Archiv für Kategorie ‘Todestage’:

Belächelt, beneidet, benutzt, beseitigt

Dienstag, 18. März 2014

Ein Land, das sich stolz als Heimat der Dichter und Denker bezeichnet, schaut auf Comics meist mit einer gewissen Verachtung herab. Nur um ihren Erfolg beim Publikum werden die Autoren beneidet. Ausgerechnet in der Zeit des Nationalsozialismus ging der Stern eines deutschen Comic-Zeichners auf.

Erich Ohser hatte Bücher seines Freundes Erich Kästner illustriert und Karikaturen im SPD-Blatt Vorwärts veröffentlicht, als diese noch erscheinen durften. Vor allem Ohsers Porträts von Goebbels und Hitler werden die späteren Machthaber wenig erfreut haben. Umso überraschender muss es für ihn gewesen sein, als 1934 die Berliner Illustrirte Zeitung an ihn herantrat. Nach dem Vorbild der amerikanischen Mickymaus sollte er eine ähnliche Figur entwerfen.

Heraus kamen dann doch sehr verschiedene Charaktere, die Ohser einfach Vater und Sohn taufte. So lange seine Cartoons unpolitisch blieben, hatten die Herausgeber der Berliner Illustrirten wenig gegen den nach wie vor nicht vom braunen Gedankengut überzeugten Autor einzuwenden. Nur seinen wahren Namen sollte er verbergen. Ohser, im Zentrum Vogtlands aufgewachsen, wählte als Pseudonym seine Initialen und seine Heimatstadt.

Heraus kam, stets klein geschrieben: e. o. plauen. Die gezeichneten Geschichten kamen so gut an, dass sie in einem Bildband gesammelt wurden. Ein zweiter und ein dritter folgten. Joseph Goebbels blieb dies nicht verborgen. Der Propagandaminister sorgte dafür, dass Ohser als Karikaturist bei der Wochenzeitung Das Reich unterkam. Später verschaffte er ihm eine Anstellung bei der Deutschen Zeichentrick GmbH, die Goebbels eigens zur Volksbelustigung in düsteren Kriegszeiten gegründet hatte.

Beides brachte Ohser viele Neider ein. Nach einer Denunziation kam er in Haft. Sein Prozess war für den 6. April terminiert. Da mit einem Freispruch nicht zu rechnen, der als Goebbels’ Blutrichter berüchtigte Roland Freisler zudem mit der Verhandlung betraut und Ohser den Nazipropagandisten einen Triumph zu gönnen nicht bereit war, erhängte er sich am Vorabend in seiner Zelle.

Heute jährt sich der Geburtstag des Unbeugsamen zum 111. Mal. Zeichnungen und Bildergeschichten von e. o. plauen sind auf der Webseite plauen.beurich.net zu bewundern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Das unwürdige Ende des Bürgers Louis Capet

Montag, 21. Januar 2013

„Zum meinem großen Leidwesen hat man mich gezwungen“, schrieb der Pariser Arzt Philippe Pinel in einem Brief, „der Hinrichtung durch das Beil beizuwohnen.“ Entsprechend betrübt verfolgte der Doktor die letzen Minuten des vormals sehr geschätzten Verurteilten: „Beim Schafott angekommen, betrachtete er mit Festigkeit die Todesmaschine, und sofort ging der Henker an seine Arbeit. Er schnitt ihm die Haare ab, steckte sie in die Tasche und ließ ihn die Stufen zum Schafott hinaufsteigen.“

Man schrieb den 21. Januar 1793 oder, wie es seinerzeit hieß, des Jahr 1 der Französischen Republik. „Der Adjutant des Generals“, berichtet Pinel weiter, „gab dem Henker den Befehl, seine Pflicht zu tun, und augenblicklich wurde Ludwig auf des verhängnisvolle Brett geschnallt, das man Guillotine nennt, und sein Haupt wurde abgeschlagen, ohne dass er eigentlich Zeit hatte zu leiden. Diesen Vorteil wenigstens verdankt man der Mordmaschine, die den Namen des Arztes trägt, der sie erfand.“

