Archiv für Kategorie ‘Technik’:

Die erste elektrische Verkehrsampel

Dienstag, 5. August 2014

Der Beginn des 20. Jahrhunderts ging für die Vereinigten Staaten mit einem rasanten Wirtschaftswachstum einher. Der Fortschritt schlug sich auch im Straßenverkehr nieder. Vor allem in den Großstädten kam es zu grotesken Szenen. Immer mehr und immer schneller fahrende Transportmittel agierten meist gegen – statt miteinander. Regeln gab es kaum, Organisation war ein Fremdwort. Straßenbahnen hielten wo immer sie oder ihre Fahrgäste es wollten, Autos und Pferdefuhrwerke wendeten an jeder beliebigen Stelle, und auch die Straßenseite wurde gerne willkürlich gewechselt, nicht nur von Radfahrern. Besonders an Kreuzungen machte sich das Chaos bemerkbar. Die Stadtverwaltungen mussten auf Polizisten zurückzugreifen, um den Verkehr zu regeln.

Es war ein Knochenjob: Je nach Jahreszeit setzten Hitze, Kälte, Sturm, Glatteis, Schnee oder Regen den Ordnungshütern zu. Das stundenlange Stehen wurde ihnen erschwert durch infernalischen Lärm, aufgewirbelten Staub und ständig sich in hohem Tempo auf sie zu bewegende Verkehrsteilnehmer.

Dies brachte Lester Wire, einen abgebrochenen Jurastudenten aus Salt Lake City, auf den Plan. Er hatte sich inzwischen bei der Polizei in seinem Bundesstaat Utah verdingt und war Leiter der Verkehrsabteilung geworden. Wie, fragte er sich, konnte er seinen überlasteten Beamten Erleichterung verschaffen? Wire zimmerte ein nach drei Seiten geschlossenes quadratisches Behältnis aus Holz, versah es mit einem Dach, strich alles quietschgelb an und stellte in die Öffnung ein rotes und ein grünes Licht. Beide verkabelte er zwecks Stromzufuhr mit der Oberleitung der elektrischen Straßenbahn. Zur Bedienung der Signalanlage war weiterhin eine menschliche Kraft von Nöten. Doch blieb diese nicht länger den Unbilden der Witterung und den Fährnissen des Verkehrs ausgesetzt und konnte ihre Tätigkeit an einem geschützten Platz ausüben. Allein, die Stadtväter von Salt Lake City mochten sich für Wires Instrument, das unseren heutigen zum Blitzen von Temposündern eingesetzten „Starenkästen§ verblüffend ähnlich sah (siehe auch http://miovision.com), nicht erwärmen.

Selbst vor lebenden Verkehrsreglern, so ihre Argumentation, hätten die Teilnehmer kaum Respekt und missachteten allzu oft deren Anweisungen. Wie würde da erst der Gehorsam gegenüber einem grellbunten vogelkäfigähnlichem Gebilde ausfallen? Dennoch wurde 1912 in Salt Lake City ein Versuch gemacht. Allerdings versäumte es Wire, seine Erfindung bei der zuständigen Behörde anzumelden. Geschäftstüchtiger war 1.500 Meilen weiter östlich der Erfinder James Hoge. Sein später mit der US-Nummer 1251666 registriertes Patent für ein „kommunales Verkehrskontrollsystem“ wurde vor 100 Jahren, am 5. August 1914, an einer Kreuzung in Cleveland im Bundesstaat Ohio installiert.

Das Hoge’sche Modell setzte sich rasch durch, auch weil die Verkehrsteilnehmer dessen Notwendigkeit einsahen. Im Prinzip funktionierte der Mechanismus auf die gleiche Weise wie derjenige Wires, nur dass anstelle von einem je vier grün- beziehungsweise rotfarbene Signale aufleuchteten, die abwechselnd die Wörter STOP und MOVE anzeigten. Der Streit aber, wer denn nun die erste elektrische Verkehrsampel der Welt erfand, geht zwischen den Städten Salt Lake City und Cleveland munter weiter.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Der Tag des Schwarzen Lochs

