Archiv für Kategorie ‘Menschen’:

Eine Lanze für die Lyrik: Was ist ein gutes Gedicht?

Dienstag, 20. März 2012

Literatur darf weder am reinen Unterhaltungswert und schon gar nicht am finanziellen Ertrag bemessen werden. Das gilt ganz besonders für die Lyrik. „Entscheidend ist auf’m Platz“, hat der Hobbylyriker Adi Preisler einmal gesagt. Zugegeben, im wirklichen Leben war er Fußballtrainer; er wurde in der ungewohnten Funktion nur zitiert, um endlich mal zwei Ypsilons in einem Wort unterzubringen.

Das schafft so leicht nicht mal’n Dichter. Was nicht heißt, dass sich der Schreiber dieses Newsletters jener Kunst rühmt: Geht seine Begabung doch kaum über das bloße Reimen der Endsilben hinaus! Was aber macht die Lyrik – morgen wird übrigens der Welttag der Poesie begangen – wirklich aus? Und wie kann man ihre Qualität beurteilen?

Vielleicht so: „Wenn mir ein Gedicht gefällt“, schreibt der Amerikaner John Ashbery, der sich selbst recht erfolgreich in dieser Kunst versucht, „ist es mir egal, was es bedeutet; entscheidend ist, dass alle Wörter an ihrem Platz sind. Also doch auf’m Platz, fernab aller Theorie.

Etwas ausführlicher nimmt sich Christoph Buchwald der Sache an. Der Herausgeber des Jahrbuch der Lyrik 2011 hat neue Handreichungen für Gedichtleser verfasst. Ferruccio Delle Cave (siehe unseren Newsletter vom 25. November 2011: Die etwas andere Art, Südtirol zu bereisen) stellte sie dankenswerterweise seinem Sammel- und Dokumentationsband über den Lyrikpreis Meran voran.

Die Entwarnung vorweg: „Lassen Sie sich den Spaß an der Sprache, am Gedicht nicht durch die angsteinjagende Frage: Was will uns der Dichter damit sagen? vermiesen.“

Was ein gutes Gedicht ist, vermag selbst Buchwald nicht zu entscheiden – und will es auch nicht. Was ein schlechtes Gedicht ist, weiß der Experte sehr wohl, und nennt als „Anhaltspunkte: schiefe Bilder, ungenaue Sprache, Denk- und Sprachklischees, … ungenaue Wie-Vergleiche, platte Metaphern, … romantisierendes Poëteln besonders bei Liebesgedichten, ideologische Phrasendrescherei oder platte Nachahmung.“

Die Frage, ob einem ein Gedicht gefallen hat, soll der Leser laut Buchwald völlig ungeniert zulassen. Und sich weiter fragen, warum ihm das eine oder andere Detail gefallen hat: „Wie ist das gemacht, mit welchen Mittel wird da gearbeitet.“ Um die Wirkung von Lyrik zu erklären, greift Buchwald zu einem Vergleich mit einer verwandten Sparte in einem anderen Genre, dem Jazz: Häufiger Umfang erhöhten das Vergnügen und die Orientierung erheblich.

„Nicht umsonst“, so Buchwalds Fazit, „haben Gedichte seit mehr als 2000 Jahren die Menschen immer wieder verzaubert, begeistert - oder verärgert.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Der Mann, der den Prager Fenstersturz auslöste

Freitag, 9. März 2012

In Prag steht am Fuß des Wenzelsplatzes die Kirche der unbefleckten Jungfrau Maria. Auf Tschechisch heißt sie Panny Marie Sněžky, wobei der letzte Teil des Namens für die Reinheit steht, den frisch gefallener Schnee symbolisiert.

