Archiv für Kategorie ‘Menschen’:

Verfall, Trübsinn, Untergang

Freitag, 3. Februar 2012

Seine Gedichte trugen Titel wie Verfall, Melancholie, Trübsinn, Untergang oder Die Verfluchten. In ihnen wird „blasser Kinder Todesreigen“ aufgeführt, verbreitet sich „des Todes ernste Düsternis“, das „Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, „über unsere Gräber beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ und spiegelt sich der Poet im Wasser als krummer Schreiber, „umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt.“

Alles schwere Kost und nichts für einen fröhlichen Small Talk am 3. Februar, dem 125. Geburtstag des Dichters. Der in Salzburg zur Welt Gekommene gilt als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, und wenn ihm der im selben Bundesland geborene Kollege Josef Leitgeb konzediert, dass „kaum einer in Österreich je schönere Verse schrieb“, offenbart dies nicht nur Wertschätzung, sondern auch den sehr speziellen Sinn für Ausgelassenheit und Vergnügtheit, der unserem Nachbarvolk innewohnt.

Wer so denkt und fühlt, kann sich nur schwer auf die alltäglichen Dinge konzentrieren. Kein Wunder, dass der Schüler ohne Abitur vom Salzburger Stadtgymnasium abging. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre, vor allem weil er durch den anvisierten Beruf legal an die Drogen kam, die seinen Feierabend versüßten und seine Phantasie in höhere Sphären entführten.

Zum erfolgreichen Pharmaziestudium reichte es freilich nicht. Immerhin blieb ihm wie so vielen anderen gescheiterten Existenzen das Militär. Hier schlug der abgebrochene Student eine Offizierskarriere im Sanitätsdienst ein. Den Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Einsatz an der Front in Galizien verarbeitete er in einem letzten großen Gedicht, Grodek:

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düstrer hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, wie wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.“

Es war der erste Kriegsherbst nach der Euphorie des Sommers, als Unzählige sich frohen Mutes und benebelten Geistes freiwillig an die Front gemeldet hatten. Vier weitere deprimierende Herbste sollten folgen. Die brauchte der Dichter nicht, um zu erkennen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“.

Sich selbst wollte Georg Trakl das alles nicht mehr antun. Am 3. November 1914 nahm er sich das Leben. Standesgemäß, durch eine Überdosis Kokain.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Prototyp des verkannten Genies

Dienstag, 31. Januar 2012

Über den jungen Mann hieß es in der Presse, er „sorgt unablässig für die Befestigung seines Rufes als Liederkomponist. Er verdient ihn auch in vollstem Maße. Seine Kompositionen besitzen Originalität, Charakter, Wahrheit und Gefühl. Da ist keine Note unnütz und die unbemerkbarste Veränderung im Akkord oder in der Begleitung bewirkt oft den herrlichsten Effekt.“

Wer so gelobt wird, läuft Gefahr, am Ende seiner Laufbahn mit dem Prädikat „Verkanntes Genie“ abzutreten. Bei dem Komponisten, der heute vor 215 Jahren in Wien geboren wurde, war dies tatsächlich der Fall. Laut Selbsteinschätzung lag dies an der großen Konkurrenz in seiner Heimatstadt: „Zuweilen glaube ich wohl selbst im Stillen, es könne etwas aus mir werden, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“

Der andere Grund war die Unfähigkeit, sich selbst zu vermarkten. Nicht nur, dass derjenige, an dem offenbar niemand vorbeikam, dem Verzagten öffentlich bescheinigte, ihm wohne „ein göttlicher Funke“ inne. Der Meister tat ihm zusätzlich den Gefallen, vorzeitig von der Bühne dieses Lebens abzutreten.

Zudem fand sich der immer noch hoffnungsvoller Musiker Ende März 1827 in der Schar der 36 Fackelträger wieder, die Beethoven die letzte Ehre erweisen durften. Zuvor hatte die Stadt Wien ihm allerdings die frei gewordene Stelle des Wiener Vize-Hofkapellmeisters verwehrt. Sein größter künstlerischer und kommerzieller Erfolg in der österreichischen Metropole war ein Privatkonzert, das er exakt ein Jahr nach Beethovens Tod gab.

Leider wurde es von dem gleichzeitigen Gastspiel des italienischen Geigengenies Niccolò Paganini überschattet. Den Auftritt des Lokalmatadors dagegen hatte keine einzige Zeitung erwähnt. Ein halbes Jahr später war der Künstler tot.

Ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof – den legte man erst 1874 in der Hautstadt an – wurde ihm später dennoch zuteil.

„Die Nachwelt”, heißt es auf einer Webseite zu Ehren des Komponisten von mehr als 600 Liedern – „wollte sich jedoch nicht mit der unspektakulären Biographie des Schöpfers solch herrlicher Musik abfinden, und so wurde der Komponist einige Jahrzehnte nach seinem Tod zum verkannten romantischen Genie mit besonders ’sanften’ Charakterzügen hochstilisiert.“

Wie Franz Schuberts Leben wirklich verlief, ist unter schubertbund-siegburg.de nachzulesen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Friede der Kreatur

Freitag, 20. Januar 2012

Haben Sie es inzwischen drauf? Kniechen-Näschen-Öhrchen meine ich. Falls ja, können Sie nebenbei sicher diesen Newsletter lesen. Heute geht es um von vielen Menschen als ekelhaft empfundene Lebewesen. „Spinnen waren mir auch zuwider“, reimte anno 1878 Gottfried Keller, „all meine jungen Jahre, ließen sich von der Decke nieder. In die Scheitelhaare, saßen verdächtig in den Ecken oder rannten, mich zu erschrecken, über Tischgefild und Hände, und das Töten nahm kein Ende.“

Ganz schön brutal, nicht wahr? Immerhin entwickelte der große Schweizer Dichter mit den Jahren eine gewisse Toleranz gegenüber den kleinen Achtbeinern: „Erst als schon die Haare grauten, begann ich sie zu schonen, mit den ruhiger Angeschauten brüderlich zu wohnen.“

Die Angst vor Spinnen, die Arachnophobie, lässt sich am ehesten mit Arachnologie besiegen. Das wusste schon lange vor den Dichtern die Wissenschaftler. So auch der Forscher, der heute vor 222 Jahren das Licht der Welt erblickte: John Blackwall beschrieb in seinem Werk Geschichte der Spinnen Großbritanniens und Irland 340 Arten – und nahm Menschen wie dem jungen Keller einen Teil ihrer Angst vor den Krabbelfüßlern.

Möglich sogar, dass der Eidgenosse das Werk des Zeitgenossen einmal in Händen gehalten hat. Blackwall führte eine Korrespondenz mit Charles Darwin, einige Spinnenarten sind nach ihm benannt, und bis zu seinem Tod 1881 im nordwalisischen Llanwrust (sprich: Chlanrust, mit Schweizer Anlaut-’Ch’; Keller hätte das sicher gut gekonnt) (die verbale Herausforderung ist ähnlich der akrobatischen bei Kniechen-Näschen-Öhrchen) zählte er zu Europas führenden Insektenexperten. Ganz in Blackwalls Sinn beendete Gottfried Keller sein Gedicht Friede der Kreatur: „Hätt’ ich nun ein Kind, ein kleines, in väterlichen Ehren, recht ein liebliches und feines, würd’ ich’s mutig lehren, Spinnen mit den Händen fassen und sie freundlich zu entlassen; früher lernt’ es Friede halten als es mir gelang, dem Alten.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Vorsicht vor Kniechen-Näschen-Öhrchen!

Donnerstag, 19. Januar 2012

Im Jahr 1933 kam ein Film in die US-Kinos, der eine unwiderstehliche Wirkung auf sein Publikum ausübte. Fra Diavolo hieß er, und Dennis King spielte die Titelrolle des edlen Räubers. Doch das war nicht so wichtig, denn der Streifen war eh’ als Parodie ausgelegt.

So kam den Nebenfiguren Stanilo und Olivero, beide Spießgesellen Fra Diavolos, die tragende Rolle zu. Mit unerschütterlicher Komik wurden sie von Stan Laurel und Oliver Hardy verkörpert. So trägt denn auch die zentrale Szene kaum zur Handlung bei, zieht aber, als running gag fortgeschrieben, jeden Zuschauer in ihren Bann.

Um einen Wirtshausbesitzer, der Fra Diavolo erkennt, von einer möglichen Meldung abzuhalten, erfindet Stanilo das Kniechen-Näschen-Öhrchen-Spiel. Im englischen Original heißt es übrigens kneesy-earsy-nosey.