Solche Gefühle, wie Pinel sie zeigte, schienen den übrigen Beteiligten an der Hinrichtung gänzlich abzugehen. „Der Henker zog sogleich das Haupt wieder aus dem Sack, in den es gefallen war, und zeigte es dem Volk.“ Die meisten der Umstehenden zeigten sich zufrieden und riefen „Es lebe die Nation!“, manche „gingen mit Trauer im Herzen fort“, denn bei dem Hingerichteten handelte es sich um den vormaligen König von Frankreich, Ludwig XVI., der längst zum Bürger Louis Capet degradiert war. Als Monarch mag er auf Kosten seiner Untertanen gelebt und diese zeitlebens unterdrückt haben.

Das Todesurteils war dennoch eine Farce: „Der Nationalkonvent“, hieß es in der Begründung, „erklärt Louis Capet, den letzten König der Franzosen, der Verschwörung gegen die Freiheit der Nation und des Anschlags gegen die allgemeine Sicherheit des Staates für schuldig.“

Zu diesem Zeitpunkt war Ludwig längst entmachtet und diskreditiert und stellte keine Gefahr mehr für die junge Republik dar. Seine Exekution war nur mehr ein Racheakt. Ein besonders unwürdiger, wie der Augenzeuge Pinel findet: „Da sich bei der Hinrichtung wie immer Blut auf das Schafott ergossen hatte, stürzten mehrere Männer herbei, um einen Zipfel ihres Taschentuchs, ein Stück Papier oder irgend etwas anderes darin einzutauchen und so die Erinnerung an dieses denkwürdige Ereignis festzuhalten, denn anders möchte ich das nicht auslegen.“

Legen Sie, liebe Leser dieses Newsletters, diese Zeilen getrost als ein Plädoyer gegen die Todesstrafe aus!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Tod in Querétaro

Dienstag, 19. Juni 2012

Er hätte es so schön haben können auf seinem Schloss Miramare, das mit seinem weißen, sich in der Sonne spiegelnden Marmor bereits von Triest aus zu erblicken ist. Doch mochte sich der als Zweitältester in Habsburgs Herrscherfamilie Hineingeborene mit dem Status des kleinen Bruders nicht abfinden.

Eine Möglichkeit, sich zu profilieren, ergab sich im fernen Mexiko: Während der große Bruder gerade dabei war, die Schlacht von Königgrätz (siehe unseren Newsletter vom 3. Juli 2006: Kennen Sie Hradec Králové) und damit die Vorherrschaft über die deutschen Länder zugunsten Preußens zu vergeigen, ließ sich der jüngere Maximilian von einer anderen Macht einspannen.

Die Franzosen wollten sich in Lateinamerika etablieren und den Einfluss der Vereinigten Staaten in dieser Region zurückdrängen. Zweck zum Ziel war die Errichtung einer Monarchie in Mexiko. Dort griff ein bürgerlicher Politiker mit Gewalt nach der Macht. Benito Juárez war freilich nur deshalb Revolutionär geworden, weil er zuvor unter Mitwirkung Frankreichs als Präsident abgesetzt worden war. Der Unterstützung der einheimischen Bevölkerung konnte sich Juárez nach wie vor sicher sein.

Nicht so Maximilian. Er war reichlich naiv nach Amerika gereist und hatte sich auf den Thron setzen lassen, als Kaiser von Mexiko. Nun reiste er mit seiner ehrgeizigen Gattin, der belgischen Prinzessin Charlotte, im Land umher und versuchte gut Wetter zu machen.

Doch statt mit aufgesetztem Sombrero den Volkstümlichen zu geben und aus PR-Gründen einen mexikanischen Jungen zu adoptieren, hätte das royale Paar lieber die Landessprache erlernen sollen. Dann hätte Maximilian gewusst, was ihn erwartete, nachdem die Franzosen aus taktischen Erwägungen ihre Truppen wieder aus Mexiko abzogen. In Paris wähnte man nicht zu Unrecht einen nahenden Konflikt mit Preußen heraufziehen, wofür sich das in Übersee eingesparte Geld vielleicht verwenden ließe.

