Ein Prototyp des verkannten Genies
Dienstag, 31. Januar 2012Über den jungen Mann hieß es in der Presse, er „sorgt unablässig für die Befestigung seines Rufes als Liederkomponist. Er verdient ihn auch in vollstem Maße. Seine Kompositionen besitzen Originalität, Charakter, Wahrheit und Gefühl. Da ist keine Note unnütz und die unbemerkbarste Veränderung im Akkord oder in der Begleitung bewirkt oft den herrlichsten Effekt.“
Wer so gelobt wird, läuft Gefahr, am Ende seiner Laufbahn mit dem Prädikat „Verkanntes Genie“ abzutreten. Bei dem Komponisten, der heute vor 215 Jahren in Wien geboren wurde, war dies tatsächlich der Fall. Laut Selbsteinschätzung lag dies an der großen Konkurrenz in seiner Heimatstadt: „Zuweilen glaube ich wohl selbst im Stillen, es könne etwas aus mir werden, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“
Der andere Grund war die Unfähigkeit, sich selbst zu vermarkten. Nicht nur, dass derjenige, an dem offenbar niemand vorbeikam, dem Verzagten öffentlich bescheinigte, ihm wohne „ein göttlicher Funke“ inne. Der Meister tat ihm zusätzlich den Gefallen, vorzeitig von der Bühne dieses Lebens abzutreten.
Zudem fand sich der immer noch hoffnungsvoller Musiker Ende März 1827 in der Schar der 36 Fackelträger wieder, die Beethoven die letzte Ehre erweisen durften. Zuvor hatte die Stadt Wien ihm allerdings die frei gewordene Stelle des Wiener Vize-Hofkapellmeisters verwehrt. Sein größter künstlerischer und kommerzieller Erfolg in der österreichischen Metropole war ein Privatkonzert, das er exakt ein Jahr nach Beethovens Tod gab.
Leider wurde es von dem gleichzeitigen Gastspiel des italienischen Geigengenies Niccolò Paganini überschattet. Den Auftritt des Lokalmatadors dagegen hatte keine einzige Zeitung erwähnt. Ein halbes Jahr später war der Künstler tot.
Ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof – den legte man erst 1874 in der Hautstadt an – wurde ihm später dennoch zuteil.
„Die Nachwelt”, heißt es auf einer Webseite zu Ehren des Komponisten von mehr als 600 Liedern – „wollte sich jedoch nicht mit der unspektakulären Biographie des Schöpfers solch herrlicher Musik abfinden, und so wurde der Komponist einige Jahrzehnte nach seinem Tod zum verkannten romantischen Genie mit besonders ’sanften’ Charakterzügen hochstilisiert.“
Wie Franz Schuberts Leben wirklich verlief, ist unter schubertbund-siegburg.de nachzulesen.
Autor von Small-Talk-Themen.de


