„Es gehört zum deutschen Spießertraum“, sagte einmal der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel, „dass die Schweiz als politisches Idyll fernab aller Probleme existiere.“ Wenn dem so ist, bin ich gerne deutscher Spießer und attestiere den Eidgenossen ein paar Eigenschaften, die ich auch meinem Volk wünsche – beispielsweise das unaufgeregte Verhältnis zu ihrer Nation. Am Wochenende begehen die Schweizer ihren Nationalfeiertag.
Dem allen Eidgenossen tief innewohnenden föderalistisch-sympathischen Wesen entsprechend nennen unsere Nachbarn ihren 1. August allerdings nicht ‚Nationalfeiertag’, sondern ‚Bundesfeiertag’. Der Schweiz ist jeder Zentralismus fremd. Sie hat nicht einmal eine Hauptstadt; Bern ist, seit 1848, offiziell nur ‚Bundessitz’. Auch nimmt es den Schweizern niemand übel, wenn sie Flagge zeigen: Das weiße Kreuz auf rotem Feld ist in der ganzen Welt willkommen. Als National-, pardon, Bundessymbol dient es seit 1824. Erfunden haben es die Schwyzer.
Wie es sich für einen dem föderalen Prinzip verpflichteten Bund gehört, wurde das Kreuz niemals als Flagge dekretiert: Die anderen Kantone haben das Schwyzer Wappen freiwillig übernommen. Nur bei den Ausmaßen der Flagge gibt es eine zentralistische Vorgabe. Im Jahr 1889 legte ein Bundesbeschluss fest, dass die vier Arme des Kreuzes je ein Sechstel länger als breit sind.
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Heute vor 50 Jahren gab die National Aeronautics and Space Administration ihr Raumfahrtprogramm Apollo bekannt Noch im selben Jahrzehnt, so die NASA, sollten bemannte Flüge zum Mond stattfinden. Nicht nur Raumfahrtlaien kratzen sich damals ungläubig am Kopf.
Doch als John F. Kennedy 10 Monate später in einer Rede die Vorhersage wiederholte, dass die Vereinigten Staaten noch vor Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond und wieder sicher zurück auf die Erde bringen würden, glaubten die Fachleute Bescheid zu wissen: Zwischen beiden Prophezeiungen lag die Erdumrundung des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin in seinem Raumschiff Wostok 1. Es konnte sich bei den großspurigen Versprechungen der Amerikaner also nur um Propaganda handeln. Kennedy sah das anders: „Manche Menschen betrachten die Dinge, wie sie sind, und sagen: ‚Warum?’ Ich träume von Dingen, die es nie gab, und sage: ‚Warum nicht?’”
8 Jahre später war die kühne Vision der NASA und des US-Präsidenten Realität. Die Sowjetunion hatte nach der Mondlandung der Amerikaner das Nachsehen. Ihr mächtigster Mann, Leonid Breschnew, meinte nur, wenn auch in anderem Zusammenhang: „Gott wird uns nicht verzeihen, wenn wir scheitern.“
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Jedes Jahr am 20. Juli wird der Hitler-Attentäter um den Grafen Stauffenberg gedacht. Früher brandmarkte sie die politische Rechte als Vaterlandsverräter, heute werden sie als Heroen stilisiert, zuletzt in dem unsäglichen Film Operation Walküre mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Für Verunglimpfung und Heldenverehrung können die Beteiligten von damals nichts. Ihnen ist allenfalls vorzuwerfen, dass sie ihr Attentat reichlich spät verübten, 11 Jahre nach der Machtergreifung und 5 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Diesen nicht verhindert zu haben warf sich ein anderer Hitler-Attentäter vor: Georg Elser handelte allein, aus Gewissensgründen und war anders als etwa Stauffenberg ein Hitler-Gegner der ersten Stunde. Die Vorbereitungen zum Attentat, das Hitler und den Krieg stoppen sollte, begannen nach der Münchner Konferenz (siehe unseren Newsletter vom 28. Oktober 2008 „Ein Staat, der nicht lange existierte“) und nahmen viele Monate in Anspruch: Tagsüber musste sich Elser in München verstecken, nachts schlich er sich in den Bürgerbräukeller ein, in dem Hitler traditionell in der Nacht zum 9. November eine Rede in Gedenken an frühe Nazi-Märtyrer zu halten pflegte. Am 8. November kamen 7 neue hinzu: Die Säule neben dem Rednerpult enthielt Dynamit; Elser hatte sie in monatelanger Nachtarbeit ausgehöhlt und entsprechend präpariert. Der Führer überlebte den Anschlag. Wegen Nebels hatte er München nicht per Flugzeug verlassen können und nahm den Zug Richtung Berlin. Als die Bombe per Zeitzünder detonierte, hatte Hitler den Saal bereits verlassen.