Am Wiener Hof fürchtete Bruder Franz Joseph nach der Schlappe von Königgrätz um seinen Einfluss und Mutter Sophie durch einen schmachvollen Abgang aus Mexiko einen weiteren Prestigeverlust für Österreich. Dies alles und die Unterschätzung der militärischen Stärke von Juarez’ Rebellenarmee verleiteten den Bruder und Sohn, in Mexiko auszuharren. Mit fatalen Folgen: Heute vor 145 Jahren endete Maximilian, ehemals Kaiser von Mexiko, nach der verlorenen Schlacht von Querétaro dortselbst vor einem Erschießungskommando.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Smalltalk über Pfingsten

Mittwoch, 23. Mai 2012

Am kommenden Wochenende ist Pfingsten. Dieses Datum verbinden hedonistische Menschen mit einem Kurzurlaub und religiös orientierte mit einem hohen christlichen Feiertag. Ob Ferien oder innere Einkehr: Beide Themen eignen sich für Ihren nächsten Smalltalk.

Ob wir den zweiten Pfingstfeiertag auch künftig als Ferientag behalten, ist fraglich. Immer wieder haben sich die Arbeitgeberverbände und andere einflussreiche Kreise bemüht, den Pfingstmontag als arbeitsfreien Feiertag abzuschaffen.

Ironie der Geschichte: Im real existierenden Sozialismus ist dies sogar gelungen!

Die in westlichen Gesellschaften der Wirtschaft zuzuordnenden Interessengruppen möchten mit der zusätzlichen Arbeitszeit Konzernbilanzen aufbessern. Doch laufen gegen solche Pläne nicht nur die Gewerkschaften Sturm. Auch die Kirche hat etwas gegen die Abschaffung des Pfingstfeiertags: Der religiöse Charakter dieses ganz besonderen Montags soll gewahrt bleiben.

Fragen Sie doch mal Ihren Gesprächspartner ganz unverfänglich, was er oder sie am Pfingstmontag vorhat. Aus der Antwort zeichnet sich die Richtung ab, in der sich Ihr Smalltalk entwickeln wird. Steht der religiöse Aspekt im Vordergrund, könnten Sie mit folgender Information nachlegen:

Der eigentliche christliche Festtag ist nicht der Pfingstsonntag, sondern der Pfingstmontag. Der Name Pfingsten leitet sich von dem griechischen Wort pentekosté ab.

Das bedeutet schlicht und einfach: der Fünfzigste. Gemeint ist der 50. Tag nach Ostern, und das ist nun mal der Pfingstmontag. An diesem Tag wurde der kirchlichen Lehre zufolge der Heilige Geist ausgesandt, um Person, Wort und Wirken Jesu Christi lebendig zu halten. Deshalb wird seiner als drittem Part der göttlichen Dreifaltigkeit jedes Jahr zu Pfingsten gedacht, am Sonntag und vor allem am Montag.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Goethes krasses Fehlurteil

Donnerstag, 22. März 2012

Viele Künstler werden verkannt. Schuld daran ist natürlich nur das Versagen der Kritiker. Experten, die nicht wirklich eine Ahnung haben, tummeln sich vor allem im Metier der Malerei. Der bekannteste von ihnen hieß Johann Wolfgang von Goethe.

Nicht dass er sich selbst porträtierte; das überließ der nicht uneitle Weimarer Geheimrat dann lieber doch einem kundigeren Pinselschwinger. Allerdings musste das zugegeben in vielen Gebieten bewanderte Genie zu allem seinen Senf hinzugeben. Vielleicht hat ihn ja diese Geschwätzig-, pardon: Beredsamkeit zu Deutschlands größtem Dichter gemacht?

Was die Versschmiedekunst angeht, war Kollege Schiller so schlecht ja auch nicht. Das musste selbst Goethe zugeben. Sein Urteil über einen anderen zeitgenössischen, in Dresden ansässigen Künstler fiel wesentlich schlimmer aus: „Dieser David Caspar Friedrich malt so schlecht, dass es keinen Unterschied macht, hängt man seine Bilder verkehrt herum auf.“

Ist Ihnen außer der offensichtlichen Fehleinschätzung noch etwas aufgefallen? Goethe hat bei den Vornamen des Malers eine kleine Umstellung vorgenommenen. Sie dürfte nicht der Ahnungslosigkeit geschuldet, sondern gewiss Absicht gewesen sein: Mit dem Vornamendreher gelang es dem alten Lästerer, Friedrich noch weiter herabzuwürdigen.