In der Kirche predigte der hussitische (siehe dazu unseren Newsletter vom 6. Juli 2007: Ein Versprechen, das nicht gehalten wurde) Geistliche Jan Želivský die Reinheit des Wortes Gottes, die er von der katholischen Kirche beschmutzt sah: „Das Wichtigste ist die absolute Ergebenheit in den Willen Gottes, der unser gütiger Vater ist; an ihn müssen wir immer glauben, ihm müssen wir gehorchen, und für nichts achten müssen wir die verlogenen Anordnungen der Menschen: der Päpste, der Kardinäle, der verräterischen Magister. Ein wahrer Christ ist arm, demütig, geduldig, wahrhaftig, einfach, aufrichtig und rein.“

In seinen Predigten kritisierte Želivský ebenfalls die Unterdrückung seiner Glaubensgemeinschaft, die sich in erster Linie aus den Bewohnern der Prager Neustadt rekrutierte. Am 30. Juli 1419 hatte sich wieder eine große Ansammlung von Menschen in seiner Kirche eingefunden. Angeführt von Želivský begab sich die Menge anschließend zum Neustädter Rathaus, um die Freilassung aller in den letzten Monaten verhafteten Hussiten zu verlangen.

Ein heftiger Disput entspann sich zwischen den Demonstranten auf dem Karlsplatz und den Ratsherren, die sich aus den Fenstern der oberen Stockwerke heraus lehnten und wohl auch einige Gegenstände auf die Protestierenden herabwarfen. Daraufhin brachen die aufgebrachten Demonstranten das Rathaustor auf. Sie stürmten die Treppe hinauf; es kam zu einem kurzen Handgemenge. In dessen Verlauf wurden ein Dutzend Ratsherren und Begleiter durch die Fenster aufs Pflaster gestürzt.

Wer nicht durch den Fall ums Leben kam, landete auf den eisernen Spitzen der Spieße, die von den Untenstehenden emporgereckt wurden.

Die Vorgänge in und um das Neustädter Rathaus gingen als Prager Fenstersturz in die Geschichte ein. Es gab später noch zwei weitere (siehe unseren Newsletter vom vom 24. Oktober 2006: Was wissen Sie über unsere Nachbarn?).

Gewaltsam war auch das Ende, das der Prediger fand. Als Želivský die hussitische Revolution auch nach Nordböhmen führen wollte, geriet er in die Hände der kaiserlichen Truppen, die die Macht der Habsburger im ersten vom römischen Glauben abgefallenen Land Europas wiederherstellen wollten.

Anschließend wurde dem charismatischen Prediger, der in Prag immer noch viele Anhänger hatte, gerade auch wegen der blutigen Ereignisse in der Hauptstadt der Prozess gemacht. Mit dem Schwert hatte Želivský versucht, sein Volk zu befreien. Hingerichtet durchs Schwert verlor er sein Leben, am 9. März 1422, heute vor 590 Jahren.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Den Internationalen Frauentag abschaffen?

Donnerstag, 8. März 2012

Der Beginn des Industriezeitalters bescherte den Frauen doppeltes Unheil: Zuerst wurde sie bei der Fabrikarbeit ausgebeutet, zum Wohle des Kapitalisten. Nach Feierabend setzte sich derselbe Prozess in der Familie fort, diesmal zum Vorteil des Mannes.

Frauen, die ihren Marx gelesen hatten, hofften, in einer klassenlosen Gesellschaft würde es künftig keinerlei Ausbeutung geben und Frauen den Männern gleichgestellt werden. Dies war in keinem der Regime des 20. Jahrhunderts der Fall, die sich sozialistisch oder kommunistisch nannten.

Auch Kuba oder Nordkorea werden in absehbarer Zeit kaum von Frauen regiert werden. Doch sollte man deshalb den Gedenktag abschaffen, wie Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer fordert?

Zum ersten Mal begangen wurde der Internationale Frauentag 1911, als in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA Frauen unter anderem für das Wahlrecht demonstrierten, das ihre finnischen Mitkämpferinnen bereits 1906 erstritten hatten. Mit der Erfüllung dieses einen Punktes war es nicht getan. Einführung des Achtstundentags, gleicher Lohn für gleiche Arbeit sowie ein ausreichender Mütter- und Kinderschutz lauteten nach dem Ersten Weltkrieg die Hauptforderungen.

