Eine Lanze für die Lyrik: Was ist ein gutes Gedicht?
Dienstag, 20. März 2012Literatur darf weder am reinen Unterhaltungswert und schon gar nicht am finanziellen Ertrag bemessen werden. Das gilt ganz besonders für die Lyrik. „Entscheidend ist auf’m Platz“, hat der Hobbylyriker Adi Preisler einmal gesagt. Zugegeben, im wirklichen Leben war er Fußballtrainer; er wurde in der ungewohnten Funktion nur zitiert, um endlich mal zwei Ypsilons in einem Wort unterzubringen.
Das schafft so leicht nicht mal’n Dichter. Was nicht heißt, dass sich der Schreiber dieses Newsletters jener Kunst rühmt: Geht seine Begabung doch kaum über das bloße Reimen der Endsilben hinaus! Was aber macht die Lyrik – morgen wird übrigens der Welttag der Poesie begangen – wirklich aus? Und wie kann man ihre Qualität beurteilen?
Vielleicht so: „Wenn mir ein Gedicht gefällt“, schreibt der Amerikaner John Ashbery, der sich selbst recht erfolgreich in dieser Kunst versucht, „ist es mir egal, was es bedeutet; entscheidend ist, dass alle Wörter an ihrem Platz sind. Also doch auf’m Platz, fernab aller Theorie.
Etwas ausführlicher nimmt sich Christoph Buchwald der Sache an. Der Herausgeber des Jahrbuch der Lyrik 2011 hat neue Handreichungen für Gedichtleser verfasst. Ferruccio Delle Cave (siehe unseren Newsletter vom 25. November 2011: Die etwas andere Art, Südtirol zu bereisen) stellte sie dankenswerterweise seinem Sammel- und Dokumentationsband über den Lyrikpreis Meran voran.
Die Entwarnung vorweg: „Lassen Sie sich den Spaß an der Sprache, am Gedicht nicht durch die angsteinjagende Frage: Was will uns der Dichter damit sagen? vermiesen.“
Was ein gutes Gedicht ist, vermag selbst Buchwald nicht zu entscheiden – und will es auch nicht. Was ein schlechtes Gedicht ist, weiß der Experte sehr wohl, und nennt als „Anhaltspunkte: schiefe Bilder, ungenaue Sprache, Denk- und Sprachklischees, … ungenaue Wie-Vergleiche, platte Metaphern, … romantisierendes Poëteln besonders bei Liebesgedichten, ideologische Phrasendrescherei oder platte Nachahmung.“
Die Frage, ob einem ein Gedicht gefallen hat, soll der Leser laut Buchwald völlig ungeniert zulassen. Und sich weiter fragen, warum ihm das eine oder andere Detail gefallen hat: „Wie ist das gemacht, mit welchen Mittel wird da gearbeitet.“ Um die Wirkung von Lyrik zu erklären, greift Buchwald zu einem Vergleich mit einer verwandten Sparte in einem anderen Genre, dem Jazz: Häufiger Umfang erhöhten das Vergnügen und die Orientierung erheblich.
„Nicht umsonst“, so Buchwalds Fazit, „haben Gedichte seit mehr als 2000 Jahren die Menschen immer wieder verzaubert, begeistert - oder verärgert.“
Autor von Small-Talk-Themen.de