Dienstag, 7. Januar 2014

„Passend zum Anlass“, schreibt Timo Lokoschat in seinem Brevier Es wird eng im Kalender. 365 kuriose Gedenk- und Feiertage, „liegt beim ‘Tag des Schwarzen Lochs’ eigentlich so gut wie alles im Dunkeln. Wer hat ihn erfunden? Wie wird er begangen? Und gibt es ihn überhaupt? Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, Google machte sein Logo für einen Tag rund, und das war’s auch schon fast. Möglicherweise hat das Schwarze Loch, wie es nun mal seine Art ist, einfach alles vorhandene Beweismaterial in sich aufgesaugt.“

Schwarze Löcher absorbieren neben Information bekanntlich auch Energie, von der an einem kalten, nassen und dunklen Wintertag eh’ nicht allzu viel vorhanden ist. Warum also sollte man sich die Mühe geben und nach dem Ursprung des Gedenktags forschen?

Dabei wäre die Recherche so mühselig nicht. Der 8. Januar (1942) ist der Geburtstag von Stephen Hawking. In seinen Forschungsarbeiten hat der britische Astrophysiker eine Menge über Schwarze Löcher herausgefunden. Der Informationsverlust, den diese seiner Meinung nach verursachen, hält uns davon ab, den Ursprung des Universums nachvollziehen zu können.

Dennoch gelang es Hawking - Einsteins Urknalltheorie unterstützend - zu zeigen, dass die Entstehung des Weltalls theoretisch den Gesetzen der Physik gefolgt ist. „Gott würfelt nicht“, erklärte Einstein seine Theorie halb im Scherz. Hawking widersprach: „Gott würfelt doch. Schlimmer noch: Manchmal verdeckt er die Würfe so, dass man sie nicht einmal sehen kann.“

Das Zufallselement, das Einstein negierte, kommt Hawking zufolge in der Natur sehr wohl vor. Nur kann man es, Schwarzen Löchern sei Dank, nicht immer beobachten. Lassen wir es für den morgigen 8. Januar dabei bewenden. Öffnen Sie dem Zufall nicht unnötig ein Tor, und fallen Sie vor allem in kein Schwarzes Loch!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Autopionier, Arbeiterfreund, Antisemit

Dienstag, 30. Juli 2013

„Wo der Mann einer Frau die Autotür öffnet, ist entweder die Frau neu - oder das Auto.“ Zumindest beim Statussymbol wollte der US-Industrielle Henry Ford nachhelfen. Er ließ ein Auto produzieren, das die Preise der Konkurrenz deutlich unterbot.

Von seinem 1908 erstmals auf den Markt gekommenen Ford Modell T wurden innerhalb von 2 Jahren eine dreiviertel Million Exemplare verkauft. Bis 1927, als die Produktion zugunsten modernerer Fahrzeuge eingestellt wurde, kamen weitere 14 Millionen hinzu. Die Blechbüchse, so die deutsche Übertragung des US-Spitznamens Tin Lizzy, war ähnlich sparsam und spartanisch gebaut wie später die französische Ente oder der deutsche Käfer.

Letzterer vermochte erst 1972 das amerikanische Vorbild in der Gesamtabsatzmenge zu überholen. Fords Erfolgsgeheimnis lag zum einen an den niedrigen Herstellungskosten. Der Autopionier revolutionierte den Produktionsprozess: Er ging nicht von der üblichen Problemstellung aus, wie er die Menschen zur Arbeit bringe, sondern umgekehrt: „Wie bekomme ich die Arbeit zu den Menschen?“ In seinen Fabriken ließ Ford die Autoteile per Fließband zu den Mechanikern transportieren. Überhaupt dachte Ford nicht nur wie ein Unternehmer. Er schockierte die US-Wirtschaft, indem er schon 1914 seinen Angestellten einen Mindestlohn von 5 Dollar bezahlte - das Doppelte des in der Branche Üblichen. „Ein ökonomisches Verbrechen“, schimpfte das arbeitgeberfreundliche Wall Street Journal, um sogleich von Fords Werktätigen widerlegt zu werden: Die verdiente so viel, dass sie es sich sogar leisten konnten, ein Modell T zu erwerben. Bis dahin war der Automobilkauf den Reichen vorbehalten gewesen.