Elser wurde einen Tag später beim Versuch, die Schweizer Grenze zu überqueren, verhaftet. Er landete in Gestapo-Haft und nach monatelangen Verhören im KZ Dachau. Dort wurde er am 9. April 1945 ermordet – 20 Tage bevor amerikanische Truppen das Konzentrationslager befreiten. Einen Gedenktag für Elser gibt es bis heute nicht.
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Was tun Politiker an einem Tag mitten im Sommerloch, an dem sich nichts Verwertbares zu ereignen scheint? Sie setzen eine Pressemeldung in die Welt. Guido Westerwelle etwa könnte (wohlgemerkt, das ist rein hypothetisch!) verbreiten, König Albert habe sein Ministerium aufgefordert, deutsche Firmen im Kongo nicht länger zu unterstützen, da jener Staat im Herzen Afrikas traditionell zur Einflusssphäre Belgiens gehöre.
Nun liegt der Bundesrepublik – was ökonomische Beziehungen betrifft – nicht besonders viel am Kongo. Andererseits war Albert keineswegs darauf erpicht, Wirtschaftsprotektionismus an den Tag zu legen, sondern allein um die Sicherheit der Europäer in dem unruhigen afrikanischen Staat besorgt. Daher ließ er sein Auswärtiges Amt eine Reisewarnung aussprechen, die an sämtliche EU-Staaten weitergegeben wurde.
Spinnen wir den hypothetischen Faden ein wenig weiter: Der deutsche Außenminister möchte von eigenen Problemen ablenken, vielleicht auch ein wenig antibelgische Stimmung schüren – und ändert Alberts Schreiben leicht ab. Danach klingt es so, als wolle der belgische König deutschen Firmen vorschreiben, was diese im Kongo zu tun und zu lassen hätten. Die Folge wäre ein handfester politischer Skandal.
Vor 140 Jahren gab es einen solchen wirklich, als Otto von Bismarck die Emser Depesche veröffentlichte. Das Schreiben der französischen Regierung hatte der deutsche Kanzler bewusst so geändert, dass es klang, als wolle Frankreich Deutschland vorschreiben, was es in Spanien zu tun und zu lassen hätte: Man solle sich nicht in die dortigen Regierungsgeschäfte einmischen und die Hohenzollern für immer auf die spanische Thronfolge verzichten. Tatsächlich ist eine solche Forderung nie von Frankreich erhoben worden. Bismarck wollte nur von eigenen Problemen ablenken und vielleicht auch ein wenig antifranzösische Stimmung schüren. Das gelang ihm vortrefflich. 6 Tage später waren die Nachbarländer miteinander im Krieg.
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„Bald wird der Markenname Melitta allenfalls Nostalgikern noch ein Begriff sein“, hieß es in unserer Ausgabe vom 29. Juni („“). „Die Straßen werden wegen der Ausscheidung der vielen Pferde unpassierbar werden“, schrieb mir daraufhin ein Leser, sinngemäß Kaiser Wilhelm II. zitierend. Da hat er gar nicht so Unrecht. Der Leser, meine ich.
Überhaupt ist das mit den Vorhersagen so eine Sache. Wetterfrösche wissen, wovon ich rede. Doch auch andere Koryphäen irren sich. „Erfindungen sind längst an ihre Grenzen gestoßen. Ich glaube nicht mehr an irgendwelche zukünftigen Weiterentwicklungen.“ Wer das gesagt hat? Julius Frontinus, ein römischer Magistrat und gelernter Architekt. Wann das war? Nun ja, im Jahre 10 vor Christus. 1942 Jahre später erlaubte sich ein berühmter Physiker eine grobe Fehleinschätzung: „Es gibt nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass wir nukleare Energie jemals nutzen können.“ Sagte Albert Einstein.
