Archiv für Kategorie ‘Sonstiges’:

Kleines Gespräch, nette Begegnung, schöne Erinnerung

Dienstag, 30. Dezember 2014

Small Talk ist die unscheinbare Konversation, die manchmal wertvolle Verbindungen schafft. Ein solches Gespräch kann bereits bei Ihrem nächsten Termin stattfinden; ganz gleich, ob es sich um ein Essen oder einen Empfang, ein berufliches Beisammensein oder eine private Party handelt.

Anlässe, Kontakte zu knüpfen, wird es im Jahr 2015 hoffentlich genug für Sie geben. Nicht jeder scheint gleich von Beginn an Erfolg zu versprechen. Und doch kann eine weichenstellende Begegnung darunter sein, die Sie im Leben oder in der Karriere einen Schritt weiterbringt.

Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?, werden Sie jetzt womöglich fragen. Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Ein junger Journalist sollte für die rechtsrheinische Regionalausgabe des Bonner General-Anzeigers über eine Karnevalsveranstaltung der rund um das Siebengebirge ansässigen Vereine berichten. Nicht schlecht, wenn man Karneval mag. Handelt es sich jedoch um eine reine Funktionärsveranstaltung, bei der Ausschüsse einberufen, Aufgabenbereiche überantwortet, Positionen neu zur Wahl gestellt und deren bisherige Inhaber verabschiedet werden, ist das Vergnügen nicht mehr ganz so groß – und ein Langweilerartikel im Lokalblatt programmiert.

Doch der Abend im Nebenraum einer Königswinterer Gaststätte verlief ein wenig anders. Beim abschließenden Bier diskutierten der Journalist und der Ehrenvorsitzende über die Bedeutung der rheinischen Zahl 11. In der Nacht ging der Journalist mit einem Orden 111 Jahre Siebengebirgsbahn Königswinter nach Hause.

Gleich am nächsten Morgen – in Anbetracht der zu später Stunde konsumierten Kölsch war es wohl eher Mittag – schrieb er einen beschwingten Artikel. Der Ehrenvorsitzende freute sich. Künftig hatte er jedes Mal, wenn er den Journalisten („Sie sind doch der Elfer-Experte!“) traf, für ihn eine besondere Geschichte parat.

Darüber freut sich jede Lokalredaktion. Hans Nickolaus lebt leider nicht mehr, aber den Orden habe ich noch heute.
Das Redaktionsteam wünscht Ihnen einen guten Rutsch und ein erfolgreiches Jahr 2015.

Danke noch einmal dafür, dass Sie uns so lange (falls Sie von Anfang an dabei waren: fast ein Jahrzehnt!) die Treue gehalten haben! Wer weiß, vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen. Und falls Sie eine Aufgabe für den Schreiber dieser Zeilen wissen oder einen Tipp haben, melden Sie sich doch im neuen Jahr ab dem 5 Januar bitte bei Ralf Höller, Telefon 0228 317272 oder, per Mail, unter der Adresse r.hoeller@loquis.de.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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„Das kann ich besser!“

Freitag, 5. Dezember 2014

Der Kieler Weihnachtsmann heißt Jörg Lorenzen. Heute Abend und morgen wird er wieder alle Hände voll zu tun haben. Doch wie kommt man überhaupt zu einem solchen Job? Der in Berlin erscheinenden überregionalen tageszeitung, kurz: taz, stand Lorenzen in einem Interview Rede und Antwort.

