Archiv für Kategorie ‘Menschen’:

Kleines Gespräch, nette Begegnung, schöne Erinnerung

Dienstag, 30. Dezember 2014

Small Talk ist die unscheinbare Konversation, die manchmal wertvolle Verbindungen schafft. Ein solches Gespräch kann bereits bei Ihrem nächsten Termin stattfinden; ganz gleich, ob es sich um ein Essen oder einen Empfang, ein berufliches Beisammensein oder eine private Party handelt.

Anlässe, Kontakte zu knüpfen, wird es im Jahr 2015 hoffentlich genug für Sie geben. Nicht jeder scheint gleich von Beginn an Erfolg zu versprechen. Und doch kann eine weichenstellende Begegnung darunter sein, die Sie im Leben oder in der Karriere einen Schritt weiterbringt.

Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?, werden Sie jetzt womöglich fragen. Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Ein junger Journalist sollte für die rechtsrheinische Regionalausgabe des Bonner General-Anzeigers über eine Karnevalsveranstaltung der rund um das Siebengebirge ansässigen Vereine berichten. Nicht schlecht, wenn man Karneval mag. Handelt es sich jedoch um eine reine Funktionärsveranstaltung, bei der Ausschüsse einberufen, Aufgabenbereiche überantwortet, Positionen neu zur Wahl gestellt und deren bisherige Inhaber verabschiedet werden, ist das Vergnügen nicht mehr ganz so groß – und ein Langweilerartikel im Lokalblatt programmiert.

Doch der Abend im Nebenraum einer Königswinterer Gaststätte verlief ein wenig anders. Beim abschließenden Bier diskutierten der Journalist und der Ehrenvorsitzende über die Bedeutung der rheinischen Zahl 11. In der Nacht ging der Journalist mit einem Orden 111 Jahre Siebengebirgsbahn Königswinter nach Hause.

Gleich am nächsten Morgen – in Anbetracht der zu später Stunde konsumierten Kölsch war es wohl eher Mittag – schrieb er einen beschwingten Artikel. Der Ehrenvorsitzende freute sich. Künftig hatte er jedes Mal, wenn er den Journalisten („Sie sind doch der Elfer-Experte!“) traf, für ihn eine besondere Geschichte parat.

Darüber freut sich jede Lokalredaktion. Hans Nickolaus lebt leider nicht mehr, aber den Orden habe ich noch heute.
Das Redaktionsteam wünscht Ihnen einen guten Rutsch und ein erfolgreiches Jahr 2015.

Danke noch einmal dafür, dass Sie uns so lange (falls Sie von Anfang an dabei waren: fast ein Jahrzehnt!) die Treue gehalten haben! Wer weiß, vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen. Und falls Sie eine Aufgabe für den Schreiber dieser Zeilen wissen oder einen Tipp haben, melden Sie sich doch im neuen Jahr ab dem 5 Januar bitte bei Ralf Höller, Telefon 0228 317272 oder, per Mail, unter der Adresse r.hoeller@loquis.de.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Trainingslager für Small Talk-Profis

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Halten Sie sich für einen Small Talk-Profi? Dann fahren Sie doch mal nach Finnland! Nicht, dass Sie hier ideale Voraussetzungen und jede Menge Gesprächspartner für die leichte Konversation fänden! Im Gegenteil: Das Reiseziel bietet sich für einen Liebhaber des Small Talks nur dann an, wenn er eine Herausforderung sucht. In Finnland eine lockere Unterhaltung anzuknüpfen scheint nicht so einfach.