Der Internationale Frauentag wurde weltweit auf den 8. März festgelegt – den Tag des Jahres 1857, als in New Yorker Fabriken schuftende Frauen die Arbeit niederlegten. „Der 8. März ist eine sozialistische Erfindung, die auf einen Streik von tapferen Textilarbeiterinnen zurück geht“, schreibt Alice Schwarzer. „Doch gerade die Frauenbewegung entstand bekanntermaßen Anfang der 1970er Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke.

Eine Linke, die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ. Und die realsozialistischen Länder waren in den obersten Etagen bekanntermaßen auch frauenfrei.“

Die sogenannten realsozialistischen Länder, liebe Alice Schwarzer, waren und sind bekanntermaßen auch sozialismusfrei, nicht nur in den obersten Etagen. Ein Tag, an dem Frauen weltweit auf ihre unterprivilegierte Stellung aufmerksam machen, ist notwendig. Auch in einem Land wie der Bundesrepublik, in dem Frauen nur Karriere machen, wenn sich für die gesuchte Stelle kein Mann findet, nicht einmal ein unfähiger, der selbstverständlich für diese Arbeit auch noch besser bezahlt würde. Das sollte selbst bürgerlichen Feministinnen einleuchten.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Flop des Dick Fosbury

Dienstag, 6. März 2012

Haben Sie Leni Riefenstahls Olympia-Film von 1936 gesehen? Müssen Sie auch nicht, denn der Propagandastreifen ist in weiten Teilen unerträglich. Aber die Aufnahmen sind technisch sehr gut! Etwa vom US-Trio im Hochsprung: Cornelius Johnson, Dave Albritton und Delos Thurber wälzten sich, nach Absprung waagerecht in der Luft liegend, über die Latte.

Durchaus regelgerecht, denn seit eben jenem Jahr war nicht mehr vorgeschrieben, dass die Füße zuerst die Latte überqueren mussten. So hand- oder, besser gesagt, fußhabten es die altmodischen Europäer mit ihrer gegenüber dem Straddle kümmerlich anmutenden Scherensprungtechnik.

In Berlin freilich gewannen die im Wälzer- oder Rollstil – so heißt der Straddle auf Deutsch – springenden Amerikaner Gold, Silber und Bronze. Der Straddle dominierte bis zur Olympiade 1968, als ein noch kurioserer Stil Einzug in den Hochsprung hielt. Richard, kurz: Dick Fosbury hieß sein Protagonist.

Als die Zuschauer im mexikanischen Aztekenstadion den US-Boy zum ersten Mal springen sahen, brachen sie in hysterisches Gelächter aus. Zwei Stunden später lachte niemand mehr: Da hatte Fosbury bereits die Goldmedaille gewonnen. Seitdem kopieren alle Hochspringer die Technik, die nach dem Erfinder Fosbury-Flop genannt wurde.

Wie das aussah? Zitieren wir zu diesem Behufe das vom Sport-Informations-Dienst (sid) herausgegebene Olympiabuch von 1968: Der Athlet „lief fast von vorn an, schlug kurz vor dem Absprung einen leichten Haken, sprang ab, drehte sich mitten in der Sprungphase mit dem Rücken zur Latte und hob sich mit dem Kopf zuerst, also eine Art Rückwärtsrolle, über die Latte hinweg.“

Bald zollten Fosbury und seinem Flop auch die Fachleute Respekt. „Mit zunehmender Höhe und Leistung aber“, heißt es im sid-Bericht weiter, „schlug die Stimmung immer mehr um. Dick Fosbury begeisterte. Seine Konzentrationsfähigkeit, sein lockerer, schwingender Anlauf, dann der kraftvolle Absprung – das faszinierte. Das alles wirkte nicht gekünstelt. Es hatte durchaus Methode und vor allem den im Hochsprung so wichtigen Rhythmus.“ Nach Fosbury gab es keinen Medaillengewinner bei Olympia oder anderen großen Wettbewerben, der die revolutionäre Technik nicht angewandt hätte. Das ist bis heute so geblieben.

