Archiv für Kategorie ‘Politik’:

Die vierte Gewalt?

Mittwoch, 18. Januar 2012

Als vierte Gewalt in Deutschland werden die Medien bezeichnet. Sie üben – ähnlich dem vierten Schiedsrichter beim Fußballspiel – eine Wächterfunktion aus und greifen dann ein, wenn die ursprünglichen drei Gewalten versagen. Die sind in der Bundesrepublik durch die Verfassung festgelegt.

In der Causa Wulff waren sie zur Untätigkeit verurteilt: Ein Amtsenthebungsverfahren gegen einen Bundespräsidenten sieht das Grundgesetz nicht vor. Der höchste Würdenträger soll, falls er sich schwerwiegender Verfehlungen schuldig macht, zurücktreten. Zu einem solchen Schritt muss ihn die Einsicht leiten.

Will diese ihm selbst nicht kommen, soll die vierte Gewalt nachhelfen. Das tun in seltener Einmütigkeit nicht nur die öffentlich-rechtlichen Medien und die Qualitätspresse. Auch die größte Boulevardzeitung, ausnahmsweise mit sauberem investigativen Journalismus, trägt viel zur Aufklärung bei und hat Wulff in die Defensive getrieben. Gehen will der Präsident trotzdem nicht.

Offenbar kann er es sich leisten, seine Affären auszusitzen, sofern nicht zu unappetitliche Details ans Licht kommen. Dabei hilft ihm eine Öffentlichkeit, die als Ganzes gar nicht mehr existiert. Zu unterschiedlich sind die Kanäle, aus denen sich die Deutschen täglich informieren. Wer sich nur über Privatfernsehen, Gutelauneradio, illustrierte Blätter und Internetforen kundig macht, hat eine andere Wahrnehmung als Leser einer überregionalen Tageszeitung und regelmäßige Zuschauer von Tagesthemen und heute-Journal.

Die erste Gruppe von Konsumenten ist auf schnelle, rasch wechselnde Information aus. Eine Berichterstattung, die langwierig nach Ursachen forscht und sich durch Hartnäckigkeit auszeichnet, kommt gleichzeitig als langweilig und sich ständig wiederholend daher. Da die öffentlich-rechtlichen Anstalten – sie erreichen die weitaus größte Teilöffentlichkeit – sich bei der Programmgestaltung mehr an Einschaltquoten als am Erziehungsauftrag orientieren, wird sich dieses Phänomen weiter verstärken. Dies wiederum spielt den Apologeten eines Skandalpräsidenten wie Wulff in die Hände: Die von ihnen sorgfältig gestreuten Hinweise, die Berichterstattung über die Affären gehe „den Leuten“ längst auf die Nerven, sind für eine Aufklärung oder Aufbereitung kontraproduktiv. Ist dies beabsichtigt? Von einer konzertierten Aktion gegen die Presse kann zwar ebenso wenig die Rede sein wie von einer organisierten Pressekampagne gegen Wulff. Wirksam sind die Attacken auf jeden Fall: Indem man die vierte Gewalt madig macht, schafft man sie ab.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Danke, ich kann klagen!

Donnerstag, 12. Januar 2012

Treffen sich zwei Staatsanwälte. “Wie geht’s?”, fragt der eine. “Danke”, kommt die Antwort, “ich kann klagen!”

Was sich wie ein Festtag für die Herren in den schwarzen Roben anhört, gibt es in Russland wirklich. Zurück geht der Tag der Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft auf den 12. Januar 1722. Vor 290 Jahren führte Zar Peter I. per Erlass das neue Organ ein. Es sollte der Staatsmacht jeglichen Ruch der Willkür nehmen, die einem absoluten Herrscher jener zeit anhaftete. Gleichzeitig wollte Peter mit dem Schritt demonstrieren, dass auch die Ideen der Aufklärung Einzug in ein modernes Russland hielten.

