Archiv für Kategorie ‘Länder’:

Die Post passt an

Montag, 22. Dezember 2014

„Ich habe einen jungen Mann gekannt, der sich durch das Laster, alle Briefe zu beantworten, ruiniert hat.“ Dieser Ausspruch stammt von Oscar Wilde, der sich selber auf ganz andere Arten ruiniert hat (siehe unseren Newsletter vom 30. November 2010: Ein Land, das es vielleicht bald nicht mehr gibt).

Ab dem 1. Januar 2015 käme des irischen Schriftstellers damals junger Bekannter, würde er denn noch leben, dem Bankrott ein weiteres Stück näher. Dann wird der Preis für einen Standardbrief Inland von 60 Cent auf 62 Cent „angepasst“, so die Deutsche Post in ihrem manipulativen Sprachduktus, der nicht nur ein wenig an den Roman 1984 (siehe auch unsere Ausgabe vom 12. Juni 2014: Eine unendliche Geschichte) erinnert.

Sein Autor George Orwell hatte darin ein sehr wirksames Propagandamittel vorgestellt: das so genannte Neusprech als Beschönigung hässlicher Dinge durch nette Vokabeln. Im imaginären Imperium Orwells, dem totalitären Staat von 1984, hieß beispielsweise das Kriegsministerium „Ministerium der Liebe“, und der minderwertige Brösel-Tabak bekam das schmeichelhafte Etikett „Victory-Zigaretten“ verpasst.

Inzwischen ist dieser Sprachgebrauch, 66 Jahre nach Erscheinen des Romans, auch in unserer Gesellschaft fest verankert. So wurden Müllabfuhren zu Umweltdiensten, wandelten sich Arbeitsämter zur Bundesagentur für Arbeit, firmierten Entlassungen unter Reduzierung der Personalkosten, las sich Verteuerung als neue Preisgestaltung, mutierte die Propaganda zu Public Relations, abgekürzt PR, gerierten sich Krankenkassen als Gesundheitskassen, wurden Kriegstote als Kollateralschäden registriert und traten militärische Besatzungsmächte als Koalition der Willigen in Erscheinung.

Schöne neue Welt, könnte man eine weitere düstere Zukunftsvision bemühen – diesmal nicht von George Orwell, sondern von seinem britischen Landsmann und Schriftstellerkollegen Aldous Huxley. Da wir gerade beim Zitieren sind und den Bogen zum Anfang dieses Newsletters schlagen möchten: „Nimm einem Menschen den Briefkasten“, fand der Wiener Autor, Literatur- und Theaterkritiker Alfred Polgar (der auch einen guten Postkritiker abgegeben hätte), „und du nimmst ihm die halbe Welt.“

Die Post hat seit der Wende nicht nur jeden zweiten Briefkasten abgebaut. Sie erhöht mit Wirkung vom 1. Januar das Porto sowohl für Postkarten als auch für Standardbriefe ins Ausland von 75 auf 80 Cent. Pardon, die Post erhöht natürlich nicht. Sie passt an.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Verschwundene Dinge, von denen nur wehmütige Erinnerungen übriggeblieben sind

Montag, 15. Dezember 2014

Sie suchen noch nach einem Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit dem neuen Buch von Beppo Beyerl (siehe auch unseren Newsletter vom 23. April 2013: Die Straße mit 7 Namen)?

26 Verschwindungen lautet sein Titel und widmet sich Dingen, an denen wir uns einst erfreut oder über die wir uns früher so manches Mal geärgert hatten, die es aber allesamt nicht mehr gibt.

Sein alphabetisch geordnetes Brevier beginnt der Autor - er ist Wiener - mit der Arbeiter-Zeitung, in der Oskar Maria Graf seinen berühmten Aufruf Verbrennt mich! anlässlich der Nichtbeachtung seiner Werke bei der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten veröffentlichte (siehe auch unsere Ausgabe vom 10. Mai 2006: „Verbrennt mich!“).