Natürlich wusste Henry Ford auch, wie er die Werbetrommel zu rühren hatte: „Wenn Sie einen Dollar in Ihr Unternehmen stecken wollen“, verriet er einmal einem Journalisten, „so müssen Sie einen zweiten bereithalten, um dies bekanntzugeben.“

Ford machte aber auch Fehler. Um unabhängiger von Zulieferer zu werden, kaufte er Kautschukplantagen in Brasilien und Eisenerzminen in Minnesota. Sein Stil wurde immer autoritärer, Gewerkschaften lehnte der Patriarch ohnehin ab. Überdies machte er sich mit einer Reihe antisemitischer Schriften weltweit Feinde. 1936 rangierte der Konzern nach Verkäufen nur noch als Nummer drei unter den Automobilproduzenten. Im Zweiten Weltkrieg sanierte Ford die Firma, wenn auch auf Kosten seiner Überzeugungen: Der erklärte Pazifist ließ plötzlich in seinen Werken Panzer und Bomber herstellen. Sein Vermögen von 200 Millionen Dollar steckte der heute vor 150 Jahren geborene Ford in eine Familienstiftung, um die Kontrolle über sein Imperium zu sichern. Als Nachfolger baute er seinen Sohn Edsel auf, der jedoch 1943 verstarb, an Magenkrebs, mit 49 Jahren. Henry Ford folgte ihm vier Jahre später, im hohen Alter von 83. Wie es sich für einen Autobauer gehört, verließ Ford diese Welt in der Autostadt Detroit.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Vorurteile im Small Talk: Frau und Technik

Mittwoch, 16. Mai 2012

Vorurteile haben wir alle. Aber darüber lässt sich reden. Auch im Small Talk. Eine vorgefasste Meinung fand Albert Einstein schwieriger zu zertrümmern als ein Atom. „Ein Urteil“, pflichtete dem Physiker die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach bei, „lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil.“

Ein klassisches Vorurteil, dass Frau von Ebner-Eschenbach - sie starb 1916 - bestimmt schon kannte, betraf das Begriffspaar Frau und Technik. Angeblich stünden sich hier 2 Welten gegenüber. Ähnliches wurde später über Frauen und Computer gesagt. Wenigstens das hat unsere Schriftstellerin nicht mehr miterleben müssen.

Leider auch nicht die Untersuchung des Computerherstellers Hewlett-Packard, die ein komplett anderes Bild ergab. Demnach gaben 39 % der Männer an, die Arbeitsabläufe im Büro seien komplizierter geworden. Und das ausgerechnet seit der Einführung der Computertechnologie! Bei den Frauen sah es ein wenig anders aus. Nur 27 % teilten die Meinung der Männer.

Zurück zu Albert Einstein und seinem Ärger mit den vorgefassten Meinungen. Als der spätere Nobelpreisträger seine grundlegende Arbeit zur speziellen Relativitätstheorie veröffentlichte, wurde er nach seiner Einschätzung der Reaktion in der Öffentlichkeit gefragt: „Das ist einfach vorherzusagen“, antwortete Einstein.

„Werde ich Recht behalten, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, die Franzosen, ich sei Europäer und die Amerikaner, ich sei Weltbürger. Werde ich nicht Recht behalten, werden die Amerikaner sagen, ich sei Europäer, die Franzosen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei ein Jude.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Der erste Mann im All

Donnerstag, 12. April 2012

Am 5. Mai 1961 flog Alan Shepard als erster Amerikaner mit einem Raumschiff ins All. Nach einer Viertelstunde in der Erdumlaufbahn kehrte er wohlbehalten auf seinen Heimatplaneten zurück. Shepards Satellitenkapsel, die Liberty 7, schlug in der Nähe der Bahamas auf dem Atlantik auf.

Es wäre ein spektakulärer Erfolg für das Raumfahrtprogramm der NASA gewesen, hätte nicht dreieinhalb Wochen zuvor ein Russe das gleiche Kunststück vollbracht. Dem Kosmonauten, so die russische Version des Weltraumpiloten, Juri Gagarin gelang dabei sogar eine komplette Erdumrundung im All.

Der Flug in seinem Raumschiff Wostok 1 am 12. April 1961 hatte exakt 106 Minuten gedauert. Gelandet war Gagarin auf dem Festland, in der Nähe der Stadt Saratow an der Wolga. Es war das zweite Mal, dass die Sowjetunion den USA bei der Eroberung des Weltraums ein Schnippchen schlagen konnte. Bereits 1957 war ihr unbemannter Sputnik als erster Satellit um die Erde gekreist. Beides, der bemannte und der unbemannte Raumflug, bedeutete mehr als nur ein Prestigeerfolg Moskaus.