An diesem 6. März feiert der in Portland im US-Westküstenstaat Oregon geborene Erfinder des modernen Hochsprungs seinen 65. Geburtstag. Dick Fosbury hat der Welt gezeigt, dass man einem Flop auch mal etwas Positives abgewinnen kann. Eine olympische Goldmedaille beispielsweise …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Single?

Freitag, 2. März 2012

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Platte? Ihre erste Single, meine ich. Zugegeben, diese Frage können Sie im Small Talk nur älteren Gesprächspartnern stellen.

Für die Jüngeren: Eine Single, Material: Vinyl, konnte mit einem Plattenspieler samt Tonabnehmer abgehört werden. Zu diesem Zweck besaß das Gerät ein Laufwerk mit zwei Geschwindigkeiten: 33 Umdrehungen per Minute für eine Langspielplatte, auf die ähnlich viele Stücke passten wie auf die modernere Silberscheibe namens Compact Disc, und 45 Umdrehungen für die Single mit jeweils einem Lied von zwei bis sieben Minuten Länge auf Vor- und Rückseite.

Für den Käufer interessant war eigentlich nur die A-Seite: Sie gab den aktuellen Hit des Interpreten oder der Band wieder. Die Rückseite wurde nur angehört, wenn man wirklich nichts anderes zu tun hatte, was in den 1970er Jahren bei Jugendlichen in der Pubertät freilich häufig der Fall war. Falls Sie glauben, Rückschlüsse auf den Schreiber dieser Zeilen anstellen zu können, würde der Ihnen bescheiden, dass Sie gaaanz falsch – nun wieder auch nicht liegen.

Meine erste Single stammt zwar aus dem Jahr 1966, erwerben konnte ich sie erst mit einigen Jahren Verzögerung. Eine Nachbarin hat sie mir geschenkt, weil sie das Gedudel auf der kleinen schwarzen Scheibe nicht mehr ertragen konnte. Aufmerksam geworden auf die Platte bin ich über ein anderes Medium: Durch Peter Zadeks Verfilmung von Kurt Valentins Roman Die Unberatenen zieht sich der Song wie ein roter Faden.

Wenn ich Ihnen jetzt noch verrate, dass der Sänger heute seinen 70. Geburtstag feiert, müssten Sie eigentlich darauf kommen. Lou Reed heißt er. Bekannt wurde Reed als Frontmann der Band Velvet Underground. Der eingehende Rhythmus war so simpel, dass manche Experten gar vom ersten Punklied der Musikgeschichte sprechen, obwohl die Richtung sich erst ein Jahrzehnt später entwickelte. Ausgekoppelt wurde die Single aus dem heute noch gerne als CD gekauften Album mit der Banane auf dem Cover, dessen schlichter Titel als Verbeugung an den großen Förderer der Combo angesehen werden darf: Andy Warhol.

Und wie hieß die Single? Richtig, Waiting for the Man. Der Text war nicht ganz jugendfrei, es geht natürlich um Drogen und Sex. „I’m waiting for my man”, singt Reed immer wieder, “twenty-six dollars in my hand.” Raten Sie mal, was der Protagonist für das Geld kaufen will und wie er es sich besorgt hat. Aber die Musik, und jetzt sind wir endlich beim Rock’n'Roll, war höllisch gut.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Erster März, kein Scherz

Donnerstag, 1. März 2012

„Ein Knabe, in diesem Monat geboren, wird gerne essen und schlafen, schlafen und essen. Erreicht er das hundertundzehnte Jahr, kommt er zu einem hohen Alter.“ Mit diesem Monat meinte unser Mann den März, den Rest seines Zweizeilers betrachten wir – als Scherz.

So lustig prognostizierte vor 240 Jahren der Dichter Matthias Claudius. Ob er wegen solch leichtfertiger Sprüche zeitlebens unterschätzt wurde?