Die Wirklichkeit sah anders aus: Leider erwies sich die Staatsanwaltschaft nicht nur im Zarenreich immer wieder als Handlanger der Macht. Im Kommunismus war das nicht anders. Am schlimmsten waren die Auswüchse einer manipulierten Herrscherjustiz in den berüchtigten Schauprozessen unter Stalin – mit vorher feststehenden Urteilen und absurden, unter Folter vorbereiteten “Geständnissen” der Angeklagten.

Erst unter dem demokratischen Ex-Präsidenten Boris Jelzin war die russische Staatsanwaltschaft endlich auf dem Weg zu einer Integrität, die sie in ihrer langen Geschichte zuvor kaum gekannt hatte. Mit der Machtübernahme Wladimir Putins änderte sich das Bild. Stellvertretend für eine wieder willfährige Justiz im größten Land der Erde ist der Umgang mit dem Unternehmer Michail Chodorkowski. Zunächst wurde dessen Ölkonzern liquidiert und der Chef selbst der Steuerhinterziehung und des Betrugs angeklagt. Am Ende eines fragwürdigen Prozesses lautete das Urteil auf neun Jahre Straflager. Als sich die Haftzeit dem Ende neigte, bastelte die Staatsanwaltschaft – in wessen Auftrag sie wohl handelte? – erneut eine fadenscheinige Anklage. Dieses Mal musste als Vorwand das Vergehen der Geldwäsche herhalten. Seit 2003 ist Chodorkowski in Haft, bis 2016 darf er die Zellengitter von innen betrachten. Es sei denn, es findet sich wieder ein findiger Staatsanwalt: Dann wird Russlands prominentester Sträfling noch ein Weilchen länger sitzen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Als der Rubikon überschritten wurde

Dienstag, 10. Januar 2012

“Alea iacta est”, der Würfel ist geworfen: Mit diesen Worten überschritt Gaius Julius Caesar an der Spitze seines Heeres den Rubikon, den Grenzfluss zwischen Ober- und Mittelitalien.

“Der Rubikon ist überschritten”: Mit diesen Worten soll Bundespräsident Wulff dem Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann via Abrufbeantworter das Ende einer langjährigen Freundschaft angedroht haben. Die langjährige Freundschaft endgültig aufgesagt hatte mit seinem kühnen Wort und der nicht minder gewagten Flussüberquerung Caesar. Adressat war sein ehemaliger Verbündeter Pompeius. Der bestimmte als starker Mann in Rom die Geschicke des Senats.

Eigentlich hätte Caesar, um Freundschaft mit Pompeius zu wahren und Frieden mit Rom zu halten, sein Heer auflösen müssen. Er tat das Gegenteil. Der Schritt des ehrgeizigen Politikers über den Rubikon kam einer Kriegserklärung gleich. In der folgenden Schlacht besiegte Caesar Pompeius und beerbte dessen Position.

Christian Wulff als ehrgeizigen Politiker zu bezeichnen wäre eine Beleidigung seines Amtes. Als höchstes in der Bundesrepublik zu erreichendes ist es stets die letzte Station einer politischen Karriere. Deren vorzeitiges Ende wollte der Amtsinhaber mit seinem Anruf – dem weitere bei Konzernchef Matthias Döpfner und Verlagseignerin Friede Springer folgten – verhindern und die bislang willfährige Bild-Zeitung zum Schweigen über wenig präsidiales Finanzgebaren verpflichten.

Warum Wulff ausgerechnet den Rubikon-Vergleich bemühte, wird wohl sein Geheimnis bleiben: Saß der gebürtige Osnabrücker doch schon in Berlin; zwar nicht im Senat, sondern in Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten!