Der Kreml deutete die Überlegenheit im All auch als eine Überlegenheit des kommunistischen Systems. Nach dem erfolgreichen Flug Gagarins musste US-Präsident Kennedy zähneknirschend eingestehen, er sei es leid, dass seine Nation im Weltraum-Wettlauf immer nur an zweiter Stelle ins Ziel käme.

Bis 1969 hielten die Sowjets ihren Vorsprung, dann landete der erste Amerikaner auf dem Mond - was Kennedy seinerzeit notgedrungen noch vor Gagarins Erdumrundung prophezeit hatte. Der große Volksheld der Sowjetunion und, man verzeihe das Wortspiel, ihrer Satellitenstaaten musste diesen Rückschlag nicht mehr miterleben.

Am 27. März 1968 verunglückte der Luftwaffenmajor und ausgebildete Kampfpilot Gagarin bei einem Übungsflug mit einem Mig 15-Düsenjet. Er wurde nur 34 Jahre alt. Am Tag des ersten bemannten Weltraumflugs rund um die Erde gedenkt auch das nichtsozialistische Russland seiner Kosmonauten im allgemeinen und Juri Gagarins im besonderen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Die längste Nacht des Jahres als Hort eines besonderen Tages

Dienstag, 20. Dezember 2011

Morgen ist der Tag der Taschenlampe. Warum dieses Datum am 21. Dezember begangen wird, ist eine komplizierte Geschichte.

Sie beginnt mit David Missell. Der Brite arbeitete in einer New Yorker Fabrik, die Lampen herstellte. Zupass kam Missell, dass es bereits elektrisches Licht und Batterien gab. Eine tragbare elektrische Laterne ebenfalls: Diese, von Louis A. Jackson 1895 zum Patent angemeldet, wurde an Fahrräder angebracht und fand beim US-Militär Verwendung.

Missells Leistung war es, 3 Batterien hinter – statt 4 paarweise nebeneinander zu schalten. Zudem verkürzte er die Trockenbatterien, die gemeinsam mit Glühbirne und Reflektor nun in einen recht kleinen, handlichen Behälter passten, der wiederum in einer – zugegeben recht großen – Hosentasche Platz fand.

Nur aus- und hinterher sofort wieder einschalten ließ sich das Gerät nicht. Ob es Missells hohen Ansprüchen nicht genügte oder der Erfinder einfach Geld brauchte? Jedenfalls wurde das Patent, nachdem es am 10. Januar 1899 die Anerkennung erhalten hatte, sofort wieder verkauft.

Der neue Besitzer, ein russischer Einwanderer namens Conrad Hubert, ergänzte Missells Leuchte mit einem praktischen Ein-Aus-Schalter und meldete diese 1903 zum Patent an. Spätestens 1914 war er Millionär: Da hatte der in Marketingdingen äußerst gewandte Hubert seine Firma an den Großkonzern National Carbon verkauft. Parallel hatte in Deutschland der Unternehmer Paul Schmidt eine elektrische Taschenlampe entwickelt, sein Patent aber erst 1906 angemeldet.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Es gibt einen weiteren Kandidaten, der behauptet, die elektrische Taschenlampe erfunden zu haben. Dies steckte ein gewisser Joshua Cowan 1947 der Illustrierten New Yorker. Cowen war David Missells damaliger Arbeitgeber und stellte in seiner Fabrik Lampen her. Doch interessierten Cowen Taschenlampen viel weniger als elektrische Modelleisenbahnen, sein eigentliches Steckenpferd, in das er alle seine Energie steckte. Zweifellos lassen sich Spielzeuglokomotiven mit elektrischer Beleuchtung besser verkaufen und passen sogar in die Hosentasche, aber deshalb gehen sie noch lange nicht als Taschenlampe durch. Das dachten sich wohl auch die Initiatoren des National Flashlight Day, als sie den Tag der Taschenlampe aus der Taufe hoben. Er wird jetzt einfach in der längsten Nacht des Jahres begangen, auf dass die Batterien in jedem Fall alle werden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

125 Jahre Automobil

Donnerstag, 11. August 2011

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Dieser Einschätzung Wilhelms II. schenkten seine Zeitgenossen vermutlich nicht viel glauben. Der Preußenkönig und Deutschenkaiser glaubte schließlich auch bis zu dessen Untergang, dass sein Reich den Ersten Weltkrieg gewinnen würde. Wie wir inzwischen wissen, strafte auch bezüglich der fahrbaren Untersätze die Geschichte den Großsprecher aus dem Hause Hohenzollern Lügen.