Der Betroffene wird die Schmähung verschmerzt haben. Caspar David Friedrich, wie er korrekt heißt, konnte vom Erlös seiner Werke ganz leidlich seinen Lebensunterhalt bestreiten – eine Seltenheit für Dichter seiner Zeit.

Hätte Goethe miterleben müssen, dass Friedrich zum größten deutschen Maler der Romantik erklärt wurde, hätte er dem Verb rasch noch ein ‘v’ vorgesetzt. So blieb ihm nur das umgangssprachliche Drehen im Grab. Dort hinein wurde Goethe heute vor 180 Jahren gelegt. Als es in Weimar soweit war, wird in Dresden jemand aufgeatmet haben.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Verfall, Trübsinn, Untergang

Freitag, 3. Februar 2012

Seine Gedichte trugen Titel wie Verfall, Melancholie, Trübsinn, Untergang oder Die Verfluchten. In ihnen wird „blasser Kinder Todesreigen“ aufgeführt, verbreitet sich „des Todes ernste Düsternis“, das „Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, „über unsere Gräber beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ und spiegelt sich der Poet im Wasser als krummer Schreiber, „umrahmt von Dornen, schwarz und starrverzückt.“

Alles schwere Kost und nichts für einen fröhlichen Small Talk am 3. Februar, dem 125. Geburtstag des Dichters. Der in Salzburg zur Welt Gekommene gilt als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, und wenn ihm der im selben Bundesland geborene Kollege Josef Leitgeb konzediert, dass „kaum einer in Österreich je schönere Verse schrieb“, offenbart dies nicht nur Wertschätzung, sondern auch den sehr speziellen Sinn für Ausgelassenheit und Vergnügtheit, der unserem Nachbarvolk innewohnt.

Wer so denkt und fühlt, kann sich nur schwer auf die alltäglichen Dinge konzentrieren. Kein Wunder, dass der Schüler ohne Abitur vom Salzburger Stadtgymnasium abging. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre, vor allem weil er durch den anvisierten Beruf legal an die Drogen kam, die seinen Feierabend versüßten und seine Phantasie in höhere Sphären entführten.

Zum erfolgreichen Pharmaziestudium reichte es freilich nicht. Immerhin blieb ihm wie so vielen anderen gescheiterten Existenzen das Militär. Hier schlug der abgebrochene Student eine Offizierskarriere im Sanitätsdienst ein. Den Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Einsatz an der Front in Galizien verarbeitete er in einem letzten großen Gedicht, Grodek:

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düstrer hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, wie wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.“

Es war der erste Kriegsherbst nach der Euphorie des Sommers, als Unzählige sich frohen Mutes und benebelten Geistes freiwillig an die Front gemeldet hatten. Vier weitere deprimierende Herbste sollten folgen. Die brauchte der Dichter nicht, um zu erkennen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“.

Sich selbst wollte Georg Trakl das alles nicht mehr antun. Am 3. November 1914 nahm er sich das Leben. Standesgemäß, durch eine Überdosis Kokain.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Das Kreuz mit den Frauen

Montag, 21. November 2011

Der zerbrochene Krug war am 8. September 2006 Gegenstand dieses Newsletters; Michael Kohlhaas wurde, wenn auch nur in der US-Version des Coalhouse Walker, in der Ausgabe vom 6. Januar 2011 gewürdigt.

Damit wären die beiden bekanntesten Novellen des Schriftstellers genannt, der sich heute vor 200 Jahren am Berliner Wannsee die Kugel gab. Zuvor hatte Heinrich von Kleist, mit deren Einverständnis, seine Geliebte Henriette Vogel erschossen.

Die hätte ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt, denn sie war unheilbar krank. Und Kleist war mit dem Doppelselbstmord von einem Trauma erlöst. Was war das ein Kreuz mit den Frauen gewesen!

