Archiv für Kategorie ‘Politik’:

Der Krieg, der Südamerika veränderte

Freitag, 12. Dezember 2014

Erinnern Sie sich noch an unseren Newsletter über einen wohlwollenden Diktator? (siehe unsere Ausgabe vom 6 Oktober 2014: Ein wohlwollender Diktator). Sein Nachfolger, der Rechtsanwalt Carlos Antonio López, setzte im wesentlichen Francias Lebenswerk fort, führte sein Land aber nach und nach aus der Isolation.

Durch die vorsichtige Öffnung nach außen entwickelte sich Paraguay dank der soliden Basis, die Francia der Republik verschafft hatte, zum mit Abstand reichsten Land des Kontinents. Als erster lateinamerikanischer Staat besaß Paraguay eine Eisenbahn und eine Telegraphenlinie. In dem früheren reinen Agrarland entstand eine eisenverarbeitende Industrie, und in der Hauptstadt Asunción wurde sogar eine Werft gebaut.

Dabei blieb Paraguay im Gegensatz zu seinen hochverschuldeten Nachbarn unabhängig von ausländischem Kapital, konnte sich auf eine stabile Währung stützen und eine positive Handelsbilanz erzielen. Carlos Antonio López regierte Paraguay bis zu seinem Tod 1862.

Nachfolger wurde sein Sohn Francisco Solano López. Inzwischen war aus dem unscheinbaren Land eine nicht nur wirtschaftlich bedeutende Regionalmacht geworden. Mit einem stehenden Heer von 25.000 Soldaten besaß Paraguay eine größere Armee als Argentinien und Brasilien. Leider beging Francisco Solano López den Fehler, in der La-Plata-Region Großmachtpolitik zu betreiben. Als Brasilien in einen innerpolitischen Konflikt in Uruguay eingriff, ergriff López Partei. Er tat dies nicht aus politischer Überzeugung, sondern nur, um einen Vorwand für einen Einfall in Brasilien zu erhalten. Sobald die Regierung in Rio de Janeiro ihre ersten Soldaten nach Uruguay schickte, erklärte Paraguay – morgen vor 150 Jahren, am 13. Dezember 1864 – Brasilien den Krieg und marschierte mit seiner Armee in die brasilianische Provinz Mato Grosso ein.

Als Argentinien und Uruguay sich daraufhin mit Brasilien zur Tripelallianz verbündeten, besetzten paraguayische Truppen auch die argentinische Provinz Corrientes. In der Folgezeit tobte zwischen 1864 und 1870 der blutigste Konflikt, der je auf südamerikanischem Boden ausgetragen wurde. Mit seiner modernen Armee erwies sich Paraguay anfangs als klar überlegen. Doch auf Dauer konnte das bevölkerungsarme, etwa eine Million Einwohner zählende Land diesen Krieg nicht durchhalten. Die Wende trat ein, als die paraguayische Festung Humaitá am Paraguay-Fluss nach mehr als einjähriger Belagerung im August 1868 kapitulierte.

5 Monate später rückten die alliierten Truppen in Asunción ein. Der Krieg war jedoch erst zu Ende, als López, der sich mit seinen letzten Getreuen in den menschenleeren Nordwesten Paraguays zurückgezogen hatte, am 1. März 1870 im feindlichen Kugelhagel fiel. Die Auseinandersetzung zwischen Paraguay und der Tripelallianz forderten auf beiden Seiten ungeheure Opfer. Paraguay verlor vier Fünftel seiner männlichen Bevölkerung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg überschritt die Einwohnerzahl des Landes wieder die Millionengrenze.

Von Francias Erbe ist in Paraguay nichts übrig geblieben. Seit dem Krieg gegen die Tripelallianz kam das Land wirtschaftlich nicht mehr auf die Füße. In den 4 Jahrzehnten nach López’ Tod wechselten sich 22 Präsidenten an der Regierung ab. Paraguay versank im Chaos; Francias Revolution war nur noch Geschichte. Heute zählt Paraguay zusammen mit Bolivien zu den ärmsten Ländern Südamerikas.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Lesebuch über Revolutionen

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Am 4. Dezember 1914 erobern die mexikanischen Revolutionäre Emiliano Zapata und Pancho Villa die Hauptstadt ihres Landes. 2 Tage später entsteht die legendäre Aufnahme mit den Beiden im Präsidentenpalast (siehe unseren Newsletter vom 5. Februar 2007: Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt).