Von einem im nicht weit von Osnabrück entfernten Bielefeld aufgewachsenen Pressebüttel unter Hinweis auf ein Ereignis, das am 10. Januar des Jahres 49 vor unserer Zeitrechnung stattgefunden hatte, Wohlverhalten einzufordern, ist eines Oberhauptes eines sich nicht im Bürgerkrieg befindlichen Staates unwürdig. Ein Bundespräsident ist kein Kriegsherr und ein Bild-Chefredakteur kein Pompeius.

Hätte nur noch gefehlt, dass Wulff der Rubikon-Anspielung den berüchtigten Satz vorangestellt hätte: Alea iacta est.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Holländer als Papst

Montag, 9. Januar 2012

Ein Holländer als Papst: Das wäre doch mal – ein Kompromiss! Ein solcher war tatsächlich nötig, heute vor 490 Jahren. Damals standen sich zwei europäische Großmächte in tiefer Abneigung gegenüber.

Die Habsburger besetzten mit Karl V. (siehe unseren Newsletter vom 24. Februar 2010: Ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging) im Deutschen Reich und in Spanien gleich zwei bedeutende Throne. Da konnte Franz I. von Frankreich nicht ganz mithalten. Verhindern aber vermochte der König aus der Dynastie der Valois, dass mit dem Schweizer Kardinal Matthäus Schiner ein habsburg freundlicher Kandidat den Vatikan übernahm.

Noch schlimmer aus französischer Sicht wäre freilich ein Papst aus dem Hause Medici gewesen. Ein Pontifex einflussreicher Florentiner Provenienz hätte den Interessen der Habsburger in Rom und Norditalien Tür und Tor geöffnet. Deshalb hatte Karl V. ursprünglich Giulio de Medici für die Papstwahl vorgeschlagen. Blieb Kandidat Nummer drei. Der hieß mit bürgerlichem Namen Adriaan Florensz, war aber nicht in der toskanischen Metropole, sondern im niederländischen Utrecht geboren. An der Papstwahl hatte er selber nicht einmal teilgenommen. Die gute Nachricht musste ihm von drei Kardinälen ins spanische Tortosa überbracht werden, wo das Nordlicht seit sechs Jahren das Bischofsamt innehatte. Politisch mochte Hadrian VI. nur dritte Wahl gewesen sein. Was seinen Lebenswandel als Papst betraf, wurde nur Vorbildliches berichtet.

So weiß der Chronist Marino Sanuto zu erzählen: “Der Papst gibt am Tag nur einen Dukaten für seine Lebensmittel aus. Am Abend nimmt er diesen aus seiner eigenen Tasche heraus und gibt ihn seinem persönlichen Haushofmeister, dabei sagt er: ‘Kaufe davon das Essen für morgen.’” So viel Bescheidenheit kam weder bei den Römern noch bei den machtbewussten Kuttenträgern im Vatikan an. Die einen wünschten sich ein glanzvolleres Pontifikat, die andere mehr Einflussnahme in der europäischen Politik. Nach einem Jahr und acht Monaten wurden sie erlöst – durch den plötzlichen Tod Hadrians. Starb er an einem Fieber? Fiel er einem Giftanschlag zum Opfer?

Die Römer jedenfalls feierten Hadrians Leibarzt als ihren Retter. Die Habsburger äußerten sich nicht öffentlich und freuten sich insgeheim: Konnte doch Kaiser Karl endlich seinen alten Kandidaten durchsetzen. Giulio de Medici nannte sich als Papst Clemens VII. Bald wechselte der neue Pontifex jedoch die Seiten, indem er Franz von Frankreich unterstützte. Natürlich musste Clemens später dafür büßen. Seinem Essen, das, Vorkoster inbegriffen, gewöhnlich teurer als ein Dukat zu sein pflegte, wurde ein Grüner Knollenblätterpilz untergejubelt. Der muss irgendwie übersehen worden sein.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Zu wenig russisch

Donnerstag, 5. Januar 2012

Der Mann, der heute vor 250 Jahren Zar wurde, „war weder geisteskrank noch unintelligent“, was für einen europäischen Throninhaber schon mal ganz gute Voraussetzungen bedeuteten.