Die Anregung für sein ausgefallenes Hobby kam demnach, als er mit „meinen beiden damals kleinen Söhnen über den Husumer Weihnachtsmarkt ging und einen Weihnachtsmann in einem billigen Karstadt-Mantel, mit Wattebart und Maske sah. Da dachte ich spontan: Das kann ich besser!“

Lorenzen kaufte sich bei einem Spezialversand einen hochwertigen Mantel und gab eine Anzeige in der Zeitung auf: „Weihnachtsmann gesucht?“ Es meldete sich gleich eine Reihe von Familien. Lorenzen bereitete sich „wie ein Schauspieler“ auf die neue Rolle vor. Die Ernsthaftigkeit gepaart mit ein wenig Fantasie kam gut an. Lorenzen durfte auch in den folgenden Jahren den Weihnachtsmann mimen. Dabei ist ihm bewusst, dass er eigentlich nur als Stellvertreter des einig echten Originals unterwegs ist: „Mauri Kunnas hat ihn in seinem Buch Wo der Weihnachtsmann wohnt beschrieben. Wir hier sind ja nur die Helfer, die sich in Vertretung des richtigen Weihnachtsmanns ‘Weihnachtsmann’ nennen dürfen.“

Ach ja, der Original-joulupukki, wie er auf Finnisch heißt, wohnt in oder, besser gesagt, im Korvatunturi, einem Berg im äußersten Nordosten Finnlands an der Grenze zu Russland. Lorenzen hält sich im übrigen streng an den Ehrenkodex für Weihnachtsmänner – pardon, für Stellvertreter. So ist es ihm verboten, im Kostüm zu essen oder zu trinken. Dazu müsste ja der Bart hochgeklappt werden und würde somit als künstlich entlarvt. Was gar nicht geht, ist telefonieren. Das Handy bleibt während des gesamten Auftritts abgeschaltet und gut versteckt in der Tasche. „Diese moderne Technik“, so gut kann sich Lorenzen allemal in den Weihnachtsmann hineinversetzen, „ist nichts für ihn.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Krieg wegen einem Ohr

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Stellen Sie sich vor, im Parlament wird über das Verhältnis zweier Staaten gestritten, und plötzlich liegt da dieses Ohr auf dem Rednerpult! Das passierte tatsächlich, im Londoner Unterhaus. Gegenstand der Debatte waren die seit längerem getrübten Beziehungen zwischen Großbritannien und Spanien. Eine Ursache lag im lebhaften Schmuggel von Waren nach Mittel- und Südamerika, den die spanische Kolonialmacht zu unterbinden suchte.

Dabei ging die Küstenwache nicht zimperlich vor. Gräuelgeschichten von brutaler Abschreckung, die angeblich nicht einmal davor Halt machte, überführten Schmugglern deren Gliedmaßen abzutrennen, erreichten die britische Insel und das Londoner Abgeordnetenhaus. War den Gerüchten zu glauben? Eine christliche Großmacht würde solch barbarische Maßnahmen kaum gutheißen! Oder doch?

Der Kapitän des englischen Handelsschiffes Rebecca redete nicht nur von Beweisen. Robert Jenkins legte sie auch vor. Es war sein eigenes Ohr, welches er den staunenden Parlamentariern präsentierte. Die mochten ihren Augen nicht trauen und hätten es besser auch nicht getan. Das Ohr befand sich, was niemand wusste, bereits seit 7 Jahren in abgeschnittenen Zustand und war von seinem ehemaligen Träger in einer Essiglösung konserviert worden. Man konnte ja nie wissen, wozu es noch einmal zu gebrauchen sein würde.

Tatsächlich ließen sich die Abgeordneten beeindrucken, zumal Jenkins schwor, der Abschneider, ein spanischer Schiffsführer namens Juan de Leon Fandino, habe ihm in wenn auch gebrochenem Englisch versichert, er würde dieselbe Strafe anwenden, stünde ein des Schmuggels überführter englischer König vor ihm. Es vergingen noch einige Monate, dann erklärte der britische Premierminister Robert Walpole, lange Zeit ein Gegner militärischer Mittel, Spanien formal den Krieg.