Dabei war sein erklärtes Ziel, die Menschen in seiner Umgebung aufzuklären und ihnen ein Stück Allgemeinbildung zu vermitteln. Als Medium verwendete Claudius den von ihm herausgegebenen Wandsbecker Boten (im 18. Jahrhundert wurde der heutige Hamburger Stadtteil noch mit ‘ck’ geschrieben).

Ähnliche Vorgaben hat der Newsletter, den Sie gerade lesen, und im Urteil der Zeitgenossen wird auch dessen Herausgeber nicht wesentlich besser dastehen. Der Big Talk findet anderswo statt.

Doch zurück zu Claudius: Der Pfarrerssohn aus geordneten Verhältnissen, also evangelisch, wusste genau, mit welchen Worten eine Gemeinde erreicht werden konnte: mit möglichst einfachen. Die Kritik an seinem als naiv gescholtenen Stil ließ ihn kalt. Mit manchmal durchaus beißender Ironie bewies Claudius, dass er noch schlichter konnte. Beim Adressaten kam seine volkstümliche Dichtung bestens an.

Das lag auch an dessen kluger Selbstbescheidung: „Sage nicht alles, was du weißt“ lautete Claudius’ Devise, „aber wisse alles, was du sagst!“ Falls es noch eines weiteren Beweises bedarf, dass seine Kunst so flach nicht war: Liest man heute des Dichters Verse, klingen sie noch immer aktuell. Meyers Lexikon bescheinigt ihnen „zeitlose Gültigkeit“.

Dieses Urteil gilt auch für das Gedicht Der Mensch, das sich etwas ernster als die Eingangszeilen, aber immer noch voller Humor mit dem Thema Höchstalter auseinandersetzt: „Und alles dieses währet, wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr. Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder, und er kömmt nimmer wieder.“

Ganz so hoch kam’s beim Dichter selbst übrigens nicht. Claudius starb 1815. Er wurde 74 Jahre alt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Witze über den 29. Februar

Mittwoch, 29. Februar 2012

Der traditionell schottische Heiratstermin ist der 29. Februar: Die Eheleute brauchen später nur alle vier Jahre ihren Hochzeitstag zu feiern. Bitte entschuldigen Sie den mäßigen Witz zu Beginn des heutigen Newsletters. Ich wollte nur das Humorkapitel mit einem weiteren Beispiel beenden, wie man es nicht machen sollte. Dabei ist gegen den Zweizeiler – außer dem Adjektiv – nichts einzuwenden.

Schotten finden Witze über ihren vermeintlichen Geiz nicht lustig. Sie treffen auch keineswegs zu, wie der Autor dieser Zeilen sich bei einem längeren Auslandsaufenthalt überzeugen konnte. Eher sind die Deutschen geizig. Die Schotten können beispielsweise nicht nachvollziehen, dass Deutsche in der Kneipe bei der Lieferung einer Tischrunde Bier jeder seins für sich bezahlt – statt sich beim Begleichen der kompletten Runde abzuwechseln. Auch das Bestehen vieler Deutscher auf getrennten Rechnungen beim Restaurantbesuch erzeugt Stirnrunzeln: Briten wie Südeuropäer werfen den Betrag zusammen und schauen nicht so genau hin, ob sie gerade übervorteilt wurden oder nicht. Schließlich sitzt man mit Freunden zusammen.

Der Grund, warum Schotten seit Jahrhunderten des Geizes bezichtigt werden, liegt in deren Armut: Das karge, wettergebeutelte Land im Hohen Norden gab nicht so viel her wie die fruchtbaren Felder im geschützten Süden der Insel. Folglich hatten die Bewohner jenseits des Hadrianswalls weniger in der Tasche als ihre englischen Nachbarn.