Weitere Verschwindungen, die Beyerl in Erinnerung ruft, sind die früher in Wiener Gemeindebauten allgegenwärtigen Hausmeister, das in den Gassen so häufig gesprochene Jiddisch oder – ebenfalls, aber nicht nur eine typisch Wiener Erscheinung – die öffentliche Uhr, ein ehedem an jeder größeren Straßenkreuzung installiertes meist würfelförmiges Objekt, an dem die der Hauptstädter sich verabreden konnte und das ihnen noch dazu den Grund anzeigte, warum ein verabredetes Treffen nicht zustande gekommen war.

Ein sehr österreichisches, heut leider ebenfalls nicht mehr in Gebrauch befindliches nützliches Utensil war die Nurfünfwörteransichtskarte. Sie belohnte alle diejenigen, die sich kurz zu fassen vermochten, denn das Porto für eine Drucksache – als solche gingen die fünf Wörter gerade noch durch – war wesentlich geringer als für eine Postkarte.

Wäre Beyerl Deutscher und würde sein Buch erst in, sagen wir mal, 10 Jahren veröffentlichen, könnte er unter dem Buchstaben N unseren Newsletter aufführen. Der verschwindet auch, am 30. Dezember erscheinen unsere letzten Worte. Bis dahin möchten wir Ihnen weiterhin jeden Werktag amüsante Geschichten und ein wenig Allgemeinbildung in Kurzform zukommen zu lassen.

Das vorletzte Wort gebührt wiederum unserem heutigen Gast. Beppo Beyerls Verschwindung Nummer 25 dreht sich um einen einzigen Buchstaben. Selten wurde schöner über das schon immer unscheinbare, aber nun wohl allmählich auch obsolet gewordene Ypsilon geschrieben. Aber lesen Sie selbst: Beppo Beyerl, 26 Verschwindungen. Löcker Verlag, Wien 2014. ISBN 978-3-85409-729-7.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Krieg, der Südamerika veränderte

Freitag, 12. Dezember 2014

Erinnern Sie sich noch an unseren Newsletter über einen wohlwollenden Diktator? (siehe unsere Ausgabe vom 6 Oktober 2014: Ein wohlwollender Diktator). Sein Nachfolger, der Rechtsanwalt Carlos Antonio López, setzte im wesentlichen Francias Lebenswerk fort, führte sein Land aber nach und nach aus der Isolation.

Durch die vorsichtige Öffnung nach außen entwickelte sich Paraguay dank der soliden Basis, die Francia der Republik verschafft hatte, zum mit Abstand reichsten Land des Kontinents. Als erster lateinamerikanischer Staat besaß Paraguay eine Eisenbahn und eine Telegraphenlinie. In dem früheren reinen Agrarland entstand eine eisenverarbeitende Industrie, und in der Hauptstadt Asunción wurde sogar eine Werft gebaut.

Dabei blieb Paraguay im Gegensatz zu seinen hochverschuldeten Nachbarn unabhängig von ausländischem Kapital, konnte sich auf eine stabile Währung stützen und eine positive Handelsbilanz erzielen. Carlos Antonio López regierte Paraguay bis zu seinem Tod 1862.

Nachfolger wurde sein Sohn Francisco Solano López. Inzwischen war aus dem unscheinbaren Land eine nicht nur wirtschaftlich bedeutende Regionalmacht geworden. Mit einem stehenden Heer von 25.000 Soldaten besaß Paraguay eine größere Armee als Argentinien und Brasilien. Leider beging Francisco Solano López den Fehler, in der La-Plata-Region Großmachtpolitik zu betreiben. Als Brasilien in einen innerpolitischen Konflikt in Uruguay eingriff, ergriff López Partei. Er tat dies nicht aus politischer Überzeugung, sondern nur, um einen Vorwand für einen Einfall in Brasilien zu erhalten. Sobald die Regierung in Rio de Janeiro ihre ersten Soldaten nach Uruguay schickte, erklärte Paraguay – morgen vor 150 Jahren, am 13. Dezember 1864 – Brasilien den Krieg und marschierte mit seiner Armee in die brasilianische Provinz Mato Grosso ein.

