Archiv für Kategorie ‘Kunst & Kultur’:

Trainingslager für Small Talk-Profis

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Halten Sie sich für einen Small Talk-Profi? Dann fahren Sie doch mal nach Finnland! Nicht, dass Sie hier ideale Voraussetzungen und jede Menge Gesprächspartner für die leichte Konversation fänden! Im Gegenteil: Das Reiseziel bietet sich für einen Liebhaber des Small Talks nur dann an, wenn er eine Herausforderung sucht. In Finnland eine lockere Unterhaltung anzuknüpfen scheint nicht so einfach.

„Small Talk ist absolut unfinnisch“, schreibt der Experte Rasso Knoller in seinem Länderporträt über das schweigsame Volk im Norden. Eine Erklärung bietet er ebenfalls an – leider nur aus Sicht der Einheimischen: „Wenn man schon nur wenige Worte benutzt, dann sollen die auch sinnvoll sein. Warum extra erwähnen, dass die Sonne scheint, wenn es doch sowieso jeder sieht? Auch ein Kompliment, das neue Kleid stehe der Trägerin besonders gut, ergibt aus finnischer Sicht wenig Sinn: Wenn das Textil gut kleidet, bekommt dass ja jeder mit. Steht es ihr nicht ist es ohnehin besser zu schweigen.“

Ein Mitteleuropäer würde hier schon den einen oder anderen Ansatzpunkt für den Small Talk-Einstieg sehen. Einen nicht gerade von der Sonne verwöhnten Finnen auf den seltenen Umstand hinzuweisen, dass sich der ersehnte Himmelskörper endlich mal wieder zeigt, würde bestimmt eine Reaktion hervorrufen. Falls nicht, könnten Sie das Gespräch aufs Klima lenken. Das bereitet allen Finnen Sorgen: Der für den Norden Skandinaviens prognostizierte Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur um 2 bis 4(!) Grad im in den kommenden Jahrzehnten wird eine massive Veränderung des Ökosystems zur Folge haben. Das mag selbst der wortkärgste Finne nicht mit einem Schulterzucken abtun.

Es sei denn, er heißt Aki Kaurismäki. Der bekannteste finnische Filmregisseur sagte in einem Interview der Schweizer Weltwoche: „Lassen Sie es mich linguistisch erklären: Auf Finnisch heißt Sprache puhe. Das leitet sich von puhaltaa ab dem Wort für ‘blasen’. Für die Finnen ist das Sprechen nichts anderes, als mit jedem Wort weitere Luft in die Atmosphäre zu blasen. Eine ziemlich unnütze Tätigkeit. Mit Small Talk, so wie wir ihn hier gerade betreiben, können Finnen wenig anfangen. Wir kennen uns nicht. Was also haben wir uns zu sagen?“

Zitieren Sie im Small Talk Kaurismäki und fragen Ihr finnisches Gegenüber, ob das mit dem Wörter-in-die-Luft-Blasen stimmt. Ihr Gesprächspartner wird erstaunt und froh sein, dass Sie 2 Wörter der europäischen Außenseitersprache kennen. So haben Sie schon mal eine positive Atmosphäre geschaffen. Im übrigen sind die Finnen nicht immer so wortkarg, wie es den Anschein hat. An einem Ort, wo in Deutschland oft betretenes Schweigen herrscht, kommen in Finnland viele Gespräche ins Rollen: In der Sauna taut der Finne auf.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Montag, 8. Dezember 2014

Bildhafte Vergleiche zeitigen eine größere Wirkung als ellenlange Reden. Von allen Sinnesorganen nehmen unsere Augen mit Abstand die meisten Eindrücke auf: 75 %! Zum Vergleich: Das Gehör schlägt mit 11 % zu Buche, der Tastsinn mit 7 %, beim Geschmackssinn sind es noch 4 % und beim Geruchssinn lediglich 3 %.