Kommen wir noch mal auf den 29 Februar zurück. An diesem Tag wurde Gioacchino Rossini geboren, vor 220 Jahren in Pesaro. Der italienische Komponist machte gerne Witze über seinen deutschen Kollegen Richard Wagner. Das folgende Urteil Rossinis können Sie guten Gewissens im Small Talk über Musik und Musiker zum Besten geben: „Wagner hatte geniale Momente, aber grässliche Viertelstunden.“ Genies wie Richard Wagner, die durchaus von sich selbst überzeugt waren, tut das bisschen Kratzen am Sockel keinen Abbruch. Nennen Sie den Urheber des Zitats, und sie sind hinsichtlich eventueller Beleidigungsvorwürfe fein raus.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Genialer Schriftsteller, unglücklicher Mensch

Freitag, 24. Februar 2012

Sicher haben Sie es schon mitbekommen: Das Jahr 2012 ist ein Karl-May-Jahr. Morgen vor 170 Jahren wurde der Schriftsteller im sächsischen Hohenstein-Ernstthal geboren, am 30. März 1912 ist er in Radebeul gestorben.

Seine Lebensgeschichte liest sich wie eine Rags to Riches-Story. Rags sind Lumpen, Riches Reichtümer, die Geschichten spielen gewöhnlich in Amerika und bedienen den Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos. Teller hätte Karl May vielleicht gerne gewaschen. Stattdessen musste er Geldbeutel und Zigarrenetuis herstellen, bevor er in die Schreibstube wechseln durfte.

3 Jahre verbrachte May mit solch niederen Tätigkeiten auf Schloss Osterstein in Zwickau. Was sich nach einer noblen Adresse anhört, war in Wirklichkeit ein düsterer Gefängnisbau. Zu der Zuchthausstrafe mit Arbeitseinsatz war May wegen mehrfachen Betrugs verurteilt worden. Eigentlich hätte sie noch ein Jahr länger dauern sollen, doch wegen guter Führung wurde der Delinquent vorzeitig entlassen.

Wieder in Freiheit, begann May nicht etwa Erfolgsromane zu schreiben. Durch einen Schicksalsschlag – den Tod der geliebten Großmutter – ließ er sich erneut aus der Bahn werfen und setzte seine kriminelle Karriere fort. Das Register seiner Straftaten wurde immer länger. Kleinere Diebstähle mochten der Not geschuldet sein.

Nicht aber seine Hochstapeleien und Amtsanmaßungen: May klebte sich einen falschen Bart an und gab sich als Polizist aus, um in Handwerksbetrieben angebliches Falschgeld zu beschlagnahmen. Am Ende landete er wieder im Knast. Diesmal musste er die vollen 4 Jahre absitzen, im Zuchthaus Waldheim, dem größten seiner Art in Sachsen.

Dort endlich machte er nach eigenen Angaben eine Läuterung durch. Tiefer konnte er ohnehin kaum sinken. Immerhin arbeitete sich Mai vom Zigarrendreher zum Gefängnisbibliothekar hoch. Schriftsteller war er immer noch nicht. Im Entlassungsjahr gelang es ihm jedoch, eine Erzählung zu veröffentlichen: Die Rose von Ernstthal hatte zumindest so viel Erfolg, dass sie den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer auf den immer noch unter Polizeibeobachtung Stehenden aufmerksam machte.

Münchmeyer brauchte einen Redakteur, May Geld. Ab 1875 entspann sich eine Zusammenarbeit, in welcher der kreative Teil des Duos immer unzufriedener wurde. May schrieb und schrieb, lieferte Geschichte um Geschichte, Roman um Roman. Münchmeyer riss alles an sich, samt Rechten, um es zu vermarkten.

Größtenteils zu des Verlegers Vorteil: Der Autor wurde nach Selbsteinschätzung mit Almosen abgespeist. 30 Jahre später servierte ein endlich reich gewordener Schriftsteller seinem ungeliebten Patron die Rechnung, allerdings nur literarisch.

Ein Schundverlag hieß die Schrift, dem später noch das Pamphlet Ein Schundverlag und seine Helfershelfer folgten. Beide wurden erst nach Mays Tod veröffentlicht.

