Verfall, Trübsinn, Untergang
Freitag, 3. Februar 2012Seine Gedichte trugen Titel wie Verfall, Melancholie, Trübsinn, Untergang oder Die Verfluchten. In ihnen wird „blasser Kinder Todesreigen“ aufgeführt, verbreitet sich „des Todes ernste Düsternis“, das „Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, „über unsere Gräber beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ und spiegelt sich der Poet im Wasser als krummer Schreiber, „umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt.“
Alles schwere Kost und nichts für einen fröhlichen Small Talk am 3. Februar, dem 125. Geburtstag des Dichters. Der in Salzburg zur Welt Gekommene gilt als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, und wenn ihm der im selben Bundesland geborene Kollege Josef Leitgeb konzediert, dass „kaum einer in Österreich je schönere Verse schrieb“, offenbart dies nicht nur Wertschätzung, sondern auch den sehr speziellen Sinn für Ausgelassenheit und Vergnügtheit, der unserem Nachbarvolk innewohnt.
Wer so denkt und fühlt, kann sich nur schwer auf die alltäglichen Dinge konzentrieren. Kein Wunder, dass der Schüler ohne Abitur vom Salzburger Stadtgymnasium abging. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre, vor allem weil er durch den anvisierten Beruf legal an die Drogen kam, die seinen Feierabend versüßten und seine Phantasie in höhere Sphären entführten.
Zum erfolgreichen Pharmaziestudium reichte es freilich nicht. Immerhin blieb ihm wie so vielen anderen gescheiterten Existenzen das Militär. Hier schlug der abgebrochene Student eine Offizierskarriere im Sanitätsdienst ein. Den Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Einsatz an der Front in Galizien verarbeitete er in einem letzten großen Gedicht, Grodek:
„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düstrer hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, wie wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.“
Es war der erste Kriegsherbst nach der Euphorie des Sommers, als Unzählige sich frohen Mutes und benebelten Geistes freiwillig an die Front gemeldet hatten. Vier weitere deprimierende Herbste sollten folgen. Die brauchte der Dichter nicht, um zu erkennen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“.
Sich selbst wollte Georg Trakl das alles nicht mehr antun. Am 3. November 1914 nahm er sich das Leben. Standesgemäß, durch eine Überdosis Kokain.
Autor von Small-Talk-Themen.de