Seit 4 Jahren herrscht die Revolution im Land. Mit der demokratischen Verfassung vom Februar 1917 findet sie nur vorläufig ein Ende. 1919 wird Zapata ermordet, 1920 der gewählte Präsident Venustiano Carranza, 1923 Villa und 1928 Carranzas Nachfolger Alvaro Obregón.

Das revolutionäre Erbe Zapatas wird bis heute hochgehalten, etwa im südlichen Bundesstaat Chiapas durch die Befreiungsbewegung EZLN. Letzteres zeigt aber auch, dass Mexiko niemals zur Ruhe gekommen ist und wegen der nach wie vor bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten weiterhin Gefahr läuft, durch einen Aufstand im Innern destabilisiert zu werden – wäre es nicht längst schon durch kriminelle Banden destabilisiert worden, denen freilich nichts an einer Verbesserung der sozialen Verhältnisse gelegen ist.

Das Schicksal der Instabilität teilt Mexiko mit anderen Ländern, etwa der Ukraine, Georgien, Syrien, Tunesien oder Ägypten. In diesen Staaten haben in jüngster Zeit Revolutionen stattgefunden, deren Zielsetzung und Verlauf voneinander sehr verschieden waren. Der Prozess der gesellschaftlichen Veränderung und in manchen Fällen auch der staatlichen Desintegration ist längst noch nicht abgeschlossen. Höchste Zeit also, Rebellionen, Revolten und Revolutionen begrifflich voneinander abzugrenzen, im geschichtlichen Zusammenhang zu betrachten und sich Gedanken über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen zu machen.

All dies versucht ein Buch zu leisten, das soeben im Christoph Links Verlag erschienen ist und den Titel Revolutionen. Ein historisches Lesebuch trägt. Herausgegeben hat es Patrick Oelze, eingeleitet der Historiker und Wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin-Mitte, Stefan Wolle. Auch der Schreiber dieser Zeilen ist beteiligt: Von ihm stammt das Kapitel über Zapata und die mexikanische Revolution.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die erste Abgeordnete im britischen Parlament

Montag, 1. Dezember 2014

Nancy Langhorne hieß die erste Abgeordnete im britischen Parlament. Heute vor 95 Jahren trat sie ihr Mandat im bislang ausschließlich mit Männern besetzten House of Commons an. Bis die erste Frau Platz im House of Lords fand – Sitze im Oberhaus werden nicht durch Wahlen erkämpft, sondern auf Lebenszeit per königlicher Ernennung vergeben – sollte es noch ein weiteres halbes Jahrhundert ins Land ziehen.

Geboren war Miss Langhorne 1879 im US-Bundesstaat Virginia. Später heiratete sie einen englischen Adligen und trug seitdem den Titel einer Viscountess Astor (der Viscount rangiert in der britischen Adelshierarchie zwischen Baron und Earl), unter dem sie auch bekannt wurde. Ihren Unterhaussitz hatte sie als Angehörige der Konservativen errungen. In der Folge setzte sie sich jedoch für progressive Belange ein, etwa die Gleichberechtigung beider Geschlechter zumindest im Staatsdienst oder auch die Einführung des Frauenwahlrechts.

Vor allem die feministischen Themen waren es, die ihr die Gegnerschaft eines prominenten Parteifreundes einbringen sollte. Winston Churchill zeigte sich alles andere als begeistert von der Einmischung der Frauen in die Politik allgemein und von Lady Astor im Besonderen. Eine traute Unterhaltung der ungleichen Tories ist wie folgt überliefert: „Wären Sie mein Ehemann“, soll Lady Nancy einmal Sir Winston zugeraunt haben, „würde ich Ihnen Gift in den Kaffee schütten.“ Die angebliche Antwort des Angefeindeten: „Wären Sie meine Ehefrau, würde ich ihn trinken.“