„Small Talk ist absolut unfinnisch“, schreibt der Experte Rasso Knoller in seinem Länderporträt über das schweigsame Volk im Norden. Eine Erklärung bietet er ebenfalls an – leider nur aus Sicht der Einheimischen: „Wenn man schon nur wenige Worte benutzt, dann sollen die auch sinnvoll sein. Warum extra erwähnen, dass die Sonne scheint, wenn es doch sowieso jeder sieht? Auch ein Kompliment, das neue Kleid stehe der Trägerin besonders gut, ergibt aus finnischer Sicht wenig Sinn: Wenn das Textil gut kleidet, bekommt dass ja jeder mit. Steht es ihr nicht ist es ohnehin besser zu schweigen.“

Ein Mitteleuropäer würde hier schon den einen oder anderen Ansatzpunkt für den Small Talk-Einstieg sehen. Einen nicht gerade von der Sonne verwöhnten Finnen auf den seltenen Umstand hinzuweisen, dass sich der ersehnte Himmelskörper endlich mal wieder zeigt, würde bestimmt eine Reaktion hervorrufen. Falls nicht, könnten Sie das Gespräch aufs Klima lenken. Das bereitet allen Finnen Sorgen: Der für den Norden Skandinaviens prognostizierte Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur um 2 bis 4(!) Grad im in den kommenden Jahrzehnten wird eine massive Veränderung des Ökosystems zur Folge haben. Das mag selbst der wortkärgste Finne nicht mit einem Schulterzucken abtun.

Es sei denn, er heißt Aki Kaurismäki. Der bekannteste finnische Filmregisseur sagte in einem Interview der Schweizer Weltwoche: „Lassen Sie es mich linguistisch erklären: Auf Finnisch heißt Sprache puhe. Das leitet sich von puhaltaa ab dem Wort für ‘blasen’. Für die Finnen ist das Sprechen nichts anderes, als mit jedem Wort weitere Luft in die Atmosphäre zu blasen. Eine ziemlich unnütze Tätigkeit. Mit Small Talk, so wie wir ihn hier gerade betreiben, können Finnen wenig anfangen. Wir kennen uns nicht. Was also haben wir uns zu sagen?“

Zitieren Sie im Small Talk Kaurismäki und fragen Ihr finnisches Gegenüber, ob das mit dem Wörter-in-die-Luft-Blasen stimmt. Ihr Gesprächspartner wird erstaunt und froh sein, dass Sie 2 Wörter der europäischen Außenseitersprache kennen. So haben Sie schon mal eine positive Atmosphäre geschaffen. Im übrigen sind die Finnen nicht immer so wortkarg, wie es den Anschein hat. An einem Ort, wo in Deutschland oft betretenes Schweigen herrscht, kommen in Finnland viele Gespräche ins Rollen: In der Sauna taut der Finne auf.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wortführer des amerikanischen Geistes

Dienstag, 9. Dezember 2014

Morgen werden die Nobelpreise vergeben. Eklats auf der Feier sind nicht zu befürchten, etwa wenn der Franzose Patrick Modiano die Auszeichnung in der Sparte Literatur entgegennimmt. Er wird schon nicht aus den Werken eines anderen lesen und behaupten, jener habe die Ehrung verdient, nicht er.

So geschah es tatsächlich anno 1930, als Sinclair Lewis, der erste US-Literaturnobelpreisträger überhaupt, aus Schau heimwärts, Engel vortrug. Der Roman stammt von einem damals – und heute leider auch wieder – recht wenig bekannten Autor (siehe unseren Newsletter vom 30. September 2011: Amerika neu entdeckt). Thomas Wolfe starb bereits mit 37 Jahren, an Tuberkulose. Vorher schrieb er 4 großartige Bücher.

Dem oben erwähnten folgten Von Zeit und Fluss sowie, posthum aus den Manuskripten veröffentlicht, Geweb und Fels und Es führt kein Weg zurück (siehe unsere Ausgabe vom 2. Oktober 2012: Im achten Jahr darf’s auch mal ein sperriges Thema sein). Das letzte zu Lebzeiten Wolfes erschienene Werk liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Das Verdienst gebührt dem in Zürich ansässigen Verlag Manesse.