Behauptet jedenfalls der australische Kommunikationsexperte Doug Malouf. Etwas scheint dran zu sein an dieser These. Sie stimmt überein mit einer Aussage, die im anglophonen Sprachbereich gerne bemüht wird: A picture is worth a thousand words. Der Satz stammt vom US-Werbefachmann Fred R. Barnard und erschien erstmals als Reklameschlagzeile am 8. Dezember 1921 in der Zeitschrift Printers’ Ink.

Bei uns hat sich das geflügelte Wort seit Mitte der 1970er Jahre in leicht abgewandelter Form durchgesetzt. Mit der Schlagzeile „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ warb der Automobilhersteller Peugeot in Deutschland für sein neues Modell – ohne viele erklärende zusätzliche Begriffe nötig zu haben.

Einen abstrakten Begriff durch ein Bild darstellen, um ihn zu vereinfachen: Diesen Kniff kennt nicht nur die Werbeindustrie. In der Kunst etwa wird die Technik schon seit Jahrhunderten angewandt. Albrecht Dürer, der als Maler um die Wirkung von Bildern wissen musste, stellte einst die Plagen Pest, Hungersnot, Krieg und Tod als Die Apokalyptischen Reiter dar – in Menschenform. Der Tod beispielsweise ist in seinem allegorischen Holzschnitt als Skelett mit einer Sense in der Hand unterwegs.

Solche Szenen im Hinterkopf, sind beim Adressaten häufig nicht einmal Bilder nötig. Eine bildreiche Sprache, die auf veranschaulichende Wörter setzt, hinterlässt einen ähnlich nachhaltigen Eindruck. Um bei Dürers Vorlage zu bleiben: Es dürfte kaum jemand geben, der oder die mit der Metapher vom Sensenmann nichts anfangen kann.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Über Dialekte sprechen im Small Talk

Mittwoch, 26. November 2014

Dialekt reden ist die eine Sache (siehe unseren Newsletter vom 19. November 2014: Dialekt sprechen im Small Talk?). Doch lässt sich im Small Talk auch über Dialekt reden; beispielsweise über die Akzeptanz der Mundart in Deutschland. Dazu wurden tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen angestellt!

So ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach, dass 73 % der Deutschen die Mundart ihrer Wohnregion sprechen, davon jeder zweite „gut“ und jeder vierte zumindest „ein wenig“. Das bedeutet freilich nicht, dass Dialekte überall gleich beliebt sind. Hier gilt es zu differenzieren.

Lassen Sie zunächst Ihr Gegenüber im Small Talk raten, welcher deutsche Dialekt bundesweit auf die meiste Gegenliebe stößt. Die Auflösung: Von allen Mundarten, die hierzulande gesprochen werden, ist Bayerisch am beliebtesten. 35 % aller Deutschen hören diese Mundart besonders gerne. Dahinter rangieren das norddeutsche Platt (29 %) und das Berlinerische (22 %).

Wie viele Dinge hat auch der Dialekt seine dunkle Seite. Auf die Frage, welche Mundart sie überhaupt nicht mögen, gaben 54 % der Deutschen das Sächsische an. Mit großem Abstand auf Platz 2 in dieser Wertung folgte Bayerisch mit 22 %. Ihr Gegenüber im Small Talk mag darin zu Recht ein Indiz sehen, dass mancher Dialekt die Meinungen spaltet. Fragen Sie ihn, welche Mundart er spricht.

Nicht jeder Sprecher ist von seinem Dialekt überzeugt. Das beste Verhältnis zum eigenen Idiom haben die Bayern: 77 % sagen, dass sie Bayerisch besonders mögen. 2 von 3 Norddeutschen lieben ihr Platt. Unsere Hauptstädter dagegen scheinen weniger lokalpatriotisch zu sein: Berlinerisch wird nur von 46 % seiner Sprecher geschätzt. Da ist das Dialektselbstverständnis der Sachsen wiederum besser: Nur 12 % von ihnen mögen die eigene Mundart nicht.