Allerdings wird derselbe Dialog auch zwischen dem konservativen späteren Premierminister David Lloyd George und einer namenlosen Suffragette (siehe auch unseren Newsletter vom 19. Februar 2013: Eine Bombe für den Finanzminister) kolportiert. Nancy Astor war als Politikerin überaus erfolgreich. Sie behielt ihr Parlamentsmandat bis zu den Wahlen im Juli 1945, als der Labour Party ein erdrutschartiger Sieg gelang, bei dem diese fast doppelt so viele Sitze errang wie die Tories. Das wohl schönste Erlebnis der Astor’schen Laufbahn datiert vom Juli 1928: Im Equal Franchise Act beschloss das Unterhaus die völlige Gleichstellung von Männern und Frauen. Letztere durften bei den Wahlen ein Jahr später erstmals ihre Stimme abgeben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Tablett fliegt gegen die Wand

Montag, 17. November 2014

Es begann damit, dass ein Student in der Mensa der Universitätsstadt Pristina sein Tablett gegen die Wand warf. Einige Kommilitonen folgten seinem Beispiel. Anschließend besetzten sie das Gebäude. Es ging nicht nur um besseres Essen. Die aufsässigen Studenten gehörten zur albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo. Diese sei, fanden sie, trotz relativ weit reichender Autonomie im jugoslawischen Vielvölkerstaat politisch unterrepräsentiert und wirtschaftlich benachteiligt. Während beispielsweise die Slowenen im Schnitt mehr als das Doppelte des jugoslawischen Prokopfeinkommens erwirtschafteten, schafften die Kosovaren nicht einmal ein Drittel.

Auch in der Teilrepublik Serbien waren die Unterschiede krass und die Menschen in der nördlichen Vojvodina um ein Vielfaches reicher als die Albaner im armen Süden. Die Studenten verlangten entsprechende Reformen und eine stärkere Förderung von Wissenschaft, Bildung (die Analphabetenrate betrug in Slowenien weniger als ein, im Kosovo dagegen 17 %), Handel und Industrie im Kosovo.

Gazmend Zajmi, der albanischstämmige Rektor der Universität, versuchte zu vermitteln. Doch erreichte er seine Studenten nicht mehr. Die Proteste wurden schärfer. Zajmi erlaubte schließlich der jugoslawischen Bundespolizei, die Wohnheime der Studenten zu stürmen. Viele wurden bei dem Einsatz verletzt, 50 landeten in Haft. Ruhe kehrte im Kosovo nicht ein Im Gegenteil: Der Funke sprang auch auf die nichtakademische Bevölkerung über. Bald kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen in allen größeren Städten der Provinz. Die Rufe Kosova Republika hallten durch die Straßen. Es war der Anfang vom Ende des Kosovo als autonome Region der serbischen Teilrepublik Jugoslawiens.

Es gab Tote, das Kriegsrecht wurde verhängt, und die Gefängnisse bekamen reichlich Zulauf. Albanische Nationalisten schürten das Feuer und nutzten die Stimmung für ihre Zwecke aus, indem sie ein Großalbanien aus einer Vereinigung des jugoslawischen Nachbarstaats mit dem Kosovo und Westmazedonien forderten. Eine Spätfolge der Unruhen war der Kosovokrieg 1999, in dem seitens der NATO-Staaten freilich das Völkerrecht gebrochen und Restjugoslawien widerrechtlich angegriffen wurde, auch von Kampfbombern der Bundeswehr. Heute ist Internationaler Studententag. Die Regierungen sollten ein waches Auge auf eventuelle Proteste an ihren Universitäten werfen und darüber nachdenken, was sich daraus entwickeln könnte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Krieg wegen einem Ohr

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Stellen Sie sich vor, im Parlament wird über das Verhältnis zweier Staaten gestritten, und plötzlich liegt da dieses Ohr auf dem Rednerpult! Das passierte tatsächlich, im Londoner Unterhaus. Gegenstand der Debatte waren die seit längerem getrübten Beziehungen zwischen Großbritannien und Spanien. Eine Ursache lag im lebhaften Schmuggel von Waren nach Mittel- und Südamerika, den die spanische Kolonialmacht zu unterbinden suchte.