Das geschah am 23. Oktober 1739, heute vor 275 Jahren. Natürlich war Jenkins’ Ohr, das der Auseinandersetzung ihren Namen gab, nicht der einzige Grund. Würden die Briten das stets im Schlepptau Frankreichs agierende Spanien besiegen, hätte man die Ausgangssituation für die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit dem Hauptrivalen in den überseeischen Kolonien entscheidend verbessert. Doch es wurde nichts daraus, und nach 3 verlustreichen Jahren auf beiden Seiten ging der Krieg wegen Jenkins’ Ohr ohne nennenswertes Ergebnis zu Ende.

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Messe ohne große Tradition feiert 66. Jubiläum

Dienstag, 7. Oktober 2014

Leipzig besaß die Buchmessetradition, lag aber inzwischen in der DDR. Westdeutschlands große Verlage waren in Hamburg, Stuttgart und München angesiedelt. Doch befanden sich alle diese Metropolen eher am Rand der Republik als in der Mitte.

Die nahm Frankfurt ein. Ein wenig weiter mainabwärts, im ebenfalls verkehrsgünstig gelegenen Mainz, war Johannes Gutenberg geboren, ohne dessen Erfindung gedruckte Schriften erst sehr viel später ihre Verbreitung in Europa gefunden hätten.

Zum Glück für die hessische Rivalin schien die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz dann aber doch zu klein, um eine große Bücherschau zu beherbergen. Also konzentrierten die Buchhändler Alfred Grade und der Verleger Heinrich Cobet sämtliche Bemühungen, in Westdeutschland wieder eine auch international beachtete Buchmesse zu organisieren, auf ihre Heimatstadt. Zugute mag ihnen der Umstand gekommen sein, dass kurz zuvor Frankfurt bei der Bewerbung um die neue Bundeshauptstadt knapp und unter etwas dubiosen Begleitumständen an Bonn gescheitert war (siehe auch unseren Newsletter vom 9. Mai 2014: Eine nie gehaltene Rede).

Ins Gewicht fiel 4 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus sicherlich der Veranstaltungsort: Welcher hätte sich besser als politisches und kulturelles Aushängeschild der wiedererwachten deutschen Demokratie geeignet als deren alte Wiege zur Zeit der Bürgerlichen Revolution von 1848? Die Paulskirche wurde also Gastgeberin der ersten Frankfurter Buchmesse. Vor 65 Jahren öffnete sie ihre Pforten, damals noch im September statt im Oktober. 200 deutsche Verlage und 14.000 Besucher folgten dem Ruf, auch aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien und sogar den Vereinigten Staaten.

Zu einer fast gleichzeitigen Konkurrenzveranstaltung in Hamburg kamen 150 Aussteller weniger. Frankfurt ließ sich den Vorsprung nicht wieder nehmen. Vor allem die internationale Anziehungskraft begründete den Führungsanspruch. Im fünften Jahr der Buchmesse hatte die Zahl der ausländischen Verleger diejenige der einheimischen bereits überflügelt.

Was will eine Messe mehr? Gibt man heute den Begriff „Buchmesse“ bei google ein, erscheint selbstverständlich zuerst die Frankfurter. Vom 8. bis 12. Oktober findet deren 66. Ausgabe statt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Deutschlands teuerster Rhetoriktrainer

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Wie wirbt man für sein Produkt? Indem man es als preiswert anbietet! Oder doch lieber als den Preis wert? Den richtigen Ton zu treffen hat Rolf H. Ruhleder sich befleißigt. Er ist Rhetoriklehrer und sein Produkt nicht ganz so gängig wie die Brötchen beim Bäcker um die Ecke.

Viel billiger als die handgefertigten Produkte sind Schrippen, Semmeln, Weckla oder Rundstücke im Supermarkt, weshalb die Handwerker und Teigkünstler potenzielle Käufer gerne darauf hinweisen, beim Brötchenerwerb auf die Qualität zu achten. Freilich würde kein Bäckermeister auf die Idee kommen, zu verkünden, die teuersten Brötchen im ganzen Land gebe es ausgerechnet in seinem Laden. Anders Ruhleder.