Dass überhaupt ein Werk von Wolfe erschienen ist, ist dessen Lektor Maxwell Perkins zu verdanken. Ursprünglich hatte der Autor ein kaum strukturiertes Manuskript von 4000 Druckseiten (!) abgeliefert. Daraus machte Perkins die ersten beiden Romane. Und Wolfe? „In einem Brief“, diese Information verdanken wir einem ungewöhnlich kenntnisreichen und erhellenden Nachwort von Michael Köhlmeier in der Manesse-Ausgabe, „machte ihm der Autor heftige Vorwürfe, weil er so selbstherrlich und rücksichtslos sein Werk zusammengekürzt habe.“

Der Umstand, dass diese Mitteilung 28 eng beschriebene Seite umfasste, verrät einiges über Wolfes Detailversessenheit. Letztere wiederum kommt seinen Romanen zugute. Von Zeit und Fluss ist nicht einfach zu lesen. Dass der Leser sich ganz auf die Lektüre konzentrieren und diese nach einer Zeit der Gewöhnung an Wolfes Rhythmus und Wortgewalt zum Vergnügen wird, ist auch 40 Seiten hilfreicher Kommentare geschuldet.

Irma Wehrli sei Dank hierfür. Von Zeit und Fluss beginnt mit einer 700 Meilen und über 100 Seiten langen Eisenbahnfahrt, die den Protagonisten – Wolfes bereits aus Schau heimwärts, Engel bekanntes alter ego Eugene Gant – von Altamont in North Carolina nach New York reisen und den Leser tief in das Amerika der 1920er Jahre eintauchen lässt.

Als „Wortführer des amerikanischen Geistes“ hatte Sinclair Lewis Wolfe in seiner Stockholmer Rede bezeichnet und den Autor allen Anwesenden wärmstens ans Herz gelegt, „als Unterpfand für Amerikas eigentliches Wesen und für Amerikas Zukunft.“ Um beides besser zu verstehen, lohnt der bisweilen etwas beschwerliche Umweg via Wolfes zweitem Roman.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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„Das kann ich besser!“

Freitag, 5. Dezember 2014

Der Kieler Weihnachtsmann heißt Jörg Lorenzen. Heute Abend und morgen wird er wieder alle Hände voll zu tun haben. Doch wie kommt man überhaupt zu einem solchen Job? Der in Berlin erscheinenden überregionalen tageszeitung, kurz: taz, stand Lorenzen in einem Interview Rede und Antwort.

Die Anregung für sein ausgefallenes Hobby kam demnach, als er mit „meinen beiden damals kleinen Söhnen über den Husumer Weihnachtsmarkt ging und einen Weihnachtsmann in einem billigen Karstadt-Mantel, mit Wattebart und Maske sah. Da dachte ich spontan: Das kann ich besser!“

Lorenzen kaufte sich bei einem Spezialversand einen hochwertigen Mantel und gab eine Anzeige in der Zeitung auf: „Weihnachtsmann gesucht?“ Es meldete sich gleich eine Reihe von Familien. Lorenzen bereitete sich „wie ein Schauspieler“ auf die neue Rolle vor. Die Ernsthaftigkeit gepaart mit ein wenig Fantasie kam gut an. Lorenzen durfte auch in den folgenden Jahren den Weihnachtsmann mimen. Dabei ist ihm bewusst, dass er eigentlich nur als Stellvertreter des einig echten Originals unterwegs ist: „Mauri Kunnas hat ihn in seinem Buch Wo der Weihnachtsmann wohnt beschrieben. Wir hier sind ja nur die Helfer, die sich in Vertretung des richtigen Weihnachtsmanns ‘Weihnachtsmann’ nennen dürfen.“

Ach ja, der Original-joulupukki, wie er auf Finnisch heißt, wohnt in oder, besser gesagt, im Korvatunturi, einem Berg im äußersten Nordosten Finnlands an der Grenze zu Russland. Lorenzen hält sich im übrigen streng an den Ehrenkodex für Weihnachtsmänner – pardon, für Stellvertreter. So ist es ihm verboten, im Kostüm zu essen oder zu trinken. Dazu müsste ja der Bart hochgeklappt werden und würde somit als künstlich entlarvt. Was gar nicht geht, ist telefonieren. Das Handy bleibt während des gesamten Auftritts abgeschaltet und gut versteckt in der Tasche. „Diese moderne Technik“, so gut kann sich Lorenzen allemal in den Weihnachtsmann hineinversetzen, „ist nichts für ihn.“

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Über Dialekte sprechen im Small Talk

Mittwoch, 26. November 2014

Dialekt reden ist die eine Sache (siehe unseren Newsletter vom 19. November 2014: Dialekt sprechen im Small Talk?). Doch lässt sich im Small Talk auch über Dialekt reden; beispielsweise über die Akzeptanz der Mundart in Deutschland. Dazu wurden tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen angestellt!

So ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach, dass 73 % der Deutschen die Mundart ihrer Wohnregion sprechen, davon jeder zweite „gut“ und jeder vierte zumindest „ein wenig“. Das bedeutet freilich nicht, dass Dialekte überall gleich beliebt sind. Hier gilt es zu differenzieren.

Lassen Sie zunächst Ihr Gegenüber im Small Talk raten, welcher deutsche Dialekt bundesweit auf die meiste Gegenliebe stößt. Die Auflösung: Von allen Mundarten, die hierzulande gesprochen werden, ist Bayerisch am beliebtesten. 35 % aller Deutschen hören diese Mundart besonders gerne. Dahinter rangieren das norddeutsche Platt (29 %) und das Berlinerische (22 %).

Wie viele Dinge hat auch der Dialekt seine dunkle Seite. Auf die Frage, welche Mundart sie überhaupt nicht mögen, gaben 54 % der Deutschen das Sächsische an. Mit großem Abstand auf Platz 2 in dieser Wertung folgte Bayerisch mit 22 %. Ihr Gegenüber im Small Talk mag darin zu Recht ein Indiz sehen, dass mancher Dialekt die Meinungen spaltet. Fragen Sie ihn, welche Mundart er spricht.

Nicht jeder Sprecher ist von seinem Dialekt überzeugt. Das beste Verhältnis zum eigenen Idiom haben die Bayern: 77 % sagen, dass sie Bayerisch besonders mögen. 2 von 3 Norddeutschen lieben ihr Platt. Unsere Hauptstädter dagegen scheinen weniger lokalpatriotisch zu sein: Berlinerisch wird nur von 46 % seiner Sprecher geschätzt. Da ist das Dialektselbstverständnis der Sachsen wiederum besser: Nur 12 % von ihnen mögen die eigene Mundart nicht.

Jetzt ist Ihr Small Talk-Gesprächspartner wieder gefragt: Findet er denn seine eigene Mundart gut? Welche fremden Dialekte gefallen ihm? Und welche nicht? Wer weiß, vielleicht kann er Ihnen ja die eine oder andere Kostprobe darbieten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das Auge isst mit

Montag, 24. November 2014

„Es gibt kein schöneres Gefühl als den Hunger, kurz bevor man zur Speisekarte greift.“ Einen solchen Satz kann nur jemand fabrizieren, der aus gutbürgerlicher Familie stammt und dem zeitlebens nie länger als 6 Stunden der Magen geknurrt hat. Beim gut genährten und ebenso situierten Schauspieler Peter Ustinov, von dem das Eingangszitat stammt, ist dies sicher der Fall gewesen.

Gleiches dürfte für ein Mitglied einer anderen gesellschaftlichen Schicht gegolten haben: Heinrich von Braunschweig konnte ebenfalls stets davon ausgehen, dass etwas Leckeres auf den Tisch kam. Anno 1541 weilte der Herzog in seinem Wormser Schloss und sich selbst wohl ein wenig lang. Um die reichlich vorhandene Zeit zu verkürzen, wollte der Monarch gerne mehr über das nächste anstehende Highlight des Tages erfahren. Vom Küchenmeister ließ er sich die gesamte Speisenfolge des festlichen Abendmahls aufschreiben. So konnte er sich länger auf das Essens freuen und während des Tafelns seinen Appetit besser einteilen. Es war die Geburtsstunde der Speisekarte.

Sie brauchte noch zweieinhalb Jahrhunderte und den Aufstieg der dem Adel nächsttiefer gelegenen Klasse, um sich einzubürgern. Nach der Französischen Revolution wurde in der nun mächtigen Bourgeoisie der Hunger nach Repräsentation geweckt. Da nicht nur die Privilegien des Adels häufig per Guillotine beschnitten wurden, waren zahlreiche Köche plötzlich Ihres Dienstherrn verlustig gegangen. Um der Arbeitslosigkeit zu trotzen, orientierte sich mancher Weißmützenträger gleich zwei Klassen nach unten und ging dazu über, in Paris die hungrigen Revolutionäre zu verköstigen. Das Speisenangebot wurde auf eine Tafel oder eine Karte geschrieben, die bald zu Aushängeschildern für Restaurants wurden.