Dabei ging die Küstenwache nicht zimperlich vor. Gräuelgeschichten von brutaler Abschreckung, die angeblich nicht einmal davor Halt machte, überführten Schmugglern deren Gliedmaßen abzutrennen, erreichten die britische Insel und das Londoner Abgeordnetenhaus. War den Gerüchten zu glauben? Eine christliche Großmacht würde solch barbarische Maßnahmen kaum gutheißen! Oder doch?

Der Kapitän des englischen Handelsschiffes Rebecca redete nicht nur von Beweisen. Robert Jenkins legte sie auch vor. Es war sein eigenes Ohr, welches er den staunenden Parlamentariern präsentierte. Die mochten ihren Augen nicht trauen und hätten es besser auch nicht getan. Das Ohr befand sich, was niemand wusste, bereits seit 7 Jahren in abgeschnittenen Zustand und war von seinem ehemaligen Träger in einer Essiglösung konserviert worden. Man konnte ja nie wissen, wozu es noch einmal zu gebrauchen sein würde.

Tatsächlich ließen sich die Abgeordneten beeindrucken, zumal Jenkins schwor, der Abschneider, ein spanischer Schiffsführer namens Juan de Leon Fandino, habe ihm in wenn auch gebrochenem Englisch versichert, er würde dieselbe Strafe anwenden, stünde ein des Schmuggels überführter englischer König vor ihm. Es vergingen noch einige Monate, dann erklärte der britische Premierminister Robert Walpole, lange Zeit ein Gegner militärischer Mittel, Spanien formal den Krieg.

Das geschah am 23. Oktober 1739, heute vor 275 Jahren. Natürlich war Jenkins’ Ohr, das der Auseinandersetzung ihren Namen gab, nicht der einzige Grund. Würden die Briten das stets im Schlepptau Frankreichs agierende Spanien besiegen, hätte man die Ausgangssituation für die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit dem Hauptrivalen in den überseeischen Kolonien entscheidend verbessert. Doch es wurde nichts daraus, und nach 3 verlustreichen Jahren auf beiden Seiten ging der Krieg wegen Jenkins’ Ohr ohne nennenswertes Ergebnis zu Ende.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der erste Deutsche auf dem englischen Thron

Montag, 20. Oktober 2014

Als am 1. August 1714 die britische Königin Anna unerwartet stirbt, steht für einen deutschen Kurfürsten ein Umzug ins Haus. Schuld daran ist der 1701 vom englischen Parlament erlassene Act of Settlement. Er sichert den Protestanten die Thronfolge gegen alle Ansprüche von katholischen Prätendenten, nachdem die Ehe Wilhelms III. kinderlos geblieben und alle Kinder seiner Nachfolgerin Anna frühzeitig gestorben waren.

Erbberechtigt wird das Haus Hannover, dessen Kurfürstin Sophie von der Pfalz eine Enkelin König Jakobs I. von England ist. Sophies Sohn Georg Ludwig wurde lutherisch erzogen, hat eine militärische Karriere hinter sich und weist neben seinem Ordnungssinn das Pflichtbewusstsein als hervorragende Eigenschaft auf. Letzteres lässt ihn sein geliebtes Hannover verlassen und führt ihn heute vor 300 Jahren, am 20. Oktober 1714, als Georg I. auf den englischen Thron. Als er in London ankommt, ist er 54 Jahre alt und spricht nur ein paar Brocken Englisch.

Auch der britischen Küche misstraut er: Nicht weniger als 18 Köche sind Teil seiner gigantischen Entourage. Der Wechsel von der lutherischen zur anglikanischen Staatskirche, wie er ebenfalls im Act of Settlement vorgeschrieben ist, bereitet ihm dagegen keinerlei Schwierigkeiten. Eher schon die Mentalität der Briten, die ihm Steifheit und Schwerfälligkeit vorwerfen – Eigenschaften, die man im seit 1707 vereinten Königreich der Engländer, Waliser und Schotten den Deutschen allgemein nachsagt.

Ein Versuch, seiner Politik eine deutsche Note zu bewahren und weiter auf die altgedienten Hannoveraner Berater Andreas Gottlieb von Bernstorff und Hans Caspar von Bothmer zu setzen, ruft zunächst den Argwohn seiner neuen Untertanen hervor. Auch mit dem starken Mann der liberalen Whigs und Tory-Gegner Horace Walpole legt Georg sich an.