Im Jahr 2011 feiert die Automobilbranche ihr 125-jähriges Jubiläum. Am 29. Januar 1886 beantragte ein Dr. Carl Benz in Mannheim ein Patent für seinen dreirädrigen Motorwagen. Angetrieben wurde das Gefährt von einem Einzylinder mit einer dreiviertel Pferdestärke. Mittlerweile sind in Deutschland mehr als 50 Millionen Motorfahrzeuge zugelassen, die meisten davon weisen vier Räder auf. Nach Angaben des Automobilclubs ADAC besitzen 83 Prozent aller Haushalte hierzulande einen eigenen Pkw. Doch birgt der Siegeszug des Selbstfahrers auch etwas Kontraproduktives: „Das Automobil“, erkannte der frühere BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, „ist so erfolgreich, dass es nur einen wirklichen Feind hat, nämlich sich selbst. Seine massenhafte Verbreitung ist eine Herausforderung an die Zukunft des Straßenverkehrs.“

Hier könnte Wilhelms II. Prophezeiung vielleicht doch noch in Erfüllung gehen. Vor allem, wenn er gesagt hätte: „Ich glaube an den Esel.“ Ein solcher aus Draht degradiert das Auto, zumindest in den Städten, immer häufiger zum Verkehrsmittel zweiter Wahl.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Zu kalt zum Fliegen

Dienstag, 31. Mai 2011

Wie ein Vogel durch die Lüfte zu gleiten: Warum sollte ein Mensch das nicht auch können? Ihm müssten nur zwei Flügel wachsen! Zwei recht große freilich, damit sich viel Luft darunter staut.

Auf einem solchen Polster schwebend könnte sich selbst ein nicht mit einem Federkleid und marklosen Knochen ausgestattetes zweibeiniges Schwergewicht längere Zeit vom Boden erheben. So lautete die Überlegung des Albrecht Ludwig Berblinger. In seinem Beruf als Schneider hatte er es in seiner Heimatstadt Ulm zu einem gewissen Ansehen gebracht. Passend für sein Vorhaben würde er sich die Kleider zusammennähen. Berblinger hatte zudem über Jahre hinweg Eulen im Gleitflug beobachtet und neben aerodynamischen auch profunde mechanische Kenntnisse entwickelt, um einen rein mit Muskelkraft betriebenen Flugapparat bauen zu können Dieser Überzeugung war zumindest König Friedrich von Württemberg. Er schoss eine hübsche Summe zur Konstruktion bei. Heute vor zweihundert Jahren war Berblinger so weit, das Experiment der Ulmer Bevölkerung vorzustellen. Selbstverständlich traf auch der Monarch rechtzeitig in der südwürttembergischen Metropole ein. Eine erwartungsvolle Menschenmenge hatte sich an den Ufern der Donau aufgereiht. Doch als Berblinger von einem Holzgerüst auf der Adlerbastei losstürze wollte, siegte seine Vernunft.

Es herrschte keine ausreichende Thermik, ohne die selbst ein modernes Segelflugzeug sich nicht in größere Höhen zu schrauben imstande ist. Der Schneider vertröstete sein Publikum auf den nächsten Tag. Da war König Friedrich zwar bereits abgereist, aber sein Bruder weilte noch vor Ort. Wieder herrschte Flaute. Da Berblinger keinesfalls als Aufschneider von Ulm in die Geschichte eingehen wollte, wagte er den Versuch. Mangels Aufwinds endete dieser in der Donau. Andere Quellen berichten, erst ein kräftiger Stoß eines Gendarmen habe den flügellahmen Schneider zum Abheben bewegt. Ein Reim in lokaler Mundart lässt mehrere Deutungsmöglichkeiten zu: „D’r Schneider von Ulm hat’s Fliega probiert, no hot’n d’r Deifel en d’Donau nei g’führt.“ Wie dem auch sei: Ein wissenschaftliches Experiment mit dem Originalgerät, 1986 durchgeführt, ergab, dass dieses sehr wohl zu einem erfolgreichen Flug taugte. An jenem 31. Mai 1811 kam erschwerend hinzu, dass die recht kalte Donau einfach keinen Aufwind zuließ. Falls Sie es selbst einmal versuchen möchten: Ein Nachbau des Flugapparats befindet sich im Treppenaufgang des Ulmer Rathauses.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Der erste funktionsfähige Computer

Donnerstag, 12. Mai 2011

Bereits im Jahr 1938 stellte der deutsche Erfinder Konrad Zuse einen komplett mechanischen Rechner her.