Als Argentinien und Uruguay sich daraufhin mit Brasilien zur Tripelallianz verbündeten, besetzten paraguayische Truppen auch die argentinische Provinz Corrientes. In der Folgezeit tobte zwischen 1864 und 1870 der blutigste Konflikt, der je auf südamerikanischem Boden ausgetragen wurde. Mit seiner modernen Armee erwies sich Paraguay anfangs als klar überlegen. Doch auf Dauer konnte das bevölkerungsarme, etwa eine Million Einwohner zählende Land diesen Krieg nicht durchhalten. Die Wende trat ein, als die paraguayische Festung Humaitá am Paraguay-Fluss nach mehr als einjähriger Belagerung im August 1868 kapitulierte.

5 Monate später rückten die alliierten Truppen in Asunción ein. Der Krieg war jedoch erst zu Ende, als López, der sich mit seinen letzten Getreuen in den menschenleeren Nordwesten Paraguays zurückgezogen hatte, am 1. März 1870 im feindlichen Kugelhagel fiel. Die Auseinandersetzung zwischen Paraguay und der Tripelallianz forderten auf beiden Seiten ungeheure Opfer. Paraguay verlor vier Fünftel seiner männlichen Bevölkerung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg überschritt die Einwohnerzahl des Landes wieder die Millionengrenze.

Von Francias Erbe ist in Paraguay nichts übrig geblieben. Seit dem Krieg gegen die Tripelallianz kam das Land wirtschaftlich nicht mehr auf die Füße. In den 4 Jahrzehnten nach López’ Tod wechselten sich 22 Präsidenten an der Regierung ab. Paraguay versank im Chaos; Francias Revolution war nur noch Geschichte. Heute zählt Paraguay zusammen mit Bolivien zu den ärmsten Ländern Südamerikas.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Trainingslager für Small Talk-Profis

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Halten Sie sich für einen Small Talk-Profi? Dann fahren Sie doch mal nach Finnland! Nicht, dass Sie hier ideale Voraussetzungen und jede Menge Gesprächspartner für die leichte Konversation fänden! Im Gegenteil: Das Reiseziel bietet sich für einen Liebhaber des Small Talks nur dann an, wenn er eine Herausforderung sucht. In Finnland eine lockere Unterhaltung anzuknüpfen scheint nicht so einfach.

„Small Talk ist absolut unfinnisch“, schreibt der Experte Rasso Knoller in seinem Länderporträt über das schweigsame Volk im Norden. Eine Erklärung bietet er ebenfalls an – leider nur aus Sicht der Einheimischen: „Wenn man schon nur wenige Worte benutzt, dann sollen die auch sinnvoll sein. Warum extra erwähnen, dass die Sonne scheint, wenn es doch sowieso jeder sieht? Auch ein Kompliment, das neue Kleid stehe der Trägerin besonders gut, ergibt aus finnischer Sicht wenig Sinn: Wenn das Textil gut kleidet, bekommt dass ja jeder mit. Steht es ihr nicht ist es ohnehin besser zu schweigen.“

Ein Mitteleuropäer würde hier schon den einen oder anderen Ansatzpunkt für den Small Talk-Einstieg sehen. Einen nicht gerade von der Sonne verwöhnten Finnen auf den seltenen Umstand hinzuweisen, dass sich der ersehnte Himmelskörper endlich mal wieder zeigt, würde bestimmt eine Reaktion hervorrufen. Falls nicht, könnten Sie das Gespräch aufs Klima lenken. Das bereitet allen Finnen Sorgen: Der für den Norden Skandinaviens prognostizierte Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur um 2 bis 4(!) Grad im in den kommenden Jahrzehnten wird eine massive Veränderung des Ökosystems zur Folge haben. Das mag selbst der wortkärgste Finne nicht mit einem Schulterzucken abtun.