Leider, setzt der Historiker und Russlandkenner Günther Stökl seine Beschreibung Peters III. fort, sei er „niemals zum Manne ausgereift. Neben „einer abstoßenden Infantilität“ bescheinigt der strenge Professor dem jungen Zaren „völligen Mangel an Anpassungsvermögen.“

Wenig verwunderlich, möchte man Stökl entgegenhalten, Peter wuchs in Holstein auf, sprach, dachte und fühlte eher deutsch als russisch und bewunderte den aufgeklärten Preußenkönig Friedrich II. Seinen größten Fehler beging Peter jedoch schon lange vor der Thronbesteigung am 5. Januar 1762: Er hatte eine Frau geehelicht, die, so Stökl, „ihm geistig in jeder Beziehung überlegen und die in siebzehnjähriger Ehe seine Todfeindin geworden war.“

Das lässt ahnen, wie die Beziehung endete. Überraschend nur, wie bald nach der Zarwerdung dies geschah: Gerade mal ein halbes Jahr auf dem Thron, war Peter bereits ein toter Mann. Da half auch nichts, dass er kurz zuvor abgedankt hatte; unter Zwang natürlich und – wer hätte das gedacht? – zum Vorteil seiner Gattin.

Für Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg hätte die zeitliche Abfolge günstiger nicht sein können. Die Geschichtsschreibung hält Katharina II., wie die Zarin sich fortan nannte, zugute, dass sie Russland besser regierte als fast jeder andere männliche oder auch weibliche Herrscher dieses Riesenreichs.

Dies ändert freilich nichts am verbrecherischen Charakter ihrer Machtübernahme, bei der ihr Liebhaber, der Armeeoffizier Grigori Orlow, wie auch beim Mord an Peter kurz darauf eine entscheidende Rolle spielte. Es gibt freilich Historiker, die den unglücklichen Zaren in einem besseren Licht darstellen, als Stökl es tut.

Danach war Peter ein Reformer, der sein Land demokratisierte, die Folter abschaffte, Korruption bekämpfte, das Beamtentum deckelte und sogar die Leibeigenschaft aufzuheben plante. Mit seiner aufgeklärten Haltung und seiner Bewunderung für Preußen einher ging freilich eine Eigenschaft, welche die Zahl seiner Fürsprecher in dem Maße reduzierte, wie sie ihn seinem eigenen Todesurteil näherbrachte: Auch in seiner kurzen Zeit als Herrscher verharrte Peter, um noch einmal Stökl zu zitieren, „vom ersten Tage an in einer Haltung des Protestes gegen seine russische Umwelt und der überheblichen Verachtung gegenüber allem Russischen.“

Seine Phobie brachte Peter einen Eintrag in die Geschichtsbücher: als Zar mit der kürzesten Regierungszeit.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Friedlich schwappt die Westerwelle

Dienstag, 27. Dezember 2011

Über Guido Westerwelle ist in diesem Newsletter heuer bereits berichtet worden (siehe unsere Ausgabe vom 8. März 2011: Surfen auf der Westerwelle).

Es gäbe keinen Grund, dies schon wieder zu tun, würde er an diesem Tag nicht seinen fünfzigsten Geburtstag feiern. Zum Wiegenfest wäre dem Wahl-Bonner und Muss-Berliner zu wünschen, dass er sich mal kein böses oder hämisches Wort anhören braucht.

In einem Jahrzehnt mit recht viel Fortüne war es ihm als Vorsitzender der FDP gelungen, diese auf ein historisches Hoch zu führen, welches ziemlich genau mit der letzten Bundestagswahl koinzidierte. Leider zeichnete Westerwelle auch für den anschließenden Absturz verantwortlich, der die einst stolzen Liberalen in Meinungsumfragen auf den Status einer Splitterpartei herabsinken ließ. Freilich bleibt bis zum nächsten bundesweiten Urnengang noch ein wenig Zeit.