Jetzt ist Ihr Small Talk-Gesprächspartner wieder gefragt: Findet er denn seine eigene Mundart gut? Welche fremden Dialekte gefallen ihm? Und welche nicht? Wer weiß, vielleicht kann er Ihnen ja die eine oder andere Kostprobe darbieten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ein Kritiker verbrennt – sich nicht nur die Zunge

Dienstag, 4. November 2014

Morgen jährt sich zum 600. Mal der Beginn des Konzils zu Konstanz. 4 Jahre dauerte die richtungweisende klerikale Versammlung. Als positives Ergebnis stand am Ende die Aufhebung der Kirchenspaltung mit je einem Papst im südfranzösischen Avignon und in Rom. Fortan gab es nur noch einen einzigen Heiligen Vater, der in Italien seine geographische und im römischen Vatikanstaat seine politische Heimat gefunden hatte.

Auch einer anderen unliebsamen Konkurrenz entledigte sich die Kirche im Lauf der Konstanzer Mammutveranstaltung. Allerdings stellt der Umgang mit einem aus katholischer Sicht Ketzer, in protestantischer Auslegung Reformator alles andere als ein Ruhmesblatt dar. Unter Zusagung freien Geleits war der böhmische Kirchenkritiker Jan Hus ans westliche Ende des Bodensees zitiert worden.

Hus hatte einen Verfall der sittlichen Werte und des christlichen Glaubens diagnostiziert. Dessen Ursache sah er in der Anhäufung weltlichen Besitzes seitens der katholischen Kirche. Tatsächlich hatte der Klerus nirgends sonst in Europa so viele Liegenschaften an sich gerafft wie in Böhmen. Die Armut Jesu Christi, so Hus, stünde in krassem Gegensatz zu den luxuriösen Klöstern und den prunkvollen, mit opulenten Goldintarsien und reichem Wand- und Deckenschmuck ausgestatteten Gotteshäusern.

Auch der Lebenswandel vieler geistlicher, die sich Geliebte hielten und rauschende Feste inszenierten, widerspräche der Heiligen Schrift. Dass diese während der Messen in lateinischer Sprache zitiert wurde, brachte abtrünnig zu werden drohende Schäfchen der Kirche nicht gerade wieder näher. Hus verlas seine Botschaften in Tschechisch und stieß damit beim einfachen Volk auf großen Anklang.

Hus’ Berufung zum Kanzler der deutschen Universität zu Prag ließ seine Gegnerschaft noch gefährlicher erscheinen. Selbst die Exkommunikation, die Papst Benedikt XIII. gegen den Reformator verhängte, tat dessen Popularität in den böhmischen Ländern keinerlei Abbruch. Entsprechend selbstbewusst trat Hus in Konstanz auf. Doch wurde er auf der Versammlung nicht einmal angehört. Am Morgen des 6. Juli wurde er zum Tod durch das so genannte reinigende Feuer verurteilt und nachmittags auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Was ist komplizierter: die Kritische Theorie oder das Leben?

Donnerstag, 11. September 2014

Das Publikum hat ein Recht darauf, nicht angeschmiert zu werden, auch wenn es darauf besteht, angeschmiert zu werden: Nach diesem Grundsatz ist der Newsletter, den Sie gerade lesen, immer verfahren. Das soll sich auch in Zukunft nicht ändern.

Die Maxime stammt übrigens von Theodor W. Adorno. Der Philosoph und Soziologe war einer der Begründer der auch Frankfurter Schule genannten Kritischen Theorie. Adorno geht davon aus, dass der Mensch die Welt, in der er lebt, nicht mehr versteht.

Wie sollte ihm dies auch gelingen, wo sämtliche Prozesse, Beziehungen und Entwicklungen immer komplizierter werden? Wir halten uns an einigen Dingen fest, von denen wir glauben, dass sie uns Orientierung geben können. Ein Beispiel: Über Jahrzehnte gingen die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik davon aus, dass Atomkraft eine sichere, saubere und durch ihre Reproduzierbarkeit in Wiederaufarbeitungsanlagen unerschöpfliche Energiequelle sei – bis es zur Havarie von Fukushima kam.