Doch mit Walpoles Berufung zum Lordschatzkanzler und Quasi-Premierminister (das Amt wurde offiziell erst 1730 eingeführt) 7 Jahre später wendet sich alles zum Guten. Das Inselreich stabilisiert sich politisch und wirtschaftlich. Zwar hat Georg nicht wirklich etwas zu sagen in Großbritannien, dafür festigt sich die Position des Hauses Hannover in der Thronfolge der konstitutionellen Monarchie.

Privat jedoch ist Georg in seinem neuen Domizil nie angekommen. Sechsmal verlässt er die Insel für ausgedehnte Besuche in der alten Heimat. Auf der letzten dieser Reisen erleidet er einen Schlaganfall. Am 22. Juni 1727 stirbt er in Osnabrück. Wenigstens seine letzte Ruhestätte findet Georg I. von England im Land seiner Vorfahren, in der Gruft des Leineschlosses zu Hannover.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein wohlwollender Diktator

Montag, 6. Oktober 2014

„Als die Revolution begann, war er im mittleren Alter. Ein Junggeselle, groß und finster, in einer Hand stets einen Becher mit Maté-Tee, in der anderen eine Zigarre. In seinem Wesen war er einsam und unnahbar: ein unerbittlicher Herrscher, ein unversöhnlicher und rachsüchtiger Feind; ein Mann, der niemals vergab und nie vergaß.“

So beschreibt der John Lynch, emeritierter Direktor des Londoner Instituts für Lateinamerikanische Geschichte, den paraguayischen Präsidenten José Gaspar Rodríguez de Francia. Lynchs deutscher Kollege Hubert Krier, der auch einmal Deutschlands Botschafter in Paraguay war, deutet Francias Persönlichkeit ein wenig anders: „Er selbst setzte seinem Volk das Beispiel. Er kannte keinerlei materiellen Genuss, keine künstlerischen, keine literarischen Interessen, nur unermüdliche Arbeit. Vom frühesten Morgengrauen bis spät in die Nacht regierte er sein Land, in völliger Einsamkeit, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Günstlinge, ohne andere Mitarbeiter als untergeordnete Hilfskräfte.“

Francia war, da würde keiner der beiden Experten widersprechen, ein seltsamer Mensch. Vor 200 Jahren putschte er sich in Paraguay an die Macht. Keine 12 Monate waren vergangen, seit der zwischen Bolivien, Argentinien und Brasilien eingekeilte Binnenstaat die Unabhängigkeit von Spanien erlangt hatte.

Zunächst war Francia Mitglied einer Dreierjunta, doch entledigte er sich rasch, mit recht brutalen Mitteln, seiner Mitregenten, den Generälen Atanasio Cabanas und Fulgencia Yegros. Seit dem 4. Oktober 1814 herrschte Francia allein. Er tat dies unangefochten bis zu seinem Tod. Eine Opposition ließ Francia nicht zu. Ihn einen Despoten zu nennen ist also nicht übertrieben. Doch war er ein Diktator, der – anders als die in den übrigen lateinamerikanischen Staaten regierenden Caudillos – seinem Volk mehr nützte als schadete.

Die Besitztümer in Paraguay waren relativ gerecht verteilt. Nirgendwo sonst in der südlichen Hemisphäre besaßen die Ureinwohner so viele verbriefte Rechte und auch so viel Land zum Eigenbebau wie in Paraguay. An demokratischen Maßstäben, wie sie bereits in Teilen Europas herrschten, darf man dessen Regierung freilich nicht messen. Francia schottete sein Land nach außen völlig ab. Die Isolation bewahrte Paraguay vor einer Verschuldung, wie sie den Nachbarländern zum Verhängnis wurde. Seinen Nachfolgern hinterließ Francia ein gesundes wirtschaftliches Fundament, auf dem diese das damals reichste Land Südamerikas aufbauen konnten.

Der Diktator selbst lebte völlig zurückgezogen: Als Francia am 20. September 1840 im Alter von 74 Jahren starb, schreibt der Autor Augusto Roa Bastos, der seinem Landsmann mit dem Roman Ich, der Allmächtige ein literarisches Denkmal setzte, hinterließ er an persönlichem Besitz „einen einzigen, gefleckten Gehrock, zwei Hosen, eine für Empfänge, die andere zum Reiten, und zwei Westen, die einen dreißigjährigen Krieg gegen Motten, Kakerlaken und Termiten geführt haben.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Von den Kleinen lernen - oder lieber doch nicht?

