss es in Ihrem Small Talk weder eskapistisch noch trübselig zugehen.

Zugegeben: Der November ist der Monat mit den meisten Sterbefällen. Dies hat das Statistische Bundesamt einmal errechnet. Doch ist der Tod kein Thema für die lockere Unterhaltung. Der November schon: Reden Sie also über diesen Monat, über seine unangenehmen, aber auch über seine schönen Seiten im nächsten Small Talk.

„Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, da reist’ ich nach Deutschland hinüber.“ So beginnt Heinrich Heines Gedicht Deutschland, ein Wintermärchen. Auch wenn man nicht wie Heine aus Frankreich, das sich damals wie heute in politischer Aufbruchstimmung befand, in ein konservatives Deutschland zurückkehrt, kann einem der November schon mal die Laune vermiesen. Fragen Sie Ihr Gegenüber - ganz unpolitisch - ob es sich bei ihm, was die Stimmung betrifft, ähnlich verhält. Oder kann er dem November auch positive Seiten abgewinnen?

Sollte sich im Gesprächsverlauf die Suche nach den angenehmen Begleiterscheinungen des Novembers rasch erschöpfen, bietet sich für den Small Talk doch noch ein positives Thema an: Im November fällt an den meisten Orten in Deutschland der erste Schnee. An solchen Tagen zeigt sich - abgesehen vom Verkehrschaos - der nahende Winter in einem makellosen Gewand. Die Kinder freut es, und die Vorfreude auf die weiße Jahreszeit kann auch Ihren Small Talk bereichern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein König, der besser Kain geheißen hätte

Freitag, 10. August 2012

Wie wird man König? In Tschechien wurde anno 935 die Tradition des royalen Brudermords begründet (siehe unseren Newsletter vom 28. September 2009: Mord schafft Tradition), die sich 3 Jahrhunderte später in Dänemark fortsetzte.

Im Hohen Norden hatte Waldemar II. bei seinem Tod ein mächtiges Reich hinterlassen, das qua Erstgeburtsrecht seinem Filius Erik zufiel. Nicht ganz einverstanden damit war ein jüngerer Nachkomme. Mit dem schnöden Herzogstitel von Schleswig wollte Abel sich nicht abfinden und erklärte dem großen Bruder den Krieg.

Der Schuss ging nach hinten los und eine schleswigsche Stadt nach der anderen verlustig. Abel zog die Notbremse, schlug öffentlich die Kapitulation in Erwähnung und einen baldigen Versöhnungstermin mit Erik vor. Nichts ahnend willigte der König ein und reiste am 10. August 1250 nach Schloss Gottorf in Schleswigs gleichnamige Hauptstadt, wo Abel residierte.

Nach dem ersten Sondierungsgespräch unternahm Erik eine kleine Bootsfahrt auf der Schlei. Dies geschah reichlich kopflos, denn auf dem Weg dorthin war der König von gedungenen Meuchlern hinterrücks überfallen und anschließend enthauptet worden.

Der Leichnam wurde in einen Sack gestopft, mit Steinen beschwert und zur weiteren Bestimmung den Fischen übergeben. Die konnten mit der königlichen Beute nichts anfangen und überließen sie den Anglern. Am nächsten Tag wurde der tote Erik aus der Schlei herausgefischt und in der Schleswiger Dominikanerabtei beigesetzt.

Später fand Erik IV. von Dänemark in der Sankt Bendts Kirke zu Ringsted auf der Insel Seeland seine letzte Ruhestätte. Dem Brudermörder, der besser Kain geheißen hätte, erging es nur wenig besser - obwohl er zur Sicherheit seine angebliche Unschuld am Tod Eriks durch 2 Dutzend Ritter bezeugen ließ. Seines Königtums durfte sich der neue Throninhaber nur 2 Jahre lang erfreuen. Am 29. Juni 1252 starb Abel bei einem Feldzug gegen die Friesen auf der Halbinsel Eiderstedt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum der Frühling bereits morgen beginnt

Montag, 19. März 2012

Der Frühling ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher begann er zuverlässig am 21. März. Dieses Jahr ist es bereits einen Tag früher so weit. Schuld daran ist der Gregorianische Kalender.

Der existiert zwar erst seit 1582 (siehe unseren Newsletter vom 29 Februar 2008: Ein Datum, das es nicht einmal alle vier Jahre gibt), sorgt aber immer wieder für unangenehme Überraschungen. Warum er das auch und gerade in puncto Frühlingsbeginn tut, erklärt die Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie. Das Frühlingsäquinoktium, wie es der Wiener Wissenschaftler ausdrückt (weilt er daheim bei seinen Lieben in Meidling oder Favoriten weilt, spricht er, damit die ihn auch verstehen, von Tag-und-Nacht-Gleichheit) tritt im Lauf der Jahre immer schneller ein.

Laut Kalender müsste es alle 365 Tage, 5 Stunden, 49 Minuten und 12 Sekunden dafür brauchen. Tatsächlich geht alles bereits in 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden über die Bühne. Das haben die Erfinder des Gregorianischen Kalenders auch schon gewusst – und deshalb alle vierhundert Jahre ein Extra-Schaltjahr eingeschoben.