Es funktioniert wie folgt – versuchen Sie’s doch mal: Schlagen Sie sich mit beiden Handflächen auf Ihre Knie, greifen Sie anschließend gleichzeitig mit der rechten Hand ans linke Ohrläppchen und mit der linken Hand an die Nase, schlagen wieder mit den Handflächen auf die Knie und greifen danach mit der linken Hand ans rechte Ohrläppchen und gleichzeitig mit der rechten Hand an die Nase. Das wiederholen Sie möglichst oft und steigern dabei die Geschwindigkeit.

Für Stanilo ist das kein Problem, für seinen Kumpel Olivero schon. Eine wahre Katastrophe ergibt sich aus dem Spielchen für den Wirtshausbesitzer, genial gespielt vom australischen Komparsen Snub Pollard. Immer wieder werden dessen ungeschickte Bemühungen eingeblendet. Zuletzt sitzt er im Nachthemd mit Zipfelmütze auf seinem Bett, schlägt sich auf die Knie, eine Hand landet im Auge, während sich die andere in seinem riesigen Schnauzbart verfängt. Am Ende kann der gute Mann nur noch den Kopf schütteln.

Nicht aber die vorwiegend jungen Zuschauer im Kinosaal: Sie hatten schon während der Vorstellung nur noch Sinn für Kniechen-Näschen-Öhrchen, übten das Spiel auf dem Heimweg und am nächsten Tag in der Schule.

Und Sie? Hält es Sie noch am Schreibtisch? Oder ist eine Ihrer Hände schon im Monitor gelandet? Das größte Opfer der Laurel’schen Intrige kam auch nach Fra Diavolo nie über kleine Filmnebenrollen hinaus. Ob es an der verkorksten Koordination lag? Heute vor 50 Jahren ist Snub Pollard gestorben. Vermutlich hat er noch auf dem Sterbebett Kniechen-Näschen-Öhrchen geübt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Tag, an dem zwei Dichter gemeinsam starben

Montag, 16. Januar 2012

Wenn der Vater Staatsanwalt ist, noch dazu beim Militär, hat es der Sohn nicht leicht mit seinen schöngeistigen Neigungen. So geschehen im Fall des 1887 geborenen Georg Heym.

Mit 12 begann er erste Gedichte zu schreiben. Die stießen im Elternhaus auf wenig Gegenliebe, zumal die schulischen Leistungen mangelhaft waren. Mit Ach und Krach bestand Heym, nach mehrmaligem erzwungenen Wechsel der Lehranstalt, das Abitur. Um dem Vater doch noch zu gefallen, begann der Filius ein Jurastudium, das er nur bis zum ersten Staatsexamen durchhielt.

Ob sich die nächste Berufswahl als glücklicher erwiesen hätte? Zu der anvisierten militärischen Laufbahn sollte es freilich nicht mehr kommen. Und die literarischen Ambitionen? Erhielten ausgerechnet beim Sport neue Nahrung: Im Berliner Tennisclub Blau-Weiß hatte Heym den Menschen kennengelernt, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband - und der auch Schuld an seinem frühzeitigen Tod hatte.

Durch die Vermittlung des gleichaltrigen Ernst Balcke gelang es Heym noch vor dem Abitur, erste Gedichte zu veröffentlichen, wenn auch nur in einer Schülerzeitung.

Mehr Beachtung erhielt sein dramatisches Werk: Heyms Debütstück Athener Ausfahrt wurde, während er noch in Würzbug studierte, von einem Memminger Verlag gedruckt. In Berlin, wohin er wechseln musste, nachdem er nach Meinung des strengen Vaters in der Fremde zu viel Geld ausgegeben hatte, kam Heym wieder mit Balcke zusammen.

Zunächst im Verlauf des Jurastudiums durch ein gemeinsames Repetitorium, später zunehmend im Neuen Club, einer Vereinigung expressionistischer Künstler. Der Kunst tat’s gut. 1911 erschien Heyms erster Gedichtband Der ewige Tag im renommierten Ernst Rowohlt-Verlag.

Sogar beruflich gab es einen Erfolg zu vermelden: Die Garnison in Metz, bei der er sich als Fahnenjunker beworben hatte, nahm Heym an. Doch der Bescheid traf erst posthum ein, als Heym gemeinsam mit Balcke tot unter dem Eis der zugefrorenen Havel lag. Beide hatten auf brüchigem Eis eine Schlittschuhtour unternommen. Zuerst war Balcke eingebrochen, dann, beim Versuch, den Freund zu retten, zog es auch Heym in die Tiefe.