Im Bewusstsein, ein ganz besonderes Produkt feilzubieten, nämlich sich selbst, nahm er Anleihe bei Wilhelm Busch. In dessen Gedicht über Maler Klecksel heißt es: „Mit scharfem Blick, nach Kennerweise, seh’ ich zunächst mal nach dem Preise. Und bei genauerer Betrachtung steigt mit dem Preise auch die Achtung.“

Ähnlich diesem Muster baute sich vermutlich die Beziehung Ruhleders zu seinen Kunden auf: Der Experte lieferte gute Arbeit, und seine Klientel war bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen. Die an sich schon hohe Wertschätzung steigerte sich noch, so dass Ruhleder stolz verkünden konnte, inzwischen Deutschlands teuerster Rhetoriktrainer zu sein – bei der Exklusivität der Dienstleistung und dem Anspruch der Kundschaft nicht der schlechteste Werbeschachzug!

Kommen wir noch einmal kurz auf Wilhelm Busch zurück. Der vielleicht versierteste Verseschmied nicht nur des Schaumburger, sondern aller deutschen Länder mokiert sich im Maler Klecksel über schlechte Redner („Vor allem der Politikus gönnt sich der Rede Vollgenuß“). In Kenntnis des Lebens und der Leistungen Ruhleders hätte er sich die folgenden die Zeilen, mit der er die Mal- über die Formulierkunst hebt, vielleicht noch einmal überlegt: „Ich bin daher, statt des Gewinsels, mehr für die stille Welt des Pinsels.“

Die Welt der gewählten Worte, in Deutschland nach der Erfahrung des Nationalsozialismus und den Tiraden eines Josef Goebbels ein wenig in Verruf geraten, verdankt Rolf H. Ruhleder mindestens eine Imageverbesserung. Man kann ihn immer noch buchen, auch heute, an seinem 70. Geburtstag.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Kein Klassiker: Wer hinter der Kampagne für Zahngesundheit steckt

Donnerstag, 25. September 2014

„Ich sagte meinem Zahnarzt, dass meine Zähne gelb würden. Er sagte mir, ich solle eine braune Krawatte dazu tragen.“ Nicht jeder geht mit seinen Zahnproblemen so locker um wie der US-Komiker Rodney Dangerfield.
Schon William Shakespeare litt wohl an dentalen Gebrechen. In seinem Bühnenstück Viel Lärm um nichts lässt er Leonato, den Gouverneur von Messina, seinem Bruder Antonio anvertrauen, „bis jetzt gab’s keinen Philosophen, der mit Geduld das Zahnweh konnt’ ertragen.“ Shakespeares deutscher Dichterkollege Theodor Fontane barmte gar: „Was macht man sich aus der Liebe der ganzen Menschheit, wenn man Zahnweh hat!“
Damit es nicht so weit kommt, haben Krankenkassen, Landesarbeitsgemeinschaften und Gesundheitsämter den Tag der Zahngesundheit ins Leben gerufen. Unter der Maxime „Gesund beginnt im Mund - ein Herz für Zähne!“ findet heute eine bundesweite Hygiene-Kampagne statt. Federführend für die Kampagne und wohl auch für das Motto ist der in Darmstadt ansässige Verein für Zahnhygiene e.V. Man möchte ihm einen besseren Texter wünschen!

Ein Herz für Zähne: Wie kommt man nur auf ein solches Sprachbild? Vielleicht, indem man Schiller-Fan ist und sein Lied von der Glocke wörtlich nimmt: „Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entsetzen Scherz, Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreißen sie des Feindes Herz.“

Herz beiseite - befassen wir uns lieber mit den Zähnen. Die sind den Darmstädter Hygienikern teuer und einen Appell ans Verantwortungsgefühl wert. Vor allem dasjenige der Eltern: Sie sollen für das Zahnwohl ihrer Sprösslinge sorgen und die Kids zur täglichen Pflege sowohl der ersten als auch der zweiten Beißerchen anhalten, damit möglichst spät oder, noch besser, niemals ein drittes Sortiment benötigt wird.