Es sei denn, er heißt Aki Kaurismäki. Der bekannteste finnische Filmregisseur sagte in einem Interview der Schweizer Weltwoche: „Lassen Sie es mich linguistisch erklären: Auf Finnisch heißt Sprache puhe. Das leitet sich von puhaltaa ab dem Wort für ‘blasen’. Für die Finnen ist das Sprechen nichts anderes, als mit jedem Wort weitere Luft in die Atmosphäre zu blasen. Eine ziemlich unnütze Tätigkeit. Mit Small Talk, so wie wir ihn hier gerade betreiben, können Finnen wenig anfangen. Wir kennen uns nicht. Was also haben wir uns zu sagen?“

Zitieren Sie im Small Talk Kaurismäki und fragen Ihr finnisches Gegenüber, ob das mit dem Wörter-in-die-Luft-Blasen stimmt. Ihr Gesprächspartner wird erstaunt und froh sein, dass Sie 2 Wörter der europäischen Außenseitersprache kennen. So haben Sie schon mal eine positive Atmosphäre geschaffen. Im übrigen sind die Finnen nicht immer so wortkarg, wie es den Anschein hat. An einem Ort, wo in Deutschland oft betretenes Schweigen herrscht, kommen in Finnland viele Gespräche ins Rollen: In der Sauna taut der Finne auf.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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„Das kann ich besser!“

Freitag, 5. Dezember 2014

Der Kieler Weihnachtsmann heißt Jörg Lorenzen. Heute Abend und morgen wird er wieder alle Hände voll zu tun haben. Doch wie kommt man überhaupt zu einem solchen Job? Der in Berlin erscheinenden überregionalen tageszeitung, kurz: taz, stand Lorenzen in einem Interview Rede und Antwort.

Die Anregung für sein ausgefallenes Hobby kam demnach, als er mit „meinen beiden damals kleinen Söhnen über den Husumer Weihnachtsmarkt ging und einen Weihnachtsmann in einem billigen Karstadt-Mantel, mit Wattebart und Maske sah. Da dachte ich spontan: Das kann ich besser!“

Lorenzen kaufte sich bei einem Spezialversand einen hochwertigen Mantel und gab eine Anzeige in der Zeitung auf: „Weihnachtsmann gesucht?“ Es meldete sich gleich eine Reihe von Familien. Lorenzen bereitete sich „wie ein Schauspieler“ auf die neue Rolle vor. Die Ernsthaftigkeit gepaart mit ein wenig Fantasie kam gut an. Lorenzen durfte auch in den folgenden Jahren den Weihnachtsmann mimen. Dabei ist ihm bewusst, dass er eigentlich nur als Stellvertreter des einig echten Originals unterwegs ist: „Mauri Kunnas hat ihn in seinem Buch Wo der Weihnachtsmann wohnt beschrieben. Wir hier sind ja nur die Helfer, die sich in Vertretung des richtigen Weihnachtsmanns ‘Weihnachtsmann’ nennen dürfen.“

Ach ja, der Original-joulupukki, wie er auf Finnisch heißt, wohnt in oder, besser gesagt, im Korvatunturi, einem Berg im äußersten Nordosten Finnlands an der Grenze zu Russland. Lorenzen hält sich im übrigen streng an den Ehrenkodex für Weihnachtsmänner – pardon, für Stellvertreter. So ist es ihm verboten, im Kostüm zu essen oder zu trinken. Dazu müsste ja der Bart hochgeklappt werden und würde somit als künstlich entlarvt. Was gar nicht geht, ist telefonieren. Das Handy bleibt während des gesamten Auftritts abgeschaltet und gut versteckt in der Tasche. „Diese moderne Technik“, so gut kann sich Lorenzen allemal in den Weihnachtsmann hineinversetzen, „ist nichts für ihn.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Lesebuch über Revolutionen

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Am 4. Dezember 1914 erobern die mexikanischen Revolutionäre Emiliano Zapata und Pancho Villa die Hauptstadt ihres Landes. 2 Tage später entsteht die legendäre Aufnahme mit den Beiden im Präsidentenpalast (siehe unseren Newsletter vom 5. Februar 2007: Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt).

