Die Mannschaft ohne Eigenschaften
Montag, 8. August 2011Fußball ist ein – in exakt gleicher Form niemals wiederholbarer – künstlerischer Schaffensprozess mit stets ungewissem Ausgang. Diese Definition stammt vom Journalisten Harald Irnberger, der mit Die Mannschaft ohne Eigenschaften eines der besten Fußballbücher überhaupt geschrieben hat. Darin stellt der Österreicher ebenfalls die These auf, dass sich in diesem Sport gesellschaftliche Tendenzen nicht nur spiegeln, sondern vorweggenommen werden.
Die Globalisierung etwa hatte im Fußball längst Einzug gehalten, als der Begriff weder in der Wirtschaft noch in der Politik geprägt war. Real Madrid, der FC Barcelona, Inter und AC Mailand erzielten in den 1950er und 60er Jahren ihre großen Erfolge mit internationalen Stars aus Argentinien, Brasilien, Frankreich und Ungarn. Damals durften noch nicht so viele Ausländer in einer Mannschaft spielen wie heute. Die Vereine behalfen sich mit dem Mittel der Einbürgerung. Durch die Überschwemmung der einheimischen Ligen mit ausländischen Kickern hat der italienische, spanische und englische Fußball bereits einen guten Teil seiner Identität verloren. Den Rest besorgte das Gewinnstreben.
In erster Linie muss eine Mannschaft ökonomisch erfolgreich sein: Globaler Vertrieb von Fanartikeln, Verschachern von TV-Übertragungsrechten, geschickte Platzierung von Fußballspielern in der Werbung steigern den Wert der Stars. Davon profitiert auch der Verein, der, wenn schon nicht durch attraktive Spielweise, als Marke einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Spitzenbegegnungen der europäischen Fußballligen werden in 150 Länder der Erde live übertragen, was wiederum eine kostenlose Werbung für die Artikel bedeutet, die an jeder Ecke des globalen Dorfs zum Verkauf aushängen.
Wirtschaftliches Kalkül trifft auf politische Gaunerei: Ein Florentino Perez investierte als Präsident von Real Madrid rund eine Milliarde Euro in neue Spieler. Möglich wurde dies durch unkontrollierte Schuldenaufnahme und den Verkauf eines vereinseigenen Trainingsgeländes an die Stadt zu einem grotesk hohen Preis. Den AC Mailand erkor sich Silvio Berlusconi als Spielwiese: Im Verein erprobte er die halb- und illegalen Methoden, mit denen er später auch den italienischen Staat unterwanderte. In England sind sämtliche Großklubs in der Hand ausländischer Milliardäre: Unter ihnen war der russische Besitzer des FC Chelsea der indiskreteste, bis ein Scheich aus Abu Dhabi Manchester City übernahm. Dessen Kollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vereinnahmten Arsenal, Manchester United und der FC Liverpool sind in der Hand amerikanischer Investoren.
Der Fußball hat sich im Netz der Globalisierung verfangen, aus dem er so leicht nicht mehr freikommt. Schon gar nicht wird der Autor der brillanten Analyse, die auch noch in Jahrzehnten gültig sein dürfte, dies erleben: Am 8. August 2010 starb, 60-jährig, Harald Irnberger.
Autor von Small-Talk-Themen.de