Den vollständigen Text lesen Sie auf der Webseite. Er liefert übrigens auch die Begründung, warum der Slogan gewählt wurde: „Ein Herz für Zähne“ rufe als allererste Assoziation „Kinder“ hervor. Man muss den Kampagnenmacher zugestehen: Vermutlich hat die BILD-Zeitung mehr Leser als unsere Klassiker.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Was ist Analphabetismus?

Montag, 8. September 2014

Winnie-thePooh, der Titelheld in Alan Alexander Milnes Kinderbuchklassiker, ist, wie der Untertitel schon sagt, ein Bär von sehr geringem Verstand. Kaum schlauer ist sein Freund Eeyore, ein alter Esel, der ab und zu mit einem überraschend tiefsinnigen Spruch herausrückt.

Eines dieser Bonmots lautet: Für die Ungebildeten ist ein A nichts anderes als drei Stäbchen. Nie besaß diese Erkenntnis mehr Symbolkraft als am heutigen Weltalphabetisierungstag. Eine dreiviertel Milliarde Menschen auf dieser Erde kann weder lesen noch schreiben. In Deutschland teilen dieses Schicksal, bei einer Gesamtbevölkerung von 69 Millionen, die älter als 14 Jahre sind, rund 500 000. Das klingt nicht nach sehr viel. Oder doch?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zitiert auf seiner Webseite eine Studie der Universität Hamburg zum Ausmaß des Analphabetismus in Deutschland. Danach können sehr viel mehr Jugendliche und Erwachsene, nämlich 2,3 Millionen, zwar einzelne Wörter lesend verstehen oder schreiben - nicht jedoch ganze Sätze.

Noch viel mehr Deutsche jenseits des schulpflichtigen Alters können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende Texte - selbst wenn es sich um sehr kurze handelt, beispielsweise eine schriftliche Arbeitsanweisung. 7,5 Millionen solcher so genannter funktionaler Analphabeten leben in unserem Land. Die Betroffenen schreiben und lesen so schlecht, dass sie schwere berufliche und gesellschaftliche Nachteile in Kauf nehmen müssen.

Wo soll bei der Bekämpfung der Missstände angesetzt werden? In der Grundschule, meint Josef Kraus. Dort würde nur noch ein Grundwortschatz von im Schnitt 700 Wörtern vermittelt. Vor 10 Jahren waren es einmal 1100 Wörter. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes kritisiert eine überhitzte bildungspolitische Debatte in der bundesdeutschen Schullandschaft, die von eliteorientierten Wirtschaftsverbänden und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - der Initiatorin internationaler Schulvergleiche wie der PISA-Studie - noch befeuert würde.

Kraus moniert in einem Interview in der Wirtschaftswoche, die Angst vor sozialem Abstieg und einem Scheitern im „globalen Haifischbecken“ greife um sich. Die Forderung, Deutschland brauche mehr Abiturienten und Studenten, bezeichnet er als „Gequatsche“ Das deutsche Schulsystem sei (noch) durchlässig genug, um auch Nichtabiturienten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Natürlich funktioniert dies nur, wenn die Grundbildung stimmt. Und hier sieht es inzwischen in Deutschland, das gibt auch das BMBF zu, immer mauer aus. Der Alphabetisierungstag liefert eine Bühne, um das Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Leipzigs Zauber

Donnerstag, 4. September 2014

„Ich habe Leipzig gehasst. Die Stadt war ein stinkender, fallengelassener, verbeulter, ausgewohnter Käfig. Wer hier dennoch nistete, betrachtete die Kapitulation als sein Lebenswerk.“ Karim Saab verließ die DDR im Mai 1989.