Zunächst ging seine Verlobung mit Wilhelmine von Zenge in die Brüche, da die durchaus vermögende Dame nichts mit einem Künstler verheiratet sein wollte, der unfähig war, eine Familie zu ernähren. Wenigstens dachte Kleists Halbschwester in dieser Beziehung anders: Ulrike schob dem immer wieder in pekuniären Nöten Steckenden Geld zu. Leider nicht so regelmäßig, wie Kleist dies gern gehabt hätte. Auch lehnte Ulrike seinen praktischen Vorschlag ab, mit ihm zusammenzuziehen.

Dies hätte Luise Wieland gern getan, die sich unsterblich in Kleist verliebte. Das Mädchen war die Tochter des Schriftstellerkollegen Christoph Martin Wieland, den Kleist offen bewunderte. Dumm nur, dass Luise erst 13 Lenze zählte, was eine Beziehung unmöglich machte.

Neben oder wegen seinen unglücklichen Liebschaften litt Kleist an Depressionen. Immer stärker erfüllte ihn eine Todessehnsucht, der er endgültig nachgab, als er, die werte Leserschaft möge das pietätlose Wortspiel verzeihen, Henriette Vogel getroffen hatte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Von Röcken nach Röcken

Donnerstag, 25. August 2011

Statt mit anderen Kindern zu spielen verfasste der 10-Jährige lieber Gedichte. „Ich hatte keine Vorbilder“, bekannte der Jungpoet in der Rückschau, „konnte kaum mir denken, wie man einen Dichter nachahme, und formte sie, wie die Seele sie mir eingab.“

Schriftsteller wollte der Heranwachsende dann doch nicht werden. Lieber schlug er eine wissenschaftliche Karriere ein. Im Mai 1869 hielt der noch nicht 25-Jährige seine Antrittsvorlesung an der Universität Basel als Professor für griechische Sprache und Literatur. Sein Thema: „Homer und die klassische Philosophie“.

Der Vortrag wurde in einer dreißiger Auflage gedruckt, von denen übrigens ein Exemplar auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse von 2003 für einen Zuschlag von 19.000 Euro den Besitzer wechselte. Geld wurde mit dem Genie schon zeitlebens gemacht, auch wenn der Besitzer dieses Geistes nicht viel davon hatte. Er war, glaubt man dem von Georgi Schischkoff herausgegebenen Philosophischen Wörterbuch: „ein mittelgroßer, schwächlicher, menschenscheuer und weltungewandter Mann, der sich dieser Mängel und seiner kleinbürgerlichen Abkunft schämte und in folgedessen nach außen eine etwas krampfhafte Würde zur Schau trug.“

Mit dem allmählich Vereinsamenden ging es nicht nur gesellschaftlich bergab. 1878 musste der Professor seinen Lehrauftrag krankheitsbedingt niederlegen. 10 Jahre später verschlimmerte sich der Gesundheitszustand bis zur geistigen Umnachtung. Die Schwester, Elisabeth Förster, übernahm die Pflege des Patienten - und die Vermarktung seiner zahlreichen Werke.

Seit dem 25. August 1900 gehörte auch der Nachlass dazu: Vor genau 111 Jahren hieß es in einer von Elisabeth Förster herausgegebenen Anzeige: „Heute Mittag gegen 12:00 Uhr entschlief mein heißgeliebter Bruder Friedrich Nietzsche.“

Auf dem kleinen Friedhof im sächsischen Röcken, direkt neben dem Pfarrhaus, wo der Pastorensohn 55 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte, fand der große Philosoph seine letzte Ruhe.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der Meister kurzer Sätze

Freitag, 1. Juli 2011

Lange Worte waren seine Sache nicht. Wenn er schrieb, benutzte er am liebsten Hauptsätze. Dieser karge, klare Stil muss auch das Stockholmer Komitee überzeugt haben, als es Ernest Hemingway 1954 den Literaturnobelpreis zusprach. Ausdrücklich lobte es seine späte Erzählung Der alte Mann und das Meer. Darin schildert der Autor den Kampf eines einsamen Fischers zunächst mit einem Schwertfisch – und anschließend, nachdem er seine Beute in Sicherheit bringen will, mit den Haien, die sich einen solchen Leckerbissen ebenfalls nicht entgehen lassen wollen.