Ein weiteres Jahrhundert zog ins Land, bis Gaststättenbetreiber auf die Idee verfielen, eine gut gestaltete Karte lasse Rückschlüsse auf die Qualität der Küche zu. Wieder kam es zu einer klassenübergreifenden Kooperation: Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa, heute vor 150 Jahren in ein uraltes südfranzösisches Adelsgeschlecht hineingeboren, hatte einen langen gesellschaftlichen Abstieg hinter sich. Mittlerweile verkehrte er in den Halbweltetablissements des Pariser Künstlerviertels Montmarte und malte die von braven Bürgern Verachteten, die jedoch mehr oder weniger heimlich für das abendliche Vergnügen des Bessergestellten zu sorgen hatten: Huren und Stricher, Tänzerinnen und Gigolos, Bardamen und Zirkusartisten.

Toulouse-Lautrec malte engagiert und detailverliebt, mit hübschen Schnörkeln und vielen Verzierungen. Der Louvre lehnte seine Werke ab. Doch Gestalter von Plakaten und Informationstafeln wollten auf diese Kunst nicht verzichten, und auch Speisekarten von Toulouse-Lautrec erzielen längst einen viel höheren Preis als die auf ihnen verzeichneten Menüs.

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Ein sehr lebendiger Mythos und sein ganz besonderer Tag

Dienstag, 18. November 2014

Der Schütze Toko stand im Dienst Harald Blauzahns. Eines Tages befahl ihm der Dänenkönig, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Toko nahm seine Armbrust und 2 Pfeile. Gleich der erste Schuss traf. Harald fragte Toko anschließend nach dem Zweck des zweiten Pfeils. Der wäre für den König gewesen, antwortete Toko ehrlich, für den Fall, dass er statt des Apfels seinen Sohn getroffen hätte.

Diese Geschichte entstammt den Gesta Danorum, den Taten der Dänen, die der Mönch Saxo Grammaticus um das Jahr 1200 aufgezeichnet hat. Es gibt weitere Sagen ähnlichen Inhalts aus Island, Finnland und Estland. Und natürlich aus der Schweiz. Die eidgenössische Version nennt sogar ein konkretes Datum: den 18. November 1307. Heute vor 707 Jahren verhaftete der Habsburger Landvogt Hermann Gessler angeblich den Jäger Wilhelm Tell. Letzterer hatte sich geweigert, sich vor einem sich in Altdorf im Kanton Uri auf einer Stange thronenden Hut zu verbeugen, der den Landvogt symbolisierte.

Tell drohte die Todesstrafe. Anschließend machte ihm Gessler denselben Vorschlag wie seinerzeit Harald Blauzahn dem Toko. Auch Tell hatte einen zweiten Pfeil parat, der dem Landvogt gegolten hätte. Statt Tell freizulassen, brach Gessler sein Wort und legte Tell in Ketten. Der konnte später fliehen und fand schließlich doch noch Verwendung für den zweiten Pfeil, den er Gessler ins Herz schoss.

Die Mehrheit der Schweizer glaubte noch in einer im Jahr 2004 durchgeführten Umfrage, Tell habe tatsächlich gelebt. „Man glaubt bekanntlich nur, was man auch glauben will“, findet der Schriftsteller Peter von Matt. „Die unbeschreibliche Wirklichkeit Tells ist seine Funktion im seelischen Haushalt der Nation.“ Den Wilhelm Tell hat, assistiert Matts Kollegin Franziska Schläpfer (Schweizer Lexikon der populären Irrtümer. Piper Verlag, München 2006), habe der politische Wille der Schweizer am Leben erhalten.