Freitag, 26. September 2014

„Wer viele Sprachen spricht, kann in vielen Sprachen Unsinn reden“: Das Urteil des österreichischen Erzählers Alexander Roda-Roda stammt aus einer Zeit, in der andere Länder nur besucht wurden, um sie zu erobern.

Die Einstellung zum Krieg hat sich geändert, die zum fremden Kommunikationsmittel kaum: Immer noch spricht fast die Hälfte der Europäer nur eine Sprache: die eigene. Erfreuliche Ausnahme: Die Staaten Europas mit geringer Einwohnerzahl. Oft lernt die dortige Bevölkerung außer der Muttersprache noch die des großen Nachbarn. So sprechen viele Portugiesen Spanisch, aber wenige Spanier Portugiesisch.

Die meisten Niederländer können Deutsch, aber wer bei uns spricht schon Holländisch? Und in Slowenien, fast vollständig von der Adria abgeschnitten und eingekeilt zwischen den Nachfolgestaaten der k.u.k. Doppelmonarchie, wird im Westen Italienisch, im Norden Deutsch, im Osten Ungarisch, im Süden Kroatisch und mit den Touristen Englisch parliert.

In der Schweiz beherrschen die meisten Einwohner die Landessprachen Französisch, Italienisch, Deutsch, dazu in der Regel auch Englisch. In die EU wollen die Eidgenossen aber nicht. In der Staatengemeinschaft drin sind seit deren Gründung die Belgier. Dafür funktioniert die Verständigung der Landesteile untereinander alles andere als reibungslos.

Der Sprachenstreit in unserem westlichen Nachbarland hat schon manche Regierung zum Scheitern gebracht. Die Flamen wollen als Fremdsprache lediglich Englisch akzeptieren; und für viele Wallonen ist es unter ihrer Würde, die frühere Bauernsprache aus dem nördlichen Landesteil zu erlernen. Sollen Sie sich, am heutigen Europäischen Tag der Sprachen, doch ein Vorbild an den Skandinaviern nehmen! In Finnland und dessen unfreiwilligen Schutzmacht vergangener Jahrhunderte, Schweden, musste der im Nationalsozialismus verfolgte Dramatiker Bertolt Brecht in seinen Exiljahren feststellen, schweigen die Menschen in beiden Sprachen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der jüngste Kanton der Schweiz

Montag, 22. September 2014

Als letzte Kantone der Schweiz, hieß es vor einiger Zeit in diesem Newsletter, seien Genf, Neuenburg und Wallis der Eidgenossenschaft beigetreten (siehe unsere Ausgabe vom 30. Juli 2014: Bundesfeiertag statt Nationalfeiertag). Das mag sein, doch der jüngste Kanton der Schweiz heißt Jura. Darauf machte mich unser Leser Werner Mathys aus Solothurn aufmerksam (siehe den Newsletter vom 12. Dezember 2011: Die 11 ist nicht nur Köln vorbehalten).

Das Territorium gehört zwar schon seit längerem zur Eidgenossenschaft, wenn auch unter anderem Namen. Am 24. September 1978 spalteten sich die französischsprachigen, katholischen Gebiete vom Kanton Bern ab. Jura hieß das 26. Mitglied der Confoederatio Helvetica und bestimmte das 11 000-Einwohner-Städtchen Delémont zu seinem Hauptort. Da in der Schweiz alles streng basisdemokratisch abläuft, mussten zuvor Volksabstimmungen auf regionaler (Westschweiz), kantonaler (Bern) und eidgenössischer (Gesamtschweiz) Ebene stattfinden.

Doch nicht immer ging es friedlich vonstatten. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Sezession, auch noch nach der Abspaltung, zumal die Gebiete des so genannten Bernerjura oder Südjura beim Kanton Bern verblieben waren. Zwar sprach sich die grosse Mehrheit der betroffenen Bevölkerung in einer Abstimmung für Bern aus, doch ausgerechnet im Hauptort des Bernerjura, Moutier, waren die Separatisten in der Überzahl.