Heute vor hundert Jahren verlor Deutschland zwei Dichter auf einmal. Erst nach 8 Tagen wurde Heyms Leichnam gefunden, der tote Balcke sollte noch eine weitere Woche in seinem nasskalten Grab liegen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warten Sie nicht bis zum Frühling!

Mittwoch, 11. Januar 2012

“Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze”, heißt es im Roman Anna Karenina. So lange sollten Sie freilich nicht mehr warten. Das Thema der guten Absichten drängt sich im Small Talk zu Jahresbeginn geradezu auf. Wäre doch schade, wenn Sie dazu nichts beisteuern könnten!

In Leo Tolstois Sittenbild aus dem vorrevolutionären Russland läuft ohnehin alles schief. Zuerst ist die Titelheldin mit dem falschen Mann verheiratet. Dann verliebt sie sich – wieder in den Falschen. Gut, dass es im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bereits Züge gab, in die man oder frau einsteigen konnte, um alles zu vergessen. Und bestimmt wieder einen neuen Vorsatz zu fassen …

Mit Tolstois Roman hätten Sie schon mal einen guten Einstieg in den Vorsätze-Small Talk . Falls Sie es weniger literarisch mögen, greifen Sie doch zum Zitat eines gewissen Klaus Müller: “Vorsätze sind wie Aale: leicht zu fassen, aber schwer zu halten.” Müller war übrigens Vorstandsvorsitzender der Moto Meter AG. Die kennen Sie nicht? Müssen Sie auch nicht, denn das Autozuliefererunternehmen ging bereits 1995 pleite. Trotz aller guten Vorsätze.

Ein dritter Einstieg in den Small Talk stammt von einem deutschen Schauspieler: “Ein guter Vorsatz”, fand Siegfried Lowitz, “ist ein Startschuss, dem meist kein Rennen folgt.” Da empfiehlt es sich, den Startschuss möglichst früh ins Jahr zu legen. Dann bleibt Ihnen von den guten Vorsätzen wenigstens etwas für den Januar-Small Talk. Bis zum Frühjahr haben Sie ohnehin schon vergessen, was Sie sich vorgenommen haben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Als der Rubikon überschritten wurde

Dienstag, 10. Januar 2012

“Alea iacta est”, der Würfel ist geworfen: Mit diesen Worten überschritt Gaius Julius Caesar an der Spitze seines Heeres den Rubikon, den Grenzfluss zwischen Ober- und Mittelitalien.

“Der Rubikon ist überschritten”: Mit diesen Worten soll Bundespräsident Wulff dem Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann via Abrufbeantworter das Ende einer langjährigen Freundschaft angedroht haben. Die langjährige Freundschaft endgültig aufgesagt hatte mit seinem kühnen Wort und der nicht minder gewagten Flussüberquerung Caesar. Adressat war sein ehemaliger Verbündeter Pompeius. Der bestimmte als starker Mann in Rom die Geschicke des Senats.

Eigentlich hätte Caesar, um Freundschaft mit Pompeius zu wahren und Frieden mit Rom zu halten, sein Heer auflösen müssen. Er tat das Gegenteil. Der Schritt des ehrgeizigen Politikers über den Rubikon kam einer Kriegserklärung gleich. In der folgenden Schlacht besiegte Caesar Pompeius und beerbte dessen Position.

Christian Wulff als ehrgeizigen Politiker zu bezeichnen wäre eine Beleidigung seines Amtes. Als höchstes in der Bundesrepublik zu erreichendes ist es stets die letzte Station einer politischen Karriere. Deren vorzeitiges Ende wollte der Amtsinhaber mit seinem Anruf – dem weitere bei Konzernchef Matthias Döpfner und Verlagseignerin Friede Springer folgten – verhindern und die bislang willfährige Bild-Zeitung zum Schweigen über wenig präsidiales Finanzgebaren verpflichten.

Warum Wulff ausgerechnet den Rubikon-Vergleich bemühte, wird wohl sein Geheimnis bleiben: Saß der gebürtige Osnabrücker doch schon in Berlin; zwar nicht im Senat, sondern in Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten!

Von einem im nicht weit von Osnabrück entfernten Bielefeld aufgewachsenen Pressebüttel unter Hinweis auf ein Ereignis, das am 10. Januar des Jahres 49 vor unserer Zeitrechnung stattgefunden hatte, Wohlverhalten einzufordern, ist eines Oberhauptes eines sich nicht im Bürgerkrieg befindlichen Staates unwürdig. Ein Bundespräsident ist kein Kriegsherr und ein Bild-Chefredakteur kein Pompeius.