Seit 4 Jahren herrscht die Revolution im Land. Mit der demokratischen Verfassung vom Februar 1917 findet sie nur vorläufig ein Ende. 1919 wird Zapata ermordet, 1920 der gewählte Präsident Venustiano Carranza, 1923 Villa und 1928 Carranzas Nachfolger Alvaro Obregón.

Das revolutionäre Erbe Zapatas wird bis heute hochgehalten, etwa im südlichen Bundesstaat Chiapas durch die Befreiungsbewegung EZLN. Letzteres zeigt aber auch, dass Mexiko niemals zur Ruhe gekommen ist und wegen der nach wie vor bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten weiterhin Gefahr läuft, durch einen Aufstand im Innern destabilisiert zu werden – wäre es nicht längst schon durch kriminelle Banden destabilisiert worden, denen freilich nichts an einer Verbesserung der sozialen Verhältnisse gelegen ist.

Das Schicksal der Instabilität teilt Mexiko mit anderen Ländern, etwa der Ukraine, Georgien, Syrien, Tunesien oder Ägypten. In diesen Staaten haben in jüngster Zeit Revolutionen stattgefunden, deren Zielsetzung und Verlauf voneinander sehr verschieden waren. Der Prozess der gesellschaftlichen Veränderung und in manchen Fällen auch der staatlichen Desintegration ist längst noch nicht abgeschlossen. Höchste Zeit also, Rebellionen, Revolten und Revolutionen begrifflich voneinander abzugrenzen, im geschichtlichen Zusammenhang zu betrachten und sich Gedanken über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen zu machen.

All dies versucht ein Buch zu leisten, das soeben im Christoph Links Verlag erschienen ist und den Titel Revolutionen. Ein historisches Lesebuch trägt. Herausgegeben hat es Patrick Oelze, eingeleitet der Historiker und Wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin-Mitte, Stefan Wolle. Auch der Schreiber dieser Zeilen ist beteiligt: Von ihm stammt das Kapitel über Zapata und die mexikanische Revolution.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die erste Abgeordnete im britischen Parlament

Montag, 1. Dezember 2014

Nancy Langhorne hieß die erste Abgeordnete im britischen Parlament. Heute vor 95 Jahren trat sie ihr Mandat im bislang ausschließlich mit Männern besetzten House of Commons an. Bis die erste Frau Platz im House of Lords fand – Sitze im Oberhaus werden nicht durch Wahlen erkämpft, sondern auf Lebenszeit per königlicher Ernennung vergeben – sollte es noch ein weiteres halbes Jahrhundert ins Land ziehen.

Geboren war Miss Langhorne 1879 im US-Bundesstaat Virginia. Später heiratete sie einen englischen Adligen und trug seitdem den Titel einer Viscountess Astor (der Viscount rangiert in der britischen Adelshierarchie zwischen Baron und Earl), unter dem sie auch bekannt wurde. Ihren Unterhaussitz hatte sie als Angehörige der Konservativen errungen. In der Folge setzte sie sich jedoch für progressive Belange ein, etwa die Gleichberechtigung beider Geschlechter zumindest im Staatsdienst oder auch die Einführung des Frauenwahlrechts.

Vor allem die feministischen Themen waren es, die ihr die Gegnerschaft eines prominenten Parteifreundes einbringen sollte. Winston Churchill zeigte sich alles andere als begeistert von der Einmischung der Frauen in die Politik allgemein und von Lady Astor im Besonderen. Eine traute Unterhaltung der ungleichen Tories ist wie folgt überliefert: „Wären Sie mein Ehemann“, soll Lady Nancy einmal Sir Winston zugeraunt haben, „würde ich Ihnen Gift in den Kaffee schütten.“ Die angebliche Antwort des Angefeindeten: „Wären Sie meine Ehefrau, würde ich ihn trinken.“