Es kam sogar zu einem Sprengstoffanschlag auf das Gerichtsgebäude in Moutier, bei dem zum Glück niemand zu Schaden kam. Die bislang letzte Volksabstimmung zur Jurafrage fand 2013 statt - mit dem altbekannten Ergebnis. Weitere Urnengänge werden wohl folgen. Auch weitere Anschläge? Das perfideste Attentat ereignete sich am 3. Juni 1984. Er brachte alle bislang neutralen Schweizer gegen die Separatisten auf, so dass diese fortan als Juraterroristen bezeichnet wurden.

Was war geschehen? Ich verrate es Ihnen in der morgigen Ausgabe. Nur so viel: In die Affäre involviert war auch Shawne Borer-Fielding, die sehr blonde Miss Texas des Jahres 1995, die nach der Scheidung vom früheren Botschafter der Schweiz in Deutschland, Thomas Borer, ihren ersten Namensteil und ein wenig auch ihren guten Ruf einbüßte, letzteren jedoch in einer spektakulären Aktion wiederherzustellen vermochte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Konrad Wei� sch�mt sich

Freitag, 12. September 2014

Heute vor 25 Jahren gr�ndete sich die B�rgerrechtsbewegung Demokratie jetzt. Obwohl bereits viele Einwohner der DDR den R�cken gekehrt hatten, war ein Verfall der politischen Strukturen noch nicht abzusehen. Vor allem die Staatssicherheit funktionierte noch. Es geh�rte also einiges an Mut dazu, eine solidarische Gesellschaft, Freiheit und Menschenw�rde f�r alle, ein echtes Mehrparteiensystem und den Rechtsstaat einzufordern.

Konrad Wei� geh�rte zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs. Sp�ter sa� er f�r die Nachfolgeorganisation B�ndnis 90, die wiederum mit den Gr�nen fusionierte, im Bundestag. Doch auch im neuen Deutschland sah der unerschrockene Oppositionelle einige Grundrechte mit F��en getreten. Von einer solidarischen Gemeinschaft konnte seiner �berzeugung nach auch nach dem Fall der Mauer keine Rede sein.

Wei� sch�mte sich, vor allem wegen der �bergriffe auf Asylbewerber in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen - in seinen Augen ein Armutszeugnis sowohl f�r die Zivilgesellschaft als auch f�r eine Regierung, deren Mitglieder sich in Tatenlosigkeit, Wegschauen und lauwarmen Erkl�rungsversuchen �bten. Wei� fand Worte und brachte sie zur Sprache, in seiner vielbeachteten Rede Ich sch�me mich.

�Ich sch�me mich�, hei�t es darin. �Ich sch�me mich, Deutscher zu sein. Ich sch�me mich, in einem Land zu leben, das eine Mauer der Gewalt, der Gef�hllosigkeit, der Selbstsucht um sich baut. Ich sch�me mich, in einem Land zu leben, in dem Menschen Beifall klatschen, wenn Menschen angegriffen, verletzt, vertrieben werden. Ich sch�me mich, Mitb�rger von Feiglingen zu sein, die Frauen und Kinder schlagen und drangsalieren, die Jagd auf jene Menschen machen, die bei uns Zuflucht und Hilfe suchen oder anders sind.�

Entschuldigungen lie� Wei�, anders als viele Politikerkollegen, nicht gelten: �Weder die unbew�ltigte Vergangenheit noch die Deformierungen aus 60 Jahren Diktatur d�rfen als Entschuldigung daf�r dienen, dass Menschen wie Tiere �ber Menschen herfallen. Diese Fremdenfeindlichkeit so vieler Deutscher ist eine Unmenschlichkeit, die unentschuldbar ist.�

Bald musste die Politik ohne Wei� auskommen. Sein Bundestagsmandat lie� er auslaufen. Bei den Wahlen 1994 trat er nicht wieder an und sp�ter auch aus der Partei der Gr�nen aus. Vermisst hat ihn offenbar niemand, denn es ist sehr ruhig um Wei� geworden. Zu Unrecht, wie seine (selbst)kritische Rede beweist. Doch waren im wiedervereinigten Deutschland solche T�ne nicht gefragt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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