Hätte nur noch gefehlt, dass Wulff der Rubikon-Anspielung den berüchtigten Satz vorangestellt hätte: Alea iacta est.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Holländer als Papst

Montag, 9. Januar 2012

Ein Holländer als Papst: Das wäre doch mal – ein Kompromiss! Ein solcher war tatsächlich nötig, heute vor 490 Jahren. Damals standen sich zwei europäische Großmächte in tiefer Abneigung gegenüber.

Die Habsburger besetzten mit Karl V. (siehe unseren Newsletter vom 24. Februar 2010: Ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging) im Deutschen Reich und in Spanien gleich zwei bedeutende Throne. Da konnte Franz I. von Frankreich nicht ganz mithalten. Verhindern aber vermochte der König aus der Dynastie der Valois, dass mit dem Schweizer Kardinal Matthäus Schiner ein habsburg freundlicher Kandidat den Vatikan übernahm.

Noch schlimmer aus französischer Sicht wäre freilich ein Papst aus dem Hause Medici gewesen. Ein Pontifex einflussreicher Florentiner Provenienz hätte den Interessen der Habsburger in Rom und Norditalien Tür und Tor geöffnet. Deshalb hatte Karl V. ursprünglich Giulio de Medici für die Papstwahl vorgeschlagen. Blieb Kandidat Nummer drei. Der hieß mit bürgerlichem Namen Adriaan Florensz, war aber nicht in der toskanischen Metropole, sondern im niederländischen Utrecht geboren. An der Papstwahl hatte er selber nicht einmal teilgenommen. Die gute Nachricht musste ihm von drei Kardinälen ins spanische Tortosa überbracht werden, wo das Nordlicht seit sechs Jahren das Bischofsamt innehatte. Politisch mochte Hadrian VI. nur dritte Wahl gewesen sein. Was seinen Lebenswandel als Papst betraf, wurde nur Vorbildliches berichtet.

So weiß der Chronist Marino Sanuto zu erzählen: “Der Papst gibt am Tag nur einen Dukaten für seine Lebensmittel aus. Am Abend nimmt er diesen aus seiner eigenen Tasche heraus und gibt ihn seinem persönlichen Haushofmeister, dabei sagt er: ‘Kaufe davon das Essen für morgen.’” So viel Bescheidenheit kam weder bei den Römern noch bei den machtbewussten Kuttenträgern im Vatikan an. Die einen wünschten sich ein glanzvolleres Pontifikat, die andere mehr Einflussnahme in der europäischen Politik. Nach einem Jahr und acht Monaten wurden sie erlöst – durch den plötzlichen Tod Hadrians. Starb er an einem Fieber? Fiel er einem Giftanschlag zum Opfer?

Die Römer jedenfalls feierten Hadrians Leibarzt als ihren Retter. Die Habsburger äußerten sich nicht öffentlich und freuten sich insgeheim: Konnte doch Kaiser Karl endlich seinen alten Kandidaten durchsetzen. Giulio de Medici nannte sich als Papst Clemens VII. Bald wechselte der neue Pontifex jedoch die Seiten, indem er Franz von Frankreich unterstützte. Natürlich musste Clemens später dafür büßen. Seinem Essen, das, Vorkoster inbegriffen, gewöhnlich teurer als ein Dukat zu sein pflegte, wurde ein Grüner Knollenblätterpilz untergejubelt. Der muss irgendwie übersehen worden sein.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Eine Erfindung für den Haussegen, gegen den Schnapsteufel

Freitag, 6. Januar 2012

„Frauen, die schlecht kochen und welche kein gemütliches Heim zu schaffen vermögen, treiben ihren Mann aus dem Haus und dem Schnapsteufel in die Arme.“

Wie gut, dass der Mann, von dem diese Einsicht stammt, gleich auch ein Rezept wusste, um eine solche Tragödie erst gar nicht entstehen zu lassen. August Oetker, Sohn eines Bäckers und studierter Apotheker, sorgte dafür, dass jeder Kuchen gelingt und der einzige Schnaps, zu dem Ehemänner greifen mussten, bereits in der Torte drin war.

Erfunden hatte der heute vor 150 Jahren Geborene das Wundermittel freilich nicht. Diese Leistung ist dem US-Chemiker Eben Norton Horsford zuzuschreiben und datiert drei Jahrzehnte vor der Eröffnung von Oetkers erster Apotheke 1890 in Bielefeld.