Es spricht für die zur Zeit an der Macht befindlichen Politiker, dass rechtzeitig eine Ausstiegsmöglichkeit gefunden und nicht, wie etwa von der Betreiberseite, mit imaginären Sachzwängen argumentiert wurde, die ein Festhalten an der Kernkraft angeblich zwingend notwendig machten.

Noch ein Beispiel gefällig? Eine andere große Lobby behauptet, Freiheit würde unter anderem darin bestehen, auf bundesdeutschen Autobahnen so schnell wie möglich fahren zu dürfen. Theoretisch ist das machbar. Tatsächlich besteht auf mehr als der Hälfte aller Autobahnstrecken ein Tempolimit, meist von 100 Stundenkilometern. Hinzu kommt, dass so viele Autofahrer das Angebot annehmen, mit möglichst hoher Geschwindigkeit über die Schnellstraßen zu brettern, dass diese bald verstopft sind und der Traum von der freien Fahrt für den freien Bürger rasch wieder zur Makulatur wird.

Weitere Konzepte, die heute nicht mehr oder ganz anders funktionieren als noch zur Zeit unserer Eltern oder Großeltern sind die der Sicherheit (die durch Armee oder Polizei kaum noch garantiert werden kann), der Gesundheit (wir werden immer älter und daher anfälliger für Krankheiten, von denen die vorherige Generation gar nicht gewusst hat, dass es sie überhaupt gibt) oder der Ernährung (statt sich lebensnotwendige Kalorien anzufuttern, wird versucht, das durch reichhaltiger gewordene Mahlzeiten aufgenommene Zuviel umgehend wieder loszuwerden).

Nicht nur das Leben, auch die Kritische Theorie ist kompliziert. Bleibt zu hoffen, dass Adorno, der heute seinen 111. Geburtstag feiern würde, die Simplizität dieser Erklärungen akzeptiert hätte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Die Kunst ist schwer

Freitag, 5. September 2014

Im Jahr 1805 findet in Weimar die siebte Kunstausstellung statt. Es ist das Todesjahr Friedrich Schillers, und auch Johann Wolfgang Goethe geht es gesundheitlich nicht gut: seelisch, weil er den Tod des Freundes und Kollegen verarbeiten muss, und körperlich, da ihm Nierenkoliken und eine Gürtelrose zu schaffen machen.

Zudem steht der Krieg Preußens mit Napoleon vor der Tür. Etwas Abwechslung soll die Bilderschau bringen. Der Geheimrat gehört zu den Mitorganisatoren und hat auch bei der Vergabe des Preisgelds ein Wörtchen mitzureden. Aber wo hätte er das nicht? An der Veranstaltung aktiv beteiligt ist ein Maler, dessen Geburtstag sich heute zum 240. Mal jährt.

Caspar David Friedrich hat 2 Zeichnungen eingereicht, Wallfahrt bei Sonnenaufgang und Fischer am See. Goethe ist beeindruckt. Auf ausdrücklichen Wunsch des Dichters bekommt Friedrich die Hälfte der ausgelobten Summe zugeteilt. Doch rasch ändert Goethe seine Meinung. Sein Genre ist die Klassik, die er gemeinsam mit Schiller in den allerhöchsten Rang gehoben hat.