Allerdings wird derselbe Dialog auch zwischen dem konservativen späteren Premierminister David Lloyd George und einer namenlosen Suffragette (siehe auch unseren Newsletter vom 19. Februar 2013: Eine Bombe für den Finanzminister) kolportiert. Nancy Astor war als Politikerin überaus erfolgreich. Sie behielt ihr Parlamentsmandat bis zu den Wahlen im Juli 1945, als der Labour Party ein erdrutschartiger Sieg gelang, bei dem diese fast doppelt so viele Sitze errang wie die Tories. Das wohl schönste Erlebnis der Astor’schen Laufbahn datiert vom Juli 1928: Im Equal Franchise Act beschloss das Unterhaus die völlige Gleichstellung von Männern und Frauen. Letztere durften bei den Wahlen ein Jahr später erstmals ihre Stimme abgeben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die älteste U-Bahn auf unserem Kontinent

Freitag, 28. November 2014

Die älteste U-Bahn ist die Londoner. Doch Britannien ist eine Insel und zudem stärker nach Amerika orientiert als in Richtung Europa. Daher liegt die Frage nahe: Welche U-Bahn ist die älteste auf dem Festland unseres Kontinents? Heute vor 195 Jahren wurde sie eingeweiht.

Bei der Eröffnung war sogar Kaiser Franz Josef extra aus Wien angereist. Zweck des unterirdischen Verkehrsmittels sollte sein, eine möglichst rasche Verbindung von der zentralen hauptstädtischen Verkehrsader Andrássy út zum Széchenyi-Bad zu schaffen. Das mondäne Gebäude, mitten im Wäldchen an der Peripherie gelegen, beherbergte seinerzeit die Milleniumausstellung zu Ehren der Gründung des Landes anno 969.

Sollten Sie jetzt auf Ungarn und Budapest getippt haben, liegen Sie richtig! Um Ihnen einen aktuellen Eindruck der örtlichen Unterwelt zu vermitteln, sei Reinhold Vetters im Christoph Links Verlag erschienene Länderkunde bemüht: „Die minutenlange Fahrt auf den überdimensionalen Rolltreppen hinab in die Unterwelt der U-Bahn etwa am Széll Kálmán tér, dem früheren Moszkva tér, ist mindestens so spannend wie ein Kinobesuch. Denn während man nach unten gleitet, registriert man auf der gegenüberliegenden Treppe die unterschiedlichsten Gesichter: erschöpfte Werktätige nach getaner Arbeit und fröhliche Jugendliche aus der Alternativszene, alte Männer mit wallenden Bärten und Frauen in den Fünfzigern mit kunstvollen Frisuren, junge Herren in Macho-Pose und junge modebewusste Damen. Die meisten nutzen die Fahrt, um die Entgegenkommenden aufmerksam zu mustern.“

Apropos Kinobesuch: Ausschließlich im Budapester U-Bahn-System spielt der ungarische Thriller Kontroll, ein preisgekröntes Meisterwerk über einen Konflikt zwischen unerbittlicher U-Bahn-Ordnungsmacht und passionierten Schwarzfahrern. Zur Inbetriebnahme schrieb damals im Überschwang ein Journalist der Hauptstadtgazette Budapesti Hírlap, die verschwitzten Budapester Bürger würden in den Waggons der U-Bahn nach Abkühlung suchen und möglicherweise dort sogar ihre Ferien verbringen. So ganz falsch lag der Schreiber der optimistischen Zeilen nicht …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Singende Revolution

Donnerstag, 27. November 2014

Ohne seine Dainas hätte das lettische Volk vermutlich nie zu sich selbst gefunden. Die Lieder waren wichtig für Sprache, Kultur und Nationalbewusstsein eines Volkes, das sich selten gegen die übermächtigen Nachbarn Schweden, Deutschland und Russland abzugrenzen und zu behaupten wusste.

Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Abschluss eines geheimen Abkommens mit Hitler ließ der Diktator Stalin das erst seit 1918 unabhängige Lettland besetzen und auf den Status einer abhängigen Sowjetrepublik zurückstufen. Die lettische Sprache wurde zugunsten des Russischen verdrängt. In jener Zeit war das Singen der Dainas offiziell verboten. Die Letten machten es trotzdem, und auch in den benachbarten, ebenfalls zu Sowjetrepubliken degradierten Ländern wurde die Tradition der Volkslieder fleißig gepflegt und als Mittel des heimlichen Protests genutzt.