Doch war der Ostwestfale ein Pionier der anderen Art: Durch geschicktes Marketing sorgte er für reißenden Absatz seines Pulvers, das 1893 unter der Bezeichnung Backin in die Läden kam. Ein gutes Dutzend Jahre später wurden bereits 50 Millionen Päckchen der den Hausfrieden wahrenden Mischung verkauft.

Zu diesem Zeitpunkt war Oetker längst Fabrikbesitzer. Das Rezept für das Pulver, das bis heute angeblich keine Veränderungen erfahren hat, blieb im Besitz der Familie. Auch der Firmenbesitz wurde an die jeweils nächste Generation weitervererbt. So konnte die Dynastie Oetker ihre marktbeherrschende Stellung ausbauen, zusätzlich befördert durch eine erfolgreiche Diversifizierung ihrer Produkte. Im lukrativen Segment der Tiefkühlpizzen etwa ist die Oetker AG in Europa unangefochtener Marktführer.

Das Auftauen der hartgefrorenen Scheiben stellt Hausfrauen vor keinerlei Probleme; der häusliche Verzehr verhindert ein Abwandern zum Italiener um die Ecke, wo beim Kippen des gratis angebotenen Digestifs der Schnapsteufel lauert.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Zu wenig russisch

Donnerstag, 5. Januar 2012

Der Mann, der heute vor 250 Jahren Zar wurde, „war weder geisteskrank noch unintelligent“, was für einen europäischen Throninhaber schon mal ganz gute Voraussetzungen bedeuteten.

Leider, setzt der Historiker und Russlandkenner Günther Stökl seine Beschreibung Peters III. fort, sei er „niemals zum Manne ausgereift. Neben „einer abstoßenden Infantilität“ bescheinigt der strenge Professor dem jungen Zaren „völligen Mangel an Anpassungsvermögen.“

Wenig verwunderlich, möchte man Stökl entgegenhalten, Peter wuchs in Holstein auf, sprach, dachte und fühlte eher deutsch als russisch und bewunderte den aufgeklärten Preußenkönig Friedrich II. Seinen größten Fehler beging Peter jedoch schon lange vor der Thronbesteigung am 5. Januar 1762: Er hatte eine Frau geehelicht, die, so Stökl, „ihm geistig in jeder Beziehung überlegen und die in siebzehnjähriger Ehe seine Todfeindin geworden war.“

Das lässt ahnen, wie die Beziehung endete. Überraschend nur, wie bald nach der Zarwerdung dies geschah: Gerade mal ein halbes Jahr auf dem Thron, war Peter bereits ein toter Mann. Da half auch nichts, dass er kurz zuvor abgedankt hatte; unter Zwang natürlich und – wer hätte das gedacht? – zum Vorteil seiner Gattin.

Für Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg hätte die zeitliche Abfolge günstiger nicht sein können. Die Geschichtsschreibung hält Katharina II., wie die Zarin sich fortan nannte, zugute, dass sie Russland besser regierte als fast jeder andere männliche oder auch weibliche Herrscher dieses Riesenreichs.

Dies ändert freilich nichts am verbrecherischen Charakter ihrer Machtübernahme, bei der ihr Liebhaber, der Armeeoffizier Grigori Orlow, wie auch beim Mord an Peter kurz darauf eine entscheidende Rolle spielte. Es gibt freilich Historiker, die den unglücklichen Zaren in einem besseren Licht darstellen, als Stökl es tut.

Danach war Peter ein Reformer, der sein Land demokratisierte, die Folter abschaffte, Korruption bekämpfte, das Beamtentum deckelte und sogar die Leibeigenschaft aufzuheben plante. Mit seiner aufgeklärten Haltung und seiner Bewunderung für Preußen einher ging freilich eine Eigenschaft, welche die Zahl seiner Fürsprecher in dem Maße reduzierte, wie sie ihn seinem eigenen Todesurteil näherbrachte: Auch in seiner kurzen Zeit als Herrscher verharrte Peter, um noch einmal Stökl zu zitieren, „vom ersten Tage an in einer Haltung des Protestes gegen seine russische Umwelt und der überheblichen Verachtung gegenüber allem Russischen.“

Seine Phobie brachte Peter einen Eintrag in die Geschichtsbücher: als Zar mit der kürzesten Regierungszeit.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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