Für die Romantik und deren Vertreter, darunter auch Friedrich, hat er bald nur noch Spott übrig: „Gemüt wird über Geist gestellt, Naturell über Kunst, und so ist der Fähige wie der Unfähige gewonnen. Gemüt hat jedermann, Naturell mehrere, der Geist ist selten, die Kunst ist schwer.“

Nebenbei bemerkt: Auch die Wissenschaft ist schwer. Hierin hat sich der große Meister mit seiner Farbenlehre versucht, die er rückblickend sogar höher einschätzt als seine Dichtkunst - obwohl schon die zeitgenössischen Mathematiker und Physiker diese in seltener Übereinstimmung als Humbug betrachten. Goethe, wie immer unbeirrt, gibt solche Kritik einfach weiter. Sein Spott etwa gegenüber Friedrich wächst sich zur Verachtung aus, vor allem nachdem der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. dessen Werke Mönch am Meer und Abtei im Eichwald erworben hat.

„Dieser David Caspar Friedrich“, schäumt Goethe und demütigt das Objekt seines Hasses mit der Verdrehung des Namens, „malt so schlecht, dass es keinen Unterschied macht, hängt man seine Bilder verkehrt herum auf.“ Den großen Klassiker und Möchtergernfarbenerklärer wurmte vor allem Friedrichs Sicht der Winzigkeit des Menschen gegenüber der mächtigen Natur. Goethe sah dieses Verhältnis, zumindest was seine Person betraf, eher andersherum.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Was Berlin manchmal fehlt

Dienstag, 15. Juli 2014

Nicht nur die Kleinschreibung des Titels macht die überregional erscheinende Berliner tageszeitung, kurz taz, unverwechselbar. Auch eine satirische Wahrheitsseite, die jede Ausgabe abschließt, kann keines der Konkurrenzblätter vorweisen. Wie auch die kleinen Beiträge und Nachrichten, die gerne mit „was fehlt“ eingeleitet werden.

Was in der taz lange Zeit nicht fehlte, war die Berichterstattung über den Musiker Peter Subway. Peter Neuner, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ist zumindest in Deutschland der herausragende Vertreter des Alternative Underground Folk’n'Roll. Das mag auch daran liegen, dass sich hierzulande außer ihm bislang noch niemand so recht zu dieser Stilrichtung bekannt hat. Von 1991 bis 1996 war Peter Subway in der taz präsent. Danach tauchte er nur noch einmal auf, anno 2006, in einem Nebensatz der Berichterstattung über die Kreuzberger Marheinekehalle, als diese zum Verkauf anstand und die kleinen Gemüsehändler ihren Arbeitsplatz zu verlieren drohten, was wiederum mit Benefizkonzerten verhindert werden sollte.

Von sich selber wusste Peter Subway zu berichten, es sei zu Beginn der 1990er Jahre etwas ruhiger um ihn geworden. Das schien auch gegen Ende jenes Jahrzehnts noch der Fall gewesen zu sein, als der Schreiber dieser Zeilen mit einem Kumpan in einem Regensburger Biergarten weilte und zufällig die Ankündigung des Konzerts las, das in einer halben Stunde dort stattfinden sollte. Ein Kneipenwechsel war bereits beschlossene Sache, als die freundliche Bedienung darum bat, zu bleiben, um die Reihen der Konzertbesucher aufzufüllen; das Eintrittsgeld werde selbstverständlich erlassen. So waren wir denn zu 8; Peter Subway, den ihn begleitenden Kontrabassisten, dessen Freundin und die Kellnerin eingeschlossen. Wer wohl die beiden übrigen Personen waren? Der Abend im Gasthof Goldene Ente zu Regensburg-Stadtamhof war dennoch ein vergnüglicher. Echte Profis, zu denen Peter Subway zweifellos zählt, rufen ihre Qualitäten unabhängig von der Zuschauerzahl ab.