Treue Leser unseres Newsletters erinnern sich: Die glatten Jahre mit 2 Nullen, also 1700, 1800 und 1900, fielen als Schaltjahr aus; das Jahr 2000 nicht. Deshalb, und jetzt drückt sich unser Wiener Astronom wieder volkstümlich aus, „geht unser Kalenderjahr im 21. Jahrhundert etwas vor.“

Konkret: Der Frühlingsbeginn wird sich in den nächsten Jahren weiter nach vorn verschieben. Zunächst bleibt es beim 20. März. Doch bereits im Jahr 2048 fängt das Frühjahr am 19. März an. Streichen Sie sich das Datum schon mal im Kalender an. Es sei denn, man schiebt uns bis dahin noch einen 30. Februar (siehe unsere Ausgabe vom 28. Februar 2012: Der 30. Februar) hinein.

Zum Schluss aber noch ein Satz zur Ehrenrettung der romantischsten aller Jahreszeiten: Wie sollen Strom und Bäche vom Eise oder wenigstens Wege und Wiesen vom Schneematsch befreit sein, wenn der scheidende Winter im dafür vorgesehenen Monat, dem März, immer weniger Zeit zum Schmelzen hat?

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Genialer Schriftsteller, unglücklicher Mensch

Freitag, 24. Februar 2012

Sicher haben Sie es schon mitbekommen: Das Jahr 2012 ist ein Karl-May-Jahr. Morgen vor 170 Jahren wurde der Schriftsteller im sächsischen Hohenstein-Ernstthal geboren, am 30. März 1912 ist er in Radebeul gestorben.

Seine Lebensgeschichte liest sich wie eine Rags to Riches-Story. Rags sind Lumpen, Riches Reichtümer, die Geschichten spielen gewöhnlich in Amerika und bedienen den Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos. Teller hätte Karl May vielleicht gerne gewaschen. Stattdessen musste er Geldbeutel und Zigarrenetuis herstellen, bevor er in die Schreibstube wechseln durfte.

3 Jahre verbrachte May mit solch niederen Tätigkeiten auf Schloss Osterstein in Zwickau. Was sich nach einer noblen Adresse anhört, war in Wirklichkeit ein düsterer Gefängnisbau. Zu der Zuchthausstrafe mit Arbeitseinsatz war May wegen mehrfachen Betrugs verurteilt worden. Eigentlich hätte sie noch ein Jahr länger dauern sollen, doch wegen guter Führung wurde der Delinquent vorzeitig entlassen.

Wieder in Freiheit, begann May nicht etwa Erfolgsromane zu schreiben. Durch einen Schicksalsschlag – den Tod der geliebten Großmutter – ließ er sich erneut aus der Bahn werfen und setzte seine kriminelle Karriere fort. Das Register seiner Straftaten wurde immer länger. Kleinere Diebstähle mochten der Not geschuldet sein.

Nicht aber seine Hochstapeleien und Amtsanmaßungen: May klebte sich einen falschen Bart an und gab sich als Polizist aus, um in Handwerksbetrieben angebliches Falschgeld zu beschlagnahmen. Am Ende landete er wieder im Knast. Diesmal musste er die vollen 4 Jahre absitzen, im Zuchthaus Waldheim, dem größten seiner Art in Sachsen.

Dort endlich machte er nach eigenen Angaben eine Läuterung durch. Tiefer konnte er ohnehin kaum sinken. Immerhin arbeitete sich Mai vom Zigarrendreher zum Gefängnisbibliothekar hoch. Schriftsteller war er immer noch nicht. Im Entlassungsjahr gelang es ihm jedoch, eine Erzählung zu veröffentlichen: Die Rose von Ernstthal hatte zumindest so viel Erfolg, dass sie den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer auf den immer noch unter Polizeibeobachtung Stehenden aufmerksam machte.

Münchmeyer brauchte einen Redakteur, May Geld. Ab 1875 entspann sich eine Zusammenarbeit, in welcher der kreative Teil des Duos immer unzufriedener wurde. May schrieb und schrieb, lieferte Geschichte um Geschichte, Roman um Roman. Münchmeyer riss alles an sich, samt Rechten, um es zu vermarkten.

Größtenteils zu des Verlegers Vorteil: Der Autor wurde nach Selbsteinschätzung mit Almosen abgespeist. 30 Jahre später servierte ein endlich reich gewordener Schriftsteller seinem ungeliebten Patron die Rechnung, allerdings nur literarisch.

Ein Schundverlag hieß die Schrift, dem später noch das Pamphlet Ein Schundverlag und seine Helfershelfer folgten. Beide wurden erst nach Mays Tod veröffentlicht.

So viel Negatives über Karl May?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und zur Antwort bekommen: Er war ein genialer Schriftsteller, aber zeitlebens ein unglücklicher Mensch. Im Karl May-Jahr werden wir ihn noch öfter würdigen, dann kommen auch seine vielen guten Seiten zum Tragen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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