Zeit, die der Ex-Vorsitzende nutzen kann, um in seinem zweiten Aufgabenbereich zu glänzen. Seine bisherige Bilanz als Außenminister ist eher durchwachsen; es gab viel mehr Gemecker als Lob. Manchmal erfolgte die Kritik auch zu Unrecht, muss von dieser Stelle, die dem Regierungslager zuzurechnen wohl niemand in den Sinn käme, einmal klar gesagt werden.

In der heikelsten Situation seiner Amtsperiode bewies Westerwelle Besonnenheit, Weitsicht, Mut und Standfestigkeit. Am Ende war es ihm gelungen, Deutschland aus einem Krieg herauszuhalten. Das hatte ein Vorgänger, der einer erklärt pazifistischen Partei angehörte, nicht geschafft: Unter der Ägide des Herrn Fischer wurden aus deutschen Kampfflugzeugen Bomben auf Belgrad und andere jugoslawische Städte abgeworfen.

Weitere Prüfungen für das heutige Geburtstagskind, der auch mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel eher zu den jugendlichen Mitgliedern der Ministerriege zählt, stehen an. Der zweite Redaktionswunsch zielt daher auf ein auch künftig friedliches Schwappen der Westerwelle im Kabinett. Auf dass den Außenguido nicht sein Spruch aus unbeschwerter Vergangenheit einholt:

Es schadet im Leben nicht, wenn man mehr zu Ende gemacht hat als die Fahrschule.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Nobelpreis für einen Verzichtpolitiker

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Was ist ein Verzichtpolitiker? Dieses Prädikat hafteten Politiker vor allem aus den Reihen der CDU/CSU dem ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler an. Konservative Stimmen warnten vor einem Ausverkauf deutscher Interessen, dessen erste Schritte sie in der Unterzeichnung der Moskauer Verträge und der Garantie der polnischen Westgrenze sahen. Damit seien die ehemals deutschen Ostgebiete für immer verloren.

Doch es kam noch schlimmer: Während eines Staatsbesuchs in Polen sank Willy Brandt vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos medienwirksam in die Knie und bat auch nichtjüdische polnische Opfer des Nationalsozialismus um Vergebung. Diese Geste brachte ihm, freundlich ausgedrückt, im Ausland ungleich mehr Anerkennung ein als in der Heimat.

Höhepunkt der in aller Welt genossenen Popularität war heute vor 40 Jahren die Bekanntgabe aus Oslo, dass zum ersten Mal ein deutscher Regierungschef den Friedensnobelpreis erhalten sollte. Mit seiner nur im Inland umstrittenen Ostpolitik eröffnete Brandt der deutschen Außenpolitik neue Möglichkeiten. Die Bundesrepublik übernahm fortan die Rolle eines Mittlers zwischen Ost und West. Spätestens 1989 kam Deutschland dies zugute, als Michail Gorbatschow den Widerstand der Sowjetunion gegen eine Vereinigung der deutschen Staaten aufgab.

Ein Verzichtpolitiker, um die Eingangsfrage zu beantworten, ist jemand, der in seiner Weitsicht zur richtigen Zeit Zugeständnisse macht, um später einmal die Früchte seines klugen Verhaltens zu ernten. Zum Glück durfte Willy Brandt dies noch erleben. Der Vaterlandsverräter, wie er aus dem rechten Lager gerne gescholten wurde, starb 1992.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Grüne Insel am Abgrund

Freitag, 14. Oktober 2011

Niemand kann so gut wie Ralf Sotscheck darlegen, warum Irland ruiniert wurde. Das tat der Autor in einem Interview mit WDR 5 und einem Beitrag für die tageszeitung, der leider nicht Eingang in sein neues Buch gefunden hat.