Hinterher hat ihm dies vermutlich Leid getan. Doch blieb ihm zu jener Zeit, als eine Veränderung der politischen Verhältnisse, geschweige denn der Fall der Mauer nicht einmal im Ansatz absehbar war, eine andere Wahl? Saab, 1961 in Heidelberg geboren, war im Alter von 5 mit seiner Mutter ins sächsische Radebeul umgesiedelt. Für eine Buchhändlerlehre zog er nach Leipzig, in die zweitgrößte Stadt der DDR mit einer sehr regen Kunst- und Kulturszene. Saab lebte sich gut ein. Er begann mit der Herausgabe einer Untergrundzeitschrift. In Der Anschlag fanden Gedichte ebenso Einzug wie politische Thesenpapiere, etwa ein antikommunistischer Essay Vaclav Havels in deutscher Übersetzung.

Saab hatte das konstruktive Klima in der sächsischen Subkultur schätzen gelernt und von ihm profitiert: „Leipzig war lauschig und überschaubar genug, um eine Gegenöffentlichkeit zum Funktionieren zu bringen, und von so dichter Urbanität, dass sehr unterschiedliche Milieus und Freundeskreise zueinander Kontakt fanden.“

Mit einem Nachteil, der auf der Hand lag: Wäre es für die Stasi nicht ein leichtes gewesen, Agenten in die Szene einzuschleusen? Offenbar nicht. Laut Saab „gab es in der unabhängigen Leipziger Kulturszene (im Gegensatz zum Berliner Prenzlauer Berg) nach bisherigen Erkenntnissen keine Protagonisten, die für die Staatssicherheit tätig waren.“ Ins Visier von Erich Mielkes allumfassendem Überwachungsapparat waren spätestens mit dem mutigen Protest gegen Fälschungen und Betrug bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 auch „innere, feindliche, oppositionelle und andere negative Kräfte“ in Leipzig geraten.

Saab hielt es in dieser Situation für das Beste, der DDR Lebewohl zu sagen und in die Bundesrepublik überzusiedeln. Nicht ohne Bedauern blickte er später auf die Monate unmittelbar nach seiner Ausreise zurück. „In höchster Vollendung versinnbildlichten später die Montagsdemos auf dem innerstädtischen Ring das über Jahre in der Stadt gewachsene Solidargefühl.“

Leider war Saab nicht mehr dabei, als heute vor 25 Jahren in Leipzig die erste der berühmt gewordenen Kundgebungen stattfand. Am 4. September 1989 hatten sich vor der Nikolaikirche in Leipzig über tausend Unzufriedene versammelt, die „Reisefreiheit statt Massenflucht“ und „Stasi raus“ forderten. Die Montagsdemonstrationen an jedem ersten Werktag der Woche wurden eine Institution in Leipzig und später von anderen DDR-Städten kopiert.

Saab, der heute als Journalist in Potsdam lebt, ist mit seiner Vergangenheit ins Reine gekommen: „Ich musste mich erst in die westlichen Verhältnisse stürzen, um aus der Distanz Leipzigs Zauber zu begreifen. Heute weiß ich: Es war kein Zufall, dass in dieser Stadt genau das möglich wurde, was in der DDR immer unmöglich war. Und dafür habe ich Leipzig geliebt.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Vom Hygieneprodukt zur Mangelware

Dienstag, 26. August 2014

Heute ist der Tag des Toilettenpapiers. Warum der Toilet Paper Day ausgerechnet in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal begangen wurde – angeblich in den 1990er Jahren, anderen Quellen zufolge im Jahr 2005 – ist nicht bekannt. Liegt es vielleicht daran, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jährlich 26 Milliarden Rollen verkauft werden?

Seinen Ursprung hat das hygienische Utensil in China. Dort war es nachweislich bereits im 14. Jahrhundert in Gebrauch, wenn auch nur unter den Angehörigen der vornehmen Stände. Die Herstellung von Toilettenpapier in den heute handelsüblichen Rollen ließ sich ein gewisser Seth Wheeler aus Albany im US-Bundesstaat New York 1871 patentieren. 6 Jahre später brachte seine Firma das Produkt auf den Markt.