Der Kampf Mensch gegen Natur endet unentschieden: Vom Schwertfisch bleibt dem Alten allein das Skelett. Es ist wertlos, bringt ihm aber die Anerkennung der Hafenbewohner ein. Lob für sein Handwerk war es auch, das Hemingway antrieb. Als es nach der größten aller Auszeichnungen – der Nobelpreis erwies sich eher als Fluch denn als Segen – rar wurde, verlor der Schriftsteller den Spaß am Schreiben und zunehmend auch am Leben.

Die Freude, laut eigener Einschätzung die Medizin des Lebens, wurde zunehmend durch ein anderes, zweifelhaftes Remedium ersetzt: den Alkohol. Dem hatte er bereits früher kräftig zugesprochen, als noch nicht sämtliche Ehen gescheitert und seine Beziehungen zu Frauen grundsätzlich gestört waren. Mit der ausbleibenden Anerkennung sanken auch die Ansprüche: „Ich freue mich, wenn ich Gutes von anderen höre, wenn irgend jemand auf unserer traurigen Erde glücklich ist“, verriet er einmal einem der wenigen verbliebenen Freunde, „ja sogar, wenn mein Hund mit dem Schwanz wedelt und die Katzen in irgendeiner Ecke zufrieden schnurren.“ Selbst diese kleinen Gesten müssen immer seltener geworden sein.

Morgen jährt sich der Tag zum 50. Mal, als Ernest Hemingway zur Schrotflinte griff und sich eine Ladung Blei in den Kopf jagte. Geblieben ist sein Werk, das manchen Nachahmer gefunden hat und jeder Autorenschule ein Vorbild liefert. Seine Kollegen, riet der Meister, „sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Auch auf Koptisch, Maltesisch, Inuit

Dienstag, 26. April 2011

Es ist schon verdammt hart, zweitgeborener Sohn zu sein. Oder auf einer einsamen Insel festzusitzen, alle möglichen Dinge zu bauen und einem Eingeborenen Englisch beizubringen. Aber es lohnt sich
doch. Vor allem, wenn man die elende Geschichte zu Papier bringt.

Das tat der bis dahin eher erfolglose Schriftsteller target=”_blank”>Daniel Defoe im hohen Alter von 59 Jahren. Mit href=”http://www.amazon.de/gp/product/3717510924/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&tag=businessbestp-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=3717510924″>Robinson Crusoe hatte der Engländer
endlich berufliches Fortune.

Eingedenk der recht langsamen Kommunikationsmittel des frühen 18. Jahrhunderts lässt sich sogar die Formel bemühen, dass Defoe über Nacht berühmt wurde. Bis dahin
sah es nicht nur seine literarischen Ambitionen betreffend mau aus. Im Alter von 32 Jahren machte Defoe Bankrott. Das war allerdings noch nicht der Tiefpunkt seiner Karriere. Den durchlitt er in einem
wenig moralischen Job: Defoe half zum Tode verurteilten Verbrechern, noch rasch ihre Memoiren zu verfassen. Nicht ganz selbstlos: An sein Geld kam der Ghostwriter, indem er die, nun ja, Autobiografien
unmittelbar nach der Hinrichtung der delinquenten den Verlagen anbot.

Die griffen gerne zu. Reich werden konnte man mit solch wenig elaborierter Form von Leichenfledderei freilich nicht.

Reich werden konnte man aber als Autor von href=”http://www.amazon.de/gp/product/3717510924/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&tag=businessbestp-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=3717510924″>Robinson Crusoe . Allein bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts erschienen nicht weniger als 700 verschiedene Ausgaben, darunter Kinderbücher und reine Bildergeschichten ohne Text. Und natürlich internationale Editionen, manche sehr exotisch:
Die Lebensbeichte des unfreiwilligen Eremiten wurde bereits vor über hundert Jahren in so verbreitete Sprachen wie Koptisch, Maltesisch und Inuit übersetzt.

Heute vor 280 Jahren starb Daniel
Defoe, 1660 in London geboren, in seiner Heimatstadt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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