Der Historiker Jean-François Berger spricht von einem „vielfältig schillernden Mythos“, der „abwechselnd freiheitsberauschend, zusammenführend, rebellisch, konservativ, von der Linke an sich gerissen und von der Rechten einverleibt“ worden sei. In diesen Attributen wird sich fast jeder Schweizer wieder erkennen. Wenn auch Tell nicht wirklich existiert haben mag, ist doch der Mythos, der zur Staatsgründung beigetragen hat, immer noch sehr präsent. Heute, am Wilhelm-Tell-Tag, scheint er lebendiger denn je.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Tablett fliegt gegen die Wand

Montag, 17. November 2014

Es begann damit, dass ein Student in der Mensa der Universitätsstadt Pristina sein Tablett gegen die Wand warf. Einige Kommilitonen folgten seinem Beispiel. Anschließend besetzten sie das Gebäude. Es ging nicht nur um besseres Essen. Die aufsässigen Studenten gehörten zur albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo. Diese sei, fanden sie, trotz relativ weit reichender Autonomie im jugoslawischen Vielvölkerstaat politisch unterrepräsentiert und wirtschaftlich benachteiligt. Während beispielsweise die Slowenen im Schnitt mehr als das Doppelte des jugoslawischen Prokopfeinkommens erwirtschafteten, schafften die Kosovaren nicht einmal ein Drittel.

Auch in der Teilrepublik Serbien waren die Unterschiede krass und die Menschen in der nördlichen Vojvodina um ein Vielfaches reicher als die Albaner im armen Süden. Die Studenten verlangten entsprechende Reformen und eine stärkere Förderung von Wissenschaft, Bildung (die Analphabetenrate betrug in Slowenien weniger als ein, im Kosovo dagegen 17 %), Handel und Industrie im Kosovo.

Gazmend Zajmi, der albanischstämmige Rektor der Universität, versuchte zu vermitteln. Doch erreichte er seine Studenten nicht mehr. Die Proteste wurden schärfer. Zajmi erlaubte schließlich der jugoslawischen Bundespolizei, die Wohnheime der Studenten zu stürmen. Viele wurden bei dem Einsatz verletzt, 50 landeten in Haft. Ruhe kehrte im Kosovo nicht ein Im Gegenteil: Der Funke sprang auch auf die nichtakademische Bevölkerung über. Bald kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen in allen größeren Städten der Provinz. Die Rufe Kosova Republika hallten durch die Straßen. Es war der Anfang vom Ende des Kosovo als autonome Region der serbischen Teilrepublik Jugoslawiens.

Es gab Tote, das Kriegsrecht wurde verhängt, und die Gefängnisse bekamen reichlich Zulauf. Albanische Nationalisten schürten das Feuer und nutzten die Stimmung für ihre Zwecke aus, indem sie ein Großalbanien aus einer Vereinigung des jugoslawischen Nachbarstaats mit dem Kosovo und Westmazedonien forderten. Eine Spätfolge der Unruhen war der Kosovokrieg 1999, in dem seitens der NATO-Staaten freilich das Völkerrecht gebrochen und Restjugoslawien widerrechtlich angegriffen wurde, auch von Kampfbombern der Bundeswehr. Heute ist Internationaler Studententag. Die Regierungen sollten ein waches Auge auf eventuelle Proteste an ihren Universitäten werfen und darüber nachdenken, was sich daraus entwickeln könnte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Winkt morgen ein neues Rekordergebnis?

Donnerstag, 13. November 2014

non plus ultra: Übersetzt bedeuten diese 3 Wörter „nicht mehr weiter“. Aneinandergereiht werden sie heute als Synonym für das Größte, das Höchste oder auch das Unübertreffbare verwendet (siehe unseren Newsletter vom 16. September 2009: Das Nonplusultra).

Der Sage nach hat ein antiker griechischer Recke den Schriftzug am Felsen von Gibraltar angebracht. Das Naturdenkmal zählte als „Säulen des Herakles“ zu den sieben Weltwundern. Es sollte Reisende davon abhalten, die Meerenge zwischen Nordafrika und Europa zu durchfahren und die damals bekannte Welt zu verlassen. Der Spruch war so wirkungsvoll, dass Kaiser Karl V. – er machte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Spanien zum Weltreich – sich bemüßigt fühlte, ein symbolisches ‘plus ultra’ auf seine Fahnen zu schreiben: Das Ende der bewohnten Welt war noch nicht erreicht, es sollte noch weiter gehen.