Der Verkauf von Toilettenpapier in Deutschland geht auf das Jahr 1928 zurück. Der Ludwigsburger Fabrikant Hans Klenk vertrieb das Produkt und taufte es gemäß den zusammengezogenen Kürzeln seines Vor- und Nachnamens Hakle. Später wurde das schwäbische Unternehmen durch seine vorgefeuchteten Hygieneartikel bekannt, was es jedoch nicht davor bewahrte, 1984 an einen Schweizer Konzern veräußert zu werden.

Viel mehr Aufsehens um die weiße Ware wurde jedoch in den ehemaligen und übriggebliebenen kommunistischen Staaten gemacht, in denen die Rollen Mangelware blieben. Noch heute empfehlen Reiseführern Touristen, die sich nach Albanien, China, Kuba oder gar Nordkorea begeben wollen, dringend die Mitname eigenen Toilettenpapiers.

Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic mokierte sich in ihrem 1991 erschienenen Werk Wie wir den Kommunismus überstanden - und dennoch lachten über ein System, das die Menschen zwang, Zeitungen als Toilettenpapier zu benutzen. In der Sowjetunion kursierte folgender Witz: Was ist wichtiger, Fernsehen oder Zeitungen? Die Antwort: Zeitungen natürlich. Versuchen Sie einmal, sich den Hintern mit einem Fernseher abzuwischen!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Von einer Abhängigkeit in die andere

Donnerstag, 21. August 2014

Heute ist lettischer Nationalfeiertag. Anlass ist die nach dem Verlassen der Sowjetunion 1991 erlangte Souveränität. Dass es mit der staatlichen Unabhängigkeit so weit nicht her ist, beweist ein Vorfall aus jüngerer Vergangenheit. Um die verheerenden Auswirkungen der Finanzkrise halbwegs in den Griff zu bekommen, plante die lettische Regierung eine Abwertung ihrer Währung.

Ökonomisch eine durchaus sinnvolle Maßnahme: War doch die Inflationsrate in dem von Importen abhängigen kleinen Ostseestaat EU-weit eine der höchsten und hatte der heimischen Wirtschaft ein viel zu hohes Preisniveau beschert. Lettische Firmen erwiesen sich als nicht mehr konkurrenzfähig, der heimische Konsum lag darnieder, weil sich kaum noch jemand die teuren Waren leisten konnte. Doch eine Abwertung wollte eine mächtige Interessenlobby verhindern.

Sie kam nicht aus dem eigenen Land, sondern vom großen skandinavischen Bruder. Schwedische Banken hatten ihrer lettischen Kundschaft Euro-Kredite in Milliardenhöhe gewährt, deren Rückzahlung im Falle einer Abwertung problematisch geworden wäre. Der lettische Wirtschaftsminister Vjaceslavs Dombrovskis gab in einem Interview mit dem TV-Sender arte zu: „Eine recht zynische Geschichte. 2009 wollten wir angesichts der Krise unsere Währung um 40 % abwerten. Das wäre ein harter Schlag für die skandinavischen Banken gewesen, die immense Aktiva in Lettland halten. Deshalb waren sie gegen eine Abwertung. Und so blieb aus ihrer Sicht nur eine Lösung: Wir mussten der Eurozone beitreten.“

Was hieß das konkret? Statt die Wirtschaft anzukurbeln mussten harte Sparanstrengungen unternommen werden. „Innere Abwertung“ nannte man die Schocktherapie beschönigend. Staatliche Gehälter wurden bis auf die Hälfte gekürzt, Angestellte entlassen, Sozialleistungen gekürzt, Schulen und Krankenhäuser geschlossen. Noch heute kranken große Teile der Bevölkerung an dieser Rosskur. Dafür haben die Letten den Euro.

Eine Bankenpleite gab es doch noch: Es erwischte die heimische Parex-Bank. Schwedische Geldinstitute, die ebenfalls fragwürdige Kredite vergeben hatten, sind auch infolge der Euroeinführung in Lettland noch mal davongekommen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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