So viel Negatives über Karl May?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und zur Antwort bekommen: Er war ein genialer Schriftsteller, aber zeitlebens ein unglücklicher Mensch. Im Karl May-Jahr werden wir ihn noch öfter würdigen, dann kommen auch seine vielen guten Seiten zum Tragen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Die Kunst des Small Talks über Kunst (II)

Mittwoch, 22. Februar 2012

Stellen Sie sich vor, Sie sollen sich spontan über ein Kunstwerk äußern. Leider haben Sie keine Ahnung von moderner Malerei. Sie könnten sich jetzt mit Wassily Kandinsky herausreden: „Kunst ist ein kompliziertes Phänomen.“ Der russische Maler machte sich die Beantwortung der Frage, was Kunst ist, allerdings recht einfach.

Dass Sie keine Ahnung von Kunst haben, dürfen Sie im Small Talk ruhig zugeben. Seien Sie aber kein Langweiler. Sagen Sie lieber nicht: „Tut mir leid, ich habe keine Ahnung von dem Thema. Da muss ich passen.“

Sie sollen nicht passen. Vor allem nicht im Small Talk. Tun Sie stilvoll kund, dass Sie keine Ahnung haben. Das Kandinsky-Zitat ist ja nicht schlecht. Noch besser ist eins von einem französischen Schriftsteller. Edmond de Goncourt brachte es auf den Punkt: „Die meisten Dummheiten in der Welt muss sich wahrscheinlich ein Gemälde in einem Museum anhören.“

Viele, die sich Kunstexperten schimpfen, haben ebenfalls keine Ahnung von diesem Metier. Das stellen Sie mit folgender wahren Geschichte unter Beweis:

In Münster wurde die Ausstellung eines abstrakten Malers eröffnet. Gäste und Honoratioren waren versammelt, nur der Künstler fehlte noch. Nach längerer Wartezeit bat der Hausherr den eingeladenen Referenten, seine Eröffnungsrede zu halten: der Künstler stecke wohl im Stau.

Der Experte begann. Alles spitzte die Ohren, denn er war zweifellos vom Fach. Gerade erklärte er detailliert eines der Bilder, begeisterte sich vor allem für das Blau, das bewusst an den oberen Rand gesetzt sei – ein klarer Bezug zu „himmlischen Sphären“ – als Bewegung ins Publikum kam.

Ein junger Mann eilte nach vorn, sich für die Verspätung entschuldigend. Es war der Künstler. Als nächstes ging er wortlos zu seinem Bild, nahm es vom Nagel, drehte es um 180 Grad und hängte es wieder auf.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Im Westen nichts Neues

Donnerstag, 16. Februar 2012

„Am Vormittag läuten zehntausende Narren in vielen Städten Deutschlands die heiße Phase im Karneval ein. Zur Weiberfastnacht übernehmen die Jecken das Kommando für die tollen Tage. Pünktlich um 11 Uhr 11 stürmen verkleidete Frauen in den rheinischen Hochburgen die Rathäuser und schneiden Männern die Krawatten ab. Höhepunkt des Karnevals im Rheinland sind die Rosenmontagsumzüge, zu denen Millionen von Zuschauern erwartet werden.“

Moment, werden Sie sich an dieser Stelle vielleicht sagen, das habe ich doch schon mal gehört. Stimmt, denn diese Zeilen werden jedes Jahr von den Radiostationen wiederholt. Und das fast im selben Wortlaut, weswegen es dem Autor dieses Newsletters nicht schwergefallen ist, die heutige Ausgabe mit einem Monat Vorlauf zu produzieren.

Achten Sie doch mal auf die Nachrichtensendungen: Diejenigen vom Nachmittag unterscheiden sich von den früheren vor allem dadurch, dass statt der Gegenwartsform das Perfekt gewählt wurde. Ansonsten heißt es sowohl bei den öffentlich-rechtlichen als auch bei den Privatsendern wie alle Jahre wieder: Im Westen nichts Neues. In unserer morgigen Ausgabe werden Sie hoffentlich etwas für Sie Neues erfahren. Am darauffolgenden Werktag tun Sie dies bestimmt nicht: Dann heißt es wie alle Jahre wieder:

Am Rosenmontag wird unser Newsletter nicht erscheinen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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