Das Sporadische scheint nicht nur eine Eigenschaft von Peter Subways Publikum, sondern auch künstlerisches Element des Musikers zu sein. In seiner unverwechselbarer Diktion heißt es auf der Webseite: „Es würde in Berlin etwas fehlen, wenn Peter Subway nicht hin und wieder auftauchte.“ Es gibt in der taz, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, auch eine Rubrik in der Rubrik mit der Überschrift „was nicht fehlt“. Komm, taz, gib dir einen alternativeundergroundfolk’nrollmäßigen Ruck, zumal Peter Subway in Berlin wieder häufiger auftritt, vor gut gefüllten Rängen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Tag des Rock ‘n’ Roll

Mittwoch, 9. Juli 2014

An welchem Tag wurde der Rock ‘n’ Roll geboren? Diese Frage können Sie wunderbar in Ihrem nächsten Small Talk diskutieren. Eigentlich lässt sich das Datum exakt terminieren, auf den 21. Mai 1955. An diesem Tag nahm Chuck Berry seinen Hit Maybelline auf.

Nun gibt es auch andere Daten, die für die Geburt des Rock ‘n’ Roll herangezogen werden. Eine solche Kür ist ja immer subjektiv; Ihr Small Talk-Gesprächspartner hat vielleicht eine ganz eigene Meinung dazu. Die meisten Konstrukte zum Ursprung des Rock ‘n’ Roll wirken freilich etwas bemüht. Etwa das heutige Datum. Der 9. Juli wird als der Tag des Rock ‘n’ Roll begangen. Dick Clark übernahm an jenem Tag des Jahres 1956 die Radiosendung American Bandstand, durch die der Rock ‘n’ Roll erst richtig populär wurde. Der Ansatz, die Geburt des Rock ‘n’ Roll auf ein Lied zurückzuführen, hat aber, wie ich finde, mehr Charme.

Es muss ja nicht unbedingt Maybelline sein. Bestimmt haben andere Teilnehmer in Ihrer Small Talk-Runde ein besonderes Lied, das sie mit dem Rock ‘n’ Roll in Verbindung bringen. Fragen Sie doch einmal danach.

Selbstverständlich können Sie auch von Maybelline erzählen. Mit Maybelline beginnt die Geschichte der Rock’n'Roll-Gitarre, schreibt das Musikmagazin Rolling Stone. Als das Fachblatt die 500 besten Rock- und Popsongs aller Zeiten kürte, landete Maybelline auf Platz 18 dieser Liste. In der Würdigung heißt es: „Auf seiner allerersten Platte ließ Chuck Berry Hillbilly Country-Klänge, urbanen Blues und Hot Jazz in den harten Sound seiner E-Gitarre einfließen - und heraus kam die perfekte Mischung”.“

Chuck Berry beschreibt in seinem Lied eine furiose Verfolgungsjagd im Auto. In nicht minder rasantem Tempo spielt er die Szene nach. 2 Minuten und 40 Sekunden braucht er dafür. Mit Maybelline war der schnelle, harte Rhythm&Blues geboren, der Rhythmus des Rock ‘n’ Roll. Oder gibt es noch weiter Geburtshelfer? Jetzt sind im Small Talk die anderen an der Reihe …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Als Deutsche noch in Hollywood triumphierten: Die erste Oscar-Verleihung

Freitag, 16. Mai 2014

Es ist eigentlich jedes Jahr das Gleiche: Bei der Verleihung des Oscar (siehe auch unseren Newsletter vom 5. März 2010: Guter Verlierer) haben deutsche Regisseure und Schauspieler nichts zu bestellen.

Und was ist mit Christoph Waltz?, werden Sie vielleicht einwenden. Die Leinwandgröße gewann die begehrteste Trophäe des internationalen Kinos zwar schon zweimal, ist aber in Wien geboren und leider Österreicher!

Heute vor 85 Jahren wurde die 35 Zentimeter hohe, 4 Kilogramm schwere und mit Gold überzogene Ritterfigur zum ersten Mal verliehen. Und das gleich an einen Deutschen: Emil Jannings durfte den Preis als Anerkennung für seine Leistungen in den beiden Filmen Sein letzter Befehl und Der Weg allen Fleisches als bester Hautdarsteller entgegennehmen.