Zugegeben, der Abwurf der Hiroshima-Bombe 13 Jahre nach dieser Aussage wird nicht in seinem Sinne gewesen sein. Selbst Politiker sind nicht unfehlbar Doch sie müssen es auch nicht sein. Auf die Frage, welche Kunst ein Staatsmann vor allem beherrschen muss, antwortete der frühere britische Premierminister Winston Churchill: „Zum einen die Kunst, im Voraus sagen zu können, was morgen, in einer Woche, in einem Monat und in einem Jahr geschehen wird. Uns fehlt schließlich noch die Fähigkeit, hinterher erklären zu können, warum es nicht eingetreten ist.“
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Über Tenzin Gyatso berichteten wir bereits in unserer Ausgabe vom 10. März 2009 („Seit 50 Jahren im Exil“). Im indischen Dharamsala, wo er seit einem halben Jahrhundert im Exil lebt, feiert der Dalai Lama heute seinen 75. Geburtstag. Wie üblich zu solchen Festen werden ihn viele gute Wünsche erreichen. Auch schöne Reden dürfte es zahlreiche geben.
Nutzen wird ihm und seinem tibetischen Volk dies alles herzlich wenig. Zu wichtig ist die Besatzungsmacht China in wirtschaftlicher Hinsicht, als dass man von Politikerseite ernsthaft über einen Boykott ihrer Waren nachdenken könnte. In Deutschland hat der Dalai Lama zudem seinen wichtigsten politischen Fürsprecher verloren: Roland Koch ist als hessischer Ministerpräsident zurückgetreten. Natürlich nicht wegen China. Das hat in Tibet inzwischen vollendete Verhältnisse geschaffen – durch eine Einwanderungspolitik, die das ursprüngliche Volk systematisch zur Minderheit gemacht hat.
Die Hoffnung auf eine Rückkehr in seine Heimat hat der Dalai Lama vermutlich längst aufgegeben: „Denke daran“, so lautet eine seiner Weisheiten, „dass etwas, was Du nicht bekommst, manchmal eine wunderbare Fügung des Schicksals sein kann.“ Vielleicht hätte man China einmal etwas nicht bekommen lassen sollen, die Olympiade 2008 etwa.
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Puumala ist ein kleines Nest im Südosten Finnlands, an der Grenze zu Russland. Keine 3000 Menschen leben dort; in den Sommerferien, wenn die Urlauber kommen, geht es merklich lebhafter zu. Einmal war schon Ende Juni jede Menge los. Schuld war ein Rudel schwedischer Touristen, die sich als Russen verkleidet hatten und für negative Stimmung sorgen wollten. Das gelang ihnen auch: Die Störenfriede packten einfach ihre mitgebrachten Waffen aus und begannen damit, auf ihr eigenes Heimatland zu schießen.
Damals grenzte Russland an Schweden, und Finnland gab es noch nicht – zumindest nicht als Staat. Das durchaus beabsichtigte Resultat des perfiden Spiels, welches sich der schwedische König Gustaf III. ausgedacht hatte, war ein Krieg zwischen seinem Land und Russland. Er begann heute vor 222 Jahren und endete 0:0. Was für den Schwedenkönig allenfalls ein wenig Gesichtsverlust auf dem europäischen Parkett bedeutete, war für seine Soldaten ungleich tragischer: 21.000 Menschen ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld. Noch mehr litt die Zivilbevölkerung unter den Launen ihres Herrschers: Fast 30.000 starben in den nächsten beiden Jahren.
Wieder ein Jahr später änderte Gustaf seine Meinung und hatte die Russen plötzlich wieder lieb. Er schloss sogar einen Freundschaftsvertrag mit ihnen. Für seine flatterhafte Politik musste der Monarch am Ende mit dem Leben bezahlen. Gustaf fiel einer Verschwörung des schwedischen Adels zum Opfer. Bei einem Maskenball in der Stockholmer Oper in der Nacht vom 16. auf den 17. März 1792 wurde er erstochen.
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„Meine Maxime ist: Die Karriere steht den Talenten offen, ohne Rücksicht auf Herkunft oder Vermögen.“ Das sagte Napoléon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, als seine Macht noch nicht so weit fortgeschrittener war. Im Herbst seiner Karriere dachte er anders. Da hatte er bereits große Teile Europas erobert und zur Sicherung seiner Macht viele kleine Königreiche und Fürstentümer geschaffen. Die wurden nicht von Fähigen, sondern von Hörigen regiert. Solche Leute findet man am leichtesten in der eigenen Verwandschaft.