Darin zeichnet Sotscheck in überzeugender Weise nach, wie ein Komplott von Regierung und Banken seine Wahlheimat in die Pleite führte. Im März 2008 veröffentlichte Merrill Lynch einen Bericht über großzügige Kredite irischer Geldinstitute für Bauunternehmen. Diese Kredite stufte die US-Investmentbank als derart überzogen ein, dass mit einer Rückzahlung in absehbarer Zeit nicht zu rechnen sei. Dafür aber mit einem finanziellen Zusammenbruch der Geldgeber.

Noch am selben Tag wurde der Bericht zurückgezogen - auf Druck der irischen Banken und der irischen Regierung. Keinen Monat später veröffentlichte Merrill Lynch einen neuen Bericht. Alle irischen Banken seien kerngesund, hieß es darin. Für den Bericht kassierte Merrill Lynch sieben Millionen Euro. Das Geld kam von der irischen Regierung, deren Finanzminister umgehend eine Bankengarantie für alle irischen Geldinstitute aussprach. Am Wochenende zuvor hatte Irlands Regierungschef mit den Chefs der großen irischen Finanzminister Golf gespielt und im Clubhaus diniert - angeblich ohne dass bei diesem Anlass über die Bankengarantie gesprochen wurde.

Nach und nach kam die Wahrheit ans Licht; doch viel zu spät, um die Banken noch regresspflichtig zu machen. Auf den Schulden von weit über 100 Milliarden Euro blieben die zwei Millionen irischen Steuerzahler sitzen. Und das sind nur die von Banken verursachten Schulden! Hinzu kommen neue Kredite, mit denen der in Mitleidenschaft gezogene Staatshaushalt saniert werden soll Es handelt sich wohlgemerkt um Geldbeträge, an deren Verleihung die Bürger nicht einmal indirekt ein Mitspracherecht hatten. Ihre Regierung haben die Iren inzwischen abgewählt, an den Schulden werden ihre Enkel noch zu tragen haben. Hoffnung auf einen Wirtschaftsboom gibt es keinen: Den hat Irland in den letzten beiden Jahrzehnten erlebt und leider nichts für schlechte Zeiten zurückgelegt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Small Talk-Tipp für Reisen in die Schweiz

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Schweizer haben mit Österreichern eins gemeinsam: Sie fühlen sich von Deutschen bevormundet. Legendär der Fettnäpfchentritt des ehemaligen Finanzministers und vielleicht zukünftigen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück: Er bezeichnete die Schweiz als Steueroase, die auf eine schwarze Liste gehöre. Es war vor allem der rüde Ton des Deutschen, der die Schweizer in Rage versetzte: Statt Zuckerbrot zu reichen, müsse die Peitsche geschwungen werden, meinte Steinbrück und wünschte sich eine Kavallerie, welche die Eidgenossen wie weiland die US-Indianer zur Räson bringe. Heute noch plagen solche Erinnerungen die Schweizer Volksseele.

Der größte Fauxpas, den Sie als Deutscher begehen können, ist das Nachäffen des Dialekts: Die Schweizer wollen ernstgenommen werden. Die zweitgrößte Ungeschicklichkeit ist die Kritik am Bankgeheimnis. Dieses sehen die Schweizer als ihre ureigene Angelegenheit; in der sie sich keinesfalls – schon gar nicht von Deutschen – bevormunden lassen möchten. Und damit wären wir beim dritten Tabu: Treten Sie als Deutscher nicht großspurig auf. Versuchen Sie es mit britischem Understatement: Das kommt bestens an in der Schweiz.

Es gibt aber jemanden, weswegen die Schweizer den Deutschen dankbar sind. Streng genommen hat es diesen Jemand nie gegeben, und die Schweizer sind nur einem einzigen Deutschen dankbar: Friedrich Schiller. Der hat Wilhelm Tell geschrieben, aus dem die Eidgenossen ihren Gründungsmythos schöpften. Fragen Sie doch mal einen Schweizer, ob es den Tell wirklich gegeben hat. Sie bekommen bestimmt eine interessante Geschichte zu hören! Mit einem Wort des einheimischen Schriftstellers Peter von Matt lässt sich sagen, der politische Wille der Schweiz habe den Tell am Leben gehalten.