Der Oscar, offizielle Bezeichnung: Academy Award, wurde von der US-Akademie der Filmkunst und Filmwissenschaft ins Leben gerufen, um - erzählen Sie das mal heute jemand in Hollywood! - der wachsenden Kommerzialisierung des Filmgeschäfts entgegenzuwirken. Ursprünglich wurden nur künstlerisch wertvolle und technisch innovative Streifen mit der Auszeichnung gewürdigt.

Das änderte sich bald. „Hollywood“, erkannte bereits Marilyn Monroe, „ist ein Ort, wo sie dir 50.000 Dollar für einen Kuss und 50 Cent für deine Seele bezahlen.“ Ähnlich kritisch sah Jacques Tati das Mekka der US-Filmindustrie: „In Hollywood gibt es eigentlich nur 2 Sorten von Menschen: Solche, die ein eigenes Schwimmbad haben, und solche, denen es nicht gelingt, den Kopf über Wasser zu halten.“ Der französische Regisseure gehörte auch in Amerika zur ersteren Sorte: Seine Parodie auf die Tücken der modernen Technik, Mon Oncle (Mein Onkel), gewann 1959 den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Die Kunst, sich zu entfesseln

Montag, 24. März 2014

In eine Zwangsjacke gepresst, mit schweren Ketten gefesselt, die Hände in Handschellen hinter den Rücken gebunden: Derart verschnürt wurde das menschliche Paket von einem Kran an den Füßen hochgezogen, bis es über den Köpfen der gaffenden Menge am New Yorker Times Square schwebte.

Keine 5 Minuten vergingen, und der eben noch in einer scheinbar ausweglosen Falle Gefangene wurde, aufrecht auf dem Kranhaken sitzend, ins jubelnde Publikum herabgelassen. So kannten seine Fans Erich Weiss, freilich unter anderem Namen.

Geboren wurde der Sohn in die USA eingewanderter ungarischer Juden heute vor 140 Jahren in Budapest. Mit 17 beschloss er, Zauberkünstler zu werden. Er stählte seinen Körper, übte seine Fingerfertigkeit an Münzen und Karten und trainierte Luftanhalten in der Badewanne. Bald schaffte er 5, mit der Zeit sogar 6 Minuten.

In jeder Stadt, in der er auftrat, besuchte er Schlosserwerkstätten und machte sich mit den neuesten Modellen von Schlössern und Handschellen vertraut, bis er sie ohne Nachschlüssel öffnen konnte. Als einziges Hilfsmittel verwendete er kurze Metallstücke. Die bearbeitete er mit der Feile und versteckte sie in seinem dichten Haar oder unter der Hornhaut seiner Füße.

Zunächst trat er in Vaudeville-Theatern auf, später an öffentlichen Plätzen. Bis zu 40 000 Zuschauer bestaunten seine Darbietungen. In Detroit stürzte er sich gefesselt von einer Brücke und befreite sich unter Wasser. In New York ließ er sich in ein einem bleibeschwerten, mit Vorhängeschlössern gesicherten Taucheranzug ohne Sauerstoffflaschen ins Hafenbecken werfen und schwamm 3 Minuten später wieder an der Oberfläche.

Auch nach Europa zog es ihn. Berühmt wurde er mit einem Auftritt in Bremen: Gefesselt ließ er sich in die vereiste Weser absetzen und befreite sich unterhalb der Eisdecke. Diesen Akt hatte er vorher daheim in einer mit Eisblöcken gefüllten Badewanne trainiert. In Köln wurde er wegen Trickbetrugs angeklagt. Das Gericht warf ihm vor, sein Publikum absichtlich zu täuschen und ihm sein Geld abzuknöpfen. Nur die zweite Behauptung traf zu. Er bestand darauf, in von der Kölner Polizei verwendeten und geprüften Handschellen auf die Anklagebank geführt zu werden. In Sekundenschnelle öffnete er die Fesseln und widerlegte elegant den Täuschungsverdacht. Er wurde der berühmteste Entfesselungskünstler aller Zeiten. Sein Künstlername: Harry Houdini.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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