Daraus entstand die so genannte Singende Revolution, über die der Historiker und Baltikumexperte Detlef Henning schrieb: Was dann zwischen 1987 und 1991 auf den Straßen Tallinns, Rigas und Vilnius’ geschah, als zuweilen jeweils ein Drittel [der Einwohnerschaft der] Völker zu machtvollen und friedlichen Demonstrationen zusammenfand, ist, an den Größenordnungen gemessen, in der Geschichte wohl einzigartig.

Die Singende Revolution stellte jedenfalls die Gerechtigkeit und vor allem die staatliche Unabhängigkeit wieder her. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg stellte heute vor 25 Jahren die Gewährung des wirtschaftlichen Selbstbestimmungsrechts für alle 3 baltischen Staaten durch den Obersten Rat der Sowjetunion dar. Höhepunkt der Demonstrationen war am 23. August 1989 die 600 Kilometer lange Menschenkette zwischen der nördlichsten und der südlichsten baltischen Hauptstadt, Tallinns und Vilnius. Selbstverständlich wurden auch an diesem Tag Dainas gesungen. Ein weiterer Meilenstein der lettischen Geschichte wird am 1. Januar gefeiert, wenn das Land für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Über Dialekte sprechen im Small Talk

Mittwoch, 26. November 2014

Dialekt reden ist die eine Sache (siehe unseren Newsletter vom 19. November 2014: Dialekt sprechen im Small Talk?). Doch lässt sich im Small Talk auch über Dialekt reden; beispielsweise über die Akzeptanz der Mundart in Deutschland. Dazu wurden tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen angestellt!

So ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach, dass 73 % der Deutschen die Mundart ihrer Wohnregion sprechen, davon jeder zweite „gut“ und jeder vierte zumindest „ein wenig“. Das bedeutet freilich nicht, dass Dialekte überall gleich beliebt sind. Hier gilt es zu differenzieren.

Lassen Sie zunächst Ihr Gegenüber im Small Talk raten, welcher deutsche Dialekt bundesweit auf die meiste Gegenliebe stößt. Die Auflösung: Von allen Mundarten, die hierzulande gesprochen werden, ist Bayerisch am beliebtesten. 35 % aller Deutschen hören diese Mundart besonders gerne. Dahinter rangieren das norddeutsche Platt (29 %) und das Berlinerische (22 %).

Wie viele Dinge hat auch der Dialekt seine dunkle Seite. Auf die Frage, welche Mundart sie überhaupt nicht mögen, gaben 54 % der Deutschen das Sächsische an. Mit großem Abstand auf Platz 2 in dieser Wertung folgte Bayerisch mit 22 %. Ihr Gegenüber im Small Talk mag darin zu Recht ein Indiz sehen, dass mancher Dialekt die Meinungen spaltet. Fragen Sie ihn, welche Mundart er spricht.

Nicht jeder Sprecher ist von seinem Dialekt überzeugt. Das beste Verhältnis zum eigenen Idiom haben die Bayern: 77 % sagen, dass sie Bayerisch besonders mögen. 2 von 3 Norddeutschen lieben ihr Platt. Unsere Hauptstädter dagegen scheinen weniger lokalpatriotisch zu sein: Berlinerisch wird nur von 46 % seiner Sprecher geschätzt. Da ist das Dialektselbstverständnis der Sachsen wiederum besser: Nur 12 % von ihnen mögen die eigene Mundart nicht.

Jetzt ist Ihr Small Talk-Gesprächspartner wieder gefragt: Findet er denn seine eigene Mundart gut? Welche fremden Dialekte gefallen ihm? Und welche nicht? Wer weiß, vielleicht kann er Ihnen ja die eine oder andere Kostprobe darbieten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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