Die vierte Gewalt?
Mittwoch, 18. Januar 2012Als vierte Gewalt in Deutschland werden die Medien bezeichnet. Sie üben – ähnlich dem vierten Schiedsrichter beim Fußballspiel – eine Wächterfunktion aus und greifen dann ein, wenn die ursprünglichen drei Gewalten versagen. Die sind in der Bundesrepublik durch die Verfassung festgelegt.
In der Causa Wulff waren sie zur Untätigkeit verurteilt: Ein Amtsenthebungsverfahren gegen einen Bundespräsidenten sieht das Grundgesetz nicht vor. Der höchste Würdenträger soll, falls er sich schwerwiegender Verfehlungen schuldig macht, zurücktreten. Zu einem solchen Schritt muss ihn die Einsicht leiten.
Will diese ihm selbst nicht kommen, soll die vierte Gewalt nachhelfen. Das tun in seltener Einmütigkeit nicht nur die öffentlich-rechtlichen Medien und die Qualitätspresse. Auch die größte Boulevardzeitung, ausnahmsweise mit sauberem investigativen Journalismus, trägt viel zur Aufklärung bei und hat Wulff in die Defensive getrieben. Gehen will der Präsident trotzdem nicht.
Offenbar kann er es sich leisten, seine Affären auszusitzen, sofern nicht zu unappetitliche Details ans Licht kommen. Dabei hilft ihm eine Öffentlichkeit, die als Ganzes gar nicht mehr existiert. Zu unterschiedlich sind die Kanäle, aus denen sich die Deutschen täglich informieren. Wer sich nur über Privatfernsehen, Gutelauneradio, illustrierte Blätter und Internetforen kundig macht, hat eine andere Wahrnehmung als Leser einer überregionalen Tageszeitung und regelmäßige Zuschauer von Tagesthemen und heute-Journal.
Die erste Gruppe von Konsumenten ist auf schnelle, rasch wechselnde Information aus. Eine Berichterstattung, die langwierig nach Ursachen forscht und sich durch Hartnäckigkeit auszeichnet, kommt gleichzeitig als langweilig und sich ständig wiederholend daher. Da die öffentlich-rechtlichen Anstalten – sie erreichen die weitaus größte Teilöffentlichkeit – sich bei der Programmgestaltung mehr an Einschaltquoten als am Erziehungsauftrag orientieren, wird sich dieses Phänomen weiter verstärken. Dies wiederum spielt den Apologeten eines Skandalpräsidenten wie Wulff in die Hände: Die von ihnen sorgfältig gestreuten Hinweise, die Berichterstattung über die Affären gehe „den Leuten“ längst auf die Nerven, sind für eine Aufklärung oder Aufbereitung kontraproduktiv. Ist dies beabsichtigt? Von einer konzertierten Aktion gegen die Presse kann zwar ebenso wenig die Rede sein wie von einer organisierten Pressekampagne gegen Wulff. Wirksam sind die Attacken auf jeden Fall: Indem man die vierte Gewalt madig macht, schafft man sie ab.
Autor von Small-Talk-Themen.de