Ein Beispiel war das Königreich Westphalen mit der Hauptstadt Kassel: In dem aus dem Herzogtum Braunschweig, Kurhessen und den ehemals Hannoverschen Besitztümern zusammengeklaubten Konstrukt mit dem hochtrabenden Namen herrschte ab 1807 Jerôme Bonaparte, der jüngste Bruder des Kaisers. Nach der Leipziger Völkerschlacht 6 Jahre später war der Spuk vorbei und Jerôme wieder in der alten Heimat. In Westfalen war statt gehobener Kultur und französischem savoir-vivre wieder provinzielle Bodenständigkeit angesagt, und beim Betreten eines Restaurants musste der Melkschemel nicht mehr abgeschnallt werden. Jerôme Bonaparte wurde von den westfälischen Dickschädeln keine Träne nachgeweint.
Heute vor 150 Jahren starb der Ex-König in Paris. Ein Denkmal haben sie ihm weder im kurhessischen Kassel noch im sauerländischen Kirchhundem errichtet.
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Woher stammt die amerikanische Freiheitsstatue? Und wie alt ist sie? Jünger als sie vermutlich denken: Morgen vor 125 Jahren kam sie per Schiff im Hafen von New York an. Aus Frankreich. Ursprünglich hatten die Franzosen den Amerikanern das Monument zum 100. Geburtstag der Vereinigten Staaten schenken wollen. Das wäre bereits 1876 gewesen. Leider benötigte der mit der Arbeit beauftragte Bildhauer erheblich mehr Zeit als ursprünglich veranschlagt.
Insgesamt 21 Jahre lang werkelte der Elsässer Frédéric-Auguste Bartholdi an der – ohne Sockel gerechnet – 46 Meter hohen Dame mit der Fackel in der Hand. Dafür ist sie ihm besonders schön geraten; das mussten die Zuschauer, die vom Ufer aus dem letzten Teil des Schifftransports von der alten in die neue Welt beiwohnten, schon anerkennen. Unter der Präsidentschaft von Calvin Coolidge wurde die Freiheitsstatue 1924 in den Rang eines nationalen Monuments erhoben. Sie steht auf Bedloe’s Island und hat seitdem alle Einwanderer begrüßt, die per Schiff an der Insel vorbei in den New Yorker Hafen einfahren.
Inzwischen kommen die meisten Immigranten per Flugzeug, um im Land der ehemals ungeahnten Möglichkeiten eine neue Existenz aufzubauen. 1956 erfuhr die Freiheitsstatue eine letzte Aufwertung: Präsident Dwight Eisenhower verfügte, dass die Insel, die sie trägt, fortan Liberty Island genannt wurde, Freiheitsinsel.
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Sicher ist es Ihnen schon einmal negativ aufgefallen, dass man nach Flügen von Großbritannien nach Deutschland seinen Pass vorzeigen muss und einer Warenkontrolle unterliegt. Letztere findet glücklicherweise nicht routinemäßig statt, kann aber jederzeit von einem schlechtgelaunten Zollbeamten angeordnet werden. Bei Flügen aus Island fällt die Personen- und Warenkontrolle, außer in dringenden Verdachtsfällen, ganz aus – obwohl Großbritannien Mitglied der EU ist und Island nicht.
Das liegt an einem Vertrag, der heute vor 25 Jahren in einem Luxemburger Städtchen unterzeichnet wurde (siehe unseren Newsletter vom 20. Dezember 2007 „Ein Moselstädtchen schreibt Geschichte“). Die Briten sind dem Abkommen ihm nie beigetreten, wohl aber Island, das neben Norwegen und der Schweiz – die Eidgenossen unterzeichneten 2008 als bislang 25. und letztes Mitgliedsland – zu den Schengen-Staaten zählt, die nicht der Europäischen Union angehören. Mit seinen 1600 Einwohnern zählt Schengen nicht gerade zu den größten Orten in Europa, wohl aber zu den bekanntesten.
Dennoch wird häufig mit erstaunlicher Unkenntnis darüber berichtet. Der Schreiber dieser Zeilen beispielsweise verortete das Moselstädtchen einmal in Frankreich. Damit lag er geografisch immer noch näher als ein ehemaliger französischer Präsident: François Mitterand stufte Schengen als „charmantes Dörfchen in den Niederlanden“ ein.
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