Weiter gehen muss es auch für die deutsche Fußballnationalmannschaft nach 2 sieglosen Spielen hintereinander in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2016. Doch dürfte der nächste Gegner keine allzu hohe Hürde sein. Gibraltar weist in der aktuellen Tabelle der Gruppe D nach 3 punkt- und torlosen Spielen eine Torbilanz von -17 auf. Den 0:7-Packungen gegen Polen und Irland könnte morgen Abend in Nürnberg eine noch größere Schlappe folgen.

Zur Erinnerung. Die letzte zweistellige Niederlage in einem EM-Qualifikationsspiel gab es vor 3 Jahren: Am 2. September 2011 besiegten die Niederlande San Marino mit 11:0. Das Rekordergebnis in diesem Wettbewerb datiert vom 6. September 2006. Wieder hieß das Opfer San Marino. 13 Treffer mussten die Mannen aus der Minirepublik im Norden Italiens schlucken und erzielten wieder mal keinen eigenen.

Und wer war der Gegner? Richtig, die Deutschen! Ob die DFB-Elf in Nürnberg den eigenen Rekord zu brechen vermag? Nach der Niederlage in Polen und dem dürftigen Heimremis gegen Irland in den letzten beiden Qualifikationsspielen haben Jogis Löwen einiges gutzumachen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Small Talk über Toleranz

Mittwoch, 12. November 2014

Seit gestern sind im Rheinland die Narren wieder unterwegs. Fünfte Jahreszeit werden die je nach Kalender 3 bis 4 Monate genannt, in denen manches erlaubt und wenig unmöglich scheint. „Jeder Jeck is’ anders“, lautet der närrische Wahlspruch. Wenn das mal keine gelebte Toleranz ist!

Schlagen Sie im Small Talk den Bogen vom Karneval zur UNESCO, denn auch die Weltkulturorganisation befasst sich mit der Frage, wie man mit seinem Nächsten umgehen sollte. Die UNESCO hat den 16. November zum Internationalen Tag der Toleranz ausgerufen. Begangen wird er seit 1995.

Noch ein wenig früher als die UNESCO widmete sich Johann Wolfgang von Goethe dem Leben und dem Leben lassen. Der Menschheit vermachte der Schöngeist ein Zitat, über das nachzudenken sich lohnt. „Dulden heißt beleidigen“: Die dürren Worte des Dichterfürsten wirken beim ersten Hören reichlich schroff. Dabei war der durchaus liberale Goethe alles andere als ein Toleranzgegner. Freilich sah er die durchaus ehrenwerte Eigenschaft nur als ersten Schritt, um auf andere zuzugehen. Bliebe es langfristig bei der Toleranz, würde deren Wirkung bald nicht mehr zum Tragen kommen. Um wirklich eine Beziehung zu den Mitmenschen aufzubauen, müsse der Einzelne sein Gegenüber auch akzeptieren.

Wie eng Dulden und Nichtdulden beieinander liegen können, demonstrierte der Welt ein Physiker. Albert Einstein erwartete auf seine neu entwickelte Relativitätstheorie folgende Reaktionen: „Werde ich Recht behalten, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, die Franzosen, ich sei Europäer und die Amerikaner, ich sei Weltbürger. Werde ich nicht Recht behalten, werden die Amerikaner sagen, ich sei Europäer, die Franzosen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei ein Jude.“

Beenden Sie den Small Talk mit einem Preußen. Angehörigen dieses Volksstamms werden den Rheinländern diametral entgegengesetzte Qualitäten nachgesagt. Bei einem sehr prominenten Landsmann schien dies anders gewesen zu sein. „In meinem Staate“, sagte Friedrich der Zweite, „kann jeder nach seiner Fasson selig werden.“ Diesen Individuen und Völker verbindenden Satz würde in Köln oder Düsseldorf jede Karnevalsgesellschaft bedenkenlos auf ihre Fahnen schreiben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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