Damit wären wir bei der Politik. Und bei der Frage: Dürfen Sie im Small Talk auf die Eigenheiten der Schweizer eingehen? Sie können sich beispielsweise ahnungslos stellen und fragen: “Warum ist die Schweiz kein EU-Mitglied? Andererseits ist sie doch dem Schengener Abkommen beigetreten!” Für die Antwort müsste Ihr Gastgeber etwas weiter ausholen: Im Jahr 1815 erklärte der Wiener Kongress die immerwährende Neutralität der Schweiz. Seitdem hat sich das Land nicht nur aus allen Kriegen herausgehalten. Auch gegenüber internationalen Organisationen sind die Eidgenossen skeptisch. Doch das ändert sich. Immerhin gehört die Schweiz seit 1963 dem Europarat und seit 2002 den Vereinten Nationen an. Zu einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union konnte sie sich bislang allerdings noch nicht aufraffen, trotz des Schengenzonenbeitritts anno 2008.

Als Literatur zur Vorbereitung empfehle ich ein Buch, das so manche falsche Vorstellung, die wir Deutschen von der Schweiz haben, korrigiert: Franziska Schläpfer, Schweizer Lexikon der populären Irrtümer. Piper Verlag, München 2006. Ebenso lehrreich wie amüsant ist folgendes Werk: Sandra Willmeroth/Fredy Hämmerli, Exgüsi. Ein Knigge für Deutsche und Schweizer zur Vermeidung grober Missverständnisse. Orell Füssli Verlag, Zürich 2009.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Unverheiratet, Atheistin, im Ausland geboren – und Premierministerin

Donnerstag, 29. September 2011

Kann eine unverheiratete, kinderlose Frau, noch dazu Atheistin, Premierministerin eines westlichen Staates werden, in welchem sie noch nicht einmal geboren wurde?

Yes, she can, würden Einheimische sofort sagen. Bevor Sie jetzt lange herumrätseln, wo dieses Land liegen mag, verrate ich’s Ihnen: Es handelt sich um Australien, das seit dem 24. Juni 2010 von Julia Gillard regiert wird.

Heute vor 50 Jahren wurde die gelernte Rechtsanwältin und Labour-Politikerin in Wales geboren. Als sie 5 Jahre alt war, wagten ihre Eltern den Schritt, den Generationen zuvor straffällig gewordene Briten zwangsläufig tun mussten: Sie wanderten nach Australien aus.

Allerdings haftet Julia Gillard ein Makel an, Sie erreicht in Meinungsumfragen nicht die Popularität ihres Vorgängers Kevin Rudd (siehe auch unseren Newsletter vom 16. Januar 2008: Bye bye Plastikbeutel).

Der zum linken Spektrum von Labour zählende Ex-Premierminister war einer parteiinternen Intrige zum Opfer gefallen, bevor ihn seine sämtlichen Flügeln genehme Stellvertreterin ersetzen durfte. Dafür hat Julia Gillard die Parlamentswahl, der sie sich kurz nach ihrem Kaltstart stellen musste, gewonnen.

Wenn auch äußerst knapp: Im Abgeordnetenhaus von Canberra verfügt sie über eine Mehrheit von gerade einmal 2 Stimmen. Inzwischen hat sich die Premierministerin mit Ihrer Rolle und Australien mit seiner Premierministerin arrangiert. Für Julia Gillard keineswegs überraschend.

„Australier”, bekennt sie, „neigen nicht zu übertriebener Schwärmerei. Unsere Sprache ist von Natur aus lakonisch, unsere Denkweise aus Überzeugung realistisch.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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