Fast komplett, um genau zu sein: Nur der Antrieb erfolgte nicht etwa mit einer Kurbel, sonder beruhte auf einem elektrischen Prinzip. Seine Befehle las der Z1 vom Lochstreifen ab und gilt daher als Vorläufer des Computers. Das erste Gerät, das den Namen wirklich verdient, wurde heute vor siebzig Jahren gebaut. Wieder hieß der Konstrukteur Konrad Zuse.Sein Z3 getauftes Modell verfügte über eine elektromagnetische Relais-Technik. Unter diesem Begriff können Sie sich nichts vorstellen? Dann geht es Ihnen wie dem Schreiber dieser Zeilen. Am besten, Sie schauen sich das Teil einmal persönlich an.

Ein solches Unterfangen ist durchaus realisierbar; vor allem, wenn Sie in Bayern wohnen: Das Deutsche Museum in München präsentiert stolz einen Nachbau des Z3. Ich möchte Ihnen noch ein Zitat des Konstrukteurs präsentieren, dem man neben einer gesunden Einschätzung seiner Möglichkeiten auch einen gewissen Eigensinn nachgesagt hat. „Über Fragen, die ich nicht beantworten kann“, beschied Zuse einmal Leuten, die es allzu genau wissen wollten, „zerbreche ich mir nicht den Kopf.“ Musste der Vater des Z3 auch nicht. Die meisten grauen Zellen hatte er sich bereits bei der Entwicklung seiner programmgesteuerten Höllenmaschine ramponiert.

Noch schlechter erging es Zuses Produkt: Das Original fiel Ende 1943 einem alliierten Bombenangriff zum Opfer.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern

Deutscher, Pole und Europäer

Freitag, 28. Januar 2011

Sein Name ist als Jan Heweliusz oder Johann Hewelke überliefert, je nachdem man seine Geburtsstadt Danzig Polen oder Deutschland zugehörig erklärt, was in der turbulenten Geschichte der beiden Völker nicht immer einfach war – auch nicht am 28. Januar vor 400 Jahren, als der große Astronom das Licht der Welt erblickte. Seine Schriften, die Licht in die Dunkelheit des Alls brachten, publizierte als Johannes Hevelius in lateinischer Sprache. Sich selbst bezeichnete der Wissenschaftler als Bürger des polnischen Weltreichs, das seinerzeit von der Ostsee bis an die türkische Grenze reichte.

Ursprünglich hatte Hevelius Jura im niederländischen Leiden studiert und dazu zwei Handwerke erlernt: das des Bierbrauers und des Kupferstechers. Letzteres sollte ihm bei seinem Hobby zugute kommen, dem Sternegucken. Nachdem Hevelius Astronomen in ganz Europa besucht hatte, richtete er sich daheim in Danzig eine Dachkammer so ein, dass er von dort den Nachthimmel beobachten konnte. Seine erste Veröffentlichung widmete sich der Oberfläche des Mondes. Auf dieser waren zahlreiche dunkle Flächen zu erkennen, die der hafenstädtische Sternseher naheliegend als Meere klassifizierte. Die Stiche von seinen Beobachtungen fertigte Hevelius selbst an.

Zusammen mit Beschreibungen von mehr als 1500 Fixsternen fanden sie Eingang in seine Bücher. Jan Hevelius starb an seinem 76. Geburtstag in seiner Heimatstadt Danzig. „Interessant ist Hevelius“, schreibt der polnische Historiker Andrzej Zbierski, „als ein Mann, der nach seiner Herkunft Deutscher war, aber zugleich durchdrungen von der europäischen Kultur Danzigs – einer Stadt der Polnischen Republik.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

Post to Twitter Beitrag twittern